09.10.1989

Gewitzter Narr

Darauf kann nur ein Stehaufmännchen kommen: daß die Welt im Innersten vom - Kautschuk zusammengehalten wird, der jedes zu Boden geschmetterte Geschöpf wieder nach oben schnellen läßt.
Die Leidenschaft für jene klebrige weiße Substanz treibt den Kautschuk-Ingenieur Gabriel Orsenna, Spezialist für Reifenprobleme und erotische Verwicklungen, durch die französische Geschichte unseres Jahrhunderts: ein unverwüstlicher Spielball der Zeit.
So viel naive Überlebenskunst ist natürlich der Stoff, aus dem ein komischer Roman gemacht wird. Dieser hier trug seinem Autor 1988 den begehrtesten französischen Literaturpreis ein.
Bürgerlich heißt der Verfasser Erik Arnoult. Mit seinen 42 Jahren blickt er bereits auf eine ungewöhnliche Zweifach-Karriere zurück: Als Professor der Volkswirtschaft stieg er zum Berater Mitterrands und Mitglied des Staatsrats auf - und verblüffte als Schriftsteller unter dem Namen Erik Orsenna.
Dem Pseudonym hat er jetzt, in seinem vierten Roman, mit dem kleinen, pausbäckigen Gabriel Orsenna einen imaginären Vater aus der künstlichen Rippe geschnitzt. Er macht seinen Helden zum Zaungast einer burlesken Tour de France.
Sie währt gut 70 Jahre, vom Kolonialrausch über die Nazi-Okkupation bis zum Indochinakrieg. Ein gewitzter Narr, ist der flinke Gabriel stets mit von der Partie. Auf den feierlichen Pomp, mit dem die Grande Nation sich selbst inszeniert, fällt er nicht herein: Als Gummifachmann weiß er ja, daß alles Aufgepumpte irgendwann wieder auf Normalmaß schrumpft.
Die französische Kritik wertete den Gummimenschen zum literarischen Zwilling des armen Ritters Don Quijote auf - zuviel der Ehre. Denn so pfiffig der doppelte Orsenna dem aufgeblasenen Glauben an Frankreichs Größe die Luft abläßt: in seinem charmanten Plauderton nehmen sich auch die Schrecken der Geschichte eher wie Kuriositäten aus, nie schlägt der Witz in Aberwitz, die Ironie in Grauen um. Die Sticheleien Orsennas tun niemandem weh; auch die Spitze seines Floretts ist - gummigepuffert.

DER SPIEGEL 41/1989
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