09.10.1989

FilmEndstation Oper

„Letzte Ausfahrt Brooklyn“. Spielfilm von Uli Edel. Bundesrepublik 1989. Farbe; 110 Minuten.
Ein Literat im Film: Wenn Hubert Selby, der von vielen Fans längst totgeglaubte Romanautor, auf der Leinwand erscheint, dann kommt er weder als zorniger Rachegott noch als zerschlissener Penner-Zombie. Zu sehen ist der Mann in der Rolle eines biederen Autofahrers, dem mitten in der Nacht ein wildfremder Mensch vor die Kühlerhaube gelaufen ist. Und so tut Hubert Selby etwas, was nicht nur der Situation, sondern auch dem ganzen Film angemessen ist: Er bekreuzigt sich.
Denn "Letzte Ausfahrt Brooklyn", für viel Geld produziert vom Münchner Bernd Eichinger, ist eine Art Himmelfahrtskommando. Versucht wird die Heiligsprechung eines Romans (und seines Autors), die sakrale Verklärung einer wilden, vergangenen Zeit. So kann der Besucher diesem Film eigentlich nur auf zweierlei Weise begegnen: Er darf entweder ehrfurchtsvoll erstarren vor der biblischen Gewalt des Werks oder er muß den Herrn preisen, daß alles nicht noch schlimmer gekommen ist.
Babylon liegt in Brooklyn. Eichinger und sein erprobter Regie-Vollstrecker Uli Edel ("Christiane F.") haben sich einen Jungentraum erfüllt, als sie den Lieblingsschmöker ihrer Filmstudentenjahre an Originalschauplätzen verfilmten. Einst, in den späten Sechzigern, galt die Schwärmerei der beiden deutschen Twens jenem mythischen Lasterpfuhl, den Hubert Selby in seinem 1964 erschienenen, bald skandalumruchten Erstlingswerk beschrieb:
"Last Exit To Brooklyn" war ein Wunder an harter, niederschmetternd umstandsloser Prosa, ein Bericht aus der schmutzigen Welt der billigen Nutten, der grellgeschminkten Transvestiten und des brutalen Faustrechts. Ein Roman mit Echtheitszertifikat: Selby hatte, so versichert er bis heute, das meiste selbst erlebt.
Im Kino dagegen sehen wir nun einen Kostümfilm aus der Gattung Leder und Schlagring. Weihrauchgleich steigt Dampf durch Kanalgitter, verschwitzt und ölig perlt es auf grimmig verzerrten Gesichtern, blaustichig schimmert die amerikanische Nacht. Hier gilt ein Leben nichts, und die Liebe kostet nur einen Drink. Die Gefahr aber lauert immer und überall: Wenn die Rinnstein-Monroe Tralala (Jennifer Jason Leigh) einen Kunden ins Freie schleppt, warten dort schon ihre Jungs, um dem Fremden eins überzuziehen.
Der Film beginnt mit blankem Terror. Ein Soldat wird übel zusammengeschlagen, in den Augen der Täter und Zeugen mischen sich Schrecken und Lust. Bald aber verliert sich die Atmosphäre der Angst in süßlichem Opernkitsch, aus der blutrünstigen Gossenballade wird eine kandierte "West Side Story". Mark Knopflers Musik schmachtet immerzu tranig zu genießerischen Totalen, Stefan Czapskys Kamera liebkost die vorgeblich lebensechte Kulisse wie eine pittoreske Touristenattraktion. Wir müssen uns Babylon als einen höllisch heimeligen Ort vorstellen.
Natürlich ist "Letzte Ausfahrt Brooklyn" ein gewaltiger Film, doch zugleich ist er eine Vergewaltigung. Weniger, weil er etwa der Romanvorlage nicht gerecht würde; weil er den zersplitterten, gründlich zu Klumpen gehauenen Müll-Kosmos Selbys zusammensetzt zu vier parallelen, artig erzählten Geschichten - das ist das Recht und die Pflicht eines Drehbuchschreibers. Nein, beklagenswert ist vor allem, daß Edel und Eichinger ihr Traum-Brooklyn mit lauter verwegenen Typen bevölkern statt mit lebendigen Menschen. Gut, auch Selbys Helden sind Gefühlskrüppel, die der tägliche Überlebenskampf zu Ungeheuern gemacht hat - bloß besitzen sie im hintersten Winkel ihres Inneren noch einen Rest von Sehnsucht nach einer besseren Welt.
Die transatlantische Verfilmung hingegen gleicht einem Monstrositäten-Kabinett. Tralala ist die heilige Hure als Comic-strip-Madonna. Kaum liegt sie, Opfer einer Massenvergewaltigung, ächzend in den Federn eines Autositzes, zitiert eine himmlische Stimme den Liebesbrief ihres naiven Soldatenfreundes. Überhaupt wirkt das Frauenbild der Kino-Produktion weit verschrobener als Selbys kühl registrierender Blick.
Noch peinlicher ist, wie die Europäer versuchen, den Amerikanern deren eigene Geschichte näherzubringen. Streikende Arbeiter und knüppelnde Polizisten zeigen Eichinger und Edel als opulentes Klassenkampf-Ballett, der gewerkschaftliche Asphalt-Christus Harry kniet sehr plötzlich alleingelassen in der feuchten, kalten Nacht. Als seine schwerste Stunde geschlagen hat, wankt der von allerlei sexuellen Verwirrungen heimgesuchte Märtyrer auf die Brooklyn Bridge, hier spielt sein O-Gott-warum-hast-du-michverlassen.
Nur einen Steinwurf entfernt, am anderen Ende der Brücke, hat Sergio Leone einst jenen Film gedreht, dessen Titel auch das Werk der beiden deutschen Märchenonkel treffend charakterisiert: Es war einmal in Amerika.
Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 41/1989
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