13.11.1989

NACHRUFVladimir Horowitz

Gut drauf war er gewesen in den letzten Wochen, nach eigenem Bekenntnis "full of pep", wie lange nicht. Für ein neues Platten-Recital hatte er daheim, in Manhattans 94. Straße, Haydn und Mozart gespielt, drei Etüden von Chopin, Kurzwaren von Liszt, an einem Nachmittag immerhin fünf Stunden nonstop.
In der Couchecke hatte ruhig und glücklich die erste Geige zugehört: Frau Wanda geb. Toscanini, längst Legende wie ihr Herr Gemahl. Die eiserne Lady lauschte ihrem Wolodja ohne Widerwort - ein gutes Zeichen.
Nun, nach Horowitz' tödlichem Herzinfarkt am vorletzten Sonntag, ist dieses Hauskonzert zu seiner unvollendeten CD geworden.
Gerade erst hatte ihm der Doktor noch das Herz eines Jünglings attestiert, und so steckte er tatendurstig voller Pläne, wollte noch einmal nach Europa kommen, in Amsterdam, Hamburg und Berlin auftreten, dort vielleicht sogar mit den Philharmonikern und dem dritten Rachmaninow-Konzert, jenem Brocken, mit dem selbst Tasten-Yuppies ihre liebe Not haben.
Immerhin konnten Horowitz' merkwürdig flach auf der Klaviatur liegende Finger mit den seltsam nach oben gewinkelten Kuppen bis zum Schluß eine traumhafte Palette von Klangfarben abtasten. Vom saftig-satten Baß - Marke Sarastro - bis zum Edel-Tingel eines pointiert perlenden Pianissimo hatte er immer noch alles zur Hand: der fulminanteste und kapriziöseste Pianist des Jahrhunderts und der erste, der auf dem Steinway sang - Klaviermusik als Lieder ohne Worte.
Aber der Belkantist aus der Ukraine, der nach seinem Deutschland-Debüt 1925 schon bald die ganze westliche Hemisphäre um den kleinen Finger gewickelt hatte, war nicht nur der Klavier-Akrobat mit der elementaren Akkord-Wucht und Oktaven-Rasanz, nicht nur der Ziseleur feinster Strukturen und der Atomiseur erlesenster Klangdüfte, sondern auch ein Virtuose der Krisen, ein Inszenator der Schrullen und ein Jongleur der PR.
Hieß er nicht eigentlich Gorowitz? War er nun 1903 oder 1904 geboren? Was sollte die Marotte mit den tiefgefrorenen Seezungenfilets im Reisegepäck? Warum Konzerte immer nur nachmittags um vier und im viel zu engen Cutaway?
"Wenn ich spiele", so flirtete Horowitz mit seinem mal kindischen, mal dämonischen Image, "bin ich Engel und Teufel zugleich." Spielte er Stücke von Skrjabin, versprühte er tönende Narkotika, in einer Chopin-Nocturne konnte er die Noten gleichsam auf Daunen betten. Dann wieder, in Liszts h-Moll-Sonate, steigerte er sich und den Oktaven-Hagel in ein regelrechtes Delirium, und seine Bearbeitung des Sousa-Marsches "Stars And Stripes Forever" klingt mit ihren pianistischen Abstrusitäten, als seien drei Klavierspieler gleichzeitig durchgedreht.
Aber "man geht nicht durchs Leben, um Oktaven zu spielen", befand der reisemüde Oktavenspieler und zog sich immer mal wieder, einmal sogar für zwölf Jahre, aus dem Horowitz-Rummel zurück. Dann genoß er den Rummel um sein Verschwinden: Nervenklinik, Drogenbehandlung, traumatische Ängste vor Händen aus Porzellan - der "Tornado der Steppe" machte stets neuen Wirbel.
"Sind Sie nicht Vladimir Horowitz?" sprach ihn eine Dame auf der Straße während einer seiner langen Spielpausen an. "Darf ich Sie berühren?" - "Das kommt darauf an, wo", schäkerte der Vergötterte und ließ sich die Hände küssen.
Sein Repertoire war vergleichsweise klein, sein multimedialer Nachlaß wirkt, gemessen am Weltruhm, bescheiden. Immerhin ist auf Video festgehalten, wie der Kindskopf feixte, wie er sich mit einem riesigen Taschentuch winke, winke von seinem Publikum verabschiedete und dann mit dem Charme eines Pinguins in die Kulissen watschelte.
Unter seinen kultisch gehandelten Schallplatten ist vielleicht jener (unerlaubte) Mitschnitt die aufregendste und menschlichste, auf der sich der Exzentriker 1951 in der Carnegie Hall um Kopf und Kragen spielte. Damals, zur 25-Jahr-Feier seines US-Debüts, fegte der 47jährige unter der Peitsche von George Szell so vehement durch Tschaikowskis b-Moll-Konzert, daß er im Finale total aus der Bahn flog und Oktaven und Ackorde fortissimo danebenschlug.

DER SPIEGEL 46/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NACHRUF:
Vladimir Horowitz

  • Videoreportage aus Kassel: "Diesen braunen Dreck wollen wir hier nicht"
  • Doping für ewige Jugend: "So ein Körper ohne Steroide? Dumm!"
  • Videoaufnahmen aus Hongkong: Journalistin während Livebericht attackiert
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind