25.12.1989

WaffenDeutsch around the world

Weltweit schießen Polizisten und Kriminelle, Militärs und Guerrilleros mit einem westdeutschen Sturmgewehr.
Das schlanke schwarze Metallding, made in Germany, ist 102 Zentimeter lang und wiegt 4,7 Kilogramm. Der Bekanntheitsgrad seines Kode-Namens G-3 übertrifft in manchem Land den von Mercedes, Porsche oder Lufthansa.
Auch als Exportschlager hat das G-3 viele Automobile und auch andere westdeutsche Spitzenerzeugnisse wie etwa Pestizide von Bayer oder Stahl von Thyssen übertrumpft. Die starke Nachfrage führt seit Jahren weltweit auch zu illegaler Beschaffung.
G-3 heißt das von der Waffenfabrik Heckler & Koch GmbH (Branchenkürzel: H & K) im Schwarzwald-Städtchen Oberndorf seit 30 Jahren produzierte Sturmgewehr (Stückpreis: rund 1300 Mark), mit dem auch die Bundeswehr ausgerüstet ist.
Experten rühmen Funktionalität und Zuverlässigkeit der Tötungsmaschine, ebenso die hohe Durchschlagskraft ihrer Munition - Kaliber 7,62 mm x 51 Nato - bei Einzel- oder Dauerfeuer, dazu die enorme Reichweite: über 3000 Meter, auch wenn 400 Meter als ideale Treffdistanz gelten.
Nach einem Vergleichstest des G-3 mit amerikanischen und sowjetischen Sturmgewehren zollte das Fachblatt Internationaler Waffen-Spiegel dem deutschen Produkt höchste Anerkennung für "optimale Trefferergebnisse": "Ein ungeschützter Mann kann noch auf 2000 Meter Entfernung . . . getötet werden." Eine der Test-Anforderungen war, daß ein Sturmgewehr-Geschoß "einen leichten Körperschutz oder Helm auf 800 Meter durchdringen und zur Kampfunfähigkeit führen" müsse.
Ob Nato-Nationen in Europa oder Diktaturen in Südamerika, afrikanische Republiken und arabische Scheichtümer - nirgendwo mögen die Mächtigen das handliche Ding missen.
In Nicaragua sind die rechten Contras mit den H & K-Sturmgewehren bewaffnet. TV-Berichte über Drogenkartelle und Armee-Einsätze von El Salvador über Kolumbien bis Peru zeigen, daß sich Soldaten und Guerrilleros, Polizisten und Kriminelle vor allem mit G-3-Gewehren beschießen.
Der ehemalige Grüne-Bundestagsabgeordnete Walter Schwenninger, 47, der mehrere Male in Peru war, berichtete: "Dort schießen alle Gruppierungen, vom Sendero Luminoso bis zur Armee, mit G-3-Gewehren aufeinander."
In der peruanischen Hauptstadt Lima sei bei den Ordnungskräften überhaupt nur das westdeutsche Sturmgewehr zu sehen, beobachtete Schwenninger. Aber auch die Widerstandsgruppen "erbeuten diese Schnellfeuergewehre, wenn sie Polizisten und Soldaten umgelegt haben".
Vor 40 Jahren erst war die Herstellerfirma Heckler & Koch von ehemaligen Mitarbeitern der in Oberndorf ansässigen Mauser-Werke gegründet worden. Mittlerweile rangieren Produkte der Firma - neben dem G-3 vor allem die Maschinenpistole MP 5 - längst neben anderen Handfeuerwaffen etwa von Walther oder SIG-Sauer, und sie konkurrieren erfolgreich mit Erzeugnissen von US-Herstellern wie Colt oder Smith and Wesson.
Das "Rüstungs-Informationsbüro Oberndorf" (RIO), im nahen Sulz am Neckar von den baden-württembergischen Grünen und regionalen Friedensinitiativen gegründet, mühte sich monatelang vergebens um schlüssige Beweise dafür, in welchem Ausmaß "around the world deutsch geschossen wird", wie RIO-Sprecher Jürgen Grässlin sagt. Weil H & K nicht auskunftsbereit war, konnten die Zuträger von RIO - Vereinssignet ist ein zerbrochenes Gewehr - nach langen Recherchen einen G-3-Einsatz "allenfalls in 50 Staaten" (Grässlin) konkret belegen.
Mittlerweile jedoch herrscht Klarheit: Nachdem die RIO-Friedenskämpfer die Grünen-Bundestagsabgeordneten Alfred Mechtersheimer und Christa Vennegerts zu ellenlangen Anfragen an die Bundesregierung animiert hatten, bekam das Parlament erstmals Aufschluß über das Ausmaß des Exports von G-3-Waffen und -Lizenzen.
Der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, der CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer, 46, teilte den Fragestellern schriftlich mit, bis einschließlich 1988 habe die Bundesregierung "für 86 Länder Ausfuhrgenehmigungen für Handfeuerwaffen und Maschinengewehre erteilt", darunter allein für das G-3-Sturmgewehr an "über 80 Länder".
"Zum Zwecke der Wahrung von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen" verweigerte das Verteidigungsministerium jedoch jegliche Angabe über die "Empfängerländer von Kriegswaffenexporten". Die Abnehmer, so die Regierung, seien "stets im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften" beliefert worden.
In den Antworten sind immerhin 15 Länder in Europa, Südamerika, Nah- und Fernost aufgeführt, an die G-3-Lizenzen zur Herstellung des Sturmgewehrs in eigener Produktion vergeben wurden. Darunter sind neun Länder, die nicht der Nato angehören, etwa Brasilien und Burma, Malaysia und Mexiko, Saudi-Arabien und Thailand.
Im renommierten Militär-Jahrbuch Jane's Infantry Weapons 1989/90 sind die RIO-Beobachter mittlerweile auf eine Übersicht gestoßen, derzufolge mehr als fünfzig Staaten mit "Heckler & Koch rifles" des Typs G-3 armiert sind. Dazu gehören Ghana und Kenia, der Sudan und der Senegal, Bolivien und Chile, Kolumbien und El Salvador, Haiti und Guayana, der Iran, Bangladesch, Pakistan und die Philippinen.
Aber auch im - dort nicht genannten - Paraguay verfügen die Streitkräfte nach Erkenntnissen der Bundesregierung "über eine gewisse Anzahl von G-3-Gewehren", obwohl eine Lieferung dieses Waffentyps dorthin von Bonn "nicht genehmigt" worden sei. Vermutlich stammen sie, wie auch die Sturmgewehre in Nicaragua, für die ebenfalls keine Exportgenehmigung vorliegt, aus Portugal, wo das G-3 in Lizenz hergestellt wird.
Zwar müßte, so die Regierung, der "indirekte Endverbleib" von Waffen auch bei Lizenzvergaben gesichert sein. Aber Bonn hatte auch feststellen müssen: "Die Kontrolle des Exports im Ausland hergestellter Waren - auch Waren aus einer Fertigung mit deutscher Lizenz - unterliegt ausschließlich der Verantwortung des Exportlandes".
Die RIO-Aktivisten zogen aus dieser Lage die wohl zutreffende Folgerung: "Das wirkliche Verbreitungsgebiet umfaßt durch illegalen Waffenhandel einen weit größeren Bereich" als von Bonn eingestanden; mittlerweile gebe es "wohl kaum noch ein Land der Dritten Welt ohne G-3-Gewehre".
Weil das "Weapons"-Jahrbuch 1988/89 auch Peru als Lizenznehmer aufweist, dieses Land in der parlamentarischen Antwort des Verteidigungsministeriums aber nicht auftaucht, fragen die Abgeordneten Vennegerts und Mechtersheimer die Bundesregierung jetzt auch nach "Lizenzvergaben und Rüstungsexporten nach Peru".
Nachdem das G-3-Kapitel für RIO nach und nach "weitgehend und im schlimmsten Sinne" (Grässlin) aufgeblättert ist, wenden sich die Schwarzwälder Friedenskämpfer einem neuen Objekt zu.
Das Informationsbüro hat einer Werbeaussage von Heckler & Koch entnommen, daß deren neue Maschinenpistole MP5-SD2 "mit Unterschallgeschwindigkeit schießt und somit kein Geschoßknall auftreten kann". Die beiden Grünen-Abgeordneten wollen deshalb von der Bundesregierung wissen, ob sie bestätigen könne, "daß diese Waffe in einigen Ländern aus eben dieser Eigenschaft zur (lautlosen) Exekution in Gebäuden geeignet ist".
Diplomatische Antwort des Bonner Außenministeriums: "Die Bundesregierung nimmt zu Werbeaussagen von Firmen nicht Stellung." RIO-Grässlin: "Das reicht uns natürlich nicht."

DER SPIEGEL 52/1989
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