09.10.1989

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod

Das rechte Stück zu den Jubelfeiern für die Französische Revolution ist es nicht, denn es kehrt ohne Erbarmen den "gräßlichen Fatalismus der Geschichte" hervor, doch es ist das eine, einzige Revolutions-Drama, das in die Weltliteratur eingegangen ist, und so hat es Jubiläums-Konjunktur: "Dantons Tod", die fiebrig gehetzte, grandiose Szenenfolge, die der 21jährige Georg Büchner 1835 zu Papier brachte und die erst 1902 uraufgeführt wurde.
In Paris hat Klaus Michael Grüber das Stück im Theatre des Amandiers inszeniert, im Hamburger Thalia Theater Ruth Berghaus. Es sind extrem gegensätzliche Interpretationen, doch beide abweisend, beide einschüchternd durch schroffe Kunstanstrengung und Starrsinn: An den Volksszenen liegt ihnen nichts und nichts daran, die Handlung plausibel zu erzählen, sie decken sie vielmehr mit Assoziationen zu. Von den Nacht- und Traum-Metaphern des Textes ausgehend, stellen sie nachtfinstere, wahnhafte, alptraumhafte Bilder - die Berghaus-Version ist manisch, die Grübersche depressiv. * Myriam Boyer (Marion), Andre Marcon (Danton).
So arbeiten sich in Hamburg - in der Szenerie einer düster verrotteten Fabrikhalle, die Erich Wonder entworfen hat - Danton und die Seinen in einer exaltierten Choreographie der Raserei der Guillotine entgegen, und die Begegnung zwischen Danton und Robespierre wird, keuchend, zum homoerotisch erhitzten Umschlingungsduett.
Bei Grüber in Paris, in derselben Szene, sitzen die beiden unbewegt nebeneinander auf Stühlchen und sprechen den Text, als hätten sie selbst jedes Interesse an dieser glühenden Revolutionsrhetorik längst verloren. Grübers Schauplatz ist eine riesige leere Bühne, nur an ihren Ecken, Rändern und ganz in der Ferne (Ausstattung Gilles Aillaud und Eduardo Arroyo) wird noch halblaut Theater gespielt. Und keiner hört je dem anderen wirklich zu.
Grübers "La mort de Danton" ist, mit ein paar bizarren Akzenten, ein Abgesang auf die gräßliche, blutige, blöde Männer-Geschichte, mit der endlich Schluß sein soll. Seine ganze Sentimentalität gehört den Frauen; wenn sie dran sind, leuchtet ein zarter Sternenhimmel auf, und ihr letztes Lied lautet, auf deutsch gesungen: "Es ist ein Schnitter, der heißt Tod."

DER SPIEGEL 41/1989
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