20.11.1989

SüdpolLetzter Trip auf Erden

Am Montag letzter Woche starteten Reinhold Messner und Arved Fuchs zu ihrem Trip durch die Antarktis - zu Fuß.
Der erste Mann, der den Gedanken äußerte, den Eiskontinent Antarktis durchqueren zu wollen, war Wilhelm Filchner, ein königlich-bayerischer Artillerieoffizier mit kurzgetrimmtem blondem Haar und wasserhellen trotzigen Augen. Schon als junger Leutnant hatte er sich durch Forschungsreisen in Asien einen Namen gemacht. Doch nun, im Januar 1912, hatte die von ihm geleitete deutsche Antarktis-Expedition auf dem dampfunterstützten Segler "Deutschland" alle Mühe, durch Treibeisgürtel und Nebelbänke einen Weg zum Rand des tiefgefrorenen Südens zu finden.
Filchner beschloß, auf der hohen Kante der riesigen permanenten Eisschicht Fuß zu fassen, die (wie sich später zeigte) eine Bucht der antarktischen Landmasse von der Größe Frankreichs ausfüllt (und heute zu einem Teil Filchners Namen trägt).
Kaum aber hatten die Deutschen ihr aus mitgebrachten Fertigteilen montiertes "Stationshaus" im Rohbau fertig, als es im Eis unter ihren Schlafsäcken urgewaltig zu rumpeln begann. "Dann plötzlich", berichtete Filchner, der Artillerist, "brach ein Getöse los wie von hundert schweren Geschützen, die Schnellfeuer geben." Eine Eistafel, schätzungsweise so groß wie Paris, löste sich von der übrigen Schelfeismasse und begann mit den Deutschen, ihrem Haus und ihrem Schiff majestätisch nach Norden zu driften.
Eilig bauten Filchners Leute ihre kurzlebige Basis wieder ab und retteten sich aufs Schiff. Aber schon bald saß die "Deutschland" bei ihrer Suche nach einem stabileren Landeplatz im Packeis fest.
"Der Teufel selbst hat unser Schicksal besiegelt", schrieb Filchner in sein Tagebuch. Erst neun Monate später, nach der antarktischen Winternacht, kam die "Deutschland" frei und kehrte in die Heimat zurück. Wilhelm Filchner hatte genug von "antarktischen Betätigungen" und fand mit einer Bescheidenheit, die ungewöhnlich war zu Kaisers Zeiten, die Deutschen sollten die Polarregionen "den Skandinaviern und Russen, den Briten und Kanadiern" überlassen.
Der zweite Mann, der den Plan faßte, den Eiskontinent von einer Seite zur anderen zu überqueren, war ein polarerfahrener Brite, Sir Ernest Shackleton, der gefährliche Reisen, wie heute Reinhold Messner, zu seinem Lebensunterhalt machte. Doch "Shack" sollte es viel schlimmer ergehen als Filchner, als er in den letzten Monaten des Jahres 1914 (der Krieg würde ja "Weihnachten zu Ende sein") in den Südatlantik fuhr auf einem eisverstärkten Schiff, das er vertrauensvoll auf den Namen "Endurance" ("Ausdauer") getauft hatte.
Ohne die antarktische Küste auch nur zu sehen, lief Shackleton mit seinem Schiff im Packeis fest und wurde von den aufgetürmten Schollen zermalmt wie eine Zigarrenkiste. Wie Sir Ernest und seine Männer, mit drei Beibooten versehen, auf treibendem Eis und sturmgepeitschten Felseninseln überlebten * Vor dem Abflug nach Patriot Hills. und die Rückkehr zu ihren (mit gegenseitiger Metzelei beschäftigten) Mitmenschen erkämpften, ist nach wie vor eine der unglaublichsten Irrfahrten seit Odysseus, seit Magellan und Captain Bligh, dem rächenden Skipper des Meutererschiffes "Bounty".
Doch nun, 75 Jahre nach Shackleton, tritt Reinhold Messner, 45, der Südtiroler Bergkönig, mit seinem norddeutschen Partner Arved Fuchs an - auch der gelernte Seemann Fuchs, 36, hat extreme Touren hinter sich: Er hat das grönländische Inlandeis mit einem Hundeschlitten überquert und ist mit einem Einmann-Faltboot im Winter rund um Kap Horn gepaddelt. Erst am 14. Mai dieses Jahres stand er als Mitglied einer internationalen Expedition auf brüchigem Treibeis am Nordpol.
Gemeinsam wollen Messner und Fuchs etwas machen, was niemand vor ihnen auch nur versucht hat. Sie wollen die Antarktis, die fast so groß ist wie Europa und Australien zusammen, mit eigener Kraft durchmessen: nicht mit Hundeschlitten, wie Filchner und Shackleton es vorhatten; nicht mit Flugmaschinen und kettengetriebenen Motorfahrzeugen wie die modernen Eroberer des Eiskontinents, sondern zu Fuß, auf Skiern, auf eigenen Beinen und mit eigener Kraft den Schlitten mit Proviant und Ausrüstung schleppend. Kein Motorenlärm, kein Abgasqualm, nur das Knirschen der Skier und Schlittenkufen auf der harschen Schneekruste einer unabsehbaren weißen Wüste.
Vier Monate, vom 21. Oktober 1989 bis maximal Mitte Februar 1990 wollten Messner und Fuchs im antarktischen Sommer unterwegs sein, um eine fast 3400 Kilometer lange Durchquerungsroute vom Filchner-Eis über den Südpol bis zur Ross-Insel auf der anderen Seite zurückzulegen. Aber nicht anders als Filchner und Shackleton mußten Messner und Fuchs in den letzten Wochen die Erfahrung machen, daß man die Antarktis erst einmal erreichen muß, ehe man sie durchqueren kann.
Eine betagte viermotorige Propeller-DC-6, Baujahr 1952, sollte Messner und Fuchs von Punta Arenas in Südchile aus 3200 Kilometer weit über Feuerland und den rauhen Südatlantik hinweg zu dem antarktischen Alpinistencamp Patriot Hills nahe dem Ellsworth-Gebirge bringen und auf einer Eispiste landen. Aber den ersten Versuch am 28. Oktober mußte der Pilot nach mehr als vier Stunden Flugzeit aufgeben: Gegenwinde von bis zu 180 km/h Geschwindigkeit zwangen ihn zur Rückkehr nach Punta Arenas.
Auch der nächste Anlauf am 2. November scheiterte. Zwar war das Wetter auf der ganzen Route gut. Aber während die DC-6 Stunde um Stunde unterwegs war, zog dichter Nebel über der holprigen Piste in Patriot Hills auf und machte eine Landung unmöglich. Wieder mußte die Maschine umkehren. Dauer dieses Fluges: achteinhalb Stunden.
Erst am 7. November hat es die DC-6 bis nach Patriot Hills geschafft (sie blieb auf dem Rückflug wegen Spritmangel auf der King-George-Insel am Rand der Antarktis liegen). Und erst am vergangenen Montag, 13. November, konnten Fuchs und Messner von Patriot Hills aus mit einer kleineren Maschine ("Twin Otter") an den Ausgangspunkt ihrer Expedition fliegen - auf ein von Horizont zu Horizont sich dehnendes, für ungeschützte Augen grell und stechend flimmerndes Schelfeisfeld.
Damit hat die Technik, auf die sie sich sowenig wie möglich verlassen sollten, Messner und Fuchs in dramatische Zeitnot gebracht und ihr beispielloses Vorhaben (Messner: "Der letzte Trip auf Erden") noch schwieriger gemacht. "Wir müssen Tag für Tag fast 30 Kilometer gehen, wenn wir auf der anderen Seite sein wollen, ehe der Winter wiederkommt", erklärt Arved Fuchs. Nach ihrem Start am Montag nachmittag letzter Woche gingen sie "versuchsweise" erst einmal sieben Kilometer. Bis Donnerstag abend, 16. November, hatten sie insgesamt 56 Kilometer zurückgelegt - 56 Kilometer einer notgedrungen verkürzten, aber immer noch 2450 Kilometer langen Durchquerungsroute.
Am Donnerstag abend, bei tiefstehender, doch nicht untergehender Sonne, standen die einsamen Polarläufer mit ihren Schlitten vor einem Feld von "Sastrugi". Das ist im Arktisjargon ein russisches Lehnwort für gefrorene Schneewehen: ein Meer aus erstarrten Wogen, die bis zu zwei Meter hoch und - erst recht mit fast 90 Kilo Schlittenlast - nur mühselig zu überwinden sind. Das Ende des Schneefeldes konnten Reinhold Messner und Arved Fuchs, wie sie über ein knatterndes, pfeifendes Funkgerät meldeten, "nicht erkennen, wiederhole: nicht erkennen". f

DER SPIEGEL 47/1989
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