18.09.1989

Tante Julchen und der „Stürmer“

Lange galt der Journalist Berndt W. Wessling als geradezu beängstigend emsiger Biograph und war als der erfolgreiche Verwerter seiner lyrischen Großtante Julie Schrader umstritten. Der Münchner Literaturwissenschaftler Gert Woerner und der Musil-Detektiv Karl Corino sind ihm jetzt gründlich auf die Schliche gekommen.
Die Oldenburger Historikerin Elke Suhr zweifelte an ihren wissenschaftlichen Fähigkeiten.
Im April 1988 hatte sie eine umfangreiche Biographie des deutschen Friedensnobelpreisträgers und Weltbühne-Herausgebers Carl von Ossietzky veröffentlicht. Nun, ein Jahr später, mußte sie in einem Konkurrenzwerk lesen, daß ihr eine Unmenge wichtiger, ja sensationeller Erkenntnisse zu Leben und Werk des großen Journalisten verborgen geblieben waren.
In dieser neuesten Ossietzky-Biographie* entdeckte sie unfeine Äußerungen des Kritikers Alfred Kerr und der beiden Dichter Gerhart Hauptmann und Hugo von Hofmannsthal, die ihr entgangen waren. Sie fand verblüffende Bekenntnisse des "Freimaurers" Jean-Paul Sartre, der sich als Verehrer von Ossietzky und Franz von Assisi entpuppte.
Und all diese Funde waren vom Finder, dem Hamburger Schriftsteller Berndt W. Wessling, präzise belegt. Elke Suhr schien blamiert, schlimmer noch: Das Ossietzky-Bild, das sie in ihrer Biographie** von 1988 gezeichnet hatte, bedurfte offenbar einer gründlichen Revision.
Doch Frau Suhr sorgte sich grundlos. Der Sachverhalt sieht neuerdings völlig anders aus. Nicht die Biographin Suhr steht im Regen, sondern es ist der neue Ossietzky-Biograph Wessling, der Vorwürfe einstecken muß, daß er schlampig gearbeitet hat und seine Quellen-Nachweise viele falsche oder nicht nachprüfbare Daten enthalten. Aber das wäre noch das wenigste: Es besteht nämlich der begründete Verdacht, daß Wessling Zitate, die er anführt, selbst gebastelt und ihre Quellen getürkt hat.
Berndt W. Wessling, 54, TV-Mitarbeiter, Dichter, Journalist und Schriftsteller, Verfasser vieler Biographien, steht damit nicht zum erstenmal in dem Verdacht, daß er bei seinen literarischen Arbeiten und Entdeckungen aus trüben Quellen fischt.
Die spektakulärste Tat Wesslings war in den späten sechziger Jahren die Entdeckung seiner Großtante Julie Schrader (1881 bis 1939), deren unfreiwillig komische Gedichte der Großneffe seither in immer neuen Funden gewinnbringend ans Licht der Öffentlichkeit fördert. Wessling handelt seine Großtante gleichsam als geistige Verwandte der berühmten Alfred-Kerr-Tante Friederike Kempner, des "Schlesischen Schwans", nur daß Julchen es bunter und mit vielen getrieben haben soll. Probe: _____" Der Schossmops " _____" Schnuckili, das süße Hündchen, Ist ein wahrer Seelenhort! " _____" Schlumm're ich ein Viertelstündchen, Macht er neben mir " _____" aport. " _____" Manchmal schleckt er mir die Hände, Will auch an des " _____" Beines hier. Als ob er bei mir das fände, Was des " _____" Schnuckilis Pläsiehr! " _____" Seine Zunge ist wie Seide, Seine Pfötchen sanft und " _____" weich. Schnuppert er an meinem Kleide, Kriege ich das " _____" Zittern gleich. " _____" In der Nacht schläft er am Boden, Neben der Terrine piß. " _____" Das sind Schnuckilis Methoden. Ach, was ist das Hündchen " _____" süß! "
Kein Wunder angesichts dieser Schlüpfrigkeiten zu Schleuderpreisen, daß Wessling seinen größten Erfolg bis heute mit Julie Schrader hat. Da die Großtante ihm postum den größten finanziellen Gewinn zuschanzte, konnte er einigermaßen verschmerzen, daß die Zweifel an der Existenz des sich wie durch Zellteilung unaufhaltsam vermehrenden Julchen-Nachlasses nicht verstummen wollten. 1976 hatte der ehemalige Chefredakteur von Kindlers Literatur Lexikon, Gert Woerner, in einem Zeit-Artikel aufgedeckt, daß "das Potemkinsche Dorf aus Quellennachweisen, das Wessling um seine Julie und ihren großen Anhang aufgebaut hat, zusammenbricht, wo immer man antippt".
Weder in der Gartenlaube noch im Hausfreund noch in anderen Familienblättern der wilhelminischen Zeit war ein Schrader-Gedicht zu finden. Da nutzte auch die irrtümliche Schützenhilfe des Suhrkamp-Verlegers Siegried Unseld nichts, der behauptet hatte, Rudolf Alexander Schröder habe ihm selbst von der "superlyrischen Poetin" erzählt - Unseld revozierte: Es sei eine Verwechslung gewesen.
Zahlreiche adelige Julchen-Zeugen, die Wessling anführte, dagegen dementierten nicht. Teils konnten sie nicht mehr befragt werden, weil sie verstorben waren, teils nicht antworten, weil sie sich als erfundene Kunstfiguren mit fiktiven Adressen erwiesen.
Wessling focht die Entlarvung in der Zeit nicht an. Forsch hieß es 1977 im Klappentext eines weiteren Julchen-Buches: "Handschriften haben die Gerüchte aus der Welt geschafft. Der Fall ist abgeschlossen." Der "arme Irre" (Wessling über Woerner) habe selbst widerrufen, ließ er die Presse wissen.
Ein Gutes für Wessling hatten die ersten Zweifel an den Schrader-Gedichten. Denn, so jammerte er damals, seine Mutter, Julies Universalerbin, sei so gekränkt durch diverse Anwürfe, daß sie den ganzen Nachlaß unter strengsten Verschluß genommen und jede weitere Publikation und Einsicht in die Manuskripte bis zu ihrem Ableben verboten habe.
Wessling zeigte nur ein paar Dutzend, ihm angeblich verbliebene Manuskripte vor, veröffentlichte aber dennoch fortlaufend weitere Schrader-Bücher. Entweder verstößt er dabei als Sohn und Herausgeber ständig gegen die Verfügung seiner Mutter und verletzt hinter ihrem Rücken ihre Urheberrechte. Oder, zweite Möglichkeit: Er publiziert unter dem Namen der Großtante seine eigenen lyrischen Ergüsse.
Zum Beweis für die Echtheit der Tanten-Poesie übergab Wessling der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek vor einigen Jahren ungefähr 20 von Julchen eigenhändig aufgeschriebene Gedichte zur Verwahrung - mit der Auflage, sie dürften nur mit ausdrücklicher Wessling-Genehmigung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Das war ein cleverer Schachzug. Denn so konnte Wessling in einer Vorbemerkung zur Schrader-Lyrik-Gesamtausgabe im Heyne Verlag 1987 den Eindruck erwecken, als habe er für den Abdruck von 20 Gedichten auch die Genehmigung der staatlichen Bibliothek in Hamburg gebraucht.
Wessling rüstete sich emsig für die Feiern des 50. Todestages der "Poetantin" im November 1989. Und um sich die lukrative Geburtstagsparty nicht stören zu lassen, erwirkte er im Frühjahr eine einstweilige Verfügung gegen den Nördlinger Greno-Verlag.
Dort nämlich war im Herbst 1988 ein Sammelband unter dem Titel "Gefälscht" erschienen. Er enthielt 33 Aufsätze, ursprünglich Texte einer Sendereihe des Hessischen Rundfunks, zum Thema "Betrug in Politik, Literatur, Wissenschaft, Kunst und Musik". In einem Beitrag hatte sich die Publizistin Gabriele Stadler mit Julchen Schrader beschäftigt, "dem welfischen Schwan, der eine Ente war".
Der Rundfunkredakteur Karl Corino, Herausgeber des Bandes, und seit seiner Musil-Biographie als besonders gefuchster Quellenforscher bekannt, nahm die Einladung zum Rechtsstreit freudig auf. In einem Vorgefecht hatte Corino schon den unwiderlegbaren Beweis erbracht, daß ein erheblicher Teil der von Wessling in Handschriften vorgewiesenen Gedichte nicht von Großtante Julie gereimt wurde, sondern schlicht und einfach von diversen Dichtern des 19. Jahrhunderts stammt, darunter Robert Hamerling, Karl Gerok, Martin Greif, Nikolaus Lenau und Ida Gräfin Hahn-Hahn.
"Wer sich die Mühe macht", so Corino, "den ganzen poetischen Hausschatz der Gründerzeit durchzusehen, wird darin weitere angebliche Schrader-Produkte aufspüren."
Um Wesslings eidesstattliche Versicherung, er habe der Dichterin nichts angedichtet, zu widerlegen, ist Corino auch tief in die Wessling-Schrader-Ahnenforschung und die Großtanten-Biographie eingestiegen. Erste Resultate: Die "konsularische Anstandsdame" Schrader war in Wirklichkeit eine bescheidene Dienstmagd, die von ihrer Jugend bis zum "Freitod durch Ertrinken" arm dran war und höchstwahrscheinlich nicht einmal die Namen all der Berühmtheiten kannte, mit denen sie laut Wessling lustig-intimen Verkehr gehabt haben soll.
Außerdem hat Corino herausgefunden, daß Fräulein Schrader 1920 Insassin der "Rasemühle" war, des bei Göttingen gelegenen Provinzial-Sanatoriums für Nervenkranke. Die Diagnose lautete: Abasia hysterica, psychisch bedingte Unfähigkeit zu gehen.
Ob sie auch an einer Unfähigkeit zum Schreiben litt? Die Dokumente zeigen, daß sie offenbar nicht einmal in der Lage war, die simpelsten Geschäftsbriefe zu verfassen. Diese Aufgabe mußte sie an ihren Schwager und an Offiziersgattinnen delegieren, die sie gerade erst kennengelernt hatte. Und dabei hat sie doch vorgeblich bändeweise Verse, Tagebücher, "Correspondancen" hinterlassen. Familie Wessling verfügt da angeblich über einen unermeßlichen Schatz. Rund 470 Julchen-Gedichte sind bereits veröffentlicht, insgesamt gäbe es weit über 1000 Gedichte.
Längst zweifeln Lexika und literarische Nachschlagewerke an der Echtheit der Schrader-Poesie. In Wilperts "Deutschem Dichterlexikon" heißt es über die Werke des "Welfischen Schwans": "Alle von zweifelhafter Echtheit." "Meyers Enzyklopädisches Lexikon" befindet: "Nach jüngsten Recherchen scheint festzustehen, daß zumindest der überwiegende Teil der bisher unter ihrem Namen veröffentlichten Werke nicht von Julie Schrader selbst stammt."
Und das 20bändige dtv-Brockhaus-Lexikon von 1984 weiß über Julie Schrader: "unfreiwillig-kom. Gedichte und Dramen, bearbeitet und seit 1967 hg. von B.W. Wessling, dem ein Großteil dieser Texte zugeschrieben wird."
Auch die eigene Biographie hat der Schrader-Großneffe und großzügige Biograph umfrisiert. Behauptete der 1935 in Bremen geborene Wessling früher, er entstamme (so das Munzinger-Archiv von 1965), "einer alten Patrizier- und Senatorenfamilie", so gibt er heute zu, daß er der Sohn eines Elektrikers ist. Aber darauf besteht er: gleichzeitig ein Nachkomme des Philosophen Moses Mendelssohn und des romantischen Schriftstellers Friedrich Schlegel zu sein. Und das, obwohl Friedrich Schlegel kinderlos starb.
Mehr als fraglich ist, ob Wessling seine Kindheit im südfranzösischen Exil verbrachte oder in der Lüneburger Heide. Umstritten ist, ob er tatsächlich Schüler von Edwin Fischer (Klavier) und Rudolf Bockelmann (Gesang) war und als kaum 30jähriger das bereits mit mehreren ausländischen Orden dekorierte einzige Ehrenmitglied der Organisation "Jeunesses musicales". Eher scheint man seine Ahnen in der Verwandtschaft eines gewissen Felix Krull suchen zu müssen, des Hochstaplers von Thomas Manns Gnaden.
Seltsam liest sich auch Wesslings Werkliste. Bis in die Mitte der siebziger Jahre renommierte er mit dem Bestseller-Erfolg seines angeblich 1965 erschienenen Romans "Louisa": Der sei mit Danielle Darrieux in Frankreich verfilmt worden. Ein Theaterstück "Louisa" sei 600mal im Pariser Theatre Sarah Bernhardt gespielt worden.
Nichts davon ist wahr. Auch für Wessling nicht mehr. Doch daß der einstige Tausendsassa und Hans-Dampf-in-allen-Ruhmesgassen seine früheren Lebensstationen inzwischen teilweise ausradieren mußte, zeugte weniger von Einsicht als von Rückzug.
Und nicht nur mit dem Leben und den Versen seiner Tante und dem eigenen Leben weiß Wessling so hervorragend zu "schradern" (Woerner), sondern auch in seinen Biographien geht es hoch her. Und als Porträtist musikalischer und literarischer Größen schwindelt er noch viel dreister, viel bösartiger.
Wen immer er biographiert hat, ob den Kafka-Freund und -Herausgeber Max Brod (1969), die Komponisten Franz Liszt (1973) und Gustav Mahler (1974), die Künstlergattin Alma Mahler-Werfel (1983), die Dirigenten Toscanini (1976) und Furtwängler (1985), Beethoven (1977), Meyerbeer (1984) oder den Schriftsteller Kurt Tucholsky (1985 und 1989) - alle hat er sich ganz privat vorgeknöpft, hat ihre Intimsphären neu durchleuchtet und dabei eine überschäumende Phantasie walten lassen.
"Wenn man erst anfängt, über Wahrheitsgehalte nachzudenken, sollte man es aufgeben, eine Biographie zu schreiben", verkündete Wessling in schöner Offenheit in einem Brief an den Musikwissenschaftler Fred K. Prieberg, seinen Widersacher im Streit um die Furtwängler-Biographie. Dieser Devise ist Wessling bis heute treu geblieben.
In detektivischer Kleinarbeit hat der Lexikograph Woerner in den vergangenen drei Monaten hundert ihm fragwürdig erscheinende Quellenangaben aus fünf von Wessling verfaßten Biographien in mehr als 20 Bibliotheken und wissenschaftlichen Instituten in der Bundesrepublik, Österreich, der Schweiz und der DDR überprüft. Ergebnis: 90 Quellen erwiesen sich als total trübe. Die genannten Werke gab es nicht; Zeitungen, die Wessling anführte, waren zum angegebenen Zeitpunkt noch nicht oder nicht mehr oder überhaupt nie erschienen. Wenn aber Titel und Datum stimmten, dann fanden sich die von Wessling zitierten Texte dort nicht.
Das skandalöseste Ergebnis der Woerner-Recherchen: Wessling führt in seinen Quellen Übelkeit erregende Haßtiraden der braunen Presse gegen Tucholsky und Ossietzky an - doch die schmuddeligsten Zitate, die er in den Nazi-Zeitungen gefunden haben will, haben dort nicht gestanden.
Wo Woerner auch nachforschte, ob er ein Brecht in den Mund gelegtes Rote Fahne-Zitat, eine Verlautbarung aus dem Hause Mann, eine obszöne Unverschämtheit des NS-Ideologen Alfred Rosenberg oder des Nazi-Dichters Will Vesper suchte, fast immer versandeten die Wesslingschen Quellen im Nichts. Dabei waren ihm plumpe Fehler unterlaufen - so, wenn Wessling die NS-Organe Nationalsozialistische Monatshefte und Deutsche Kulturwacht aus den Jahren 1927 und 1929 zitiert, obwohl sie erst von 1930 beziehungsweise 1932 an erschienen. Oder wenn er den Schwäbischen Merkur aus einer Zeit zitiert, als es ihn nicht mehr gab.
Wessling zitiert das Hetzblatt Stürmer und die Kitschpostille Film und Frau mit Tagesdatum, obwohl beide Zeitschriften nur durch Nummernzählung gekennzeichnet waren.
In seinem Tucholsky-Buch von 1985 heißt es, daß der Leitartikel des Völkischen Beobachters (Ausgabe Nord) vom 25. Juli 1936 die "beschnittenen Kreaturen vom Schlage Tucholsky" attackiert, sie "Untermenschen" und "Rattenfänger" genannt habe, denen man "ihr eigenes Gift in den Rachen schieben (wird), damit sie daran krepieren". Pech nur für Wessling, daß dergleichen eine Woche vor Beginn der Olympischen Spiele in Berlin nicht einmal im Stürmer hätte stehen können. Die Reichshauptstadt Berlin war bereits voller Sportler aus aller Welt, NS-Propagandaminister Goebbels hatte die Zurschaustellung von frisch-frommfröhlich-freier Liberalität befohlen.
Es fragt sich, ob Wessling die rüde Diffamierung von Juden und Antifaschisten durch die Nazis nicht genügt hat, so daß er mit eigener zynischer Feder hinzuerfinden zu müssen meinte. Jedenfalls stand 1936 während und kurz vor der Olympiade kein böses Wort über Tucholsky im Völkischen Beobachter, egal, ob in der Berliner, der Süd- oder der Nord-Ausgabe. Es gab auch keinen Anlaß zu neuer Tucholsky-Beschimpfung, denn Tucholsky war am 21. Dezember 1935 im Exil verstorben.
Als wäre die sarkastische Meldung von Tucholskys Selbstmord in Nummer 11/1936 des Stürmer noch zu zahm, setzt Wessling noch eine Schmähung des Toten drauf. Am 20. April 1936 soll im Stürmer zu lesen gewesen sein, daß die "Bewegung" es geschafft habe, "die Judensau Tucholski (sic) sich selber abgestochen zu sehen" - doch es gibt keine Stürmer-Ausgabe mit diesem Datum.
Diese "Judensau"-Schmähung unbekannter Herkunft wird also exklusiv in Wesslings neuer, umfangreicherer Tucholsky-Biographie stehen. Dort findet sich noch weiterer Unsinn: Es war schon aus ballistischen Gründen nicht möglich, bei Hitlers Marsch zur Feldherrnhalle im November 1923 die Nazi-Putschisten so zu beschießen, daß "Görings Hoden . . . am Denkmal des Feldherrn Tilly" klebten. Dort baumeln sie nur in Wesslings überhitzter Phantasie.
Aus purer Klatschsucht verwechselt Wessling auch schon den Völkischen Beobachter mit einem heutigen Boulevard-Blatt. Denn im VB soll am 8. Dezember 1942 gestanden haben, Frau Goebbels hätte aus einer Aufführung der "Meistersinger" in der wiedereröffneten Berliner Staatsoper hinausgeführt werden müssen, weil sie "in Tränen ertrinkt", so sehr habe sie die "deutsche Gewalt" des von Furtwängler "edel und hehr angestimmten Vorspiels" mitgenommen. Natürlich steht das nirgends.
Ebenso erfunden hat Wessling, daß der Operettenkomponist Jean Gilbert, der die gleiche Schule besucht haben soll wie Ossietzky, eine Autobiographie veröffentlicht hat. Da es diese Autobiographie nicht gibt, wie sich in der "Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur" der Universität Hamburg nachweisen läßt, kann in ihr auch nicht jener von Wessling zitierte Satz Gilberts über den Verlust seiner Vorhaut stehen.
Daß die Wissenschaftler Wesslings Treiben bis heute weitgehend geduldet haben, erklärt sich auch daraus, daß man Kontroversen mit Wessling lieber aus dem Wege geht.
Wo sein bevorzugter Assoziationsbereich liegt, geht aus einem Rundbrief hervor, den er 1986 an "liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde und hochachtungsvolle Kontrahenten" versandte: _____" Wie man den sogenannten Kritikern mit " _____" "Killermentalität" (Günter Grass) begegnet und ihnen, den " _____" Reininghaus', Löbls, Budwegs, Zelinskys, Beckers, " _____" Geitels, Kerstens - und wie die kalten und warmen Krieger " _____" auf der "Literatur"-Szene sonst heißen mögen, mit " _____" gesitteten juristischen Mitteln beikömmt, beweisen die " _____" beigefügten "Zertifikate", deren Lektüre auch Ihnen zu " _____" denken geben mag. " _____" Von Kaiser in München oder Reich-Ranicki in Frankfurt " _____" totgeschwiegen zu werden, muß man als wahrhaft hohe " _____" Auszeichnung erkennen, von mittelmäßigen Zuträgern der " _____" Presse angeschissen zu werden, von dem "mafiosen Gezücht" " _____" (wie es schon Tucholsky nannte), das die " _____" Rundfunkanstalten und sonstigen Medienverwalter schamlos " _____" zu (politisch-)machtgeilen Eskapaden ausnutzt, ist " _____" hingegen als Verleumdung zu werten, die man kurzerhand " _____" und am besten mit Einstweiligen Verfügungen, " _____" Unterlassungsforderungen und Schmerzensgeld-Einklagungen " _____" ahndet. " _____" Von solchen Schmerzensgeldern habe ich mir in den letzten " _____" fünf Jahren in meinem " _____" Eigentum zwei Scheißhäuserl im Renaissancestil mit puren " _____" Goldapplikationen von einem Pariser Interieuristen " _____" einbauen lassen! "
Wer es bisher wagte, Wessling etwas am Zeuge zu flicken, mußte für allzu pauschale Vorwürfe, zum Beispiel für den des Plagiats, beträchtliche Bußen zahlen. Was Wesslings erfundene Nazi-Zitate anlangt, so könnte er diesmal selbst juristische Schwierigkeiten bekommen, denn Paragraph 86 des Strafgesetzbuches stellt das Herstellen und Verbreiten von Propagandamitteln einer ehemaligen nationalsozialistischen Organisation unter Strafe. In einem Kommentar zu diesem Gesetz heißt es: "Auf die Motive des Autors kommt es ebensowenig an wie auf die Tendenz des Täters oder der sonst am Herstellungs- und Verbreitungsprozeß Beteiligten."
Demnach kann ein solcher "Täter" seine Handlung auch nicht damit rechtfertigen, er habe Texte des Stürmer und des Völkischen Beobachter, also Propagandamittel der NSDAP, nur deshalb durch eigene Nachschöpfung in deren Stil und unter deren Namen verfaßt und in Umlauf gesetzt, um die Schändlichkeit dieser Presse besonders nachhaltig anzuprangern.
Wessling selbst hat verkündet, daß er zur Feier des 100. Geburtstags von Carl von Ossietzky am 3. Oktober in der Hamburger Ossietzky-Bibliothek den Festvortrag halten werde.
Es wird nicht das Grausamste sein, was dem "Märtyrer für den Frieden" jemals zustieß, vielleicht aber das Peinlichste.

DER SPIEGEL 38/1989
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