07.05.1990

PersonenschutzMercedes im Koffer

Westdeutsche Polizeieinheiten verfügen über getarnte Maschinenpistolen, die in Aktenkoffern und Reisetaschen eingebaut sind.
Jean Gabin und Alain Delon trugen als Filmgangster gern unscheinbare Aktenköfferchen, in die Maschinenpistolen oder Gewehre eingebettet waren. Mafia-Killer bevorzugen bei ihrem blutigen Geschäft ebenfalls derartige Tarnbehältnisse. Eine "Lupara" etwa, die abgesägte Schrotflinte der Italo-Gangster, paßt gut in ein Bordcase oder einen Laptop-Koffer. Vor der Verwendung allerdings müssen die Waffen - im Film wie in der Wirklichkeit - erst zusammengesetzt und geladen werden.
Mit derart zeitraubenden Vorbereitungen brauchen sich die Beamten der Sicherungsgruppe Bonn nicht aufzuhalten, falls beim Schutz von Politikern oder Staatsbesuchern schneller Einsatz erforderlich werden sollte: Sie können direkt aus dem Köfferchen schießen - im Gehen, Stehen oder Sitzen.
Ein Produkt made in Germany macht's möglich: Die Waffenfabrik Heckler & Koch (H & K) im Schwarzwald-Städtchen Oberndorf hat die Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamts sowie westdeutsche Anti-Terror-Einheiten wie die GSG 9, polizeiliche Mobile Einsatzkommandos und Sondereinsatzkommandos der Bundesländer mit einem "Spezialkoffer" ausgerüstet, in dem eine Maschinenpistole (MP) des Typs 5K schußbereit befestigt ist.
Das Fachblatt Internationaler Waffen-Spiegel qualifizierte die MP 5, mit der auch Bundesgrenzschutz sowie die Länder-Polizeien armiert sind, als "eine der präzisesten Maschinenpistolen, die es gibt". In mehr als 50 Länder hat H & K die MP 5 bereits exportiert, von Argentinien und Bahrein über Japan und Jordanien bis nach Sambia und Zaire.
Das Magazin, das 30 Neun-Millimeter-Patronen Parabellum faßt, kann binnen drei Sekunden leer geschossen werden, wenn von Einzel- auf Dauerfeuer umgeschaltet wird. Beim Einzelfeuer seien "hervorragende Treffer auf 100 Meter Entfernung möglich", rühmte der Waffen-Spiegel, und auch noch auf 200 Meter Entfernung könne ein "Mannziel" getroffen werden - gemeint: ein Mensch.
Nach Ansicht des Stuttgarter Schießausbilders und Waffenexperten Siegfried F. Hübner, 66, ist die MP 5 "der Mercedes unter den Maschinenpistolen: kurz, leicht und sehr handlich, mit überlegener Feuerkraft". Das gute Stück kann seit einiger Zeit auch in einem schwarzen "special case", einem Aktenkoffer, oder in einer "special bag", einer Aktentasche, geliefert werden - Preis je nach Ausführung der Waffe: 3000 bis 5000 Mark.
Ein Prospekt in englischer Sprache erläutert die Feinheiten des MP-Transports: Beim Köfferchen befinden sich Abzug und Sicherung im Tragegriff, die Projektile werden aus einem daumendicken Schußloch in der Metallschiene der Seitenwand herausgeballert. Geschossen werden kann einhändig.
Bei der Spezialtasche greift die Hand des Schützen durch einen Kreuzschlitz im Leder ins Innere zum Abzugsgriff. Beide Tarnvarianten können nur in geschlossenem Zustand und ohne jede Zieleinrichtung bedient werden; für einen Magazinwechsel allerdings müßte das Kleingepäck geöffnet werden.
Dafür sind, so die Gebrauchsanweisung, "auch bei einer verdeckten Tragweise Schnellschüsse möglich". Gefeuert werden kann aus vertikaler oder horizontaler Position. Zu den hochgeschätzten Besonderheiten der MP 5 zählt, "daß die Waffe mit Unterschallgeschwindigkeit schießt und somit kein Geschoßknall auftreten kann" (Werbung).
Erst penetrante Neugier des von Grünen und Friedensorganisationen betriebenen Rüstungs-Informationsbüros Oberndorf (RIO) hat das Geschäft mit den Tarnwaffen halbwegs transparent gemacht.
Die H & K-Sprecherin Andrea Brodbeck bestätigte den RIO-Leuten, es sei "hinlänglich bekannt", daß beispielsweise die Ausrüstung von Anti-Terror-Einheiten nicht nur aus Gewehren und Pistolen bestehe: "Zur speziellen Ausstattung gehört auch der Koffer." Neben der GSG 9 sei damit auch "die Sicherungsgruppe Bonn ausgerüstet", geringe Stückzahlen gingen nach England und Frankreich, "ebenfalls für Institutionen des Personenschutzes".
"Nun wissen wir also", kommentiert RIO-Sprecher Jürgen Grässlin, "daß die unscheinbaren Herren hinter Kohl, die mit den Aktenköfferchen, keine Bürohengste oder diplomatische Referenten sind." Grässlin: "Der Begriff Aktentaschenträger hat buchstäblich einen neuen, brisanten Inhalt bekommen."
Von RIO alarmiert, wollten die Bonner Grünen-Abgeordneten Alfred Mechtersheimer und Christa Vennegerts von der Bundesregierung und die Grünen-Landtagsabgeordnete Rosemarie Glaser von der Stuttgarter Landesregierung Näheres über die "special cases" und "special bags" erfahren. Aber die Auskünfte fielen durchweg dürftig aus.
Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte lediglich, daß Koffer und Tasche mit eingebauter MP für den "polizeilichen Personenschutz" vertrieben werden und Privatpersonen keine Erwerbserlaubnis bekommen. Das badenwürttembergische Innenministerium verweigerte aus "Sicherheits- und Geheimhaltungsgründen" jede Antwort auf Detailfragen.
Die Grünen-Abgeordnete Glaser sorgt sich, der Einsatz getarnter Maschinenpistolen könne "insbesondere bei Auftritten der Politiker in der Öffentlichkeit schreckliche Konsequenzen haben". Als Parlamentarier, so die Abgeordnete, "möchten wir nicht in eine Situation geraten, mit einer im Aktenkoffer getarnten MP ,geschützt' zu werden, ohne dies zu wollen und zu wissen".
Aber nicht nur die Schützlinge der Polizei, auch die Kofferträger selber sind womöglich durch ihr unhandliches Schieß-Spezialgepäck gefährdet. Denn "wer seine MP auf Dauerfeuer schaltet und dann mit ihr wie mit einem Gartenschlauch Kugeln in die Gegend spritzt", notierte der MP-5-Tester Hübner, "der wird leicht von einem guten Pistolenschützen mit ein oder zwei Schüssen ausgeschaltet werden". f

DER SPIEGEL 19/1990
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