02.04.1990

FußballVöllig außer Kontrolle

Westdeutsche Hooligans fahren in die DDR, um sich dort mit den ostdeutschen Fans zu prügeln.
Andi, 19, und Tom, 20, zwei Fußballfans, die sich sonst nur im Namen des Hamburger SV schlagen, waren "völlig platt". Im Rostocker Stadion fanden sie "einfach traumhafte Verhältnisse" vor: Herumliegende Steine boten reichlich Wurfmunition, aus Holzbänken ließen sich "prima Latten zum Knüppeln raustreten".
Begeistert kehrten die Hamburger Hooligans von ihrem ersten Einsatz im Osten zurück. Beim Oberligaspiel zwischen Hansa Rostock und dem FC Magdeburg Anfang März war es in der Halbzeit 50 Hamburger und rund 200 Rostocker Randalierern gelungen, den 400 Mann starken Magdeburger Anhang unbehelligt über das Spielfeld aus dem Stadion zu hetzen. "Die 30 Vopos", schwärmte Tom, "standen nur rum."
Auch im Fußball hat sich in der DDR überall der westliche Einfluß schon bemerkbar gemacht. 400 Dresdner Fans prügelten sich am vorletzten Wochenende mit Anhängern aus Jena, die Volkspolizei registrierte an diesem 18. Oberliga-Spieltag insgesamt "32 Vorkommnisse". In Magdeburg zertrümmerten Rowdies beider deutscher Staaten Mitte März Verkaufsstände, wollten sogar den Dom stürmen. Doch die unheimliche Allianz "fand den Eingang nicht" (Bild).
Was in der Politik noch dauert, haben die Hooligans schon vollzogen. Die Wiedervereinigung der Randalierer aus traditionell verbundenen Klubs findet jeden Samstag auf den morschen Tribünen der DDR-Stadien statt - mit Baseballschlägern und Fahrradketten. Der Berliner Staatsanwalt Jürgen Just hat bereits einen "regen Tourismus von Schlägern quer durch Deutschland" festgestellt: Schalker nach Magdeburg, Hannoveraner nach Halle, Frankfurter nach Erfurt und Nürnberger nach Gera.
Unterschiede zwischen den Radaubrüdern Ost und West lassen sich höchstens auf dem modischen Sektor ausmachen: Die westlichen Yuppie-Hooligans treten in teuren Ellesse-Hemden an; die DDR-Fans sehen "eher rockermäßig aus, wie bei uns vor zehn Jahren", sagt Sozialarbeiter Thomas Schneider vom Fanprojekt Hamburg, "aber beide schlagen gleich hart".
Hooligans aus dem Westen, meint Schneider, suchen die "paradiesischen Zustände" in der DDR. Die Kollegen aus dem Osten nehmen die schlagkräftige Unterstützung nur zu gern an, um "dem Staat etwas heimzuzahlen". So sehen sich an jedem Spieltag verunsicherte Volkspolizisten einer wachsenden Horde militanter Fans gegenüber.
Bisher war die organisierte Randale in der DDR ein Tabu-Thema. Die Hooligans galten als einzelne "Unverbesserliche" (Sportecho), die mit Freiheitsstrafen bis zu dreieinhalb Jahren diszipliniert werden sollten. Da soziale Probleme offiziell nicht existierten, erforschte niemand die Ursachen der Aggression.
Angesichts verwüsteter Reichsbahnwaggons und "ganzer Koffer mit Pyrotechnik" (Süddeutsche Zeitung) warb der Deutsche Fußball-Verband der DDR lediglich mit der Aktion "Das vorbildliche Publikum". Rot-Weiß Erfurt etwa organisierte zu Auswärtsspielen Fahrten in luxuriösen Sonderzügen und ein Rahmenprogramm mit Kultur und Heimatkunde. Doch "Handarbeitszirkel", so befand die Leipziger Volkszeitung bissig, seien wohl "kein Rezept" zur Hooligan-Befriedung.
Volkspolizei und Vereine wurden vom deutsch-deutschen Schulterschluß "ziemlich überrascht", wie Ost-Berlins stellvertretender Polizeipräsident Günter Heidemann zugibt. Der Klubvorsitzende des FC Magdeburg, Reinhard Lehmann, behauptete vor dem Spiel gegen den FC Berlin noch vollmundig "die Randalierer in den Griff zu kriegen". 48 Stunden und eine brutale Straßenschlacht später mußte er kleinlaut eingestehen: "Hundert Schläger aus Ost und West waren völlig außer Kontrolle. Die kamen mit Schlagringen, Messern und Leuchtmunition. Die Volkspolizei hat sich zu defensiv verhalten." Die Polizisten verhehlen nicht, daß sie statt früherer "Pingeligkeit, Macht und Härte" (Sportecho) nun Vorsicht walten lassen. "Wir sind besorgt um die Akzeptanz unseres Einschreitens", erklärt Jörg Gallas, Sprecher der Ost-Berliner Polizei. Die Vopos fürchten, im Volk schon wieder als knüppelnde Buhmänner dazustehen. Gallas: "Die Situation ist gespannt."
Den um Imagekorrektur bemühten früheren Stasi-Klub BFC Dynamo, der sich jetzt FC Berlin nennt, holt die Vergangenheit immer wieder ein. Ex-Stasi-Chef Erich Mielke hatte Skinheads, die im Dynamo-Stadion krakeelten, kurzerhand in den Westen abschieben lassen. "Die kommen jetzt alle zurück", klagt Fan-Betreuer Benno Kempke, "und spielen total verrückt." Besonders gern skandieren die gewalttätigen Heimkehrer: "Mielke, wir lieben dich."
Weil in Berlin zudem noch Hertha (West) und Union (Ost) über halbstarken Anhang verfügen, berief Polizeiführer Heidemann Mitte März eine vertrauliche Runde mit Vereinsvertretern ein. Dort warb er um Verständnis: "Wenn ein West-Berliner Bus voller Skinheads vorfährt", so Heidemann, "dann kann auch die Volkspolizei nur noch hoffen."
Zur Fußball-Weltmeisterschaft im Juni in Italien ist bereits ein gesamtdeutscher Schlägeraufmarsch geplant. "Wir haben uns mit denen von drüben schon für Italien verabredet", bestätigen Andi und Tom, "da geht's rund."
Der Frankfurter Fan-Polizist Wolfgang Wehrum befürchtet angesichts der Prügelbruderschaften aus Ost und West das Schlimmste. "Die WM", erwartet der professionelle Beobachter der internationalen Fanszene, "wird das Härteste, was wir in den letzten 30 Jahren erlebt haben." f

DER SPIEGEL 14/1990
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