12.03.1990

„Pillen wie das tägliche Brot“

Die Anabolika-Affäre um den kanadischen Sprinter Ben Johnson, behaupten Sportfunktionäre, habe zu einem Selbstreinigungsprozeß unter den Athleten geführt. Doch immer noch wird gedopt, auch in beiden Teilen Deutschlands. In einer Artikel-Serie dokumentiert der SPIEGEL, wie Mediziner und Funktionäre manipulieren.
Im schottischen Glasgow, bei den Hallen-Europameisterschaften der Leichtathleten am vorletzten Wochenende, kamen die Damen und Herren aus der zweiten Reihe plötzlich weit nach vorn.
Klaus Bodenmüller, ein kräftiger Bursche aus dem Leichtathletik-Entwicklungsland Österreich, stieß bei der Hallen-Europameisterschaft die Kugel weiter als der Olympiasieger Ulf Timmermann aus der DDR. Die Sprinterin Ulrike Sarvari aus Sindelfingen, bei allen großen Titelkämpfen der vergangenen Jahre nur einmal im Finale, siegte gleich zweimal - über 60 und über 200 Meter. Die Kugelstoßerin Claudia Losch aus Fürth, die in Los Angeles nur deshalb Olympiasiegerin wurde, weil die Konkurrenz aus dem Ostblock nicht antrat, verwies die stämmigen Damen aus DDR und UdSSR auf die Plätze.
Die über Jahre festgefügten Hierarchien des Sports sind gleichsam über Nacht zusammengebrochen, den Seriensiegern von einst sind die Muskeln schlaff geworden. Die revolutionären Veränderungen auf dem Siegertreppchen sind nicht nur in der Leichtathletik erkennbar. Auch Schwimmer oder Gewichtheber des Ostblocks müssen plötzlich mit Niederlagen leben.
Leichtgläubige Beobachter hatten Erklärungen für die überraschende Wende schnell parat. Der frühere Zehnkämpfer Werner von Moltke, heute Vizepräsident beim bundesdeutschen Leichtathletik-Verband, stellte zufrieden fest: "Endlich greifen die verschärften Dopingkontrollen." Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sah bereits "postanabole Zeiten" angebrochen.
Tatsächlich aber hat sich beim Anabolika-Gebrauch der Leistungssportler grundsätzlich nichts geändert. In Ost und West wird gedopt wie eh und je.
Der Leistungsknick der Ost-Athleten ist vielmehr nur eine vorübergehende Erscheinung. Die Umwälzungen in Politik und Gesellschaft haben sich auch auf den Sport ausgewirkt. Der Dirigismus, mit dem die Manipulationen jahrelang äußerst effektiv betrieben wurden, funktioniert nicht mehr. Die Ost-Athleten sind beim Doping jetzt auf Eigeninitiative angewiesen - und haben ihre Probleme damit.
Denn bis zum Ende letzten Jahres wurde im DDR-Sport mit einer beklemmenden Perfektion gedopt. Der ehemalige Schwimmtrainer des ASK Potsdam, Michael Regner, 37, schildert im SPIEGEL, wie Athleten und Trainer von den auf Medaillen fixierten Funktionären und Ärzten zu willenlosen Dopingsündern gemacht wurden (siehe Seite 218). Regner flüchtete im August vergangenen Jahres über Ungarn aus der DDR, trainierte dann beim EOSC Offenbach, dem Klub von Olympiasieger Michael Groß, und arbeitet jetzt als Trainer in Neuseeland.
Schon 13jährige Mädchen, so enthüllt Regner, bekommen in der DDR ohne ihr Wissen das Anabolikum Oral-Turinabol verabreicht, hergestellt im VEB Jenapharm. Wenn sich dann die ersten Erfolge einstellten, wurden die Mädchen über ihre "sportmedizinische Betreuung" aufgeklärt und gleichzeitig zu strengster Geheimhaltung verpflichtet. Die perfide Methode funktionierte reibungslos. Alle Athleten, die in das "Programm" mit "Unterstützenden Mitteln" aufgenommen waren, schluckten die verordneten Anabolika "wie das tägliche Brot" (Regner).
Der jeweilige Doping-"Zyklus" wurde von der "Sportmedizinischen Kommission" in Ost-Berlin zentral für alle Trainingsgruppen festgelegt. Dann standen auch Stars wie die sechsfache Olympiasiegerin von Seoul, Kristin Otto, oder die Europameister Jörg Hoffman und Susanne Börnike bei den Trainern an, um sich die Pillen abzuholen.
Das ausgeklügelte Verfahren, bei dem jeder Beteiligte nur soviel wußte wie unbedingt notwendig, ist nach den Veränderungen in der DDR zusammengebrochen.
Die Unterversorgung mit Anabolika hat die einstigen Hätschelkinder des Sozialismus verunsichert. Der Leichtathletik-Experte Robert Hartmann beobachtete eine Umkehrung jahrelanger Rituale: Hatten bisher stets bundesdeutsche Verlierer die DDR-Sieger unsauberer Methoden bezichtigt, so stellten jetzt die Ostdeutschen "mit Kennerblick" (Hartmann) die Leistungen westlicher Sieger in Frage.
Entgegen den hehren Beteuerungen, die nach dem Olympia-Skandal um den kanadischen Sprinter Ben Johnson von Sportführern abgegeben werden, wird die im Hochleistungssport immer noch real existierende Dopingpraxis nirgendwo mit wirksamen Kontrollen bekämpft.
Die vom Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Juan Antonio Samaranch, als Wunderwaffe angekündigte "Doping-Polizei", die weltweit unangemeldet Anabolika-Tests während des Trainings vornehmen soll, wartet immer noch auf ihren ersten Einsatz. Die nationalen Organisationen können sich nicht auf eine einheitliche Verfahrensweise einigen. Auch die von einzelnen Fachverbänden initiierten Kontrollen verlaufen merkwürdig: Die Klientel weiß genau, wann die Fahnder auftauchen - und ist so rechtzeitig "clean". Oder sie kommt einfach nicht.
Es fehlt wohl auch am rechten Willen der Sportführer, "den Sumpf" (Samaranch) trockenzulegen. Selbst Geständnisse vor unabhängigen Gremien blieben ohne Folgen. Der Untersuchungsausschuß des kanadischen Parlaments im Fall Johnson überführte viele Athleten. Aber nur der Sprinter wurde gesperrt.
Und wann immer sich Sportler zum Doping bekannten, vertuschten doppelzüngige Funktionäre die Vorgänge. So mußte die DDR-Eisschnelläuferin und dreimalige Olympiasiegerin Karin Kania ihre Aussage ("Wir befanden uns in einem Teufelskreis") öffentlich revidieren. Auch der Anschuldigung des ehemaligen Bobweltmeisters Steffen Grummt ("Ich habe gesehen, wie Doppel-Olympiasieger Wolfgang Hoppe Turinabol genommen hat") wurde nicht nachgegangen.
Dopingvorwürfe des Sportmediziners Hans-Georg Aschenbach und der früheren Weltrekordlerin Christiane Knacke (beide aus der DDR) stritt Egon Müller vom ostdeutschen Schwimmverband noch im August letzten Jahres heuchlerisch ab: "Es kotzt uns an." Dabei hatten die DDR-Schwimmer, wie jetzt Trainer Regner im SPIEGEL belegt, nach Monaten der Verunsicherung gerade wieder das volle Dopingprogramm aufgenommen.
Angesichts der weltweiten Hinhaltetaktik haben amerikanische Politiker den Glauben an eine Selbstreinigung des Sports verloren. Im vergangenen Jahr, in dem auch der US-Star Carl Lewis in Dopingverdacht geriet, wurde ein neu formuliertes Bundesgesetz wirksam, das die Abgabe von Anabolika mit einer Gefängnisstrafe bis zu sechs Jahren bedroht.
In Deutschland dagegen stehen Gesetzesvorlagen nicht zur Diskussion. Funktionäre und Mediziner sitzen das Problem aus. Während politische Machenschaften - von Wandlitz über Devisenschiebung bis hin zu den Schnüffeleien der Stasi - aufgedeckt werden, hat die neue Offenheit die geheimnisumwitterte Dopingpraxis in der DDR noch immer nicht erreicht.
"Wie eh und je", sagt Regner, "sitzen die Drahtzieher für den jahrelangen Anabolika-Mißbrauch in den Führungspositionen" - mit seinem Bekenntnis wolle er erreichen, "daß solchen Leuten das Handwerk gelegt wird". Athleten und Trainer hätten gegen das Diktat der Mediziner "keine Chance gehabt".
Jetzt steht offenbar auch noch eine unselige Allianz der Dopingexperten aus Ost und West bevor. In Leipzig vereinbarten Sportmediziner aus beiden Teilen Deutschlands eine enge Zusammenarbeit. In einer Aufwallung von Bekennerdrang gab Hermann Buhl, stellvertretender Leiter des Bereichs Sportmedizin im DDR-"Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport", zu verstehen, die Experten hätten weitere Dopingtricks ("lauter Knaller") in petto.
Am Wissen der Geheimnisträger aus den Dopingzentralen der DDR besteht im Westen offenbar Interesse. Dr. Jochen Neubauer, der Arzt, der in Potsdam die Schwimmer mit Anabolika versorgte, fuhr am 20. Februar ins westfälische Warendorf, um "Stellenangebote zu prüfen". Manfred Thiesmann, Cheftrainer der bundesdeutschen Schwimmer, hatte ihn eingeladen. Im Olympiastützpunkt in der Warendorfer Bundeswehrkaserne führte Neubauer ein mehrstündiges Gespräch mit westlichen Spezialisten.
Das Bonner Verteidigungsministerium erklärte, es habe sich dabei lediglich um einen "Gedankenaustausch" gehandelt. Kontaktsucher Neubauer indes hofft, seine Fertigkeiten weitergeben zu können: "Langfristig ist auch die Bundesrepublik auf Doping angewiesen, wenn sie in der Weltspitze mithalten will."

DER SPIEGEL 11/1990
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