15.01.1990

KriminalitätSchnee im Ball

Neueste Masche im Drogengeschäft: Ein Pizza-Zusteller lieferte Kokain frei Haus.
Wer bei "Enzo's Pizza-Bring-Dienst" eine "Pizza Palermo" bestellte, bekam für zehn Mark einen warmen Teigfladen ins Haus gebracht, belegt mit geschmolzenem Käse und erhitztem Sardellenfilet.
Erheblich teurer war eine Spezialität des hannoverschen Hauses: Eingeweihte orderten "Pizza Bomba extrascharf" oder "mit ordentlich was dran". Eine halbe Stunde später kam die Lieferung ins Haus; nicht nur Käse, Salami und Peperoni zierten das runde Gebäck. Für den Pfiff sorgte, was unterm krossen Teig lag: Kokain, sorgsam in Plastikbeutelchen verschweißt. Preis pro Gramm: 250 Mark.
Wahrscheinlich zwei Jahre lang florierte der "raffinierteste Drogenverkauf in der Geschichte der Bundesrepublik", so die hannoversche Neue Presse - bis die niedersächsische Kripo Mitte letzter Woche Razzia in vier Pizzerias und neun weiteren Gebäuden machte. Die seit Monaten observierte Bande hatte, staunten die Beamten, bei "Schickimicki-Partys" für "Bomba"-Stimmung gesorgt - gleich 50 der raffinierten Rund-Stücke sollen schon mal auf einen Schlag bestellt worden sein.
Stricherinnen aus dem Rotlicht-Milieu ließen sich die heiße Ware gern ins schummrige Boudoir bringen, wo der Szeneschnack kursierte: "Lakritz macht spitz, Pizza macht spitza." Auch "ganz normale Angestellte", so ein Kripo-Sprecher, gehörten zu den Kunden der Drogenpizza-Bäcker: "Da kauften Arme und Reiche."
Damit ist es nun erst mal vorbei. 18 Mitarbeiter und Dealer, allesamt Deutsche, wurden festgenommen, 17 von ihnen, darunter ein Geschäftsführer, blieben in Haft. Nun kostet die "Pizza Bomba", auf Wunsch auch ohne Peperoni, wieder schlichte acht Mark.
Die Pizza als Tarnung für Koks-Geschäfte ist nicht das einzige Kuriosum an diesem Kriminalfall. Eine "stinknormale hannoversche Familie", so die Kripo, hat den ganzen Handel angeschoben - anders als bei der berühmten "Pizza Connection", die in die Kriminalgeschichte eingegangen ist: Dieses Rauschgiftkartell, das seine Heroin-Geschäfte in den Hinterzimmern von Pizzerias abgewickelt hatte, war 1984 in den USA zerschlagen worden.
In Hannover dagegen war der Kripo nur ein Mitglied des Pizza-Clans zuvor aufgefallen. Der junge Mann überließ deshalb Kurierfahrten zum Transport von Haschisch und Kokain aus Amsterdam anderen Familienmitgliedern. Der Vater, freier Handelsvertreter von Beruf, wurde auf der Rückfahrt von einem Drogen-Trip nach Holland in seinem Geschäftswagen festgenommen. Auf dem Beifahrersitz saß ein weiterer Sproß, im Handschuhfach fanden sich 20 Gramm und in der Unterhose des Familienoberhauptes 200 Gramm Kokain. Außer den dreien sitzen wegen des Verdachts, gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen zu haben, auch noch die Tochter, 23, und deren Ehemann.
Das Familienunternehmen hat offenbar einiges abgeworfen. Im Fotoalbum der Koks-Händler klebten Bilder vom vorletzten Weihnachtsfest: Der Christbaum war mit Hundertmarkscheinen geschmückt, darunter lag ein aufgeklappter Aktenkoffer, bis zum Rand gefüllt mit sorgfältig gestapelten Hundertern. "Mehrere Kilo Kokain", schätzt die Polizei, "und jede Menge Hasch" hätten die Hannoveraner umgesetzt. Vermuteter Verkaufswert: rund zwei Millionen Mark.
Hauptabnehmer der Familien-Bande waren ein Hamburger Dealer, der ebenfalls sitzt, und offenbar ein Geschäftsführer der hannoverschen "Disco Duck". Er soll die Pizza-Bäcker mit dem Kokain beliefert haben. Als die Familie, Ende letzten Jahres, festgenommen worden war, ging der Dealer aus dem "Duck" auf die Suche nach einer neuen Koks-Quelle, um die Belieferung der Drogenpizzas zu gewährleisten. Im eigenen Lokal wurde er fündig.
Ein Angestellter empfahl seine Mutter als Kontaktperson. Die 62 Jahre alte Frau lebte in Berlin mit einem Wirt aus dem Rotlicht-Milieu zusammen. Ihren Lebensgefährten hatte die Frau nach Angaben der Polizei schon mal mit Hilfe von 40 000 Mark aus südamerikanischer Haft befreit. Ein Zöllner in Peru hatte den Gastronomen mit 250 Gramm Kokain erwischt, das in einer hohlen Bibel verborgen war.
Der Mann ließ die peruanische Verbindung offenbar wieder aufleben, als die niedersächsische "Pizza Connection" auf dem trockenen saß. Jedenfalls landete im Dezember ein Peruaner mit dem Flugzeug in Ost-Berlin und wechselte, kaum war die Mauer auf, mit einem Geigenkasten in der Hand unbehelligt in den Westen der Stadt zum Rotlicht-Kneipier.
Der sandte ein Postpaket an eine Tarnadresse in Hannover. Den Inhalt stellte die Polizei sicher: vier Tennisbälle, davon einer voll mit Schnee, wie die weiße Droge auch genannt wird. Weitere 450 Gramm fand die Kripo in West-Berliner Blumenkübeln.
Bei der Pizza-Razzia wurde Rauschgift nicht gefunden, jedenfalls nicht in reiner Form. Ein wenig hat sich womöglich im Blut der Festgenommenen befunden. Einige der Verdächtigten, sagt jedenfalls ein Beamter, seien "noch einen Tag später nicht wieder bei klarem Verstand" gewesen. f

DER SPIEGEL 3/1990
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