15.01.1990

Hausmitteilung Betr.: Titel

Im zweiten Stock des früheren ZK-Gebäudes am Werderschen Markt in Ost-Berlin, wo einst Erich Honecker amtierte und jetzt manche Tür versiegelt ist, wurde am letzten Mittwoch ein Gäste-Aufenthaltsraum zum Fotostudio umfunktioniert: Monika Zucht fotografierte Gregor Gysi für das SPIEGEL-Titelbild.
Der neue SED-Chef, der wie sein Genosse Modrow ein "übles Erbe" übernommen hat, erschien der SPIEGEL-Fotografin zunächst "schrecklich deprimiert". Sie versuchte, ihn zu lockern: "Herr Gysi, Sie wirken so, als wären Sie gar nicht hier." Gysi: "Sieht man das?" Er ließ sich mit seiner Mütze aufnehmen und, nach einigem Widerstand, auch symbolisch ("Ist ja nun schon egal") als Trickser, neue SED-Macht aus dem Zylinder zaubernd. Ob ihm das Kunststück gelingt, ist ungewiß. Auf den SPIEGEL-Titel kam dann doch der mit der Mütze.
Am Donnerstag konnte Ulrich Schwarz vom Ost-Berliner SPIEGEL-Büro 90 Minuten mit dem Honecker- und Krenz-Nachfolger sprechen. Die Woche über erkundeten SPIEGEL-Korrespondenten und Redakteure der Ressorts Deutschland I, Deutschland II und Wirtschaft an der DDR-Basis, wie die SED sich vom Wende-Schock zu erholen und ihre Position neu zu festigen sucht. Lage- und Stimmungsberichte aus Ost-Berlin, Dresden und Potsdam, aus Frankfurt/Oder, Erfurt und Gera, aus Plauen, Greifswald und Quedlinburg summierten sich mit Informationen über SED-Firmen im In- und Ausland sowie einem Porträt Gysis und seiner nach wie vor mächtigen Partei zur Titelgeschichte dieser Woche (Seite 19).

DER SPIEGEL 3/1990
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