20.11.1989

Sagen, was ist

Es mag von Bonner Seite aus taktisch klug sein zu erklären, die Deutschen wollten gar keine Wieder- oder Neuvereinigung und sie zögen in jedem Fall ein vereinigtes Europa einem vereinigten Deutschland vor. Taktisch klug mag das sein. Aber die Wahrheit ist es nicht.
Taktisch unklug, obschon die Wahrheit, ist es, den Deutschen von außen immer wieder zu versichern, daß man alle nur denkbaren Verzögerungsmittel einsetzen wird, um eine Neu-Vereinigung zu verhindern. Die letzten Wochen haben gezeigt, wie spontan Volkes Wille sein kann. Da wird man wenig Vorsorge treffen können.
Es gibt auch keinen Grund, den jetzigen Deutschen etwas vorzuenthalten, was alle anderen, namentlich die vier Alliierten, als selbstverständlich in Anspruch nehmen. "Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land", hat Willy Brandt 1972 im Wahlkampf plakatieren lassen. Nun, wir waren nicht stolz und sind es immer noch nicht. Aber welches Deutschland haben Adenauer und Dulles gemeint, als sie die Russen zurückdrängen wollten, und welches Willy Brandt?
Nicht wir stellen die Grenzen der DDR in Frage. Das hat die Regierung der DDR, eine SED-beherrschte Regierung, selbst getan. Sie hat unter, zugegeben, schwierigen Rahmenbedingungen ihre Grenzen selbst durchlöchert und aufgeweicht. Ob sie ihren Staat vor der Auflösung bewahren kann, weiß niemand.
Ob die Deutschen eine Konföderation, einen Bundesstaat oder zwei Staaten wollen, geht zuvörderst sie und nicht die anderen Staaten an. Es ist ja gar nicht gesagt, daß die Westdeutschen die Nato verlassen wollen, sowenig gesagt ist, daß die Russen Ost-Berlin und damit die DDR aufgeben. Gebraucht wird ein "Cordon sanitaire" irgendwann, wenn niemand mehr Grund hat, sich bedroht zu fühlen. Wer aber will den "Cordon sanitaire" hindern, in die EG zu streben?
Die Polen fürchten zu Recht, daß jene Milliarden, auf die sie erpicht sind, in die DDR fließen. Aber umgekehrt wird der Schuh genäht: Nur eine gesamtdeutsche Wirtschaftsgemeinschaft wird jene Milliarden aufbringen, die Polen braucht.
Polen ist am meisten Unrecht getan worden, aber schließlich sitzt es unbedroht in ehemals deutschen Gebieten. Die Rechnung, daß alle, außer den Deutschen, ihre Interessen wahrnehmen dürfen, wird nicht aufgehen. Man wird von den Westdeutschen nicht verlangen können, daß sie der EG eilbedürftig unsachliche Zugeständnisse machen, nur damit die Ostdeutschen nicht dazukommen.
Der Gedanke, die Restdeutschen in einer Wirtschaftsgemeinschaft vereinigt zu sehen, mag vielen unbehaglich sein. Aber sogar Henry Kissinger, Realist, der er ist, hält die Entwicklung für unvermeidlich. Er sieht sehr wohl, daß eine aus freien Wahlen hervorgegangene DDR-Regierung für sich bleiben und vielleicht einen "Anschluß" scheuen könnte. Für wahrscheinlich hält er das aber nicht.
Der Ost-Staat kann gar keiner werden, wenn die vier Alliierten in Berlin bleiben. Sind sie aber erst einmal weg, aufgrund erfolgreicher Abrüstungsverhandlungen, gibt es für die übriggebliebenen Deutschen nicht den mindesten Grund, sich nicht zusammenzutun. Das werden erst die Ostdeutschen und dann wir entscheiden.
So nationalistisch wie die vier Alliierten und Japan und sogar Italien sind wir noch immer nicht und werden es auch als Euro-Wirtschaftsmacht nicht sein. Uns hat man den Chauvinismus gründlich ausgetrieben.
Wir wollen keine kriegerischen und keine friedlichen Eroberungen mehr, überdies keine A-, B- und C-Waffen. Was wir ebensowenig wollen, ist: ostentative Underdog-Behandlung 45 Jahre nach dem Ende des Krieges.
Mag sein, daß der Schlüssel im Kreml liegt und daß die Gorbatschows ihn noch lange weder drehen können noch wollen. Mag sein, aber das wird irgendwann anders. Dann wird niemand die Deutschen in Ost und West hindern, ihre Interessen wahrzunehmen. Die Bedingungen, unter denen das möglich wäre, können wir, wie so vieles, nicht voraussehen.
Es sollte nur niemand, wie das heute geschieht, mit dem Argument kommen, die Westdeutschen hätten gefälligst ihre Verträge in der Nato und in der EG einzuhalten, die westlichen Alliierten ihre Verträge mit den Westdeutschen aber nicht. Da wird man sich auf einer mittleren Linie der Vernunft einigen müssen, nicht aber auf der naturgemäß unvernünftigen Linie der "Sieger". Wo der Gallier Brennus sein Schwert hineinwarf, ist keine Waagschale mehr.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 47/1989
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