09.10.1989

SelbstmordeGroße Freiheit

Ist, wie in Bild zu lesen stand, die Zahl der Selbstmorde gesunken, seit Bundeskanzler Kohl regiert?
Helmut Schoeck, Professor für Soziologie an der Uni Mainz, forschte im Kaffeesatz und entdeckte einen statistischen Zusammenhang, so recht nach dem Herzen eines CDU-Anhängers.
In Blättern wie Bild und Welt am Sonntag brachte der Gelehrte seinen Ideenblitz unters Wahlvolk: Seit Oktober 1982, "seit Kanzler Kohl regiert", sei es in der Bundesrepublik zu einem "epochalen Rückgang der Selbstmordhäufigkeit" gekommen.
Für den Mainzer Professor bedeutete die Wende in Bonn "eine Befreiung vom ideologischen Selbstmordprogramm des liberalistischen Progressismus", das in den Jahren zuvor die Bundesbürger scharenweise in den Suizid getrieben habe. Besonders unter Jugendlichen, so Schoeck, habe damals die "große Freiheit in Sachen Sex" , verbunden mit der "bulldozerartigen Sexualkunde in den Schulen", die Selbstmordzahlen nach oben gedrückt.
In den Zeiten der CDU/ FDP-Koalition hingegen habe sich eine "positive Grundstimmung im Lande" segensreich ausgewirkt; sogar 1986, im Jahr des Atomunglücks von Tschernobyl, sei die Selbstmordrate weiter gefallen. Ist Kanzler Kohl gut fürs Gemüt?
In den Augen ernst zu nehmender Selbstmord-Experten ist, was da aus Mainz tönt, eine wissenschaftliche Lachnummer, ein Beispiel für Manipulierbarkeit und Mißdeutung statistischer Befunde. "Ebensogut", erklärt etwa Hans-Ludwig Wedler, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizid-Prävention, könne man die "Häufigkeit der Masern mit einer bestimmten Regierung in Zusammenhang bringen".
Die Zahlen, auf die Soziologe Schoeck seine kühne These stützt, stammen aus dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Der dort geführten Selbstmord-Statistik zufolge sind im vergangenen Jahr 10 815 Westdeutsche freiwillig aus dem Leben geschieden, 1978 waren es noch 13 620.
In diese Zählung gehen allerdings nur Todesfälle ein, bei denen der Arzt im Totenschein ausdrücklich "Suizid" als Todesursache festgestellt hat. Vor allem wegen der großen Dunkelziffer "verdeckter Suizide", aber auch wegen erkannter Rubrizierungsfehler, die sich seit etwa einem Jahrzehnt in die bundesdeutsche Selbstmordstatistik eingeschlichen haben, halten Experten die Wiesbadener Zählung für unvollständig und irreführend, jedenfalls für alles andere als realistisch.
"Die Rohdaten der Suizidstatistik", so konstatiert etwa der Würzburger Psychologe und Selbstmordforscher Armin Schmidtke, "besagen gar nichts." Auch Mediziner Wedler hält es für unsinnig, "kurzfristig geringe Schwankungen" in der Selbstmordstatistik "überhaupt real zu werten". Die statistisch erfaßte Zahl der Suizidtoten, glaubt er, "ist nicht hinreichend, um die Suizidalität der Gesellschaft zu bemessen".
So ergibt sich ein differenzierteres Bild schon beim Blick auf verschiedene Altersgruppen. Danach hat zum Beispiel die Selbstmordhäufigkeit bei Männern und Frauen über 60 Jahren alarmierend zugenommen. Mit einem weiteren Anstieg der Suizide in dieser Altersgruppe wird gerechnet; in den USA liegt die Selbstmordrate bei den 65jährigen derzeit um 25 Prozent höher als vor etwa fünf Jahren, fast doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung.
In der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel, dem Mutterhaus der Depressionsforschung, ist man fest davon überzeugt, daß ärztlicher Hilfe enge Grenzen gesetzt sind. So urteilt Asmus Finzen, Professor der Nervenheilkunde, in seinem neuesten Buch* selbstkritisch: "Jeder zehnte Suizid ereignet sich im Umfeld des psychiatrischen Krankenhauses oder während der ambulanten Behandlung."
Alles in allem, meint Finzen, müssen "wir bei schizophrenen und depressiven Patienten langfristig mit einer Mortalität durch Suicid von zehn, bei Depressiven vielleicht sogar von 20 Prozent rechnen".
Verändert hat sich offenbar weltweit die Art, mit Selbstablehnung, Einsamkeit und Verzweiflung umzugehen. So hat vor allem in den Altersgruppen, in denen die offiziellen Selbstmordzahlen rückläufig sind, ein "suizidähnliches, hohes Risikoverhalten" (Wedler) deutlich zugenommen.
Während zum Beispiel liebeskranke Teenager und einsame Hausfrauen in den sechziger und frühen siebziger Jahren beinahe rituell zum Tablettenröhrchen griffen, begeben sich in den achtziger Jahren Autobahnraser, S-Bahn-surfende Jugendliche, Freß- und Magersüchtige mehr oder weniger bewußt in die Nähe des Selbstmords. Es gibt, wie Mediziner Wedler resümiert, "viele Formen von selbstzerstörerischem Verhalten".
Nominell sinkende Selbstmordzahlen haben * Asmus Finzen: "Der Patientensuicid" / Untersuchung, Analysen, Berichte zur Selbsttöung psychisch Kranker während der Behandlung. Psychiatrie Verlag, Bonn 1988; 248 Seiten; 29,80 Mark. nichts mit Kohls weiser Regierungskunst, dafür aber eine Menge mit Veränderungen auf dem Pharma-Markt und verbesserter Selbstmord-Prävention zu tun: *___Die todbringenden, früher großenteils rezeptfreien ____Schlafmittel herkömmlicher Machart (Barbiturate) lagern ____nicht mehr griffbereit in den Tablettenschränkchen; mit ____modernen Beruhigungs- und Schlafmitteln vom Typ ____Benzodiazepine (Valium, Lexotanil, Rohypnol) können ____sich Kurzschlußtäter nicht mehr umbringen. *___Die meisten Aussichtstürme, Plattformen und Brücken ____sind gegen den Sprung in die Tiefe gesichert; ____jugendliche Straftäter kommen nicht mehr so oft in ____Untersuchungshaft, wo früher viele von ihnen keinen ____Ausweg mehr wußten und sich das Leben nahmen.
Deutlich nach oben hingegen weist die Tendenz der sogenannten verdeckten Suizide, die in keiner Selbstmordstatistik auftauchen: *___Die Sterblichkeit durch Alkoholmißbrauch oder durch die ____Kombination von Alkohol und Medikamenten hat in der ____Bundesrepublik "mit Sicherheit zugenommen", wie die ____Berliner Ärztin Annemarie Wiegand feststellte. In ____vielen dieser Fälle nehmen die Opfer ihren Tod offenbar ____bewußt in Kauf. *___Jeder fünfte Drogentote, nach Ansicht von Experten ____wahrscheinlich sogar jeder zweite, hat sich den ____goldenen Schuß mit Absicht gesetzt, zumal, wenn er ____wußte, daß er mit HIV infiziert war. *___Tödliche Verkehrsunfälle, bei denen nur der Lenker im ____Wagen saß, schönen mit Sicherheit ebenfalls die ____Statistik. Bis zu 15 Prozent der Opfer solcher Unfälle ____müßten nach Schätzungen von Sachverständigen eigentlich ____in den Selbstmordrubriken geführt werden. *___Bekannt hoch ist die Dunkelziffer bei den Alten. Sie ____hören einfach auf zu essen, nehmen lebenswichtige ____Medikamente nicht mehr ein, Nierenkranke bleiben der ____Blutwäsche fern. Auf Selbstmord lautet die Eintragung ____im Totenschein beispielsweise auch dann nicht, wenn die ____alten Leute einen mit Tabletten unternommenen ____Suizidversuch im Krankenhaus ausschlafen und drei Tage ____später an einer hinzugekommenen Lungenentzündung ____sterben.
Auf einen anderen Zusammenhang, der die Kunde von den sinkenden Selbstmordzahlen vollends als statistischen Trugschluß entlarvt, hatte die Ärztin Annemarie Wiegand bereits Ende der siebziger Jahre hingewiesen.
Damals hatten die Statistiker in der geteilten Stadt einen auffallenden Zuwachs in der Zähl-Sparte "plötzlicher Tod aus unbekannter Ursache" verzeichnet. Gleichzeitig gingen die Selbstmordfälle um rund 50 Prozent zurück.
Zumindest ein Teil der Selbstmörder, so folgern mittlerweile auch andere Suizidforscher, darunter der Würzburger Psychologe Schmidtke, in einer noch unveröffentlichten Studie, dürfte laufend in der Rubrik der ungeklärten Todesfälle verschwinden. Auch die Experten des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden mögen diesen Verdacht nicht ganz von der Hand weisen, zumal es derzeit aus Kostengründen nur in etwa jedem zehnten unklaren Todesfall zur Obduktion kommt.
Die Erklärung für die statistische Fehlerquelle ist ebenso simpel wie einleuchtend. In den Großstädten sowie in den Ballungsgebieten stellt bei plötzlichen Todesfällen immer häufiger der herbeigerufene Notarzt den Totenschein aus. Der sieht, anders als der Hausarzt auf dem Lande, den plötzlich Verstorbenen zum erstenmal und erkennt, auch um sich juristisch den Rücken freizuhalten, nur die "unklare Todesursache".
In Berlin etwa explodierten die Zahlen in dieser Todesrubrik genau zeitgleich mit der Einrichtung des Notarztsystems. "Über den inneren Zusammenhang" dieser beiden Phänomene, so der Notfall-Beauftragte der Berliner Ärztekammer, Frank Martens, gebe es "keinen Zweifel".
Die Selbstmordstatistiken sind dementsprechend nur noch bedingt aussagekräftig. So lag in West-Berlin, wie Selbstmord-Expertin Wiegand vermutet, im Jahre 1987, anders als es aus den geschönten Statistiken hervorgeht, die tatsächliche Zahl der Suizide um mehr als das Zweieinhalbfache über dem Bundesdurchschnitt.
Bis zum Jahr 2000 werden in der Bundesrepublik nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation die Selbstmordzahlen und -raten erneut ansteigen. Gemessen am Stand von 1975 rechnen die Gesundheitsexperten bei den Männern mit einer Steigerung um 7,8, und bei den Frauen um 1,9 Prozent.
Auf solche Eventualitäten ist Suizid-Deuter Schoeck schon vorbereitet. Den wichtigsten Anstoß für die Entwicklung der Selbstmordzahlen in der Bundesrepublik erwartet der Mainzer von den kommenden Bundestagswahlen: Wenn, wie er fürchtet, eine rot-grüne Koalition das Ruder übernimmt und nach dem Vorbild ihrer sozialliberalen Vorläufer erneut für "gesellschaftspolitische Schizophrenie" und "hektischen Reformismus" sorgt, dann wird - orakelt der Professor - die Zahl der Selbstmorde "sehr rasch" steigen.

DER SPIEGEL 41/1989
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