02.04.1990

Wir müssen das Drama vermarkten

SPIEGEL: Herr LeMond, der neue Box-Weltmeister im Schwergewicht, James Douglas, soll in den nächsten zwölf Monaten mehr als 50 Millionen Dollar verdienen. Überkommt Sie da Neid?
LEMOND: Für kein Geld der Welt würde ich mit ihm tauschen. In meinem Job scheuert man sich zuweilen zwar den Hintern wund und holt sich schmerzhafte Furunkel - aber das ist nichts im Vergleich zu Gehirnschäden und anderen Berufsrisiken der Boxer.
SPIEGEL: Die 5,5 Millionen Dollar, die Ihnen der französische Kinderbekleidungsfabrikant Roger Zannier in den nächsten drei Jahren zahlt, erachten Sie als angemessene Entschädigung für Ihre Qualen?
LEMOND: Für das, was wir leisten und leiden müssen, sind wir mit Sicherheit die am schlechtesten bezahlten Berufssportler. Es hat mich einfach umgehauen, als ich in meiner ersten Rennsaison in Europa erfuhr, welches Kleingeld ein Bernard Hinault im Vergleich zu amerikanischen Sport-Superstars verdiente.
SPIEGEL: Der Werbewert bestimmt die Höhe des Einkommens - und außerhalb von Tour de France und Weltmeisterschaft wird Radsport in den Medien eher geringgeschätzt.
LEMOND: Für mich ist das absolut unbegreiflich. Offenbar erkennt das Fernsehen nicht, wie aufregend unser Sport sein kann. Profirennen sind doch nichts anderes als eine Mischung aus Formel-1-Autorennen und Marathonläufen. Radrennen ist ein Hochleistungssport für Denker und verlangt Männer, die bereit sind, ihre Schmerzen zu überwinden. Ein Rennen ohne Leiden gibt es nicht. Hart muß man sein, vor allem mit sich selbst.
SPIEGEL: Es gibt nur wenige Stars, jedoch viele Wasserträger.
LEMOND: Becker, McEnroe, Graf sind im Tennis ein Begriff - aber wer weiß, wie die Nummer 20 oder 30 der Weltrangliste heißt? Meine Landsleute wissen erst seit meinem ersten Sieg 1986, welche Bedeutung die Tour de France hat. Ein Superstar wie Joe Montana, der Footballspieler, oder Sugar Ray Leo* Mit Redakteur Helmut Sorge während der Massage im Hotelzimmer in Marseille. nard, der Boxer, bin ich nach wie vor nicht geworden . . .
SPIEGEL: . . . aber Sports Illustrated adelte Sie immerhin mit der Wahl zum "Sportler des Jahres" 1989.
LEMOND: Der Radsport in den USA wird immer populärer. Überall eifern mir die Yuppies nach. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dann sind wir international auch soweit wie im Tennis und Golf. Wir sind bisher hängengeblieben in Traditionen. Bei uns entscheiden Oldtimer, die in der Vergangenheit leben.
SPIEGEL: Kann jemals ein Straßenrennen, etwa in den USA, eine größere Bedeutung bekommen als die Tour de France?
LEMOND: Niemals. Die Tour de France ist wie Wimbledon im Tennis mehr als ein Sportereignis. Sie ist Geschichte, und die kann man nicht kopieren. Das muß aber noch lange nicht heißen, daß wir keine anderen bedeutenden Rennen aufziehen können - jetzt haben wir ja gerade ein neues Weltcup-Konzept eingeführt. Wir müssen das Drama vermarkten, die Qualen.
SPIEGEL: Empfinden Sie es nicht als zynisch, aus der Gefahr schwerer Stürze Kapital schlagen zu wollen?
LEMOND: Gott sei Dank sind wir von tragischen Unfällen weitgehend verschont geblieben. Tote sind selten in unserem Geschäft. Verletzungen gehören, keine Frage, dazu.
SPIEGEL: Die werden provoziert, indem Sie mit Tempo 100 den Berg herunterrasen?
LEMOND: Tempo 100 ist kein Problem. Ich bin Abfahrtsläufer, dabei gewöhnt man sich an Geschwindigkeiten. Angst habe ich viel eher vor Massenspurts, wenn 200 Fahrer mit Tempo 60 alle in derselben Sekunde nach vorne wollen.
SPIEGEL: Gilt Rücksichtnahme nichts unter Radprofis?
LEMOND: Oft bleibt keine einzige Sekunde Reaktionszeit. Zack, da fliegst du. Was bleibt als Knautschzone? Zwischen dir und dem Asphalt bleibt nur die nackte Haut. Ich habe mir mein Schlüsselbein gebrochen, meine Sehnen verletzt, von Hautabschürfungen ganz zu schweigen.
SPIEGEL: Hilfe verspricht nur ein rechtzeitiger Ausreißversuch?
LEMOND: Hinten herumzuzockeln ist ein äußerst gefährliches Unternehmen. Es ist ja nicht der physische Verschleiß allein, der dich fertigmacht, sondern auch die psychische Belastung, das ständige Taktieren, das Warten auf den Ausreißversuch.
SPIEGEL: Benötigen Radprofis deshalb Anabolika und Aufputschmittel?
LEMOND: Ich kann nicht bestreiten, daß einige meiner Kollegen diese verbotenen Medikamente offenbar gebraucht haben. Ich behaupte jedoch, die Dopingfrage erscheint deshalb so dramatisch, weil in unserem Sport seit vielen Jahren ernsthaft kontrolliert wird. Ist das beim Tennis so? Werden Marathonläufer oder Fußballer nach jedem Match getestet?
SPIEGEL: Jean-Pierre Lafarge, der Direktor des Labors, das während der Tour die Urinproben analysiert, ist überzeugt: "Alle Fahrer nehmen Dopingmittel." Bestreiten Sie das?
LEMOND: Für mich bedeutet Doping die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten, mit denen Leistungen erhöht werden sollen. Vitaminspritzen, die ich mir geben lasse, fallen nicht darunter.
SPIEGEL: Wollen Sie von sich behaupten, noch nie ein Aufputschmedikament geschluckt zu haben?
LEMOND: Das behaupte ich. Ich bin der Beweis dafür, daß Doping nicht sein muß.
SPIEGEL: Ihre Kollegen handeln aber offenbar anders.
LEMOND: Vielleicht weil sie überzeugt sind, daß das Zeug Schwächen überbrücken kann und ihnen einen Schub gibt. Möglicherweise hat es psychologische Gründe. Sie spüren den Druck und die Erwartungen. Es ist ja auch eine Art Existenzkampf. Alle glauben immer, und darüber wird viel geredet, daß der Gegner möglicherweise über ein Wundermittel verfügt. Machen wir uns doch nichts vor: Überall im Leben wird betrogen, bei der Steuererklärung fängt es an.
SPIEGEL: Ihr deutscher Kollege Rolf Gölz hat während der Tour de France einmal gesagt: "Um in den Bergen gut zu fahren, fehlt mir einfach die medizinische Unterstützung."
LEMOND: Ich sage Ihnen noch einmal: Wer zehn Jahre oder noch länger im Profigeschäft bestehen will, muß auf Doping verzichten, sonst zerstört er seine Karriere.
SPIEGEL: Sind Sie für Dopingkontrollen?
LEMOND: Absolut, obwohl ich nicht sicher bin, wie genau die Ergebnisse dieser Analysen sind. Ohne Kontrollen jedoch würden wahrscheinlich weit mehr der Versuchung erliegen als heute. Das wäre für die Gesundheit der Fahrer und für unseren Sport eine absolute Katastrophe.
SPIEGEL: Das Image ist ohnehin schlecht genug, weil auch Manipulationen durch Rennabsprachen immer wieder aufgedeckt werden.
LEMOND: Ein Rennen, vor allem eines wie die Tour de France, wird nie ganz allein von einem Fahrer gewonnen. Da ist immer das Team beteiligt. Aber zuweilen, auch das stimmt, gibt es taktische Absprachen mit Konkurrenten. Soviel aber ist sicher: Bei der Tour de France werden niemals mit Dollarscheinen gefüllte Briefumschläge verteilt, weil dieser oder jener sich damit einen Etappensieg erkauft.
SPIEGEL: Solche Vorwürfe gibt es aber.
LEMOND: Möglicherweise war das mal bei kleineren Rennen so. Bei der Tour de France wird nichts gekauft oder verkauft - garantiert nicht.
SPIEGEL: Bei der Tour de France 1985 haben Sie sich Bernard Hinault, Ihrem Mannschaftskapitän, untergeordnet, obwohl auch Sie Chancen auf den Sieg hatten.
LEMOND: Ich wußte, daß ich im folgenden Jahr meine Chance haben würde. Heute könnte ich ein solches Opfer nicht noch einmal bringen. Ich würde Ähnliches auch von einem Mann meines Könnens nicht erwarten. Deshalb muß man die Mannschaft, mit der man fährt, sehr sorgfältig auswählen.
SPIEGEL: Sie engagieren nur Fahrer, die ihren eigenen Ehrgeiz zurückstellen und immer für einen Mann radeln - für Greg LeMond?
LEMOND: Wenn ich während einer Etappe schlecht drauf oder krank bin, muß keiner meinetwegen abbremsen und auf mich warten. Meine Leute wissen jedoch: Ich bin der beste Fahrer im Stall, und ich soll die Tour gewinnen.
SPIEGEL: Wieviel Energie sparen Sie, wenn Sie im Windschatten Ihrer Teamkollegen fahren?
LEMOND: Bei normalem Tempo bis zu 30 Prozent. Wenn die Post abgeht, noch mehr. Man muß eben nicht unbedingt der Kräftigste sein, sondern vor allem clever und taktisch ausgebufft.
SPIEGEL: Diese Eigenschaften sind doch vor allem beim Vertragspoker gefragt.
LEMOND: Das Geld allein war nicht ausschlaggebend für meine Entscheidung, künftig für das französische "Z"-Team zu fahren. Ich wollte von den amerikanischen "7-Eleven"-Managern einen Drei-Jahres-Vertrag, den sie mir nicht garantieren wollten, sowie ein Team, auf das ich mich 100prozentig verlassen konnte. Das ist mit US-Profis schwer zu haben, die sind ehrgeizig und ordnen sich nicht so leicht unter. Meine derzeitigen Teamkollegen wissen, worum es geht - wir wollen gemeinsam, daß ich die Tour gewinne.
SPIEGEL: Vor drei Jahren schien Ihre Karriere schon zu Ende zu sein. Bei der Truthahnjagd in Kalifornien traf Sie die Schrotladung Ihres Schwagers.
LEMOND: 30 Schrotkugeln stecken noch immer in meinem Körper, zwei sogar im Herzbeutel. Als das Blut mir damals mit jedem Herzschlag in 30 Zentimeter hohen Fontänen aus vielen Löchern im Rücken schoß und ich kaum noch atmen konnte, weil meine rechte Lunge zusammengefallen war, habe ich an meinen Tod geglaubt. Ich habe immer angenommen, jeden Schmerz ohne Medikamente wegstecken zu können. Seit jenen Tagen weiß ich es besser. Dieser Unfall hat mich auch gelehrt, daß die Schmerzen, die ich auf dem Rad verspüre, nichts sind im Vergleich zu wirklichen Schmerzen.
SPIEGEL: Haben Sie ein Comeback überhaupt für möglich gehalten?
LEMOND: Die Ärzte haben mir sehr bald versichert, daß ein Hochleistungssportler auch mit 60 oder 70 Prozent der Lungenkapazität auskommen könne. Doch ich erlebte zunächst nur Rückschläge. Wenn ich nur sechs Wochen nicht trainiere, gerate ich körperlich auf den Nullpunkt. Deshalb auch mache ich kaum mehr als eine Woche oder zehn Tage Urlaub. Jedes Rennen wurde zu einer einzigen Qual. Und nach jeder Pleite konnte ich hören: "Der ist fertig."
SPIEGEL: Und dann stellen sich Selbstzweifel ein?
LEMOND: Ja, dann sagst du dir: Vielleicht hatten die Ärzte unrecht. Plötzlich horchst du auf deinen Körper. Du atmest schlecht, kriegst nicht genug Luft - die Lunge also, Scheiße! Du bist fertig. Willst du es noch? Diese Fragen kamen immer wieder. Und dann fuhren plötzlich Leute an mir vorbei, die ich vor dem Unfall leicht abgehängt hatte. Das hat mich deprimiert.
SPIEGEL: Warum haben Sie Ihr Rad nicht einfach in die Ecke gestellt?
LEMOND: Sicher, ich hätte es tun können, ohne auf Job-Suche gehen zu müssen. Aber ich war mit 26 Jahren noch so verdammt jung und sicher genauso talentiert wie Eddy Merckx oder Bernard Hinault. Mein Leben lang hätte ich den Rücktritt bedauert, ich bin ehrgeizig.
SPIEGEL: Ihr damaliges Team "PDM" wollte Ihr Jahresgehalt gleich um 200 000 Dollar kürzen?
LEMOND: In dieser Zeit habe ich gelernt, wie knallhart es im Profigeschäft zugehen kann. Die haben wirklich versucht, mich moralisch auf Null zu bringen. Erst haben sie mich aufgefordert: "Erhol' dich gut und komm' bald wieder." Als dann der Stephen Roche bei der Tour Erster wurde, haben sie sich wohl gesagt: "Es gibt ja noch andere, die die Tour gewinnen können und womöglich billiger sind."
SPIEGEL: Wurden Sie rausgeekelt?
LEMOND: Greg, so hieß es nun, vielleicht haben deine Ärzte wirklich falsch diagnostiziert, möglicherweise ist deine Lunge doch kaputt. Vielleicht leidest du auch an einer Bleivergiftung, du weißt, wegen der Kugeln. Schließlich wollte ich nicht mehr für diese Leute fahren.
SPIEGEL: Kein Rennstall hatte Sie noch auf der Rechnung. Erst ein unbedeutendes belgisches Team gab Ihnen einen Vertrag.
LEMOND: Nach all den Anfangserfolgen, so schien es mir vor der Tour de France 1989, war meine Karriere auf Rückwärtsgang geschaltet. Der Unfall hatte allerdings meine Einstellung zum Leben geändert - es gab plötzlich Dinge, die weitaus wichtiger waren, als noch einen Klassiker zu gewinnen, meine Familie zum Beispiel.
SPIEGEL: Und mit dieser Einstellung haben Sie dann im letzten Jahr bei der Tour die Gegner im Alleingang besiegt? Oder hat Sie der Wunsch nach Rache schnell gemacht?
LEMOND: Beweisen mußte ich niemandem etwas, nicht einmal mir selber. Nachdem ich zuvor beim Giro d'Italia die Qualen und den inneren Schweinehund überwunden hatte, gab's für mich nur ein Ziel: den Triumph bei der Tour de France, die für mich das größte Rennen überhaupt ist.
SPIEGEL: Laurent Fignon, den Sie im letzten Jahr um acht Sekunden besiegten, obwohl er vor der letzten Etappe noch 50 Sekunden Vorsprung hatte, hat behauptet, Sie seien ein Feigling, der nicht zu kämpfen verstehe.
LEMOND: An den acht Sekunden hat er wohl immer noch schwer zu schlucken. Er muß es erst noch lernen: Radrennen zwingen dich zur Bescheidenheit.
SPIEGEL: Herr LeMond, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Greg LeMond *
bezeichnet sich gern als "Auferstandener". Eine Schrotladung hatte den Amerikaner 1987 bei einem Jagdunfall lebensgefährlich verletzt, doch im letzten Jahr siegte der Radprofi zum zweitenmal bei Tour de France und Weltmeisterschaft. Der schmächtige, 1,75 Meter große LeMond gilt inzwischen als Leitfigur der Branche: Gemanagt von seinem geschäftstüchtigen Vater Bob, stieß er durch vorzeitige Teamwechsel in neue Gagen-Dimensionen (3,5 Millionen Mark pro Jahr) vor. Seine Saisonplanung setzt der Weltmeister konsequent um, indem er bei den ersten Klassikern dieses Jahres hinterherradelte, um sich gezielt auf Giro d'Italia und Tour de France vorzubereiten. Wie viele Profis reist LeMond, 28, mit einem großen Clan, darunter auch Ehefrau Kathy und drei Kinder, von Rennen zu Rennen, "damit es nicht eine Plackerei, sondern eine Freude ist".
Von Helmut Sorge

DER SPIEGEL 14/1990
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