09.10.1989

KrebsHilfe vom Wurmkiller

US-Ärzte entdeckten ein Mittel gegen Darmkrebs - es enthält einen Wirkstoff aus der Tiermedizin.
Drei Stunden dauerte die Operation, bei der die Ärzte im Juli 1985 dem damaligen US-Präsidenten die Hälfte seines Dickdarms entfernten. Ein Krebstumor, fünf Zentimeter breit, hatte sich dort eingenistet. "Ich bin ja so froh, daß alles raus ist", flüsterte Ronald Reagan optimistisch, als er aus der Narkose erwachte. Auf der Intensivstation, wo er noch umnebelt von Betäubungsgasen wieder zu sich kam, bot Reagan das gewohnte Bild einer unverwüstlichen Frohnatur. Dabei standen seine Chancen auf Heilung nach dem Eingriff nicht viel besser als fifty-fifty.
Mehr als 100 000 US-Bürger erkranken alljährlich an Dickdarmkrebs; nur etwa 50 Prozent davon überleben die nächsten fünf Jahre. Weder Vorsorgemaßnahmen noch immer weiter perfektionierte Operationstechniken haben diese chronisch triste Bilanz bislang aufbessern können.
Nun aber haben US-Mediziner erstmals ein Medikament entdeckt, mit dem sich bei operierten Darmkrebspatienten ein Rückfall zumindest hinausschieben läßt. Das Präparat, dem die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA noch keine Marktzulassung erteilt hat, besteht aus einer Kombination von zwei grundverschiedenen Chemikalien - dem Parasiten-Killer Levamisol, der in der Veterinärmedizin zur Wurmbehandlung von Nutztieren dient, und dem Zytostatikum Fluorouracil, das seit 30 Jahren in der Krebstherapie als Tumor-Wachstumsbremse verwendet wird.
Seit 1981 haben die Mediziner das Kombinationspräparat an insgesamt 1700 Patienten erprobt, die vor der Operation allesamt an Darmkrebs in schon fortgeschrittenem Stadium gelitten hatten. In dem US-Fachblatt Clinical Oncology machten die Forscher jetzt das Ergebnis der neuartigen Chemotherapie publik: Von den Probanden überlebten 49 Prozent die Fünfjahresfrist; in einer unbehandelten Kontrollgruppe waren nur 37 Prozent der Darmkrebskranken mit dem Leben davongekommen.
Zu dem riskanten Experiment, das in aller Stille vonstatten ging, hatten sich die Krebsexperten gleichsam mit dem Mut der Verzweiflung entschlossen - "aus Mangel an irgendeinem anderen Heilmittel", wie Onkologe Charles G. Moertel von der Mayo-Klinik in Rochester (Minnesota) letzte Woche erklärte: Gegen Dickdarm- und Mastdarmkrebs, woran auch in der Bundesrepublik jährlich rund 24 000 Patienten sterben, hilft nur das Skalpell des Chirurgen; weder chemotherapeutische Mittel noch Bestrahlungen zeigten sich imstande, die hohe Rückfallquote zu senken und das Leben der Kranken zu verlängern.
Daran hat auch eine deutlich verbesserte Chirurgie nur wenig ändern können: Mit Hilfe etwa von Nahtapparaten, sogenannten Staplern, lassen sich durchtrennte Darmschlingen nahezu perfekt miteinander verbinden; tödliche Komplikationen bei der Operation oder kurz danach sind deshalb selten geworden. Der früher bei Darmkrebsoperationen fast obligatorische und gefürchtete künstliche Darmausgang ("Anus praeter") muß nur noch bei rund 30 Prozent der Eingriffe angelegt werden.
Angesichts der chirurgischen Fortschritte, so behaupten deutsche Experten, könnten neun von zehn Darmkrebspatienten dauerhaft geheilt werden - wenn der Tumor rechtzeitig entdeckt würde. Doch daran hapert es: Nur 15 Prozent aller Darmkrebsgeschwulste werden im Frühstadium diagnostiziert; meist hat sich der Krebs schon tief in die Darmwand gefressen, wenn die Patienten zum Arzt kommen.
Nur eine Minderheit - in der Bundesrepublik: 11 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen - geht regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung. Dabei läßt sich gerade der Dickdarmkrebs relativ früh und zuverlässig aufspüren. Vor allem die immer noch tief eingewurzelte Furcht vor dem "Anus praeter", so glauben Experten, schrecke Vorsorgewillige ab. In dieser trostlosen Lage verbreitet das neue Chemotherapeutikum einen Hoffnungsschimmer.
Welche Wirkung das Kombinationspräparat im darmkrebskranken Organismus entfaltet, ist noch unklar; speziell die Rolle des ominösen Wurmmittels bleibt dabei rätselhaft. Wahrscheinlich, so mutmaßen die Mediziner, werde durch das Zusammenspiel der beiden Chemikalien, die jeweils für sich gegen den Darmkrebs nichts ausrichten, irgendwie das Immunsystem gestärkt - allerdings "nur in geringem Maße".
Immerhin, so rechnen die Entdecker, könnte mit dem neuen Medikament die Zahl der Darmkrebs-Opfer in den USA um jährlich 4000 Seelen gesenkt werden. Das amerikanische National Cancer Institute will das Präparat demnächst landesweit an 35 000 Krebsspezialisten verteilen, die es an ihren Darmkrebs-Patienten erproben sollen.
Ex-Präsident Reagan, der seit seiner Operation fast fünf rückfallfreie Jahre hinter sich brachte, hat keinen Grund, sich an dem Massentest zu beteiligen. Nach Standards der Schulmedizin gilt der rüstige Ruheständler als geheilt.

DER SPIEGEL 41/1989
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