18.12.1989

„Wirkt wie Leuchtreklame“

Am meisten werden ihn wohl die Kinder vermissen. Wenn Rayful Edmond III in einem Wohltätigkeitsturnier Basketball spielte, war die Halle vollgepackt mit kleinen Fans, die seine eleganten Bogenwürfe bewunderten. "Rayful war ein großer Name hier, ein ganz großer Name", sagt Joe Styles, der Programmdirektor des "No. 9 Metropolitan Police Boys and Girls Club". Solche Vereine hatte die Polizei in Washington schon vor Jahrzehnten gegründet, um die Gettokinder von den Straßen wegzubekommen.
In den schwarzen Vierteln rund um die Wilson-Grundschule, wo Edmond die in den Slums so beliebte (weil billige) Sportart Basketball gelernt hatte, verehrten die Jugendlichen ihn wie ein strahlendes Vorbild. "Wenn sie ein Problem hatten, konnten sie jederzeit zu ihm gehen und mit ihm reden", erzählt der Leiter des örtlichen Freizeitzentrums, James Speaks: "Die Kids blickten zu ihm auf wie zu einem großen Bruder."
Schließlich hatte er auch einiges mehr zu bieten als nur aufmunternde und ermahnende Worte, die in dieser Umgebung normalerweise Lehrer und Sozialarbeiter für die Kinder übrig haben. Der Manager eines schicken Sportwarengeschäfts im vornehmen Stadtteil Georgetown kann sich zum Beispiel erinnern, daß Edmond alle zwei bis drei Wochen mit einer kleinen Schar von Halbwüchsigen vorbeikam und "die Burschen für 2000 Dollar vom Scheitel bis zur Sohle einkleidete".
Für die jungen Schwarzen aus den heruntergekommenen Straßenzügen im Nordosten Washingtons war Rayful Edmond, 25, einer der Ihren und gleichzeitig wie aus einer anderen Welt - ein Lokalheld, der die Sehnsüchte des Gettos nach Erfolg, Reichtum und Ansehen scheinbar perfekt verkörperte. Doch in den absurden Übertreibungen seines Lebensstils schimmerte immer auch ein Stück von dem Bluff durch, mit dem Selbstzweifel und das ewige Minderwertigkeitsgefühl Ausgeschlossener gebannt werden sollten.
Und übertrieben hat der erfolgreiche Jungunternehmer gründlich: Zu geschäftlichen Verhandlungen fuhr er am liebsten in einem Jaguar-Kabrio mit goldbeschlagenen Radkappen vor, dem "schönsten Schlitten meines Lebens", wie er schwärmte. Daneben besaß er noch einen Porsche, einen Range Rover und einen Mercedes.
Eine für 13 000 Dollar erworbene goldene Rolex-Uhr mußte der Juwelier auf seinen Wunsch zweimal mit Diamanten nachbessern, was den Wert des Schmuckstücks auf 45 000 Dollar steigerte. In einem auf Boss-Anzüge spezialisierten Modegeschäft kaufte er an einem einzigen Nachmittag für 20 000 Dollar ein. Die Rechnung beglich er bar.
Wenn er mit guten Freunden zum Shopping ins Trump Plaza nach New York wollte, mietete er eine schneeweiße, überlange Cadillac-Limousine. Am Ende des Tages war der riesige Kofferraum "vollgestopft mit Kisten, Schachteln und Tüten", wie sich der Fahrer erinnert.
"Sein Leben und seine Erfolge wirkten auf die Menschen in dieser Umgebung wie Leuchtreklame", sagt der Sozialwissenschaftler James Craigen von der Howard University, an der überwiegend schwarze Studenten eingeschrieben sind. "Der Kerl ist großartig", urteilt ein Eisenbahnarbeiter, dem Edmond einmal ein Paar Schuhe kaufte, als der Mann keinen Job hatte. "Jede Mutter und jeder Vater hätte gern einen solchen Sohn."
Das stimmt nicht mehr. Vorletzte Woche erkannte ein Washingtoner Geschworenengericht Edmond für schuldig, mindestens drei Jahre lang eine kriminelle Vereinigung von Drogenhändlern geleitet zu haben. Darauf steht Lebenslänglich - ohne Bewährung. Dem Richter, der Anfang nächsten Jah* In den Zellophanbeuteln am Tischende. res das Urteil verkünden will, bleibt kein Ermessensspielraum.
Rayful Edmond, der während des Prozesses kein Wort sagte und sich darauf beschränkte, die Zeugen freundlich anzugrinsen, war seit Anfang 1986 Washingtons Drogenkönig gewesen. Seine straff geführte Organisation beschäftigte zeitweilig 150 Menschen, setzte an die 200 Kilo Kokain pro Woche ab und beherrschte nach Schätzungen der Polizei ein Drittel des Rauschgiftmarktes in der drogenverseuchten Hauptstadt.
In guten Zeiten (und die Zeiten waren fast immer gut) nahm das Unternehmen 20 Millionen Dollar im Monat ein. Wäre das Geschäft legal gewesen, hätte es an achter Stelle in der Rangliste aller Washingtoner Firmen gestanden.
Seinen Schmuggel- und Verteilerring leitete Edmond wie ein mittelständisches Familienunternehmen, Prämien und Gewinnausschüttung für die Belegschaft inklusive. Am Management beteiligt waren nach Meinung des Staatsanwalts seine Mutter, zwei Brüder, drei Schwestern, zwei Schwäger, ein Vetter und eine Tante.
Auf den Zuschauerplätzen im Bezirksgericht drängten sich während der Verhandlung - dem längsten und teuersten Drogenprozeß in der Geschichte der US-Hauptstadt - die Mitglieder des weitverzweigten Edmond-Clans, angeführt von Rayfuls Großmutter Bernice Perry, die ihre matriarchalische Autorität durch täglich wechselnde extravagante Hüte dokumentierte.
Als so gefährlich galt die Bande, daß das Gericht sich hinter schußsicherem Glas verschanzte. Die Namen der zwölf (schwarzen) Geschworenen blieben aus Furcht vor Repressalien geheim; nicht einmal dem Richter, den Staatsanwälten und den Verteidigern waren sie bekannt. Allein diese totale Abschirmung der Jury kostete die Justizbehörde eine Viertelmillion Dollar.
Als Rayful Edmond 1982 seinen High-School-Abschluß mit leicht unterdurchschnittlichen Noten ablegte, hatte er genauso miserable Berufsaussichten wie die meisten seiner Kameraden aus den Armenvierteln von Northeast- und Southeast-Washington. Dafür erlebte er täglich auf der Straße, wie schnell sich kaum vorstellbare Summen verdienen ließen.
Im Haus seiner Großmutter, wo Edmond aufwuchs, lernte er den Drogenhandel "wie andere Kinder den Obstverkauf im elterlichen Laden", sagt ein Fahnder. Das erste Kilo Kokain soll er 1985 von seinem Vater bekommen haben, der sich ansonsten wenig um die Familie kümmerte und viel Geld in den Kasinos von Atlantic City verspielte. Der Verkaufserlös war das Startkapital für eine selbst nach amerikanischen Maßstäben beispiellose Dealer-Karriere.
Edmonds Mutter, Constance ("Bootsie") Perry, 48, berichtete in einem von Drogenfahndern heimlich aufgezeichneten Gespräch, wie ihr Junge ganz klein mit dem Verkauf "von Hand zu Hand an der Ecke" angefangen habe: "Dann wurde plötzlich alles ganz groß, und er hatte sein eigenes Geschäft."
Es war ein exzellent geführtes Geschäft, wie selbst die Polizei mit einem Anflug von Bewunderung sagte. Edmonds Verkäufer arbeiteten rund um die Uhr in zwei Schichten von jeweils zwölf Stunden, der Sonntag war frei. Sie fingen mit einem Gehalt von 400 bis 800 Dollar pro Woche an und konnten sich, wenn sie tüchtig waren, schnell auf 4000 bis 5000 Dollar hocharbeiten - Summen, zu denen legal erworbene Einkommen keine ernst zu nehmende Alternative waren.
Edmonds "Leutnants" (die auf Decknamen wie "Mad Dog" oder "Fat Cheese" hörten) horteten das abgepackte Kokain in sicheren Verstecken und sammelten bei Schichtende die Einnahmen. Die Nachfrage versiegte nie: Ein Fahnder, der die Szene am Orleans Place beobachtete, zählte zuweilen 30 Kunden pro Minute; und es war keineswegs ungewöhnlich, daß ein einziger Verkäufer in einer Schicht 500 Halbgramm-Päckchen Kokain losschlug, das Stück zu 50 Dollar.
Wachposten ("Lookouts") paßten auf, daß die Polizei nicht störte. Beim Herannahen der Beamten schlugen sie Alarm und errichteten blitzschnell Straßenbarrikaden mit Autos, versperrten Fluchtwege mit Mülltonnen und Stolperdrähten, um den Dealern einen Vorsprung zu verschaffen.
"Die Jungs wußten, wo die Drähte waren, und sprangen darüber, während wir meist auf die Nase flogen", berichtete Polizeioffizier Marcello Muzzatti vor Gericht. Die Lookouts bezogen den gleichen Lohn wie die Verkäufer.
Wenn doch mal etwas schiefging, übernahm der Chef die Anwaltskosten für die Verteidigung seiner Mitarbeiter - und spendierte im schlimmsten Fall Blumen für die Beerdigung.
Stoff en gros besorgte sich Edmond über die Crips-Gang in Los Angeles, die wiederum das Kokain direkt vom kolumbianischen Cali-Kartell bezog. Allein zwischen Dezember 1987 und Februar 1988 importierten Edmonds kalifornische Großhändler über drei Tonnen Kokainpulver aus Kolumbien.
Die ersprießliche Geschäftsverbindung hatte der Aufsteiger im April 1987 beim Boxkampf zwischen Marvin Hagler und Sugar Ray Leonard in Las Vegas geknüpft. Das Kilo Kokain, für das er beim Einkauf in Los Angeles 17 500 Dollar bezahlte, brachte auf den Straßen von Washington - verarbeitet zu handlichen "Rocks" für die Glaspfeife - bis zu 100 000 Dollar ein, trotz der hohen Kosten ein enorm lukratives Geschäft.
Vor Gericht erzählte die Zeugin Alta Rae Zanville, wie sie mehrmals in Edmonds Auftrag nach Los Angeles flog, um Kokainsendungen im voraus bar zu bezahlen. Die Koffer voll Geld - einmal übergab sie 1,5 Millionen Dollar auf einen Schlag - seien so schwer gewesen, daß sie sie kaum habe tragen können.
Zu den düstersten Gestalten der Edmond-Organisation gehörten die sogenannten Enforcer (Vollstrecker) - Revolvermänner in schwarzen Jogging-Anzügen, die das Verkaufsrevier verteidigten, zahlungsscheue Kunden bedrohten und Verräter oder Betrüger in den eigenen Reihen exekutierten. In dem Krieg, den Edmond ab Juni 1988 mit aufstrebenden Rivalen in Washington führte, starben in zehn Monaten auf beiden Seiten rund 30 Menschen. Einen Schulkameraden, der ihm Konkurrenz zu machen drohte, ließ Edmond nach einem erfolglosen Schlichtungsgespräch vor dem Nachtlokal "Chapter III" niederschießen. Dem Mörder Columbus ("Little Nut") Daniels, 19, spendierte er als Prämie einen über 50 000 Dollar teuren Mercedes, zugelassen auf Daniels' Mutter.
Mit solcher Großzügigkeit mehrte Edmond seine eigene Legende und sicherte sich die nahezu bedingungslose Loyalität seiner Angestellten. Die Freigebigkeit, mit der er Geschenke verteilte, machte den Drogenlord zu einer Art Robin Hood der Slums - dem nachzueifern allerdings kaum etwas einbringt.
Amerikanische Sozialwissenschaftler sind sich einig, daß der Traum vom schnellen Drogengeld für die Gettokinder so gut wie nie in Erfüllung geht. In ihren kurzen Karrieren (im Durchschnitt dauert es drei bis sechs Monate, bis ein Straßenverkäufer von der Polizei gefaßt wird) werden sie nicht reicher, sie entfernen sich nur immer weiter von jeder halbwegs bürgerlichen Alternative.
Dennoch ist die Illusion vom Reichtum, der auf der Straße liegt, im Getto stark genug, um immer neuen und immer jüngeren Nachwuchs anzulocken. Die Aufpasser sind oft noch nicht einmal zehn, wenn sie den ersten Gelegenheitsjob annehmen. Drogenkönige wie Edmond arbeiten besonders gern mit Halbwüchsigen, weil die aus ihren kindlichen Unverwundbarkeitsgefühlen heraus risikobereiter als Erwachsene sind - und dem "großen Bruder" überdies treu ergeben.
Die Eltern wissen meist genau, was ihre Söhne treiben. Am Anfang schweigen sie, weil sie das Zubrot, das der Sprößling nach Hause bringt, gut gebrauchen können. In den Schwarzenvierteln von Washington werden über zwei Drittel der Haushalte von alleinstehenden Müttern geführt, 22 Prozent leben unter der Armutsgrenze.
Dann verschiebt sich allmählich "die Machtstruktur in der Familie", sagt der New Yorker Soziologe Terry Williams. "Der Junge verdient Geld, kauft Geschenke für Mom und Kleidung für den kleinen Bruder. Das Kind übernimmt damit die Rolle der Eltern, und die können ihm nicht mehr vorschreiben, was es zu tun und zu lassen habe. Sie ziehen es vor, einfach wegzuschauen."
Sobald das Einkommen wächst, helfen hemmungsloser Konsum und sinnlose Ausgaben, die Angst zu betäuben und das Selbstwertgefühl zu stärken. Was sie verdienen, geben die jungen Dealer für Statussymbole aus: modische Fummel, Designer-Schuhe und schwere Goldketten mit manchmal untertassengroßen Anhängern.
Als die Polizei etwa die Wohnung des Edmond-Partners Tony Lewis durchsuchte, fanden die verblüfften Fahnder rund hundert Paar Schuhe, viele noch verpackt und keines billiger als 600 Dollar. Auf dem Wohnzimmerboden lagen 12 000 Dollar in kleinen Scheinen "wie Müll" verstreut, berichtete ein Beamter. (Auf seiner Steuerklärung hatte Lewis als Beruf sinnigerweise "Spieler" angegeben.)
Je fester die Drogenverkäufer in ihrer Nachbarschaft verwurzelt sind, um so schwieriger wird es für die Strafverfolger, sie zu bekämpfen: Bei einer Razzia öffnen sich den fliehenden Dealern in den Mietshäusern oft viele Wohnungstüren, hinter denen sie unerkannt Zuflucht finden. "Wenn du nicht direkt hinter ihnen bist, gehst du leer aus", sagt Sergeant James Szewczyk von der Narcotics Task Force in Washington. Und sogar Polizeichef Isaac Fulwood räumt ein, daß diese Toleranz verständlich sei, "solange die Nachbarschaft von dem Problem profitiert".
Weil bei Edmond die Profite besonders groß waren, war auch die Nachsicht besonders groß. Die Familien aus der Umgebung, sagt ein Staatsanwalt, hätten nicht nur vor dem Treiben die Augen zugedrückt, sondern "die Amoralität des tödlichen Drogengeschäfts einfach verdrängt. Sie erlagen der absoluten Versuchung des Geldes".
Für die heranwachsenden schwarzen Jugendlichen sei Edmonds so zur Identifikationsfigur geworden - "zum Musterbeispiel eines talentierten Unternehmers". Selbst bei seinem Abgang war er noch darauf bedacht, Format zu zeigen. Als die Fahnder, die mit 200 Beamten zwei Jahre an dem Fall gearbeitet hatten, Edmond und seine Verwandten im April festnahmen, reagierte der Drogenkönig gelassen: "Ich habe Sie erwartet", erklärte er grandios den Polizisten.
Nun soll der Schuldspruch den Helden entzaubern. Staatsanwalt Jay Stephens pries das zu erwartende Urteil als "entscheidenden Sieg", Polizeichef Fulwood sprach von einem klaren Signal der Abschreckung.
Aber: Eine Lücke hat Edmond nicht hinterlassen, der Kokainstrom nach Washington wurde nicht einen Tag lang unterbrochen. In diesem Jahr sind in der Bundeshauptstadt bisher 410 Menschen ermordet worden - fast alle schwarz und Opfer der Drogenkriminalität. Das ist ein neuer Rekord, der Washington mit seinen 626 000 Einwohnern zur Rauschgift- und Mordmetropole der USA schlechthin macht.
Marion Barry, Washingtons schwarzer Bürgermeister, dem selbst ein hartnäckiger Drang zum Kokain nachgesagt wird, hatte deshalb die richtige Ahnung, als er den Jubel der Strafverfolger über Edmonds Verhaftung mit einem Achselzucken dämpfte: "Ein kleiner Einbruch im Markt, mehr nicht." f

DER SPIEGEL 51/1989
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