25.09.1989

ZeitgeschichteHitler in Scheiben

Im Hamburger Carlsen Verlag ist eine gezeichnete Hitler-Biographie erschienen - für die Lesefaulen unter den jungen Leuten.
Mein Bub wird nicht verzärtelt, er muß sich später durchbeißen können", sagte Adolf Hitlers Vater.
"Bedaure, Adolf, die fünfte Klasse wirst du wiederholen müssen", sagte Hitlers Lehrer.
"Hitler, Adolf, 23 Jahre, zur Zeit wohnhaft in München, zum Waffen- und Hilfsdienst untauglich", sagte der Arzt bei der Musterung, 1914.
Hitler selber sagte, 1933: "Ich habe die Reichskanzlei erobert. Hier wird mich kein Mensch mehr lebend herausbringen."
Seine letzten Worte, 1945, vor dem Selbstmord, waren: "Ich bin vom Schicksal ausersehen worden, im höchsten Sinne des Wortes Geschichte zu machen."
Das sind Sprüche aus Sprechblasen einer gezeichneten Hitler-Biographie, die kürzlich im Hamburger Carlsen Verlag erschienen ist*. Sie soll ein "Miterleben möglich machen" vom "Aufstieg eines Mannes und seiner brutalen Ideologie" bis zum "Untergang mit seinen Millionen Opfern" (Verlagswerbung). Hitler, wie ihn keiner kennt - als Comic-Held.
Mit den farbigen Bilderbögen will der Verlag den lesefaulen, TV-süchtigen Jugendlichen entgegen- und beikommen, deren zeitgeschichtliches "Unwissen erschreckend" sei. Dabei ist über Hitler und das Hitler-Regime, die deutschen Angriffskriege und Kriegsverbrechen in einer Unmenge, teils hervorragender Bücher nachzulesen. Doch wer kann sie lesen? Lesefaulheit erklärt nicht alles. Es ist ein Manko deutscher Geschichtsschreibung, sich einem breiteren Publikum nicht verständlich machen zu können (oder zu wollen). Und da ist die Idee mit den Comics gar nicht so schlecht.
Als Comic-Held - etwa wie die "Maus" in Art Spiegelmans Holocaust-Cartoon (SPIEGEL 16/1989) - kommt Hitler nicht daher. Die gezeichnete Hitler-Biographie ähnelt eher den Bilderbögen, wie sie im vorigen Jahrhundert verbreitet waren - den bissigen Grafiken des Franzosen Honore Daumier, den 500 Holzstichen seines Landsmannes Gustave Dore in dessen "Historie vom heiligen Rußland" oder den deutschen "Fliegenden Blättern".
Die meist fotorealistischen Zeichnungen fertigte der Grafiker und Bühnenbildner Dieter Kalenbach, 52, an, dessen Comic-Serie "Turi und Tolk" über die Erlebnisse eines Lappenjungen in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Als Vorlage dienten ihm die reichlich vorhandenen Hitler-Fotos, freilich eben jene, die seinerzeit die strenge Zensur des Reichspropagandaministeriums passiert hatten, was dazu beigetragen haben mag, daß Kanzler Hitler meistens ziemlich staatsmännisch erscheint. Demgegenüber sind Kalenbachs SA-Männer durchweg martialische Rabauken; dabei waren sie doch weiter nichts als gewöhnliche Deutsche.
Der Journalist Friedemann Bedürftig, 49, Mitherausgeber des "Großen Lexikons des Dritten Reiches", verfaßte den Begleittext und füllte die Sprechblasen, letztere oft mit authentischen Hitler-Zitaten. Trotz der selbst auferlegten Beschränkung auf das Simpelste gibt es darin wenigstens keinen falschen Zungenschlag.
Im Begleittext zum Kriegsbeginn 1939 heißt es, beispielsweise: _____" Hitler hat es nun furchtbar eilig, denn die Witterung " _____" kann ihm bald einen Strich durch die Offensiv-Rechnung " _____" machen. Außerdem befürchtet er, daß Zögern nur wie " _____" seinerzeit in München Vermittler auf den Plan ruft. " _____" Ärgerlich bloß, daß der Pakt mit Stalin auf die " _____" Westmächte offenbar nicht so recht gewirkt hat. Paris und " _____" London erklären jedenfalls, daß sie zu ihren " _____" Verpflichtungen Polen gegenüber stehen werden. Der Gegner " _____" muß daher zur Strecke gebracht werden, ehe die großen " _____" Westverbündeten handeln können . . . "
Und in der Sprechblase steht der historische Text: _____" Ich habe mich daher nun entschlossen, mit Polen in " _____" der gleichen Sprache zu reden, die Polen seit Monaten uns " _____" gegenüber anwendet. Seit 5 Uhr 45 wird jetzt " _____" zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe " _____" vergolten. Deutschland - Sieg Heil! "
Auf die "Mängel der Methode" geht Erich Kuby in seiner Einleitung ("Was soll das?") ein, auf "dieses im strengen Sinn Unhistorische des Vorgehens". Er meint damit die Personalisierung eines historischen Prozesses, das "Zurückstutzen des Nationalsozialismus auf das Wesen und Handeln dieses einen Menschen".
Hitler sei "nicht scheibchenweise zu haben", weiß Kuby, zugleich verteidigt er diese Art selektierter Darbietung. Denn, meint der Alt-Journalist, ohne "Personalisierung" sei der Zielgruppe, also den Jugendlichen, der "ganze Ablauf deutscher Geschichte" von 1920, Hitlers Auftritt als Politiker, bis 1945, seinem Selbstmord, nicht nahezubringen. Wirklich nicht? Er tröstet sich mit dem "Jubel" über Joachim Fests "nicht weniger personalistische Hitler-Biographie".
Kuby nimmt offenbar Rekurs auf den Historikerstreit vergangener Jahre um den "Faktor Hitler" in der Geschichte des Nationalsozialismus und des Dritten Reiches. Während die sogenannten Strukturalisten den gesellschaftlichen Kräften, eben den "Strukturen", geschichtsmächtiges Übergewicht zuerkannten und so - auch - der bequemen Ausrede entgegenwirkten, der Hitlerismus sei weiter nichts als ein Betriebsunfall gewesen, hielten sich die sogenannten Traditionalisten an den berühmten Ausspruch des preußischen Historikers Heinrich von Treitschke: "Männer machen die Geschichte."
Inzwischen hat sich der Streit um des Kaisers Bart, mehr war er nicht, gelegt. Wer wollte noch bestreiten, daß, einerseits, der Mann Hitler Geschichte machte und, andererseits, die gesellschaftlichen Strukturen und deutschen Traditionen den Nazi-Durchmarsch in Tyrannei und Untergang erleichterten? (Wenngleich die "schwierige, aber notwendige Aufgabe einer gleichzeitig personenwie strukturgeschichtlichen Erklärung des ,Faktors Hitler' noch keineswegs befriedigend gelöst" wurde, so Martin Broszat vom Institut für Zeitgeschichte.)
In der gezeichneten Hitler-Biographie hat die Methode Mängel, aber die Mängel haben nicht Methode. Erkennbar will sie weder den Eliten noch den Mitläufern Persilscheine liefern. Die Frage bleibt allerdings, ob die jungen Leute nicht doch Donald Duck und Asterix den Vorzug geben. f

DER SPIEGEL 39/1989
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