16.10.1989

„Mächtigster Dirigent der Welt“?

Verdeckte Stimmabgabe, höchstens drei Kandidatennamen, die Wahlzettel in der Urne streng unter Verschluß, über dem ganzen Verfahren die wachenden Augen eines Notars: So lief der Vorgang - ein Klangkörper bestimmt sein Oberhaupt selbst - fast schon mit dem Tremolo eines Staatsaktes ab.
Nun war ja immerhin auch der Thron des verstorbenen Herbert von Karajan neu zu besetzen, und diesmal, bei der fünften Inthronisierung in der 107jährigen Geschichte des Berliner Philharmonischen Orchesters, sollte der Everest der deutschen Tonkunst, das Chefamt des Spitzenensembles, durch freie, gleiche und geheime, kurzum: durch eine erste "volldemokratische" Wahl vergeben werden, wie die rund 120 stimmberechtigten Musiker selbstbewußt beteuerten.
Bei dem Nimbus der Leerstelle, dem Prestige der Prozedur und der Prominenz der Kandidaten war es kein Wunder, daß die Kundschafter der Feuilletons schon seit Wochen auf der Lauer lagen.
Dann, am vorletzten Sonntag zur Kaffeezeit, stieg endlich weißer Rauch auf über der herrschaftlichen Siemens-Villa im Berliner Stadtteil Lankwitz. Nach sechs Stunden Konklave am stillen Ort war der Wahlakt überstanden, die Walstatt befriedet, der heilige Stuhl wieder bemannt - habemus Papam: Claudio Abbado, 56, selbst verblüffter Überraschungssieger.
So, wie er aussieht und sich mit südländisch-lockerer Eleganz auf dem Podium bewegt, hat der Maestro aus Mailand allerdings mit einem Pontifex in philharmonischen Tempeln wenig gemein. Der Guru mit dem Taktstock - Typ Celibidache - steht ihm nicht, und das ekstatische Flair eines Bernstein hat er nicht. Mit dem langen, immer noch jungenhaft offenen Peppone-Gesicht und dem glatten Haar, das er bei vollem Einsatz con brio um sich wirbelt, ist er eher eine Art Yuppie, der auf die Rente zugeht: im Vergleich zu dem hinfälligen Karajan der letzten Jahre allerdings ein schnittig gestylter Springanspult. Er wird den Berlinern, diesem famosen Tutti mit dem schnöseligen Touch, hoffentlich kräftig Dampf machen.
Fürs erste klatschten Musiker, Politiker und Kritiker das Jahr 1 post Karajan mit großem Beifall ein. "Die kleine Orchesterrepublik", tönte der Cellist und Orchestervorstand Klaus Häussler in demokratischem Überschwang, habe sich als "fähig" erwiesen, "auch schwierige Aufgaben zu lösen": "Jeder war sich des Ernstes der Angelegenheit bewußt."
"Ich bin glücklich über die Entscheidung", strahlte Berlins Kultursenatorin Anke Martiny und spürte nach den Turbulenzen des Karajan-Abgangs endlich wieder schöngeistigen Aufwind im Amt. "Eine gute Wahl. Eine glücklichere ist nicht denkbar", frohlockte die Berliner Morgenpost, und Die Welt registrierte "nichts als Freude ringsum". Die Friedensglocken übertönten sich förmlich.
Abbado selbst, noch nie ein Virtuose des galanten Parlandos, gab sich zwar angemessen "tief gerührt" und "besonders geehrt", behielt aber kühlen Kopf und lief nicht, wie mancher Philharmoniker vielleicht gehofft hatte, mit fliegenden Frackschößen von seinen Wiener Arbeitsstellen weg und zu seinem Berliner Chefsessel über. Nein, der Herr Kapellmeister erbat Bedenkzeit, und schlimme Zweifel trübten rasch das Stimmungshoch in Berlins Matthäikirchstraße 1: Er wird es sich doch wohl nicht noch anders überlegen?
Anders kaum, überlegen gewiß. Denn das Menetekel, über das nachzudenken sich nun wahrlich lohnt, hatte der römische Messagero seinem Landsmann deutlich vor Augen gedruckt: Wenn er an Wien festhalte und gleichzeitig Berlin in die Hand nehme, werde er, mit oder ohne Vorsatz, der "mächtigste Dirigent der Welt" sein.
Derzeit ist Abbado Hauptdirigent der (ohne Chefposten organisierten) Wiener Philharmoniker und folglich bei den Erzrivalen der Berliner Namensvetter tonangebend. Er ist Musikdirektor der Wiener Staatsoper, die, wenn er dort das Zepter schwingt, sogar hält, was ihr Renommee sonst umsonst verspricht. Er ist Generalmusikdirektor der Stadt Wien und in dieser Funktion auch für das angesehene Avantgarde-Festival "Wien modern" verantwortlich. Er ist Leiter des Europäischen Jugendorchesters. Er ist musikalischer Berater des Chamber Orchestra of Europe. Er ist Mitbegründer und Musikdirektor des Internationalen Gustav-Mahler-Jugendorchesters. Er ist, flink wie Figaro, Gast hier, Gast dort. Er ist bei der Deutschen Grammophon einer der emsigsten Plattenspieler. Er ist, trotz allem, bislang weder machtgierig noch größenwahnsinnig.
Seit Monaten buhlen die New Yorker Philharmoniker um ihn, denen er noch kürzlich vorgeworfen hat, sie seien "auf der ganzen Welt für ihre Undiszipliniertheit berühmt". Nun, "die Einladung war attraktiv, die Verhandlungen waren schon weit vorgeschritten", und sicher wäre auch ein stattliches Sümmchen dabei rausgesprungen: Schließlich hat Zubin Mehta, der noch amtierende Philharmoniker-Chef, 1986 in New York schon 638 830 Dollar pro Jahr kassiert.
Angesichts solcher Summen - der ziemlich früh angeschlagene Berlin-Anwärter Seiji Ozawa verdiente zur selben Zeit in Boston 381 000 Dollar, Mstislaw Rostropowitsch beim National Symphony Orchestra in Washington sogar 687 392 Dollar - wird sich Frau Martiny in Berlin kaum lumpen lassen können.
Aber die Philharmoniker werden gewußt haben, daß Abbado, wenn überhaupt, nicht für ein Handgeld zu haben sein würde, und nur Träumer der Szene konnten glauben, der Umworbene ließe sich exklusiv binden.
Aber warum galt das - zahlenmäßig geheim gehaltene - Mehrheitsvotum überhaupt dem Außenseiter Abbado, diesem sanften Orchesterdompteur, der sich in Berlin recht rar gemacht hat und dem die meisten Musiker dort bislang eher stillen Respekt als lauthals Begeisterung entgegengebracht haben?
Das Eröffnungskonzert der diesjährigen Berliner Festwochen Anfang September, das nun auf einmal hoch gelobt in aller Munde ist, kann es allein kaum gewesen sein: Ein so sensibles Kollektiv wie dieses Berliner Philharmonische Orchester fängt nicht in ein paar Abendstunden derart folgenschwer Feuer. Da paßt schon eher die Spekulation, Abbado habe als die glänzendste Verlegenheitslösung das Rennen gemacht.
Spätestens seit letztem März, als er in der Philharmonie unter dem schmeichelhaften Zureden des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker sein Benefiz-Debüt gab, war eigentlich der Außenseiter Carlos Kleiber der heißeste Tip. Alle wollten, nur er nicht. Der genialische Paradiesvogel aus Grünwald bei München würde einen Teufel tun und sein teures Image des exorbitanten Sonderlings beim täglichen Drill mit einem womöglich renitenten Orchester verspielen. Chefsache, nein danke.
Genauso entschieden, wie Kleiber vor Karajans Hochsitz scheute, drängte es den umtriebigen Lorin Maazel zur Machtergreifung an die Spree. Der hat sich in den Startlöchern schon Blasen geholt, frotzelten Eingeweihte, oder: Anruf genügt, und der allzeit Bereite schwebt in Tegel ein. Dabei haben die Philharmoniker größten Respekt vor ihm: phantastische Schlagtechnik, ökonomische Probenarbeit, phänomenales Gedächtnis, untrügliches Gehör.
Aber Maazel ist sich auch nicht zu schade gewesen, das Kitsch-und-Knatsch-"Requiem" des Musical-Millionärs Andrew Lloyd Webber uraufzuführen oder für den Kinofilm "Otello" Verdis Meisterwerk zu verstümmeln. Zum schlüpfrigen Geschmack ein Super-Salär: An seinem derzeitigen Wirkungsort Pittsburgh soll er beinahe eine Million Dollar pro Jahr beziehen. Irgendwie muß Maazel den Berliner Wahlmännern nicht ganz geheuer gewesen sein, der Weltmann fiel durch.
Selbst James Levine, der bullige Krüllkopf aus Cincinnati und sonst everybody's Darling, kam nicht durchs Ziel. Dabei lag er, wie's schien, lange vorn: Keiner hatte den bestsellernden Dreh mit den Plattenmachern so glänzend raus wie er, keiner kumpelte schon so lange auf die netteste Art mit den Philharmonikern rum, keiner würde sich von seiner jetzigen Arbeitsstelle so leichten Herzens trennen wie Jimmy von der Met in New York.
Indes: Keiner ist auch so unheilvoll eng mit Ronald Wilford verquickt, Amerikas allmächtigem Musik-Mogul, dessen Columbia Artists Management Inc. (Cami) marktbeherrschend Geschäfte macht. Und Berlins Philharmoniker haben die vom SPIEGEL aufgedeckte Affäre noch nicht vergessen, als Cami 1987 für eine Taiwan-Visite der Berliner unter Karajan am Rande der Legalität sündhafte Preise forderte und so das Gastspiel zum Platzen brachte.
Nun war es Levines Pech, daß kurz vor dem Wahlsonntag ein ähnlicher Eklat mit ihm ruchbar wurde. Levines Münchner Agentur "Persona Musica" hatte die Gage für ein Gastspiel des Met-Chefs mit dem deutschen Spitzenorchester auf die Irrsinnshöhe von 250 000 Mark pro Konzert gepuscht. Die Folge: Die Auftritte in London und Mailand wurden wegen überzogener Forderungen gestrichen, das Orchester schäumte. Levine hatte verspielt.
Fast schon unheimlich, wie Ehrenmann Claudio Abbado derlei branchenübliches Zwielicht stets umgangen hat und nun mit weißer Weste dasteht.
Bleibt abzuwarten, was der Erwählte im Handel mit Anke Martiny herausfeilscht an Barem und Rechten und Rücksichten und was er, der Missionar der musikalischen Moderne, den Philharmonikern an Engagement fürs Zeitgenössische abverlangen wird.
Mal sehen, was er den Wienern zubilligt und streicht oder ob er ihnen, wenn an der dortigen Staatsoper der Bariton Eberhard Waechter und der ehemalige Agent Ioan Holender das Sagen übernehmen, nicht doch den ganzen Kram vor die Füße schmeißt.
Das Gewerbe des Schönklangs muß hellhörig darüber wachen, ob er mit seinen beiden prachtvollen Orchestern nur spielen oder ob er sie, wie sein Vorgänger, mit Hinterlist gegeneinander ausspielen wird. Daß er in Salzburg nicht nur Fuß fassen, sondern unvermeidlich in leitender Position groß herauskommen dürfte, bezweifelt niemand mehr: Er gehört jetzt voll ins Kräftespiel des europäischen Musikbetriebs.
So ist sein Imperium, das noch keins ist, bereits abgesteckt. Der Messagero hat Abbado einen "neuen Karajan" geheißen. Das klingt momentan voreilig und kann doch bald schon ein paar Nummern zu klein sein. Die Steigerung lautet Über-Karajan. Da sei Gott vor.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 42/1989
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