12.03.1990

AutorenEin Alptraum, ein Inferno

Wie starb Anne Frank? Sechs Frauen, ehemalige KZ-Häftlinge, geben erstmals Augenzeugenberichte.
Mit Schreiben", vertraute die 14jährige ihrem Tagebuch an, "werde ich alles los, mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf." Nach dem Kriege hoffe sie eine "berühmte Schriftstellerin" zu werden: "Oh ja, ich will nicht so wie die meisten Menschen für nichts gelebt haben."
Sie wäre mittlerweile 60 Jahre alt, hätte sie nicht der Tod aus Deutschland dahingerafft. Anne Frank starb, knapp 16jährig, im März 1945 in der Lüneburger Heide, im KZ Bergen-Belsen.
Durch ihr "Tagebuch" über ihre zwei Alptraum-Jahre im Verborgenen, in der Amsterdamer Prinsengracht 263, ist sie in der ganzen Welt berühmt geworden. Und umsonst war ihr kurzes Leben gewiß nicht; mit keinem anderen Namen verbindet sich brennender und peinigender der deutsche Sündenfall, der Mord an sechs Millionen Juden.
Am 4. August 1944, drei Tage nach ihrem letzten Tagebuch-Notat, einer bestürzend reifen Selbstreflexion, ist für Anne Frank die brüchige Geborgenheit jäh zu Ende. Die Untergetauchten in der Prinsengracht werden, ganz offenbar durch Verrat, zur Beute der deutschen Menschenjäger; Annes Tagebuch-Blätter bleiben zurück, bleiben erhalten.
Für Anne, ihre drei Jahre ältere Schwester Margot, für ihre Eltern beginnt der Fall ins Bodenlose; allein Vater Otto wird überleben und später Annes Hinterlassenschaft herausgeben. Annes Weg bis zum trostlosen Ende war bislang nur in groben Zügen bekannt; ein Buch* und eine TV-Dokumentation leuchten nun ins Dunkel.
Beide stammen von dem niederländischen Fernseh-Mann Willy Lindwer, 44, dem die "Materie nicht fremd" war: "Meine jüdische Familie hat im Krieg schwer gelitten." Lindwers Film, der jetzt durch die dritten ARD-Programme mäandert (vergangenen Donnerstag Start im WDR III), heißt, wie das Buch, "Anne Frank - Die letzten sieben Monate"; er erhielt 1988 den TV-Oscar, den Emmy Award für den besten internationalen Dokumentarfilm.
Film und Buch versammeln Berichte von sechs jüdischen Frauen, die Anne * Willy Lindwer: "Anne Frank - Die letzten sieben Monate". Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. S. Fischer Verlag; 256 Seiten; 34 Mark. kannten, auch durch die Hölle gingen, der Jüngeren beistanden und ihre Leiden teilten. Buch und Film zerren gleichermaßen an den Nerven; angesichts der grassierenden Großdeutschland-Stimmung bieten beide Gelegenheit zu nationaler Selbstbesinnung.
Die Berichte der Frauen füllen das Daten-Raster von Annes letzten sieben Monaten: vier Wochen Aufenthalt im holländischen Sammellager Westerbork; mit dem letzten Transport, am 3. September 1944, nach Auschwitz deportiert; vermutlich am 28. Oktober, die Rote Armee näherte sich dem KZ, nach Bergen-Belsen weitergeschleppt.
Annes Auschwitz-Transport umfaßte (NS-Buchhaltung) 498 Männer, 442 Frauen und 79 Kinder; 549 Menschen, darunter alle Kinder unter 15 Jahren, starben gleich nach der Ankunft in den Gaskammern; von den insgesamt 1019 Personen dieses Transports überlebte ein Bruchteil den Holocaust - 45 Männer und 82 Frauen.
Die sechs Anne-Zeuginnen sind geprägt vom durchlittenen Grauen. "Beim Geruch von angebranntem Essen bin ich wieder da, wo ich gewesen bin"; vor Hunden haben sie "einen Schreck auf ewig"; eine andere "mag Angorapullover noch immer nicht", in Erinnerung an eine Kapo-Frau, die einen trug; die Horror-Zeit zusammenfassend: "Ich bin froh, daß meine Eltern sofort in die Gaskammer gegangen sind."
Im Sammellager Westerbork erschienen die Frank-Schwestern, "als ob sie in die Winterferien fahren würden", mit Trainingsanzügen und Rucksäcken, "es war eine etwas unwirkliche Situation". Sie mußten "mit Meißel und Hammer Batterien aufhacken", man saß an "langen Tischen", "es wurde geredet, es wurde gelacht, seinen Kummer behielt man für sich".
Alle bangten vor der Deportation "nach dem Osten", alle hofften, die Kriegslage würde dies verhindern, aber "plötzlich kam die grauenhafte Nachricht, daß doch noch ein Transport abgehen sollte". In vollgepreßten Viehwaggons stehend, etwa 70 Menschen pro Wagen, gehen sie auf die Vier-Tage-Reise, "jeder war todmüde", die Mädchen Frank "schliefen an den Vater oder die Mutter gelehnt". Die Ankunft an der "Selektions"-Rampe von Auschwitz wird zum abgrundtiefen Schock. "Sofort ertönte ein lautes Geschrei über Lautsprecher", Peitschen, Hunde, "ein Alptraum, ein Inferno"; noch heute bekommt eine der Frauen "eine Gänsehaut", wenn sie auf einem Bahnhof eine Lautsprecher-Ansage hört.
Die durch die "Selektion" getrennten Freunde und Familien "winkten einander zu und sagten ,tschüs', als würden wir uns wieder treffen". Weil Anne älter als 15 Jahre wirkt, läßt der Herr über Leben und Tod, der KZ-Arzt Mengele, sie dem Gas entgehen; sie wird, wie alle anderen, tätowiert und kommt mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in den "Frauenblock 29". Insgesamt 39 000 Frauen sind zu dieser Zeit im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
Was auch Anne erlebt haben muß, schildert eine der Frauen: "Das Ziel der SS-Behandlung war, abgesehen von der physischen Vernichtung, dich als Mensch zu degradieren, überhaupt wegzuräumen, wirklich ganz zu zerstören, dir die Selbstachtung buchstäblich herauszureißen, dich zu einem willenlosen Lappen zu machen." Und: "Sie schlugen Leute einfach tot, das machte ihnen nichts aus."
Die Frank-Mädchen wurden krank, Krätze, sie kamen in den "Krätzeblock". Sie sahen "schlecht aus, ihre Hände und der ganze Körper waren mit Flecken und Geschwüren bedeckt". Sie "kümmerten sich nicht mehr viel um die anderen", sie "kapselten sich ab". Ihre Mutter "war völlig verzweifelt".
Eine der Frauen steht ihr bei. Gemeinsam graben sie ein Loch unter der Holzwand der Baracke, um das Stück Brot, das die Mutter bekommen hatte, "aber nicht aufaß", den Mädchen zu geben. "Margot hat das Stück Brot genommen, und sie haben es sich geteilt."
"Und immer wieder gab es Selektionen", unter den Kranken oder beim Zählappell. "Uns wurde gesagt, wenn Mengele kommt, sollte man sich möglichst vorteilhaft und kräftig vor ihn stellen." Wenn eine solche Todes-Auswahl stattfand, "suchte jede Schutz bei den anderen. Alle drückten sich aneinander. Da waren auch die Mädchen Frank dabei". Eine andere Zeugin erinnert sich, daß Anne und Margot beim täglichen Zählappell "oft neben mir standen. Anne war sehr ruhig und still und eigentlich ziemlich in sich gekehrt".
"In Abständen" wurden die Frauen "immer wieder in einen großen Raum getrieben", um "rasiert" zu werden. Es gab Frauen, die sich davor drückten. "Dann standen wir wieder Appell, und wenn die SS mit Hunden kam, mußten wir die Kleider hochheben." Wer nicht rasiert war, "wurde herausgeholt und schrecklich geschlagen".
Anne und ihre Schwester Margot blieben knapp zwei Monate in Auschwitz-Birkenau. Ab Ende Oktober 1944 rollten mehrere Transporte aus dem Frauenlager in andere KZ, drei davon nach Bergen-Belsen. Die Frank-Schwestern fuhren vermutlich - Namenslisten sind nicht erhalten - am 28. Oktober, in einer Gruppe von "1308 jüdischen weiblichen Häftlingen" (NS-Buchhaltung). Die Mutter blieb zurück und starb am 6. Januar 1945.
Bergen-Belsen war zunächst als "Aufenthaltslager" eingerichtet worden: Juden sollten von dort gegen Deutsche ausgetauscht werden, die sich außerhalb des NS-Machtbereichs befanden. Insgesamt faßte das Heide-KZ 125 000 Juden, rund 50 000 kamen um, die meisten in den letzten Kriegstagen und kurz nach der Befreiung durch die Engländer: Im Lager wütete Typhus. Als Anne und Margot in dem überfüllten Lager eintrafen, herrschte absolutes Chaos. Bei stürmischer Herbstkälte hausten die neu angekommenen Frauen zunächst in Armeezelten, von denen mehrere umgeweht wurden; die sowieso geschwächten Gefangenen blieben schutzlos dem Hagel ausgesetzt, später kamen sie in Baracken.
Eine der Frauen erinnert sich: "Die Mädchen Frank waren schon stark abgemagert und sahen schrecklich aus." Sie waren "fast unkenntlich", weil man ihnen die Haare abgeschnitten hatte, "sie waren viel kahler als wir", sie froren, "man hatte keine Kleidung. Sie wurden von Tag zu Tag schwächer".
Eine andere erinnert sich: "In den letzten Tagen stand Anne in eine Decke gehüllt vor mir. Sie hatte keine Tränen mehr." Anne erzählte ihr, "es hätte ihr so gegraut vor den Tieren in ihren Kleidern, daß sie alle ihre Kleider weggeworfen hätte. Es war ein harter Winter".
Zitate über die letzten Tage der Frank-Schwestern: "Sie zankten sich oft wegen ihrer Krankheit, denn daß sie Typhus hatten, das sah man." Sie bekamen "diese ausgehöhlten Gesichter, Haut über den Knochen". Sie "froren schrecklich, weil sie die ungünstigsten Plätze der Baracke hatten, unten an der Tür". Man hörte sie dauernd schreien: "Tür zu, Tür zu", und diese Rufe wurden "jeden Tag etwas schwächer. Man sah sie wirklich sterben, beide".
"Erst ist Margot aus dem Bett auf den Steinboden gefallen. Sie war nicht mehr imstande, sich zu erheben. Anne starb einen Tag später." Die Leichen wurden vor die Baracke gelegt, "ich weiß nicht, wer eher hinausgetragen wurde, Anne oder Margot", später wurden die Leichen"Haufen wieder weggeräumt":
"Es wurde eine große Grube gegraben, da wurden sie hineingeschmissen, so kann man es wohl sagen." Das müsse auch Annes und Margots Schicksal gewesen sein, "weil es mit anderen Menschen auch so gelaufen ist". Wenig später, am 15. April, kamen die Befreier.
Die Anne-Frank-Zeuginnen, berichtet der Buch- und TV-Dokumentarist Willy Lindwer, waren durch die Gespräche unter "großen emotionalen und psychischen Druck" geraten. Ihr Mut, ihre Vergangenheit dennoch zu rekapitulieren, sei "bewundernswert". Ihre Namen: Hannah E. Pick-Goslar, Janny Brandes-Brilleslijper, Rachel van Amerongen-Frankfoorder, Bloeme Evers-Emden, Lenie de Jong-van Narden, Ronnie Goldstein-van Cleef.
Die "Motivation", ihre Geschichte zu erzählen, schreibt Lindwer, sei "Teil ihrer Aussagen". Eine der Frauen schließt: "Man kann darüber reden, aber niemand kann es einem abnehmen. In dieser Hinsicht haben die Faschisten einen weltweiten Sieg errungen. Wir müssen dafür sorgen, daß es nie mehr geschieht." f

DER SPIEGEL 11/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg