16.10.1989

„Ein Riß durch die Partei“

Steht die DDR vor einem Umbruch? Nach einer friedlichen Massendemonstration in Leipzig erklärte die SED ihre Dialogbereitschaft. Doch die Zweifel überwiegen, ob der Staat zu Reformen bereit ist; allenfalls stehen Personen zur Disposition - Staats- und Parteichef Honecker oder wenigstens SED-Propagandachef Herrmann.
Fast flehentlich beschwor die SED-Führung das Volk der DDR, ihr die Treue zu halten.
"Unsere sozialistische Deutsche Demokratische Republik", so ließen die Regenten von der Sozialistischen Einheitspartei am vergangenen Mittwoch abend über das Fernsehen verkünden, "ist das Werk des ganzen Volkes . . . Der Sozialismus braucht jeden. Er hat Platz und Perspektive für alle. Er ist die Zukunft der heranwachsenden Generation."
Und sie versprachen eine Wende: "Gemeinsam wollen wir über alle grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft beraten, die heute und morgen zu lösen sind. Gemeinsam wollen wir Antwort finden, wie wir die nicht leichten Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts im Sinne der humanistischen Ideale des Sozialismus bestehen können. Gemeinsam wollen wir unser Vaterland so gestalten, daß die wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnisse jedes einzelnen entsprechend seinen Leistungen immer besser erfüllt werden können."
Soviel Gemeinsamkeit auf einmal haben die Bürger des SED-Staates in 40 Jahren nicht erfahren. Ihre Oberen handelten nicht aus frisch gewonnener Einsicht oder weil sie die Reue gepackt hätte, sondern aus höchster Not.
Die rasante Entwicklung im Land, der sich von Tag zu Tag steigernde Aufruhr der Geister haben in der SED zum Kampf um die Macht geführt.
Um die zu retten, schien der Apparat der SED am Wochenende zum Äußersten bereit - zum Sturz des Generalsekretärs Erich Honecker.
Ein paar Tage zuvor hatten die Herrschenden in Deutsch-Ost noch nicht die Friedensschalmei geblasen: In Ost-Berlin und Dresden, in Karl-Marx-Stadt, Plauen, Leipzig und Magdeburg prügelten die Staatsschützer des realen Sozialismus gnadenlos auf Kinder und Jugendliche ein, die es gewagt hatten, auf den Straßen der Städte für Glasnost und Perestroika, für Demokratie und Meinungsfreiheit zu demonstrieren. Die Bilder erinnerten an das West-Berlin der späten sechziger Jahre - Polizisten mit Hunden, Schilden und Wasserwerfern gingen erstmals in der DDR-Geschichte brutal auf Bürger los, die Menschenrechte einforderten.
Als "Provokateure" und "Rowdys" beschimpfte die SED-Provinzpresse die Demonstranten, und das SED-Zentralorgan Neues Deutschland (ND) schrieb über den brutalen Einsatz, mit dem Vopos und Stasi am Jubiläumsabend im Ost-Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg eine Demo von rund 7000 "Randalierern" aufgelöst hatte (siehe Kasten Seite 22), triumphierend: "Die Rädelsführer wurden festgenommen."
In Haft gerieten an diesem Abend fast ausschließlich harmlose junge Menschen, unter ihnen 14jährige Mädchen, die von Uniformierten und Zivilisten gejagt wurden wie die Hasen, bevor die Staatsmacht sie zusammenschlug und wegkarrte.
Die Wende kam aus Sachsen: 50 000 Menschen, vom Kind bis zum Greis, Studenten, Arbeiter und Intelligenzler, formierten sich am frühen Montag abend in der Messestadt Leipzig zu einem endlosen Zug um die Stadt. Die Massen skandierten immer wieder "Gorbi, Gorbi" oder "Wir sind das Volk" (siehe Seite 24).
Soviel Volkspower hatten die Genossen seit dem 17. Juni 1953 nicht mehr erlebt, dem traumatischen Datum der Ost-Republik.
Als Egon Krenz, im Politbüro für die Sicherheit der DDR zuständig, die Alarmmeldung erhielt, handelte er sofort: In Leipzig verschwanden die geballt aufmarschierten Sicherheitsorgane von der Bildfläche; der Chefdirigent des Gewandhaus-Orchesters, Kurt Masur, plädierte gemeinsam mit SED-Funktionären für Dialogbereitschaft und Gewaltfreiheit. Auch in Ost-Berlin, wo Polizei und Stasi noch tags zuvor rund um die Gethsemanekirche gegen junge Demonstranten gewütet hatten, schwebte an diesem Abend plötzlich ein sozialistischer Friedensengel über den Straßen.
Zwei Tage brauchte die SED-Spitze, um sich von dem Leipziger Schock zu erholen. Am Dienstag beriet zunächst die Altherrenrunde des Politbüros unter sich, am Mittwoch zogen die Senioren die Parteisekretäre aller Bezirke hinzu. Am Abend verlas ein TV-Sprecher in der Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" 15 Minuten lang das Ergebnis, ein Konglomerat aus ein bißchen Selbstkritik und vielen feierlich-unverbindlichen Appellen an die Solidarität aller im Sozialismus Vereinten, gewürzt mit harschen Attacken gegen die bösen Imperialisten in der BRD.
Das Wort Reformen kommt in der Enzyklika des Politbüros sowenig vor wie das Wort Opposition. "Alle Meinungsäußerungen und Vorschläge für einen attraktiven Sozialismus in der DDR sind . . . wichtig", beteuern die SED-Oberhirten treuherzig, fügen aber scheinheilig an: "Wir haben dafür alle erforderlichen Formen und Foren der sozialistischen Demokratie."
Ein "Neues Forum", so die Botschaft im Klartext, habe man sowenig nötig wie einen "Demokratischen Aufbruch" oder gar eine sozialdemokratische Partei nach dem Muster der westdeutschen SPD; die Oppositionszirkel seien wohl überflüssig.
Der Schreck von Leipzig sitzt noch nicht tief genug: Einstweilen glauben die Altgenossen, sich und ihr Regime auf bewährte kommunistische Weise retten zu können, ohne auch nur einen Zipfel der Macht aus der Hand zu geben - mit unverbindlichen, vieldeutig auslegbaren Versprechungen und etwas mehr Leine fürs einfache Volk - und notfalls mit ein paar neuen Gesichtern an der Spitze.
"Ein Riß geht quer durch das Politbüro und den Apparat der Partei", sagt ein Insider. Doch er trennt nicht Betonköpfe von Reformern.
Wo sollten die plötzlich herkommen? Noch sitzen in den Spitzenfunktionen all jene, die ihre DDR in die größte Krise seit Bestehen getrieben haben.
Einig sind sie sich allesamt im eisernen Willen, ihre Macht und damit ihre Haut zu retten, uneins über die Methode: Auf absolute Härte setzen die einen, geschmeidige Anpassung an die veränderte Lage propagieren die anderen.
Am heftigsten fochten in der Krisensitzung des Politbüros die ZK-Sekretäre Joachim Herrmann, zuständig für die DDR-Medien, und Günter Mittag, oberster Lenker der maroden ostdeutschen Wirtschaft, für die harte Variante - nach der Devise: Wehret den Anfängen. Gäbe man jetzt dem Druck von unten nach, so ihr Argument, sei schon bald kein Halten mehr, dann brächen alle Dämme.
Für flexibles Taktieren dagegen plädieren jene, die noch am ehesten wissen, was im DDR-Volk wirklich vorgeht, weil sie ihre Lauscher vor Ort haben: die Chefs der Sicherheit, Egon Krenz, 52, und Stasi-Anführer Erich Mielke, 81. Den Ausschlag gaben die Pragmatiker aus der Provinz, die Bezirkssekretäre. Sie waren nicht nur Urheber der "Erklärung", sie setzten auch durch, daß eine Plenarsitzung des Zentralkomitees von Anfang Dezember auf Ende Oktober vorgezogen wird.
Dort, so versprachen die SED-Oberen feierlich, "werden wir unserer Partei und dem gesamten Volk im Sinne unserer strategischen Konzeption von Kontinuität und Erneuerung dafür unsere Vorschläge unterbreiten".
Von den Hardlinern fiel einer am Mittwoch um: Günter Mittag schlug sich auf die Seite der Realisten - und beschleunigte damit möglicherweise das Ende seines Generalsekretärs.
Der gesundheitlich schwer angeschlagene Honecker, so forderte am vergangenen Donnerstag und Freitag eine wachsende Zahl von Funktionären in der SED-Zentrale, müsse gehen. Er scheint sich nur noch schwach zu wehren.
Der Generalsekretär, der noch bei den Jubelfeiern zum 7. Oktober seine Spannkraft vorführte, habe in der Politbürositzung und in den Tagen danach kaum noch versucht, den Lauf der Dinge selbst zu bestimmen.
Insider schließen nicht mehr aus, daß mit Honecker die ganze Seniorenschaft aus dem Politbüro kippen könnte, von Mielke über Erich Mückenberger, 79, der aus Gesundheitsgründen schon 1988 gehen wollte, bis hin zu Ministerpräsident Willi Stoph, 75, und Volkskammerpräsident Horst Sindermann, 74 - gemäß einer Empfehlung des Genossen Gorbatschow, der bei seiner Visite in Ost-Berlin am vorletzten Wochenende den Altgenossen geraten hatte, schwere Zeiten wie diese erforderten jüngere Männer an der Spitze.
Einer von denen dürfte noch vor den Greisen fallen: Joachim Herrmann, im Politbüro verantwortlich für Agitation und Propaganda. Die miese Presse und das triste Fernsehen wollen Parteibasis und Arbeiter seit Wochen dringlich verändert sehen.
Wie immer in der DDR, in deren Presse höchst selten echte politische Informationen auftauchen, erblühten sogleich die Spekulationen. Alt-Forscher Manfred von Ardenne, 82, erzählte Bild, Honeckers "letzter Arbeitstag" sei Mittwoch. DDR-Schriftsteller Rolf Schneider erfuhr sogar den Namen des Nachfolgers - Kurt Hager, ausgerechnet, 77 und damit gleichaltrig mit Honecker - und das Datum des Wechsels: Freitag, den 13. Oktober. Es blieb Gerücht.
Ob der Abtritt der alten Garde der SED weiterhilft, ist zweifelhaft, solange sie nicht an ihrer Stelle unverbrauchte Köpfe präsentiert. Und die waren Ende letzter Woche nicht zu sehen: Als Nachfolger des greisen SED-Chefs wurden zwei Einheitssozialisten gehandelt, die beim Volk weit weniger angesehen sind als Honecker: Sicherheitsexperte Krenz und Günter Mittag, verantwortlich für die Mißwirtschaft.
"Uns ist es egal", sagt selbstbewußt der Ost-Berliner Pfarrer Rainer Eppelmann, "ob Honecker oder ein anderer die Reformen macht, uns interessiert nur, daß es Reformen gibt."
Entschieden war das Tauziehen in der SED bis zum Wochenende nicht. "Noch ist alles möglich", sagte ein Insider, "auch die Rückkehr zum harten Kurs."
Mißtrauisch stimmt Genossen wie SED-Kritiker, wer sich da über Nacht als Reformator des Sozialismus entpuppt - eine makabre Allianz von Altstalinisten und republiknotorischen Opportunisten, angeführt vom Politbürokraten Kurt Hager, der im derzeit 21köpfigen SED-Führungskreis für Intelligenz und Intelligentes zuständig ist und sich schon im spanischen Bürgerkrieg als Direktor von Radio Madrid rote Sporen verdient hatte.
Im Politbüro gebe es, beteuerte Hager am Donnerstag via ZDF von Moskau aus, natürlich keinerlei Differenzen: "Es ist eine einheitliche Führung, und sie wird es auch bleiben." Und tags zuvor ließ der Kultursekretär des Zentralkomitees über Radio DDR verbreiten, es gehe nun um die "Ausarbeitung einer präzisen Konzeption für die Verwirklichung erforderlicher Erneuerungen".
Das hatte Hager schon einem Redakteur der Wochenzeitung Moskowskije nowosti mitgeteilt, unmittelbar nach dem Gespräch Honeckers mit seinem Jubiläumsgast Michail Gorbatschow in Ost-Berlin.
Prompt avancierte Hager im Westen zum ostdeutschen Reformer - derselbe Hager, der noch vor zweieinhalb Jahren Gorbatschows Umgestaltung abschätzig abtat: Wenn der Nachbar die Tapeten wechsle, müsse er nicht auch renovieren; derselbe Hager, der seit nunmehr 34 Jahren verantwortlich ist für Gängelung und Drangsalierung von Kunst und Künstlern in der DDR, der seit mehr als einer Generation als oberster Zensor bestimmt, was dem DDR-Volk frommt und was es in der Kunst nicht lesen oder sehen darf. Hager ist verantwortlich dafür, daß bis heute zahlreiche Bücher von heimischen Autoren in der DDR nicht gedruckt werden - von Stefan Heym bis Jurek Becker.
Kurz nach Hager meldete sich in gleicher Tonlage der CDU-Vorsitzende Gerald Götting zu Wort, einer der Stellvertreter Honeckers im Vorsitz des DDR-Staatsrats. Götting forderte in seiner Hauspostille Neue Zeit, die Medien müßten realistisch "das Leben widerspiegeln", die Behörden ihre Entscheidungen begründen. Sogar über die Wirtschafts- und Sozialpolitik der SED, heilige Kuh ihres Erfinders Honecker, will der Christdemokrat das Volk "auf neue Weise" nachdenken lassen.
Derselbe Götting hatte eben noch versucht, seinen Parteifreund Winfried Wolk aus dem CDU-Hauptvorstand zu kippen, weil der sich während einer West-Reise vorletzte Woche in Bild und ZDF höchst kritisch über die desolaten Zustände daheim ausgelassen hatte. Wolks Rausschmiß scheiterte am Widerstand der Mehrheit der CDU-Führung.
Da mochte Harry Tisch, seit 14 Jahren Mitglied des Politbüros der SED und Vorsitzender des DDR-Gewerkschaftsbundes FDGB, nicht abseits stehen. "Jetzt gilt es", so der FDGB-Chef am Freitag in der Gewerkschaftszeitung Tribüne, "in einem vertrauensvollen, überlegten, vernünftigen Dialog mit allen Werktätigen die vorhandenen Probleme zu erörtern." Und forsch beteuerte der 62jährige: "Kritik muß geübt werden, wo Kritik notwendig ist . . . Wir sind aufgefordert und bereit, kühne und mutige Entscheidungen zu treffen. Schnelle und umfassende Informationen auf allen Ebenen sowie in den Medien sind dafür unverzichtbar."
Das ist derselbe Harry Tisch, unter dessen Leitung der FDGB zum Wurmfortsatz der Staatspartei SED verkam, der die Interessen des "volkseigenen" Arbeitgebers über die Belange der ostdeutschen Arbeitnehmer stellt, die ihrer Gewerkschaft seit Monaten in Scharen davonlaufen.
Vervollständigt wurde das Quartett der prominenten Reformer letzte Woche durch den Präsidenten des Schriftstellerverbandes Hermann Kant. In einem von der FDJ-Zeitung Junge Welt abgedruckten "Offenen Brief" beklagte sich Kant am Montag vergangener Woche larmoyant über die Zensur in den DDR-Medien, die seine Worte und die anderer treuer Schriftsteller der DDR nach Gusto verkürzten und verfälschten - nach dem Motto: "Was bedeutend ist, bestimmen wir."
Derselbe Kant, der als Chef des ostdeutschen Schriftstellerverbandes seinen Teil dazugetan hat, daß im Gefolge der gewaltsamen Entfernung des Liedermachers Wolf Biermann zahlreiche seiner Kollegen aus der Literatenvereinigung flogen und damit um ihre Existenz in Deutsch-Ost gebracht wurden.
Was Kant, Tisch und Götting mit guter Witterung für den sich drehenden Wind artikulierten, gibt wieder, was das Volk seit Wochen murrt.
In zahlreichen Resolutionen landauf, landab hatten Werktätige in den Betrieben, Künstler und die neuen Oppositionsgruppen vor allem die straff gelenkten Medien des Landes attackiert. "Die praktizierte Medienpolitik in unserem Land", so schrieben Gewerkschaftsfunktionäre des Deutschen Theaters in einem offenen Brief an Ministerpräsident Willi Stoph, "dreht die Köpfe der Menschen mit Gewalt in Richtung Westen." 20 FDGB-Vertrauensleute des VEB Bergmann Borsig in Ost-Berlin klärten ihren Harry Tisch schriftlich auf: "Insbesondere stößt die offizielle Interpretation der politischen Realität und akuter Geschehnisse durch Massenmedien der DDR mehr als bisher auf Unverständnis."
Seit vergangenen Mittwoch versuchen die Verantwortlichen im Parteiapparat der SED, die miese Stimmung im Lande umzudrehen. Im DDR-Fernsehen, neben dem SED-Zentralorgan Neues Deutschland wichtigster Pfeiler der Medienpolitik der Herrschenden, kamen plötzlich moderat-kritische Stimmen aus dem Volk zu Massenflucht und Demos zu Wort. Und das ND druckte am Freitag in voller Länge eine Präsidiumserklärung der Akademie der Künste mit herben Vorwürfen gegen das SED-Blatt: "Die alltäglichen Erfahrungen des Bürgers prägen die öffentliche Meinung in unserem Land, die oft genug im Gegensatz zu der veröffentlichten Meinung steht, ein Widerspruch, der zu empfindlichen Störungen des moralischen und geistigen Klimas in der Gesellschaft führt."
Die Junge Welt, Hauptorgan der FDJ, druckte am gleichen Tag sogar - erstmals in der Geschichte des Blattes - eine Gegendarstellung. Die Zeitung hatte über ein Gespräch zwischen Rockmusikern und Liedermachern mit dem FDJ-Chef Eberhard Aurich berichtet, das außerordentlich positiv verlaufen sei. Daß die Musiker, allesamt aus der ersten Artisten-Garnitur, auch harsche Kritik an den Zuständen geübt hatten, konnten Eingeweihte allenfalls aus nebulösen Vokabeln erahnen.
Aurichs Gesprächspartner verlangten postwendend den Abdruck einer von ihnen verfaßten Klarstellung, andernfalls würden sie den Vorgang anderswo publik machen. Die Chefredaktion schluckte die Kröte; am Freitag ließ sie die Erklärung einrücken - mit der Forderung, endlich eine inzwischen von mehr als 3000 Unterhaltungskünstlern der DDR unterschriebene Resolution für innere Reformen zu veröffentlichen - mit Sätzen wie diesen: *___"daß wir den Versuch von Bürgern unseres Landes, sich ____basisdemokratisch zu organisieren, ausdrücklich ____begrüßen"; *___"daß wir Gewalt als Mittel der politischen ____Auseinandersetzung ablehnen und einen ,himmlischen ____Frieden' befürchten".
Doch die alten Raster der SED-Agitation sind noch intakt. Was die Propagandisten so plötzlich inszenieren, ähnelt allzu deutlich der Anweisung aus dem Handbuch kommunistischer Machtsicherung für Krisenfälle: Parallel zu den kritischen Beiträgen veröffentlichten die DDR-Zeitungen am Freitag - wie gehabt - jubelnden Beifall aus allen Schichten der Bevölkerung für die weise "Erklärung" der Parteiführung.
Keine Silbe aber, daß die SED etwa bereit sei, ihre Macht zu teilen, politischen Pluralismus im Land zuzulassen. Keinerlei Gesprächsangebot an die oppositionellen Gruppen im Land, kein konkretes Wort über strukturelle Reformen in Fernsehen oder Presse, beim Wahlrecht oder in der Wirtschaft.
Statt dessen ein paar beruhigende Brocken fürs unruhige Volk: Schon bald, so verkündete Konsistorialpräsident Manfred Stolpe über West-Berliner Rundfunksender, werde es weitreichende Erleichterungen für Reisen in den Westen geben, von denen auch Sowjetbotschafter Julij Kwizinski in Bonn weiß: Es solle eine Garantie für die jährliche Ausreise von 60 000 bis 80 000 Bürgern geben. Das Ost-Berliner Innenministerium rückte in alle Freitagszeitungen die abwiegelnde Mitteilung, daß Visa für Reisen in die CSSR großzügiger, als die Bevölkerung annehme, ausgeteilt würden.
Und am Abend gab es ein weiteres Hoffnungszeichen: Kurz nachdem der Ost-Berliner Anwalt und Honecker-Vertraute Wolfgang Vogel "rechtsstaatliche Praktiken" und die Freilassung aller Inhaftierten verlangt hatte, meldete die DDR-Generalstaatsanwaltschaft wenigstens teilweise Vollzug: Alle Verhafteten - außer elf, denen Gewalttätigkeiten vorgeworfen werden - seien wieder frei. Vogels Forderung nach Gleichbehandlung - einerseits läßt die DDR republikmüde Bürger wegen Fluchtversuchs einknasten, andererseits, wenn sie sich in West-Botschaften gemeldet haben, stillschweigend ziehen - blieb einstweilen unbeantwortet.
Am selben Freitag nahm auch der alte Honecker nach Tagen der Sprachlosigkeit Stellung. Bei einer Unterredung mit den Vorsitzenden der anderen DDR-Parteien erwähnte der SED-Chef "nicht leichte Herausforderungen". Er rechnete dazu die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, gute Warenangebote, "lebensverbundene Medien" und mehr "Reisemöglichkeiten".
Am selben Abend ließ die DDR-Regierung in Bonn mitteilen, ihre inzwischen 820 in Bonns Botschaft in Warschau versammelten Flüchtlinge könnten "in ein Land ihrer Wahl" reisen, diesmal allerdings nicht wieder mit einem Zug durch DDR-Land.
Der Austausch der Köpfe wird der SED sowenig helfen wie ihr verzweifelter Versuch, Offenheit ohne Öffnung zu demonstrieren. Dafür ist die Entwicklung längst zu weit gediehen.
In den Betrieben im stark industrialisierten Süden der DDR rumort es immer vernehmlicher. Schon gibt es unter den Arbeitern Diskussionen über das äußerste Mittel - den Streik.
Die Betriebskampfgruppen, bislang Hauptstütze der Partei zur Sicherung des ostdeutschen Sozialismus, verweigern offen die Gefolgschaft: Zahlreiche Hundertschaften lehnten es in den letzten Wochen ab, an einer Ausbildung für Straßenkampf und zur gewaltsamen Auflösung von Demonstrationen teilzunehmen.
Häufigstes Argument: "Wir schießen nicht auf unsere Kinder."
Die Demos der letzten Wochen haben auch viele bislang der Partei treu ergebene Genossen in tiefe Zweifel gestürzt: Unter den Geprügelten und Verhafteten, die im Neuen Deutschland als Rowdys und staatsfeindliche Elemente beschimpft wurden, waren vielfach die eigenen Sprößlinge.
Immer mehr Genossen verzichten im Zwiespalt zwischen Parteitreue und persönlicher Redlichkeit auf das Parteibuch. Zehn Prozent, so schätzen Insider, wird die Einheitspartei beim bevorstehenden Umtausch der Mitgliedsbücher verlieren - die meisten nicht durch Ausschluß, sondern durch Austritt. Die Aktion, die eigentlich schon anlaufen sollte, wurde vorsorglich gestoppt, um ruhigere Zeiten abzuwarten.
Nicht besser ergeht es dem Genossen Tisch und seinem FDGB, der seit Wochen Massenaustritte zu verkraften hat. Die wachsende Unzufriedenheit unter den Kollegen, so meldeten die Borsig-Vertrauensleute an Tisch, habe bereits zur Folge, daß sich _____" Wettbewerbsmüdigkeit und nachlassende " _____" Leistungsbereitschaft breitmachen. Bei Anhalten dieser " _____" Situation werden über kurz oder lang schwerwiegende " _____" Folgen für viele Bereiche unserer Wirtschaft und das " _____" gesellschaftliche Leben eintreten. "
Und auch die Künstler geben keine Ruhe. Mitglieder in allen Theatern der Hauptstadt Berlin haben sich mit Reform-Resolutionen an die Parteiführung gewandt - mit Ausnahme des Friedrichstadtpalastes, dessen Ensemble-Mitglieder von der Hausleitung mit sofortiger Entlassung bedroht wurden, sollten sie sich zu oppositionellen Gruppen bekennen. Für den vergangenen Sonntag hatten die Kollegen aller ostdeutschen Theater zu einem Diskussionsforum über die Zukunft der DDR ins Maxim Gorki Theater geladen.
Die Macht der SED zerfasert von ihren Rändern her, die DDR befindet sich, so der Bonner Innenminister Wolfgang Schäuble, in einem "vorrevolutionären Stadium" - und er orakelte in der Welt düster, die Sowjets könnten womöglich "doch wieder ihre Streitkräfte einsetzen".
Ganz anders der SPD-Präside Egon Bahr. Im SPIEGEL-Interview (siehe Seite 29) plädiert er für baldige deutschdeutsche Verhandlungen um eine Ergänzung des Grundlagenvertrags: "Entweder die SED ändert sich, oder sie muß die Macht teilen." Im SPIEGEL-Gespräch (Seite 41) regte Bayerns CSU-Ministerpräsident Max Streibl Sanktionen, in seinen Worten einen "Subventionsabbau" gegenüber der DDR an.
Die Bonner Regierenden freilich vermieden letzte Woche, angesichts des Machtgerangels im zweiten deutschen Staat, jeden Kontaktversuch mit ihren regierenden Brüdern in Ost-Berlin. Kohl wartete auf einen Anruf Honeckers, der müsse von sich aus aktiv werden. Und seine Helfer verweisen darauf, daß Gorbatschow in Ost-Berlin auf eine Erneuerung gedrängt, aber keine klare Antwort erhalten habe; da wolle Bonn - Schäuble sei's geklagt - sich wirklich nicht einmischen.
Die Moskauer Gäste hatten eher amüsiert zur Kenntnis genommen, daß sich ihnen "Tapeten-Kutte" Hager (DDR-Jargon) persönlich als Reformer andiente. Auch alle anderen Gastgeber waren beim Umgang mit Sowjetreformer Gorbatschow stolz auf ihr Wirken: Da rühmte sich Mielke, ohne seine Bemühungen um Ruhe und Ordnung wäre die deutsche Ost-Republik längst aus dem Ruder gelaufen. Ober-Ökonom Günter Mittag hielt dafür, mit seinen Dezentralisierungsbemühungen in der DDR-Wirtschaft sei er ein früher Prophet der Perestroika. Und Verteidigungsminister Heinz Keßler, 69, brüstete sich, er habe seinem angeschlagenen Staats- und Parteichef klipp und klar gesagt, die Volksarmee stehe für das Niederhalten eventueller größerer Unruhen nicht zur Verfügung.
Am wichtigsten aber machte sich nach Moskauer Eindruck der Politbüro-Benjamin Krenz, der - so ein sowjetischer Gesprächspartner - "auf alles eine Patent-Antwort hatte, selbst dann, wenn er gar nicht gefragt war". Seine Betriebsamkeit aber hatte in Moskau Wirkung: Die Sowjets stellen sich auf den ehemaligen FDJ-Führer "zumindestens als interimistische Nummer eins in Ost-Berlin" ein.
Dies war auch Folge der Botschaft, die Hager seinem sowjetischen Kollegen Wadim Medwedew, in der KPdSU-Führung für Ideologie zuständig, mitbrachte: Wenn das Politbüro die Spitze auswechsele, dann werde es sich auf den wegen gelegentlichen Alkoholkonsums an einer Leberzirrhose leidenden Krenz verständigen.
In Moskau, wie in Bonn, ist Zurückhaltung angesagt; eine direkte Einmischung gilt derzeit als nicht opportun. Dennoch hätten die Sowjets ganz gern einen Lieblings-Parteichef - Markus Wolf, 66, den ehemaligen Auslandsspionage-Chef des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit, dessen Vorstellungen denen des Sowjetreformers am nächsten kommen.
Auch aus sowjetischer Sicht müßte in der DDR ohne Verzug ein breiter Dialog mit allen Bevölkerungsgruppen ohne Einschüchterung durch den mächtigen Sicherheitsapparat beginnen, die Akzeptierung vor allem der Evangelischen Kirche und der unter ihrem Schutz siedelnden Reformgruppen als konstruktive Opposition. Die Demokratisierung müsse beginnen mit allgemeinen und geheimen Mehr-Kandidaten-Wahlen auf allen Partei- und Staatsebenen.
Doch die Sowjets hüten sich vor direkter Intervention. Sie streuen allerdings gern, daß ihr Gorbi mit dem alten Honi nicht mehr viel im Sinn hat.
Als Gorbatschow dem DDR-Deutschen Mut zu machen suchte zu einem beherzten Ausbruch aus dem selbstgemauerten Getto autoritären Sozialismus und dabei auf die unvergleichlich besseren ökonomischen Ausgangsbedingungen der DDR hinwies - "Ihre Versorgungslage ist doch wirklich nicht schlecht" -, kommentierte der SED-Patriarch säuerlich: "Eben, eben."
Und dann erzählte er von seinem jüngsten Wiedersehen mit Magnitogorsk, einer Stadt am Ural, wo er einst als FDJler Aufbauarbeiten befehligt hatte, und davon, daß es dort heute in den Läden "nicht einmal Salz" gebe, geschweige denn "etwas Vernünftiges zu essen" - eine in sowjetischen Augen unerhörte Arroganz des deutschen Klassenbruders, der durch seine zahlreichen Deals mit dem bürgerlichen Bonn jährlich viele Milliarden Mark Devisen in seine Kasse schaufelt.
Von den Rändern, an denen die SED-Macht zerrinnt, kommt auch Hoffnung für die Reformwilligen in der Partei.
In den industriellen Ballungsgebieten des DDR-Südens ist die trostlose Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus am dichtesten, der Zwang zu echten und nicht nur machtsichernden taktischen Reformen für die Einheitssozialisten am drängendsten. Während in Mecklenburg, so ein Eingeborener, "alles 100 Jahre später passiert", gab es nicht von ungefähr die größte Demonstration gegen das Regime in Leipzig und die gewalttätigste in Dresden.
Die Sachsen haben seit langem Probleme mit den Berlinern. Die Leute in Leipzig etwa sind verbittert, daß nichts gegen die extrem hohen Umweltbelastungen durch die Braunkohleverfeuerung und die umliegende chemische Industrie getan wird. Untersuchungen der TH Leipzig und der TU Dresden ergaben 1987, daß der Leipziger Bahnhofsplatz der schmutzigste Platz Europas ist. Die Ergebnisse sollten im DDR-Magazin Deine Gesundheit erscheinen, der Druck wurde gestoppt.
Den Stolz der Bewohner der alten Messestadt verletzt auch, daß die DDR alles in den Ausbau ihrer Hauptstadt Berlin pumpt, während der Messeplatz Leipzig besonders abgewirtschaftet ist; ganze Viertel sind verlottert. "Die Stadt fällt zusammen", klagt eine Leipzigerin. Zudem sehen die Messestädter jedes Jahr, was der Westen technologisch zu leisten vermag, sehen die West-Autos der Messebesucher.
Der Bezirk hat eine traditionell stark organisierte Arbeiterschaft. Jetzt sitzen dort große Kombinate wie das "Metallleichtbau"- oder das "Bau- und Montage-Kombinat Süd". Die Arbeiter dort bekommen am ehesten mit, welchen Leerlauf die Mittagsche Planwut produziert. Sie sind arbeitswillig, aber sie müssen den Hof fegen, weil Teile fehlen.
Zur Unzufriedenheit der Leipziger trägt auch die Wirtschaftsdoktrin bei, daß sich die Bezirke selbst versorgen sollen. Die großen Industriezentren im Süden haben viel zuwenig Landwirtschaft, um die Ballungsgegenden ausreichend zu versorgen. So schielen Leipziger wie Dresdner jedes Jahr neidisch zu den Bezirken im Norden, wo es öfter frisches Gemüse gibt; die Messestädter brauchen nur während der Messetage nicht zu klagen.
Der Leipziger SED-Bezirkschef Horst Schumann, 65, liegt wegen der andauernden Misere seit Jahren mit der Parteizentrale in Ost-Berlin im Clinch. "Der hat sich", so ein SED-Mann, "ständig unbeliebt gemacht", nachdem er 1970 zum SED-Fürsten des Bezirks aufgerückt war. So wollte er vor zwei Jahren das liebste Spiel der DDR-Wirtschaftsplaner nicht mitmachen, die "Plan-Präzisierung". Der strenge Winter 1987 hatte auch in seinem Bezirk alle Pläne über den Haufen geworfen, die Werktätigen der sächsischen Industriestadt hinkten heillos hinter den Zielvorstellungen hinterher. Aus Ost-Berlin kam die Order, einfach das wenige Erreichte zum Plansoll zu erklären. Schumann dagegen wollte mit ehrlicher Selbstkritik den Leistungswillen ankurbeln - Ost-Berlin pfiff ihn zurück.
Unbeliebt machte er sich auch mit einem internen Brief nach Ost-Berlin, in dem er eingestand, daß ehrgeizige Baupläne nicht zu erfüllen seien. Die Reaktion der alten Herren um Chefplaner Günter Mittag war eindeutig: Es reiste eine Kommission unter Leitung des Bau-Staatssekretärs Karl Schmiechen an, um festzustellen, daß die Pläne natürlich zu erfüllen seien, die Misere allein Schuld der laschen SED-Führung vor Ort sei. Seitdem ist Schumann fast ganz von der Bildfläche verschwunden, gilt als schwer krank, "er hat sich aufgerieben", meint ein Leipziger Einheitssozialist.
Doch Schumann hat sich rechtzeitig Leute seiner Couleur in die Bezirksleitung geholt. Roland Wötzel etwa, zuständig für Wissenschaft, Erziehung und Kultur und einer der Unterzeichner des Leipziger Aufrufs. Der 51jährige gelernte Wirtschaftsfunktionär galt lange Zeit als Schumanns Kronprinz, war als SED-Chef der Stadt Leipzig zweiter Mann im Bezirk, bis er durch Joachim Prag, einen Hardliner und Aufpasser der Berliner, ersetzt wurde. Bei Wötzel haben die Dogmatiker den "Liberalismus seines Chefs" ausgemacht, Studenten und Professoren schätzen an ihm, daß er nicht "das Parteichinesisch der Primitivlinge" redet.
Oder der Wirtschaftsexperte Kurt Meyer, auch ein Unterzeichner. Der Mittvierziger hat eine Blitzkarriere vom Abteilungsleiter in einer der sieben Leipziger Stadtbezirksverwaltungen hinauf zum Bezirkssekretär hinter sich. Er gilt als Volksredner, nennt auch Probleme wie die katastrophale Versorgungslage (partei-)öffentlich beim Namen, kann mit den Arbeitern reden ("Wenn Meyer auftritt, hören die Leute zu").
Am deutlichsten scheint der Reformwille der SED in Dresden. Dort gab es nach den gewalttätigen Demos während und nach der Sonderzugaktion mit Ausreisern aus Prag die ersten Gespräche zwischen Partei und Opposition. Der Dresdner OB Wolfgang Berghofer lehnte sich dabei weit aus dem Fenster: Er sprach sich unter anderem für eine Änderung am Wahlmodus aus: "Wahlen müssen richtige Wahlen werden."
Berghofers Vorstoß überrascht nicht. Denn er hat den Hoffnungsträger aller reformbereiten Genossen im ganzen Land hinter sich: den Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow.
Die Krise der SED hat Modrows Stellung erheblich gestärkt. An ihm, so glauben SED-Funktionäre, führt in Zukunft kein Weg mehr vorbei. Spätestens beim Parteitag im nächsten Mai werde Modrow ins Politbüro aufrücken, um die Protestierer im Lande ruhigzustellen und den Genossen aus der Provinz in das Ost-Berliner Machtkarrussell einzubinden. Wer immer dann dort das Sagen habe, so heißt es, wird Modrow brauchen.
Der wahre Nachfolger Honeckers, davon sind viele Genossen überzeugt, kommt ohnehin aus einem der SED-Bezirke, weil es bei zerfallender Macht der Zentrale nur in den Regionalorganisationen eine intakte Hausmacht gibt. Wer immer Honecker jetzt beerbt, müsse spätestens dann gehen, wenn der Reformdruck von innen und aus Moskau unausweichlich wird.
Dann stehen drei Anwärter und Bezirksfürsten bereit: Günter Schabowski (Berlin), Siegfried Lorenz (Karl-Marx-Stadt) und Hans Modrow.
Der 61jährige Hoffnungsträger aus Dresden, klein und grauhaarig, paßt so gar nicht in das Bild eines typisch verknöcherten Ost-Funktionärs. Ungewöhnlich sein verschmitztes Lächeln, ein Schuß Selbstironie und der Lebensstil des gelernten Feinmechanikers: Nicht einmal die Staatssicherheit hat ihn zum Umzug in die feudale Dienstvilla bewegen können. Er lebt weiter mit seiner Frau in einer Mietwohnung und kauft statt in separaten Devisen-Läden der SED-Spitze oft in der DDR-Kaufhalle.
Wie er gilt der 60jährige Günter Schabowski als Mann Moskaus. Er hat dort studiert, ist mit einer Russin verheiratet. Der Journalist, früher Chefredakteur des Neuen Deutschland, spricht neben Russisch auch Englisch und Französisch - und ist auch sonst nicht auf den Mund gefallen. Frei nach Wilhelm Busch textete er etwa über Bundeskanzler Helmut Kohl: "Ach, wie die Welt ist so geräumig, und der Kopf ist so beschränkt." Und als er vor Jahren einmal zu Besuch bei den Genossen der französischen KP war und in die Käseabteilung eines Pariser Kaufhauses geführt wurde, überraschte er die Umstehenden angesichts der Warenvielfalt mit der Erkenntnis: "Das schafft der Sozialismus nie."
Ein offenes Wort liebt auch Lorenz, der dritte Kandidat für die Zeit nach dem Übergang. Der gelernte Mechaniker, seit 1976 an der Spitze der wichtigen Industrieregion im Süden der DDR, schlug schon vor längerer Zeit Töne an, die erst seit letzter Woche im Parteideutsch Konjunktur haben, als er einräumte, "daß in diesen vier Jahrzehnten nicht jeder Tag ein Sieg war". Und er forderte, zusammen mit den Kritikern des Systems "zu verändern, was der Veränderung bedarf."
Das war im Juli 1988. Bis Anfang letzter Woche geschah nichts.
Aber selbst neue Tapeten in der Wohnung, wenn sie denn jetzt geklebt werden, bedeuten ja nicht, daß frische Luft durchs Haus zieht.

DER SPIEGEL 42/1989
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