09.10.1989

Tiefes Schwarz

Ein sonderbares Schicksal war diesem außerordentlichen Buch beschieden. Im Jahr 1929 veröffentlicht, wurde Emmanuel Robins Romandebüt sogleich mit dem "Prix du Premier Roman" ausgezeichnet: als "der erste tatsächlich moderne Roman der französischen Literatur", wie die Jury damals einstimmig urteilte; einige der berühmtesten französischen Schriftsteller, darunter Jean Giraudoux und Julien Green, gehörten ihr an.
Doch der gerade 29jährige scheue und zurückgezogen lebende Preisträger setzte, vom frühen Ruhm unbeeindruckt, seine Arbeit als Lehrer für Französisch und Latein fort, in der er seine eigentliche Berufung sah: bis zur Pensionierung in den sechziger Jahren. Eine Schriftstellerkarriere anzustreben kam ihm nie in den Sinn. Erst gelegentlich einer Neuauflage vor drei Jahren, die der 1981 verstorbene Autor nicht mehr erlebte, entdeckten die Franzosen Emmanuel Robins Meisterwerk wieder.
Die Welt des namenlosen Helden ist in tiefes Schwarz getaucht. Der jugendliche Ich-Erzähler, vom brutalen Vater tyrannisiert, flieht nach dem Tod seiner schwächlichen Mutter aus dem düsteren Elternhaus und irrt durch eine trostlose, alptraumhafte Provinz. Er sehnt sich nach einer bürgerlichen Existenz, "ich hatte viele ehrbare Pläne", nach Vertrauen und Zuneigung. Und wird Opfer immer neuer Demütigungen.
Der Chef einer schmierigen Pension beutet ihn als Hilfskraft aus. Das Schrubben des Bodens, "wobei sich meine qualvoll gespannte Aufmerksamkeit auf die Astlöcher im Holz konzentrierte", ist eine "langsame Folter"; die Gäste, fettige Vertreter, die sich "wie Fliegen an den Tresen klebten", schikanieren den Wehrlosen, "und mir schien, als gehorchte ich ihnen wie ein Hund".
Wie von einem übermächtigen Strudel in die Tiefe gerissen, erschlägt er am Ende in einem Anfall von bodenlosem Haß eine Prostituierte. Endlich findet der Unglückliche seinen Platz in der Welt: als Angeklagter.
Mit seiner Selbstbeobachtungsmanie erinnert der Titelheld an die einsamen Marionetten von Robins Landsmann Emmanuel Bove; mit seinem unausweichlichen Weg in Zerstörung und Selbstzerstörung an die rasend gewordenen Kleinbürger von Robins Förderer Julien Green. Emmanuel Robin selbst aber erkannte nur die Gestalten eines Einzigen als Vorbild an: die noch im Scheitern verzweifelt suchenden Helden Dostojewskis.

DER SPIEGEL 41/1989
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