16.10.1989

Kopf-Sprünge in den Canal Grande

Der Mensch vor dem Bildschirm ist eine ahasverische Natur. Wenn, beispielsweise, die Nachrichten-Soubrette Dagmar Berghoff die "Tagesschau" beschließt, wenn Frau Dr. Karla Wege, die Mainzer Kaltfront-Kassandra, meteorologisch den Abend eröffnet hat, dann greifen TV-Bürger froh nach einem handlichen Elektronikspielzeug und streunen ruhelos durch die labyrinthische Kabelwelt.
Sie hüpfen zerstreuungssüchtig vom Eishockey auf Sat 1 zu den "Zwei Herzen voller Seligkeit" bei RTL plus, vom bayerischen "Komödienstadel" zum haselnußbraunen Heino und seiner tutigen "Stimme der Heimat". DDR-Flüchtlinge schalten, zur Heimwehbekämpfung, bisweilen hinüber in den "Schwarzen Kanal" (DDR 1) und lachen herzlich über die Siegesmeldungen des hartleibigen Endzeit-Stalinisten Karl-Eduard von Schnitzler. Elstner-Fans, die sich fragen, ob der Meister seine Nasenscharte auswetzen kann, vergaffen sich immer mal wieder in die Konkurrenz, ins "Geheimnis der Liebe" oder "Flammen über Fernost". Das Konsumentenheer ist hell begeistert von der Fernbedienung und vom neuen Volkssport "Flipping".
Alle, alle, die nach neuen Frohsinnsschüben lechzen, sind ihr verfallen. Bierselige Pykniker und entkräftete Hausfrauen, lethargische Erdnußfetischisten und gichtige Pensionäre lümmeln neugierig auf der Couchgarnitur und spielen hektisch mit dem infrarotbetriebenen Steuerpult. Um die Fernbedienung zankt beständig die Kleinfamilie; seit auch die deutschen TV-Haushalte im medialen Canal Grande ertrinken, ist die kleine Match-box eine Großmacht in der Fernsehstube, mit beträchtlichen Nebenwirkungen.
Udo Jürgens etwa hat sie unlängst heftig verflucht. Die Fernbedienung, sagt er bitter, sei schuld am Niedergang der deutschen TV-Musikkultur. In Spielshows wie "Wetten, daß . . .?" ist kaum noch Zeit für den armen Sänger und ein komplettes "Merci Cherie", einschaltgeil ließen qualitätsfeindliche Anstaltsmacher viel lieber "ein nacktes Mädchen durch die Dekoration stolpern" und "eine kleine Explosion im Hintergrund" hochgehen. Schnell fegt das wetterwendische Publikum Langweiler vom Schirm, stets liegt die Kundschaft auf der Infrarot-Lauer nach Spannung und Action. Besorgt notiert die Frankfurter Rundschau, das Teufelsding habe "das Verhältnis des Publikums zum Programm-Angebot tiefgreifend verändert".
Das ist - doppeldeutig - wahr. Zwar können werbefeindliche Zuschauer ("Zapper") nun Commercials mit "2-Phasen-Reinigern" für geruchsfrische Gebißträger verweigern, auch porentief verpickelte Clearasil-Gesichter sind kommod zu umgehen. Doch beeinflußt der Tele-Commander nicht nur ungesunde Bauchspeckbildung, sondern auch die dramaturgischen Anstrengungen von Autoren und Regisseuren.
Bei jedem Serien- oder Fernsehspiel-Entwurf, sagt der "Tatort"-Schreiber Norbert Ehry, sei jetzt zu bedenken, "daß starke Konkurrenz hinter der Kulisse lauert und mit der Fernbedienung abrufbar ist". Die steigende Ungeduld der Betrachter läßt keinen Raum für ruhig erzählte Geschichten, für Nuancen, epische Bedächtigkeit. Jetzt muß der Autor spektakuläre "Anfänge erfinden, die den Zuschauer an der Gurgel packen und mindestens die ersten fünf Minuten nicht loslassen". Auch der polyphone Texter der "Schwarzwaldklinik", Herbert Lichtenfeld, erkennt "die Gefahr, daß alles noch trivialer und seichter wird". Fiebrig sitzt das Volk am Drücker und fahndet nach neuen Knallfröschen.
Für die Kleinen, die besonders anfällig sind für den hechelnden Programmslalom, gilt das erst recht. Der Frankfurter Kinderprogramm-Macher Bernd Küsters hat sich schon gefragt, ob man künftig wohl "nach jeder ruhigen Sequenz ein Bömbchen hochgehen lassen muß", damit die knipsenden Knirpse nicht in den kruden Kommerz entwischen, zu "Bonanza" oder dem blöden "California Clan". Immer aussichtsloser wird der Versuch, dem "Trend zu Mittelmäßigkeit und Oberflächlichkeit entgegenzuwirken", wie es kürzlich der ehrwürdige ARD-Direktor Hartwig Kelm versprochen hat.
Doch wer mag noch dem dämonischen Fahndungsapparat widerstehen, wenn schon so bildungsbewußte Medienbeobachter wie Will Teichert, Direktor der Hamburger Akademie für Publizistik, die "Atempausen in den Spannungsbögen einzelner Sendungen" zu "hemmungslosen" Spielchen mit der Fernbedienung nutzen. Dann hat der entfesselte Publizist freilich "soviel gesehen, daß ich leer bin, in diffusen Erwartungen enttäuscht". Mutiert also der zukünftige TV-Freak zum gutgelaunten, aber nervenkranken Vollidioten, der - wie der fernsehverrückte Gärtner im Hollywood-Film "Willkommen, Mr. Chance" - aschfahl durch die Straßen irrt und mit der Fernbedienung die störende Realität wegzuschalten sucht?
Doch solche kulturpessimistischen Aspekte werden hinfällig angesichts der weiträumigen Tristesse im TV-Angebot. Fehlende Spannungsböen in der TV-Unterhaltung erhöhen zwar Schnarchneigung oder Umschaltgeschwindigkeit der TV-Nutzer, führen aber auch zur trüben Einsicht, daß die Leistungen öffentlich-rechtlicher Entertainer nach Stillegungsprämien schreien. Auch in den Erzählformen nistet viel Elend; so mancher erlebnisfrohe Flipper hat sich beim Anblick der allgegenwärtigen Judy Winter, dieser Marodissima des anspruchsvollen Fernsehspiels, so erschrocken, daß er hinüberflüchtete ins Kölner Hormo-Center RTL plus und seinen busenverstärkten Männer-Magazinen. Jeder tastentüchtige Feierabend-Deutsche komponiert sich seine eigene TV-Symphonie des Grauens.
Weit, weit zurück liegt die Zeit, als die unverkabelte Television noch als "Ereignismedium" brillierte, als Talkshows, "Millionenspiel" oder "Wünsch dir was" das TV-Volk stundenlang und integrativ fesselten, als Stotter-Stöck noch monopolistisch nach Worten rang. Nun liegt auf der Häkeldecke verführerisch die Fernsteuerung, dieser Wechselbalg der niederen Instinkte, nun ist die schöne Senderbindung flöten, die alle Macher einmal beflügelt hat, und das Fernsehen nur noch eine billige, beliebige Amüsierbühne für wechselnde Minderheiten - eine endlose Flucht in die Lachwerte.
Physisch freilich ist das magische Kästchen unentbehrlich, Defekte an der Tastatur lasten schwer auf dem Bewegungsapparat. Wer noch die Spannkraft hat, das "ARD-Wunschkonzert" in Beinarbeit mechanisch zu entfernen, und sich auch dem Unterhaltungswillen der eidgenössischen Streiche-Spieler Paola und Kurt Felix ("Verstehen Sie Spaß?") widersetzt, endet schließlich erschöpft und hüftlahm bei den verknatterten "Harald & Eddi" und fühlt sich wie der Akademiker Teichert - irgendwie leer und diffus enttäuscht.
In nüchterem Infrarot-Licht ist die mächtige Miniatur eben nichts anderes als ein skelettfreundliches Notwehrinstrument.
Von Peter Stolle

DER SPIEGEL 42/1989
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