18.09.1989

VolkswagenEigenwilliger Führungsstil

VW-Chef Carl Hahn verärgert seine Leute: Er holt die Germanistik-Professorin Gertrud Höhler in die Führungstruppe.
Die Stellenbeschreibung weckt hohe Erwartungen - im Volkswagenkonzern wird eine absolute Spitzenkraft verlangt. "Impulsgeber" soll sie sein, aber auch "Vordenker- und Querdenker" - für einen Aufgabenbereich rund um den Globus.
Um "Risk-Management" - was immer das sein mag - soll die neue Kraft sich kümmern, um Unternehmenskultur und "Zeitgeist als Grundlage für Imagewerbung". Universitätskontakte sind Voraussetzung.
Und das Tollste: Diese Wundergestalt modernen Managements ist bereits gefunden. Gertrud Höhler, 48, beurlaubte Germanistik-Professorin aus Paderborn, Unternehmensberaterin, Zeitgeistspezialistin und Autodidaktin in Sachen Management, soll Chef-Kommunikatorin im drittgrößten deutschen Konzern werden.
Für die Aufgabe, erklärte der 63jährige VW-Chef Carl Hahn kürzlich, gebe es in dieser Republik "keine andere und keinen anderen". Hahn will die Kommunikation zu seinen vielen Millionen Kunden verbessern, und auch die Verständigung in der Zentrale und zwischen den einzelnen Werken soll künftig besser klappen.
"Ressortübergreifend", sagt VW-Personalchef Martin Posth, soll Frau Höhler "etabliert" werden. Mehr als alberne Worthülsen fallen allerdings auch Posth nicht ein, wenn er nach Gründen für die Neubesetzung sucht: Der technische Vorsprung der Volkswagen müsse "kommunikationsmäßig" abgesichert werden.
Bevor die VW-Belegschaft in die Werksferien ging, hat Hahn für die Öffentlichkeitsarbeiterin Höhler, diesmal ohne Öffentlichkeit, den Vertrag mit VW ausstellen lassen. Der enthält allerdings eine Vorbehaltsklausel: Weil ihr Jahressalär bei rund einer halben Million Mark liegt, muß das Präsidium des VW-Aufsichtsrats noch zustimmen. Der Aufsichtsrat ist zuvor noch nicht gefragt worden.
Wie so oft im Leben der Gertrud Höhler türmen sich bei ihren beruflichen Ambitionen Widerstände auf - von Männern natürlich. IG-Metall-Vorsitzender Franz Steinkühler, Vize-Chef im VW-Aufsichtsrat, ist gegen ihre Berufung. Der Betriebsrat legt sich ebenfalls quer, die Bereichsleiter, in der VW-Hierarchie bislang die oberste Ebene unter dem Vorstand (Jahresgehalt: etwa 300 000 Mark), sind alarmiert. Und selbst im Vorstand lehnen die meisten Gertrud Höhler ab.
Der neue Mann im Wolfsburger Vorstand, der frühere Ford-Chef Daniel Goeudevert, will Hahns Personalwunsch nicht unterstützen. Verkaufschef Werner P. Schmidt erklärt intern: "Die brauchen wir nicht." Auch Einkaufschef Horst Münzner ist mit Hahns Entscheidung nicht so recht einverstanden.
Warum Hahn sich für Frau Höhler stark macht, ist vielen bei VW rätselhaft - als Zeichen von Altersweisheit jedenfalls möchte es niemand werten. An der Konzernspitze wird jetzt offen über den eigenwilligen Führungsstil des Vorstandsvorsitzenden diskutiert.
Nach der Philosophie der Unternehmensberaterin, wonach die "Zeit der großen Einzelgestalten vorbei" und Teamarbeit gefragt sei, hat Hahn sich selbst jedenfalls nicht gerichtet. Beflügelt von der guten Autokonjunktur und guten Gewinnen, hat Hahn die Konzernspitze stärker als jeder seiner Vorgänger auf seine Person zugeschnitten. Die Zahl der ihm unmittelbar unterstellten Stabsstellen hat sich mehr als verdoppelt.
Auf einem Treffen von mehr als 800 VW-Führungskräften vor wenigen Wochen wurde bereits der "Personenkult" um Hahn und das arrogante Gebaren einiger Vorstandsmitglieder kritisiert. Unmut wurde laut über die rüde Art, mit der Hahn den langjährigen Vorstandskollegen Claus Borgward abhalfterte. Der erfuhr nur durch Zufall davon, daß Hahn und Posth bereits mit einem Nachfolger einen Vertrag abgeschlossen hatten.
Die Manager hatten weit mehr an der obersten Führung auszusetzen, als zu loben. Von den abgegebenen 829 Meinungskarten, auf denen sie ihre Anmerkungen festhalten konnten, waren rund 60 Prozent rot - es war Kritik.
Offenbar geht es Hahn inzwischen vor allem um den eigenen Ruf. Wenn von führenden Männern der deutschen Industrie die Rede ist, fallen Namen wie Rudolf von Bennigsen-Foerder (Veba), Edzard Reuter (Daimler-Benz) oder Alfred Herrhausen (Deutsche Bank) wesentlich häufiger als der Name Hahn.
Gertrud Höhler, meint Hahn, könnte für Abhilfe sorgen. Sie beeindruckt ihre Zuhörer mit der Gabe, einfache Sachverhalte kompliziert auszudrücken.
Die Wissenschaftlerin findet es "legitim, sogar strategisch richtig, daß die Orientierung am erfüllten Leben jetzt in den Vordergrund rückt". Soll heißen: Leistung macht Spaß. Führungskräfte nennt sie "Hochleister". Sachkompetenz ist "Informationsbesitz".
Frau Höhler, die bereits für diverse Ministerposten in Niedersachsen, Hessen und Bonn sowie Industriejobs gehandelt wurde, hat bereits vor einem Jahr mit der Deutschen Bank einen Beratervertrag - Honorar: rund eine halbe Million Mark - geschlossen. Die Aufgaben sind ähnlich wie bei VW: Kommunikation auf allen Ebenen.
Bei VW hat Gertrud Höhler, die auf Hahns Wunsch künftig sogar an Vorstandssitzungen teilnehmen soll, ihren Einstand schon hinter sich. Sie hielt vor Führungskräften in Wolfsburg einen Vortrag. Thema: Das Glück.

DER SPIEGEL 38/1989
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