25.12.1989

RumänienEin Leichentuch

Volksaufstand gegen das stalinistische Regime des Diktators Ceausescu. In Timisoara richtete die Armee ein Blutbad an.
Mochten Russen, Ungarn, Polen, Deutsche und Tschechen sich wandeln - Nicolae Ceausescu blieb ungerührt, stalinistisches Fossil in der Brandung der grenzüberschreitenden osteuropäischen Volksrevolution.
In sechsstündiger Rede vor seinem Parteitag nannte Rumäniens Diktator, der sein Volk seit nunmehr 24 Jahren drangsaliert, noch im November die Veränderungen ringsum eine "Schwäche der Regierungen" und "sozialistische Verirrungen". Nur das rumänische Volk, so der rote Despot, bleibe "auf ewig dem Kommunismus treu".
Vorletzten Freitag war es mit der befohlenen Treue zu Ende: Tagelang kämpften in blutigen Straßenschlachten unbewaffnete Untertanen im westrumänischen Timisoara (ungarisch: Temesvar) gegen eine hochgerüstete Armee.
Das Massaker, so Berichte von Augenzeugen, habe "bis zu 600 Demonstranten", andere sprechen gar von 1000 bis 4000, das Leben gekostet, die Krankenhäuser, so ein Arzt aus Timisoara, seien mit Schwerverletzten überfüllt, "die meist Schuß- oder Bajonett-Verletzungen aufweisen".
Rumänien schien immer noch für eine "chinesische Lösung" gut. Dabei war eine Nachprüfung der Horror-Berichte zunächst unmöglich. Denn seit Montag hatten die Herrscher die Landesgrenzen hermetisch abgeriegelt, den Telefonverkehr abgeschnitten, halb Rumänien praktisch unter Kriegsrecht gestellt. Deshalb blieb vorerst unklar, ob nach dem Sturz der alten KP-Garde in Ungarn, der DDR, Bulgarien und der CSSR nun der Anfang vom Ende auch des kommunistischen Exzentrikers Ceausescu gekommen war.
Die Armee hatte mit Panzereinheiten um den Unruheherd Timisoara einen Ring gebildet und ließ selbst Krankenfahrzeuge nicht mehr passieren. Doch zumindest Teile der Armee gelten nicht als zuverlässig - während des Parteitages soll etwa die Hälfte der Generäle beurlaubt worden sein. Jetzt meldeten ausgereiste Touristen Kämpfe auch aus Arad; zu vorerst unblutigen Straßendemonstrationen war es offenbar auch in Cluj (Klausenburg), der siebenbürgischen Stadt Brasov (Kronstadt), der Hafenstadt Constanta und sogar in der Hauptstadt Bukarest gekommen - eine landesweite Rebellion.
Begonnen hatte der Aufruhr, ähnlich wie in Leipzig und Prag, als friedliche Demonstration. In Timisoara, der Hauptstadt des überwiegend von einer deutsch- und ungarnstämmigen Bevölkerung bewohnten Banats, hatten Gläubige am vorletzten Freitag um die reformierte Kirche eine Menschenmauer gebildet, um zu verhindern, daß ihr Pastor Laszlo Tökes, 37, zusammen mit seiner Familie zwangsdeportiert wurde.
Geheimpolizisten, die den Abtransport organisieren sollten, sahen sich anfangs zurückgedrängt, doch am späten Abend traf Verstärkung ein. Bewaffnete Polizei und Einheiten der Armee versuchten mit Wasserwerfern, die schnell auf über zehntausend angewachsene Menge auseinanderzutreiben.
In Sprechchören riefen die Demonstranten: "Wir haben Hunger" und "Gebt uns Brot", um auf die elende Versorgung in der Stadt aufmerksam zu machen.
Am Samstag verlagerte sich der Kampfplatz von der Kirche ins Studentenviertel - und die überwiegend rumänischen Studenten erhoben viel radikalere Forderungen. Sie schrien: "Weg mit Ceausescu", "Hau ab!" und "Wir wollen Freiheit".
Demonstranten schlugen die Schaufenster von Buchhandlungen ein und verbrannten die dort ausgestellten gesammelten Werke "des großen Führers Nicolae Ceausescu" - der Volksaufstand gegen den bislang so gefürchteten "Conducator" (Führer) war nur noch durch Gewalt einzudämmen.
Als die wütenden Studenten mit Knüppeln und Eisenketten gegen die Soldaten vorgingen und es ihnen gelang, sogar einen Panzer zu erobern, gaben die Offiziere den Schießbefehl.
Am Sonntag, die Straßenkämpfe dauerten noch an, setzten die Kommandeure gar Kampfhubschrauber gegen die Demonstranten ein. Aus den tieffliegenden Maschinen feuerten MG-Schützen wahllos in die Menge. Kinder und Frauen waren überwiegend die Opfer.
Greifkommandos trieben Studenten in Hinterhöfe und schossen sie dann zusammen. "Es waren kaltblütige Hinrichtungen", berichtet ein nach Jugoslawien entkommener Augenzeuge.
Erst am Dienstag nachmittag sei in der Stadt das Gewehrfeuer verstummt. Am Mittwoch, so meldete das jugoslawische Konsulat in Timisoara, sei es erneut zu einer Protest-Demo in der Stadt gekommen. Die in den Straßen stationierten Panzer und Soldaten aber hätten nicht eingegriffen.
Scheinbar gelassen war Staats- und Parteichef Ceausescu am Montag morgen zum Staatsbesuch nach Teheran geflogen, um mit den Mullahs den Ausbau der gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen zu besiegeln. Ehefrau Elena, 70, nicht nur nach dem Protokoll zweitstärkste Kraft im Land, blieb - Zeichen von Unsicherheit? - entgegen sonstiger Gewohnheit zu Hause.
Das Paar hatte Rumänien von der übrigen Welt, dem Westen wie dem Osten, schon vor der Total-Abschottung der vorigen Woche weitgehend isoliert - durch eine größenwahnsinnige stalinistische Diktatur samt einem Personenkult ohnegleichen.
Hemmungslos nutzte der weitverzweigte Ceausescu-Clan seine Macht zur persönlichen Bereicherung, lebte in zahlreichen über das ganze Land verteilten Palästen, Villen und streng abgeschirmten Feriendomizilen wie mittelalterliche Potentaten.
Zu gleicher Zeit sank der Lebensstandard des Volkes dank Ceausescus sprunghafter Politik unter das Existenzminimum. Schon im siebenten Winter hintereinander sind Lebensmittel und elektrischer Strom streng rationiert, die Rumänen hungern und frieren.
Privatwohnungen dürfen nur vier Stunden am Tag beheizt werden. Nach Ceausescus Dekret stehen in diesem Winter jedem Rumänen täglich nur 300 Gramm Brot zu sowie monatlich ein Pfund Schweinefleisch, 200 Gramm Käse, ein halber Liter Speiseöl, ein Kilo Zucker, fünf Eier und 100 Gramm Butter. Aber in vielen Landesteilen sind nicht einmal diese Rationen immer zu haben.
Um die von ihm verordnete Fronarbeit aller Rumänen abzusichern, hatte der Familienclan das ganze Land mit einem dichten Netz von Spitzeln und Agenten der berüchtigten Geheimpolizei Securitate überzogen. Jede auch noch so zaghafte Opposition wurde unterdrückt, jeder Widerstand mit brutalsten Mitteln gebrochen.
Hunderte angeblicher Regimefeinde sitzen im Gefängnis oder sind spurlos verschwunden. Der rumänische Dichter Mircea Dinescu, wegen kritischer Äußerungen seit März unter Hausarrest, sieht "ein ganzes Land unter dem Leichentuch".
Zu den wenigen, die es wagten, gegen Ceausescu zu opponieren, gehörte Pastor Laszlo Tökes. Der engagierte Ortspfarrer der reformierten Gemeinde von Timisoara wurde vor zwei Jahren weltbekannt, als er in Eingaben an Ceausescu und Hilferufen an den Westen schwere Verstöße gegen die Menschenrechte wie die planmäßige Dorfzerstörung und die Verfolgung der ungarischen Minderheit in Rumänien anprangerte.
Im November brachen vier maskierte, mit Messern bewaffnete Männer in Tökes' Wohnung ein und versuchten den Pastor umzubringen. Nur mit Hilfe von zufällig anwesenden Gästen gelang es, die angeblichen Räuber nach einer wilden Schlägerei in die Flucht zu schlagen.
Die Familie Tökes zog zur eigenen Sicherheit in die Sakristei der Kirche, doch auch dort wurden ihr die Fensterscheiben eingeworfen. Beschwerden bei seinem Vorgesetzten, dem Bischof Laszlo Papp, hatten nur zur Folge, daß Tökes die Pfarrstelle aufgekündigt und er in ein entlegenes Dorf nach Siebenbürgen strafversetzt wurde.
Widerstand, wenn auch zunächst nur vereinzelt, hatte sich auch andernorts schon geregt. Nach dem rumänischen Parteitag meldete sich anonym ein "Komitee für die nationale Veränderung im Rahmen der Kommunistischen Partei Rumäniens" mit einem 44-Punkte-Programm, in dem die Forderung steht, den gesamten Ceausescu-Clan zu entmachten und in Haft zu nehmen. Die Dissidenten, die angeblich hinter der Forderung stehen, appellierten an alle sozialistischen Länder, ihre Beziehungen zur rumänischen KP abzubrechen.
In Bukarest gingen schon seit Oktober Flugblätter einer "Front für die Rettung der Nation" um, die für einen demokratischen Sozialismus nach dem Vorbild Dubceks eintreten.
Schließlich arbeitet seit dem 2. Oktober eine neu gegründete Sozialdemokratische Partei im rumänischen Untergrund, die "zur Befreiung von den Ketten kommunistischer Diktatoren" aufrief. Sie forderte eine pluralistische Demokratie, freie Marktwirtschaft und die Achtung der Menschenrechte. Unterschrieben sind ihre Dokumente mit dem Synonym: "Das Vaterland".
Zumindest moralische Unterstützung erhielt der rumänische Volksaufstand nicht nur im Westen, sondern auch von fast allen sozialistischen Bruderländern.
In Ost-Berlin gaben alle am "Runden Tisch" versammelten Parteien und Gruppen eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie bekannten: "Wir solidarisieren uns mit dem rumänischen Volk und seinem Befreiungskampf." Selbst die SED, noch vor zwei Monaten Arm in Arm mit dem Regime in Bukarest, hat unterschrieben.
Ceausescu, im fernen Teheran am Dienstag nach den Ereignissen in seinem Land befragt, log wie immer: "Die Lage ist gut, stabil und ausgewogen."

DER SPIEGEL 52/1989
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