13.11.1989

Die Katze als Falke

Man sagt, die Nagelprobe für einen Schriftsteller sei, wie er über die Liebe oder den Tod schreiben könne. Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann (er wurde 1950 in Zug geboren) schreibt in seiner Novelle "Das Gartenhaus" über den Tod und die Liebe.
Der Tod annonciert sich gleich im ersten Satz, die Liebe, hier das letzte Gefecht einer Ehe, beherrscht die nächsten drei Sätze. Und mit den vier lapidaren Anfangssätzen ist das Thema der Geschichte mehr als nur angeschlagen; es ist strategisch angezettelt, braucht sich nur noch zu entfalten: "Jung war sein Sohn gestorben, noch vor der Rekrutenschule. Ein Rosenstrauch, meinte der Oberst, würde schön und bescheiden an das früh verblühte Leben erinnern. Lucienne jedoch, seine Gattin, wollte von einem Strauch nichts wissen - ein Stein muß her, ein Granit. Er schrie, sie schluchzte."
Der Tod läßt die Erzählung nicht mehr los, er klammert sich in ihren Fortgang, bis auch der Oberst am Ende seinem frischverstorbenen Sohn nachgestorben ist. Und wie ewiglich die Liebe währt, macht die Witwe des Obersten deutlich: Die nämlich zieht ins Tessin und guckt sich für ihren verstorbenen Sohn, der in ihrer träumenden Erinnerung ein kleiner zehnjähriger Junge ist, bei ihren Spaziergängen Mädchen als spätere Bräute aus . . .
Man weiß, daß alte Leute oft wunderlich werden, daß sie, bevor sie sterben, sich in Träume und Zwangsvorstellungen verhaken, die ihnen das Leben noch einmal zum Widerstand machen - vielleicht um den letzten Widerstand, den Tod zu vergessen, zu verdrängen.
Hürlimanns Heldin und Held sind zwei verschrobene Alte: er ein Kommißkopf, ein Troupier, ein Schweizer Militarist, der (glückliche Schweiz!) den Ernstfall der Verteidigung nur auf dem Papier oder in Manövern erleben konnte, die potentiellste Form eines Mörders; sie, die Kommandeuse des Kommandeurs, die ihn auch mit seinem schlechten Gewissen lenkt und mit erschrockenen Tränen auf seine Wunderlichkeiten reagiert.
Mit dem Tod des Sohnes, so suggeriert die Erzählung, ist eigentlich auch das Leben der Eltern erschöpft. Aber gerade deshalb raffen sie sich zu einem letzten Duell um den Toten auf. Denn natürlich entscheidet die Frau den Streit zwischen "seiner" Rosenhecke und "ihrem" Grabstein zu ihren Gunsten. Und erst als er bei den häufigen Friedhofsbesuchen eine streunende halbverhungerte Katze am Grab entdeckt, nimmt er den Kampf mit anderen Mitteln wieder auf: Heimlich füttert er die Katze, indem er Fleischstücke am Grab des Sohnes verscharrt.
Er geht militärisch, geht generalstabsmäßig vor, versteckt die Fleischvorräte im Haus und wechselt die Lager, wenn sie entdeckt werden. Er erfindet Vorwände, um sich hinter den Grabstein zu schleichen. Es ist ein Kampf, bei dem er die Leitsätze, die ihm in seiner Jugend auf der Militärakademie eingetrichtert wurden, noch einmal in seinem greisen Kopf aktiviert. Er wiederholt berühmte strategische Manöver: so General Giaps Anlegen von heimlichen Vorratslagern im Feindesland vor der Vietcong-Offensive. Wie Giap die Amerikaner ausmanövrierte, so sucht der Oberst die mißtrauische Gattin zu überlisten.
Und diese Schilderung absonderlicher Marotten und Verschrobenheiten soll die Geschichte einer Liebe sein?
Hürlimann kriegt das behutsame und präzise Kunststück fertig, mit dem wunderlichen Zweikampf der beiden Alten zu zeigen, wie ausschließlich sie sich nur noch miteinander beschäftigen. Wie sie ihre Töchter nur als Hilfstruppen einsetzen. Wie sie sich aus Rücksicht auf den anderen zur höchsten Hinterlist, zum größten Einsatz steigern.
Natürlich hat die Frau irgendwann seine seltsamen Vorratslager mit rohem Fleisch entdeckt und nimmt an, nun sei er total hinüber, völlig gaga geworden. Und als er ihr eines Tages mit dem Taschentuch behilflich sein will, zieht er ein ins Schnupftuch verknotetes Stück Fleisch heraus. Als sie es erblickt, tut er so, als habe er es für seinen unbeherrschten Hunger als Proviant bei sich: Er würgt das ekle rohe Stück (Hase oder Ratte? fragt er sich) hinunter, um ihr eine vernünftige Erklärung vor Augen zu führen, sich nicht zu verraten. Und muß gleich darauf furchtbar kotzen.
Diese listige Rücksichtnahme, die sich über den eigenen Ekel hinwegsetzt, ist ein Zeichen von Zuneigung, wie es zurückhaltender und deutlicher nicht gesetzt werden kann.
Überhaupt erzählt Hürlimann seine Novelle (deren "Falke" die Katze, deren "unerhörte Begebenheit" die heimliche Fütterung des Tiers ist - ganz in Erfüllung der klassischen Novellentheorie) mit sparsamen Zeichen, die dennoch die Atmosphäre einer im Dämmer der Erinnerung verblassenden Schweiz eindringlich erzeugen. Ein verwitternder Liegestuhl reicht da aus, um am geliebten, längst verlassenen Gartenhaus zu zeigen, wie das Leben des Paares nur noch in Relikten der Vergangenheit zu greifen ist. Ein Pfarrer ist einer der letzten Besucher aus besseren Tagen, aus denen er seine Spruchweisheiten hinübergerettet hat: "Das Leben ist zu kurz, um schlechte Weine zu trinken."
Und Hürlimann erzählt mit einer liebevollen Ironie, die den Figuren ein wohlwollendes Durchschauen zukommen läßt.
Noch in den letzten Tics eines Lebens wird gezeigt, was für ein heroischer Kampf hier zu führen ist: Auch Hürlimanns burschikoser Militär darf ihn mit poetischem Anstand verlieren. "Das Gartenhaus" pflanzt den beiden einen Rosenstrauch und setzt ihnen einen Grabstein. f
*GESCHICHTE-1 *
*VERLAGSHINWEIS:
Thomas Hürlimann: "Das Gartenhaus". Novelle. Ammann Verlag, Zürich; 136 Seiten; 28 Mark.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 46/1989
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