18.09.1989

ExhibitionistenUnglaubliches Hochgefühl

Als „Schamverletzer“ und „Gliedvorzeiger“ werden sie von Polizisten gejagt und von Richtern bestraft. Exhibitionisten gründeten eine Selbsthilfegruppe.
Wenn ihn der dumpfe Drang überkommt, treibt es ihn hinaus in die Parks oder an den Stadtrand, wo die Buslinien enden. Dort lauert er, im Gebüsch verborgen, Passantinnen auf, die einen "bestimmten Frauentyp" verkörpern: "Erotische Ausstrahlung" sollen sie besitzen, etwa "ein Kleid mit Seitenschlitz" tragen und von einem Parfümhauch umweht sein.
Taucht irgendwann eine solche Traumfrau auf, dann zieht eine "unsichtbare Hand" den Wartenden aus seinem Versteck. Sekunden später läßt er die Hosen fallen - stumm und stolz präsentiert er der Frau den kleinen Unterschied, der ihn zum Mann macht: "Ein unglaubliches Hochgefühl" durchströmt ihn dabei.
Seit 25 Jahren geht Alfred Esser*, 46, als Exhibitionist auf die Pirsch. Längst hat er aufgehört zu zählen, wie oft er dabei gejagt, verhaftet, verhört und vor Gericht gestellt wurde. Weder Gefängnisstrafen (insgesamt sieben Jahre) noch Geldbußen (zusammengerechnet an die 25 000 Mark) haben den Dauer-Delinquenten zähmen können. In der Rückschau erscheint ihm sein bisheriges Leben wie eine Flucht ohne Ende.
Nun aber hat der gehetzte Triebtäter gleichsam die Flucht nach vorn angetreten: Nach der Therapie in einer Psychoklinik, die ihm erstmals Einblick in sein verkorkstes Seelenleben verschaffte, gründete Esser in seiner Heimatstadt Dortmund die erste und bislang einzige deutsche Selbsthilfegruppe für Exhibitionisten - eine Spezies von Sexualstraftätern, die im Juristendeutsch als "Schamverletzer" oder, südlich der Mainlinie, derb als "Gliedvorzeiger" (Polizeikürzel: "GVZ") stigmatisiert und von Gesetzeshütern streng verfolgt werden.
Im Schutz der Gruppe, die vom örtlichen Gesundheitsamt unterstützt und von einem Sozialarbeiter betreut wird, können Esser und ein Dutzend seiner Leidensgefährten zum erstenmal "offen und angstfrei" über ihren tristen, von Zwangshandlungen und ständiger Furcht diktierten Alltag sprechen; das allein, sagt Esser, sei eine Wohltat für die meist verhuschten Sex-Schausteller, denen zu Unrecht nachgesagt werde, sie seien gefährliche Sittenstrolche.
Für gänzlich unangemessen hält Esser Fahndungsaktionen wie unlängst im Umkreis von Dortmund, wo die Polizei - wie im Schimanski-Tatort "Blutspur" - einem flüchtigen Gliedvorzeiger sogar mit dem Hubschrauber nachsetzte. Durch Hetzjagden "wie auf Terroristen oder Bankräuber", klagt Esser, werde den durchweg harmlosen Triebtätern ein gräßlich verzerrtes Image verpaßt.
Was die grimmig Verfolgten zwingt, allen Risiken zum Trotz immer wieder in so bizarrer Manier aufrechte Männlichkeit zu demonstrieren, kann auch der Dortmunder Gruppengründer nur ahnen. Selbst die Experten, weiß er, tappen bei der Ursachenforschung noch im dunklen; sie munkeln, etwa im "Handbuch der Klinischen Psychologie", von "unreifer Lustsuche" oder einem "Abwehrmechanismus gegen Kastrationsängste" - soll heißen: Weil den Tätern in der Jugend die Lust am Glied erzieherisch verdorben wurde, neigen sie später zu einem "genitalen Imponiergehabe", mit dem sie sich selbst und fremde Frauen von ihrer Virilität überzeugen wollen.
Gliedvorzeiger Esser kann solche Deutungsversuche inzwischen nachvollziehen: Eine bigotte, gefühlskalte Mutter hat den Knaben Alfred großgezogen, alles Geschlechtliche war der frommen Frau zuwider. "Körperkontakt mit ihr", erinnert sich der Sohn, "gab es nur, wenn ich Prügel bezog oder mit der Wurzelbürste abgeschrubbt wurde." Doch geholfen hat dem Triebtäter die Freudsche Seelenarbeit bislang nicht.
Hilfe versprechen sich Esser und seine Gruppen-Kameraden eher von gründlicher Volksaufklärung und einem Gesinnungswandel der Richter, die das Treiben der Schamverletzer vielfach mit unnachsichtiger Strenge ahnden. Zumindest Gefängnisstrafen, die den Verurteilten oft für immer aus der bürgerlichen Bahn werfen, sollten nach Ansicht Essers künftig nicht mehr verhängt werden, eine Auffassung, die von liberalen Rechtsgelehrten mittlerweile geteilt wird.
"Ungereimtheiten bei der strafrechtlichen Verfolgung des Exhibitionismus" beklagt in der Zeitschrift für Rechtspolitik etwa die Bremer Juristin Anja von Hören, die von einer nur "geringen Sozialschädlichkeit" dieses Sittendelikts ausgeht: Es gebe dabei, urteilt sie, letztlich keine "Opfer", allenfalls "Adressaten" der Tathandlung. Selbst Kindern werde heutzutage durch die "Präsentation" eines Gliedvorzeigers kaum mehr Schaden zugefügt; was die Kleinen dagegen verstöre, sei weit öfter die peinliche Befragung durch Polizisten oder Staatsanwälte.
Eine Studie, die das Bundeskriminalamt in Wiesbaden anstellen ließ, bestätigt diese Einschätzung: Bei insgesamt 8000 Exhibitionismus-Opfern, die Jahre nach der Tat von Experten befragt wurden, wies kein einziges seelische oder sonstige Spätschäden auf.
Für "unverständlich" hält Anja von Hören auch den Umstand, daß laut Gesetz nur Männer die Straftat der Schamverletzung begehen können - vermutlich, schätzt sie, weil im Umkehrfall "belästigte Männer schwer zu finden sein" dürften. Würden Frauen, die sich etwa beim Cancan ganz ungestraft eine Blöße geben dürfen, das im dämmrigen Park präsentierte Glied stets mit Gleichmut oder überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen, so würde sich nach Ansicht der Juristin das Rechtsproblem womöglich rasch in Luft auflösen.
Schon jetzt werten manche Richter das Delikt nur noch als Ordnungswidrigkeit, wobei sie sich vor allem auf Untersuchungsergebnisse von Psychologen verlassen: Danach wahren Exhibitionisten in aller Regel einen gehörigen Abstand zu ihren Adressatinnen, meist hüten sie sich, die verblüfften oder erschreckten Frauen auch nur anzusprechen. Von den rund 10 000 Schamverletzern, die jährlich in flagranti gefaßt werden, läßt sich kaum einer zu aggressiven Sexhandlungen hinreißen.
Nichts liege ihm ferner, beteuert auch Alfred Esser, als Frauen oder Kinder zu erschrecken. Zu seinen "Aktionen" treibe ihn allein das Bedürfnis, "Staunen und Bewunderung hervorzurufen" und zu "zeigen, daß ich ein funktionierendes Glied habe". Eher sieht er sich und seinesgleichen in der Rolle eines Aggressionsopfers, das von zotenreißenden Polizisten gedemütigt und von haßerfüllten Frauen denunziert wird.
Jahrzehntelange Praxis hat ihm den Blick geschärft für jene Frauen, die kaltblütig oder auch in Panik lauthals nach der Polizei rufen. Die greift sich den einschlägig Vorbestraften selbst dann, wenn die Zeugin den mutmaßlichen Täter nur vage beschreiben kann; anschließend, klagt Esser, "versuchen die Fahnder dem Erwischten meist alle noch unaufgeklärten Sexualdelikte anzuhängen".
Zwei Frauentypen hat Esser, der mit seiner Selbsthilfegruppe bedrängten Leidensgenossen künftig beispringen will, auf seinen erotischen Streifzügen fürchten gelernt - eloquente "Emanzen", die nicht ruhen, bis der Polizeiapparat auf Hochtouren läuft, und deren altmodisch moralisierende Gegenspielerinnen, die in den armen Teufeln im Trenchcoat gleich den leibhaftigen Gottseibeiuns erblicken.
Dieser zweite, kirchenfromme Typ, so wundert sich Esser, "gleicht aufs Haar meiner Mutter, die mich doch erst zu dem gemacht hat, was ich heute leider bin".

DER SPIEGEL 38/1989
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