09.10.1989

Leiser Zauber

Der Genfer Schriftsteller Georges Haldas, 71, ist ein poetischer Chronist des Alltags, ein Zauberer des Unscheinbaren wie sein Vorbild Anton Tschechow. In frankophonen Ländern hoch geachtet, war der Lyriker und Essayist, der Übersetzer und Filmemacher, vor allem aber der subtile Autobiograph Haldas bislang im deutschen Sprachraum nahezu unbekannt. Nun liegt erstmals das 1966 veröffentlichte Hauptwerk des französisch schreibenden Schweizers auf deutsch vor: eine literarische Entdeckung.
Es sind Jugenderinnerungen des Autors, benannt nach jenem traditionsreichen Genfer "Boulevard des Philosophes", an dem sein Elternhaus sich befindet; er wohnt darin heute noch. Die assoziativ gereihten Bilder einer "wie ausgeglühten Zeit", die "verstreuten Blättern eines gefällten Baumes gleichen", gruppieren sich um die Zentralfigur des Vaters, der wie ein "magnetischer Turm" aus der Familiengeschichte ragt.
Dieser polyglotte, gebildete und vielseitig begabte Mann, ein gebürtiger Grieche, der in Genf geheiratet hatte, mußte nach einem finanziellen Zusammenbruch sein Leben, das ihm nun verfehlt erschien, als subalterner Hilfsbuchhalter fristen. In einer Sprache, die noch in der Übersetzung bisweilen wie Kammermusik klingt, zeichnet der Erzähler das Porträt des "von der Säure des verletzten Stolzes" angefressenen und überempfindlichen Vaters, der bei cholerischen Ausbrüchen seine Umgebung in einem "halb fürchterlichen, halb komischen Ballett" binnen Sekunden in ein Schlachtfeld zu verwandeln pflegte.
Der traurige Held aber litt unter solchen Eruptionen selbst am meisten. Von seiner Gestalt, einer "schlanken, vornehmen Erscheinung" mit einer "diskreten Note - in die sich eine Messerspitze Melancholie mischte" -, ging "eine gewisse Nuance ungeteilter menschlicher Zärtlichkeit" aus, die den Sohn an Charlie Chaplin erinnert, eine "Einsamkeit, die sich vor lauter Rücksicht selbst verzehrte und dadurch fast zu strahlen begann".
Es fehlt in diesen feinen Miniaturen auch nicht an heiteren Szenen wie der wundersamen Auferstehung des griechischen Großvaters. Allem Anschein nach auf dem Totenbett, verlangt der, die Letzte Ölung ist bereits gespendet, "mit grimmiger Miene" nach einem Hering. Und genest daran augenblicks.

DER SPIEGEL 41/1989
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