13.11.1989

Film IIGut und Böse schwarzweiß

„Weiße Zeit der Dürre“. Spielfilm von Euzhan Palcy. USA 1989; 97 Minuten; Farbe.
Die erste Szene des Films sieht aus wie ein Young-Fashion-Werbespot: Zwei halbwüchsige Jungen, der eine weiß, der andere schwarz, toben im goldenen Schimmer der strahlenden Sonne über eine grüne Wiese und raufen unbeschwert um einen Ball - The United Colors of South Africa.
Es ist natürlich ein Trugbild. Der Schauplatz ist Südafrika im Jahre 1976, die Zeit der Schüleraufstände in Soweto. Killerkommandos der Polizei gehen im Getto auf Kinderjagd, und in den Amtsstuben der Staatssicherheit herrscht der blutige Terror der Folter-Sadisten. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert im Apartheid-Staat.
Auch die Kinofilme, mit denen empörte Regisseure beim ignoranten Publikum die Wut über rassistische Verbrechen entfachen möchten, haben sich seit Richard Attenboroughs "Schrei nach Freiheit" kaum geändert. Wer gut ist und wer böse in Südafrika, das riecht der Zuschauer drei Meilen gegen den Wind.
Dennoch verharrt Hollywood im Glauben an die Debilität seines Publikums, und natürlich sind es immer wieder Helden mit weißer Haut, die im Kino das größte Leid zu tragen haben. Ein Opfer solch scheinheiliger Fürsorge fürs schlichte weiße Zuschauergemüt wurde nun auch die schwarze, in Martinique aufgewachsene Filmemacherin Euzhan Palcy, 32, die 1983 in Venedig für ihren Debütfilm "Straße der Negerhütten" einen Silbernen Löwen bekam und ihren nächsten Film unbedingt über die Apartheid drehen wollte.
Ihr "Traum", sagt die zierliche Frau im Kleopatra-Look, sei es gewesen, einen Film über eine "schwarze Familie in Soweto" zu machen. Sie war aber realistisch genug, zu erkennen, "daß niemand einer Schwarzen Geld für einen Film über Schwarze in Südafrika gibt". So ist der Protagonist ihres (nach einem Roman des weißen Südafrikaners Andre Brink gedrehten) Thriller-Melodrams ein weißer Lehrer (Donald Sutherland), der mit Blindheit geschlagen zu sein scheint und erst allmählich die Augen für die wahren Zustände in seinem Lande öffnet.
Für die einzig wirkliche Überraschung sorgt ein kolossaler Mann in einer zehnminütigen Nebenrolle. Nach achtjähriger Drehpause hat Marlon Brando erstmals wieder seinen zu Orson-Welles-Format aufgedunsenen Körper (für die Mini-Gage von 4000 Dollar) vor eine Kamera gewuchtet. Er spielt die Glanz-Charge eines desillusionierten Bürgerrecht-Anwalts und weckt kurzfristig eine Neugier, die sonst eingeschläfert wird in diesem Film der Eindeutigkeiten. f

DER SPIEGEL 46/1989
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