22.01.1990

„Alle wollen weg - sofort“

Es ist heiß in Siebenbürgen - mitten im Winter. Höflich und "mit der Bitte um Verständnis" entschuldigt sich Pfarrer Grau für die fast tropischen Temperaturen in seinem Wohnzimmer, während draußen das Thermometer bei minus 26 Grad stehengeblieben ist.
Noch vor kaum drei Wochen haben er und seine Frau mit dicken Wolljacken und zwei Paar Socken am Kaffeetisch gesessen. Damals galt noch die Verordnung des Diktators Nicolae Ceausescu, daß die Räume aller rumänischen Bürger nicht wärmer als zwölf Grad beheizt werden dürfen.
Doch nun ist der verhaßte Tyrann tot, sein Regime von der Revolution weggefegt. Jetzt, sagt Pfarrer Grau, "genießen wir unsere neugewonnene Freiheit, indem wir schimpfen und schwitzen".
Schimpfen etwa über die trostlose Versorgungslage, die sich, zumindest in Sighisoara, überhaupt nicht gebessert hat. Anders als die Bukarester, die kurz nach Weihnachten in den Geschäften sogar Fleisch und Obst entdeckten, blieben die 40 000 Einwohner der Provinzstadt Sighisoara, malerisch in der hügeligen Karpaten-Landschaft Siebenbürgens gelegen, von solchen Wohltaten ausgespart. Sie stehen weiter stundenlang Schlange nach dem Wenigen, was in den Regalen liegt.
Thomas Grau, 54, der mit seinem silbergrauen Haar und seiner bedächtigfreundlichen Art wie die Idealbesetzung für die nächste TV-Pfarrer-Serie wirkt, betreut zusammen mit seinem Kollegen August Schuller 2400 Seelen: Es sind deutschstämmige Siebenbürger Sachsen, deren Vorfahren im 12. Jahrhundert vorwiegend aus dem rhein- und moselfränkischen Raum ins heutige Rumänien übersiedelten.
Als der lutherische Geistliche vor über zehn Jahren die Pfarrei von Sighisoara (deutsch: Schäßburg) übernahm, hatte sie noch 4200 deutschstämmige Mitglieder. Seither ist die Gemeinde gut um die Hälfte geschrumpft - die meisten wurden von der Bonner Regierung gegen Devisen freigekauft und zogen in die Bundesrepublik.
Von denen, die noch geblieben sind, haben fast alle den Auswanderungsantrag längst eingereicht - teilweise warten sie schon seit 20 Jahren auf die ersehnten Papiere.
Nach dem Ende der blutigen Diktatur, überlegt Pfarrer Grau, müßten viele ihren Entschluß eigentlich noch mal überdenken. Doch nach vielen Gesprächen mit Gemeindemitgliedern glaubt er nicht mehr daran: "Es ist schrecklich, wie eine Panik. Alle wollen weg - sofort."
Zwar hat die neue provisorische Regierung in Bukarest der deutschsprachigen Minderheit - zusammen mit den katholischen Banater Schwaben landesweit noch etwa 200 000 Menschen - versichert, daß die Diskriminierung nun abgeschafft und ihre Mithilfe beim Aufbau des wirtschaftlich ruinierten Rumänien "wichtig und notwendig" sei.
Nur: "Die können sagen, was sie wollen. Ich glaub' denen kein Wort." Franz Seiler, 44, Schneider in der örtlichen Hemdenfabrik Tirnava, steht jeden Morgen vor Schichtbeginn am Schalter der Schäßburger Hauptpost und fragt, ob die ersehnte Nachricht endlich eingetroffen sei, daß er in der Kreisstadt Tirgu Mures den am 2. Januar beantragten Reisepaß für sich und seine Familie abholen kann.
Wenn es soweit ist, wird es ihn "keinen Tag mehr" in seiner alten Heimat halten: "24 Jahre hat Ceausescu uns betrogen und belogen. Jedes Vertrauen hat er aus uns herausgeprügelt." Wenn Seiler noch letzte Zweifel an seiner Entscheidung, aus Rumänien auszusiedeln, gehabt hatte, sind sie spätestens vorletzte Woche endgültig beseitigt worden:
Zufällig, es war auf dem Nachhauseweg, geriet er in die Versammlung des neugegründeten "Bürgerforums" im Restaurant Polar auf der Piata Lenin. Im ganzen Land haben sich seit dem Volksaufstand Hunderte solcher Foren und Komitees gebildet, deren Mitglieder euphorisch-chaotisch die ersten Schritte in Sachen Demokratie üben.
Doch auf dem Podium entdeckte Seiler vertraute Gesichter: Die Diskussion leitete der Genosse Petrescu, der zu Ceausescus Zeiten einer der glühendsten Kommunisten Schäßburgs gewesen war, bei den Paraden zum 1. Mai mit roter Fahne und Hochrufen auf den Conducator stets vorneweg.
Neben ihm sah Seiler den Genossen Mana sitzen, der, jeder in der Stadt wußte es, zur berüchtigten Securitate gehörte, der Sicherheitspolizei und Prätorianergarde des Tyrannen. Da war Franz Seiler "schlagartig klar, daß sich hier eigentlich nichts ändern wird".
Über die Zukunft in der neuen Heimat BRD macht sich der Schneider, wie auch die meisten Ausreise-Entschlossenen, keine großen Illusionen. Regelmäßig haben sie in den vergangenen Jahren, obwohl das streng verboten war, den Nachrichten der Deutschen Welle gelauscht; sie wissen sehr wohl, was sie in der Bundesrepublik erwartet.
Zudem hat vor zwei Jahren sein jüngerer Bruder nach 18jähriger Wartezeit seine Heimat in die Bundesrepublik verlegt. Seither wohnt er mit Frau und zwei Kindern im hessischen Hanau in einem winzigen Zimmer, Klo auf dem Flur, und lebt von der Sozialhilfe.
Doch Franz Seiler kann all das nicht schrecken: "Irgendwie", beschwört er sich selbst, werde er es schon schaffen. Er sei "gewohnt zu arbeiten" und "wirklich nicht gerade verwöhnt". Jetzt sei die Gelegenheit günstig, wer weiß, wie lange sie noch einen Paß erhalten. Außerdem: "Lieber bin ich in Deutschland arm als in Rumänien."
In seiner Abteilung in der Hemdenfabrik Tirnava, die hauptsächlich für die Bundesrepublik produziert, arbeiten 71 Siebenbürger Sachsen. Nur einer von ihnen, der Elektriker Werner Hügel, 31, will in Rumänien bleiben: "Hier ist doch irgendwie meine Heimat, und daran hänge ich auch." Schließlich ist er unter jenen Arbeitern gewesen, die zwei Tage vor Weihnachten in einem Protestzug durch Schäßburg marschiert sind und mit Hilfe der Armee die örtlichen Securitate-Angehörigen entwaffnet haben. Jetzt will er die Früchte der Revolution, "deren Teil ich doch bin", auch ernten und genießen.
Der wahre Grund, vermutet später ein Arbeitskollege, sei ein ganz anderer: "Der Werner hat doch eine Mischehe." Seine Frau, eine Rumänin, würde "nicht mit ihm mitgehen".
Solche "Mischehen" sind bis heute bei den traditionsbewußten und nationalistischen Siebenbürger Sachsen verpönt. "Nur wenn wir unter uns bleiben", behauptet der Rentner Albert Klärer, 64, "können wir als eigenes Volk überleben." Deshalb, so das Mitglied des Schäßburger Kirchenrates, "heißt es für uns Sachsen, immer besonders zusammenzuhalten".
Im großen Versammlungszimmer der Pfarrei auf der Burgfestung veranstaltet er regelmäßige Heimatabende, an denen er Selbstgereimtes im Dialekt vorträgt.
Solchen Treffen stand Pfarrer Schuller "immer skeptisch gegenüber, weil da die Grenze zwischen Brauchtumspflege und purer Deutschtümelei oft überschritten wurde".
Immer wieder habe es dem Pastor "vor der braunen Soße gegraut, die in unserer Gemeinde vor allem von den Alten gerührt wurde". Schon bald wird auch er mit Frau und drei Kindern in die Bundesrepublik übersiedeln. Die Ausreise hat er noch während der Ceausescu-Ära beantragt. Seine Motive sind nicht nur politisch und wirtschaftlich: Die 13jährige Tochter leidet an einem Tumor, das desolate rumänische Gesundheitssystem konnte ihr nicht helfen.
Gewissensbisse, seine Schäfchen unversorgt zurückzulassen, hat er keine mehr. Schuller lakonisch: "Warum denn, die Gemeinde geht ja mit."
Für jene Minderheit, die sich dem Exodus noch nicht angeschlossen hat, waltet weiterhin Pfarrer Grau seines Amtes. Zumindest bis zum Frühjahr, bis zur Konfirmation, will er noch ausharren. Die Kinder des Pfarrers haben seiner Entscheidung schon vorgegriffen: Die Tochter ist seit vier Jahren in Worms verheiratet. Sohn Klaus hingegen wählte einen ungewöhnlichen Weg: Mit einer Touristengruppe reiste er in die Sowjetunion. Dort setzte er sich ab, trampte nach Moskau und meldete sich Anfang Dezember in der deutschen Botschaft. Seither wartet er dort auf einen Paß.
Vater Grau: "Ich kann die Jungen ja verstehen, daß sie alle wegwollen." Aber es schmerzt ihn doch, daß "durch die Völkerwanderung die Zukunft der Siebenbürger Sachsen auf rumänischem Boden mehr als gefährdet" ist. Denn von den wenigen, die bleiben wollen, sei "schon altersmäßig nicht mehr viel zu erwarten".
Jeden Sonntag treffen sich nach der Zehn-Uhr-Messe, bei Bier und selbstgebranntem Kirschwasser, die Mitglieder des Kirchenrates im Hause des pensionierten Bankdirektors Otto Keul, 78, zum Plausch und Umtrunk. Hier ist man unter sich, und es wird eine klare Sprache gesprochen.
Einer beschwert sich etwa über die "ständige Schweinerei" der Deutschen Welle, welche die Siebenbürger Sachsen stets als "deutschstämmig" bezeichnet. "Was heißt da deutschstämmig", poltert er los, "wir sind Deutsche."
Und was für welche. "Der Rumäne", verkündet ein pensionierter Beamter, "ist faul und kann nicht organisieren." Die anderen nicken zustimmend.
Rasch und selbstgerecht gehen die Frühschöppner ihre immer wiederkehrenden Themen durch. Ihre Meinungen sind fest wie Beton: "Jeder Polacke darf nach Deutschland umsiedeln, und bei uns stellen sie sich neuerdings an."
Sie wollen noch so lange in Schäßburg ausharren, bis die "Rentenfrage" endgültig geklärt ist. Dem Rumänienbesucher aus der Bundesrepublik, der sie in der vorigen Woche bat, ihren Auswanderungsbeschluß zu überdenken, trauen sie auch nicht über den Weg. Außenminister Genscher könne "soviel versprechen, wie er will. Der ist bei uns unten durch, weil er mit den Sozis paktiert hat".
Einigkeit besteht auch in ihrer Einschätzung der Bundesdeutschen. Die behandeln die Siebenbürger Sachsen schlecht und ungerecht: "Manchmal hat man das Gefühl, die wollen uns gar nicht haben." f
Von B. Dörler

DER SPIEGEL 4/1990
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