12.03.1990

Bildhauer Gies zwischen Skandal und Staatskunst

Einst hat er deutsche Spießer in besinnungslose Wut versetzt, schließlich etablierte er vor aller Augen ein staatstragendes Design, doch sein Name ist wenigen ein Begriff geworden. Im Leverkusener Museum Schloß Morsbroich wird jetzt vorgeführt, was der 1966 gestorbene Bildhauer Ludwig Gies sonst noch zu bieten hatte (bis 29. April, später in Berlin und Niebüll). Seine kraß-expressionistische Kruzifix-Skulptur, die 1922 anonyme Lübecker zum Vandalismus hinriß und 1937 als ein Hauptbeispiel für "entartete Kunst" galt, kann, als Kriegsverlust, ebensowenig ausgestellt werden wie jener große Adler von der Stirnwand des mittlerweile abgerissenen Bundestagsplenarsaals, der in einem Bonner Magazin auf Wiederverwendung wartet. Zwischen Ausdruckskunst und Heraldik aber präsentiert sich ein reiches, zumeist gemäßigt modernes Schaffen in solider Handwerkstradition. Gies, anfangs als Metallziseleur ausgebildet, war ein Spezialist für Medaillen und figürliche Reliefs von handlichen Formaten, außerdem ein kompetenter Kunstam-Bau-Zulieferer. In derart dienender Funktion bekam er, ungenannt und dank Architektengunst, auch zur NS-Zeit noch Aufträge; nur ein monumentaler "Eichbaum" für den Sitz des Generalgouverneurs in Krakau blieb umständehalber unvollendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Gies vielfach mit kirchlichen Bestellungen bedacht. Ein großer Nachlaß-Anteil fiel durch Schenkung dem Leverkusener Museum zu, das dafür neben dem Ausstellungs- nun auch einen Bestandskatalog vorlegt.

DER SPIEGEL 11/1990
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