16.04.1990

ÄthiopienKämpft ums Überleben

Bedrängt durch Bürgerkrieg und Hungersnot, verlassen von seinen östlichen Verbündeten, sucht Diktator Mengistu mit zaghaften Reformen sein Regime zu retten.
Hammerschläge hallen über den menschenleeren Platz der Revolution. Drei Arbeiter schweben an einem Kran, von Scheinwerfern in gespenstisches Licht getaucht, über einem Triumphbogen, der im Zentrum der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba den Ruhm des Sozialismus preist.
Die nächtliche Brigade müht sich emsig, den roten Stern an der Spitze des Bauwerks abzumontieren. Das Symbol wackelt, doch es gibt nicht nach. Schließlich beginnen die Männer ersatzweise Parolen - "Es lebe der proletarische Internationalismus" - sowie Sterne, Hammer und Sichel zu übermalen. Die Konturen der Insignien bleiben trotz der Farbe deutlich sichtbar.
Die Bilderstürmer-Kolonnen von Addis arbeiten immer im Schutze der Dunkelheit. Sie nutzen die Ausgangssperre, die zwischen Mitternacht und Morgengrauen herrscht. Ihr Auftraggeber ist Äthiopiens Diktator, Präsident Mengistu Haile Mariam, 48, bis vor kurzem noch Afrikas hartgesottenster Stalinist.
Isoliert in der Welt und zur Reform gedrängt von seinen östlichen Noch-Verbündeten, konfrontiert mit einem seit Jahrzehnten wütenden Bürgerkrieg und einer neuen Hungerkatastrophe, sucht Mengistu einen Ausweg in Reformen.
In einer vierstündigen Ansprache vor dem Zentralkomitee der Arbeiterpartei Äthiopiens erklärte der Präsident das 15jährige Experiment mit dem Marxismus-Leninismus für gescheitert: "Der Übergang zum Sozialismus hat sich als unerreichbar erwiesen."
In Landwirtschaft, Industrie und Handel, selbst auf dem Wohnungsmarkt sollen Privatunternehmen den Staatsbetrieben künftig Konkurrenz machen. Die Bauern können ihre Produkte frei auf dem Markt verkaufen.
Mengistu ist zwar offenkundig bereit, sich den ökonomischen Zwängen zu beugen - seine Machtfülle aber will er behalten. Mit einem neuen Namen - "Demokratische Einheitspartei Äthiopiens" - soll sich die bisherige Kaderpartei, so Mengistu, "allen gesellschaftlichen Kräften öffnen".
Der Diktator hat gesprochen, und die Funktionäre rätseln immer noch über seine Worte. "In zwei Monaten tagt der Parteikongreß, dann werden wir mehr erfahren", sagt Teklu Tabor, Abteilungsleiter im Informationsministerium. "Es wird mehr Parteien unter einem Dach geben", mutmaßt Haile Gabriel, Mitglied des Shengo, des nationalen Parlaments.
Während der Student Davide Tesfaye, 24, redet, kreisen seine Augen nervös durch die schäbige Kneipe im Viertel Arad Kilo. "Wir glauben Mengistu kein Wort", flüstert er, "solange er regiert, wird sich nichts verändern - kein Brot, kein Frieden, keine Freiheit. Mit der sogenannten neuen Politik will der doch nur seinen Kopf retten."
Mengistu (amharisch: die Macht) Haile Mariam (die Kraft Marias) gehörte zu jener Gruppe revolutionärer Militärs, die 1974 den greisen Kaiser Haile Selassie davonjagte und ihr Land aus Korruption und Elend befreien wollte.
Doch im Würgegriff von Dürre, Hunger, Krieg und stalinistischer Diktatur verkam Äthiopien zum allerärmsten Land der Erde mit einem Pro-Kopf-Jahreseinkommen von 91 Dollar.
Der Mann, der den Marxismus jetzt abstreift wie eine alte Haut, sei - so sagen Landeskenner - selbst gar nie Marxist gewesen. Die sozialistische Kommandostruktur habe Mengistu ins diktatorische Konzept gepaßt.
Die blutigen Nationalitäten-Konflikte im Land konnte er damit nicht beenden - im Gegenteil. Die Eritreische Volksbefreiungsfront (EPLF) beherrscht zwei Drittel der nördlichen Provinz von der Größe der DDR. Die Eritrea-Hauptstadt Asmara ist umzingelt. Unaufhaltsam dringen die Rebellen der Volksbefreiungsfront von Tigre (TPLF) in Richtung Addis Abeba vor. Sie stehen nur wenige Kilometer nördlich von Dessie, Hauptstadt der Provinz Wollo.
Die 70 000-Einwohner-Stadt Dessie ist schon überfüllt von Flüchtlingen: 47 816 haben sich bisher im Büro der staatlichen Hilfskommission gemeldet, täglich werden es mehr.
Die Menschen stehen in langen Schlangen auf dem Sportplatz von Dessie und warten auf die staatliche Zuteilung. Schmale Frauen, weiße Musselin-Tücher um sich geschlungen, nehmen mit verschlossenen Blicken und leichtem Nicken des Kopfes ihre Rationen entgegen: Getreide, Bohnen, Speiseöl. Viele eilen damit gleich zum lokalen Markt.
"Ich muß einen Teil davon verkaufen", erklärt Turu Wolde Sambat, 25, "ich brauche Geld, um meine Unterkunft zu zahlen." 50 Cent, etwa 40 Pfennig, die Nacht für einen Verschlag.
Noch werden in Dessie keine Lager errichtet, noch sieht man keine zum Skelett abgemagerten Menschen, noch sterben keine Kinder vor laufenden Fernsehkameras wie bei der großen Hungersnot 1984/85, bei der fast eine Million Menschen umkamen. Die neue Katastrophe, die etwa vier Millionen Menschen in Äthiopiens Nordprovinzen akut bedroht, findet - da mitten im Kriegsgebiet - noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.
Da beide Seiten wie gehabt mit dem Hunger Politik machen, ist auch bei der neuen Not der Konkurrenzkampf um Transportwege, Kompetenzen, Kapazitäten zwischen Regierung und Rebellen entbrannt.
Seit die EPLF im Februar den Hafen Massaua am Roten Meer eroberte, ist der kürzeste Weg für die Versorgung der Hungernden in Eritrea und Tigre abgeschnitten. Beim tagelangen erbitterten Kampf um Massaua sollen 50 000 Tonnen Hilfsgüter, die im Hafen lagerten, vernichtet worden sein - damit hätten drei Millionen von der Hungersnot Bedrohte drei Monate lang ernährt werden können. Überall brannte Getreide. Soldaten und Rebellen hätten, so berichteten Augenzeugen, mit den Säcken Barrikaden gebaut. Was beim Sturm auf die Stadt erhalten blieb, zerstörten MiG-Jäger der äthiopischen Luftwaffe, die noch in der vergangenen Woche die Stadt bombardierten.
Dennoch fordern die Rebellen Geberländer, Uno und Hilfsorganisationen auf, Nahrungsmittel künftig durch Kanäle über den Hafen von Massaua ins Katastrophengebiet zu leiten. Goytom Wolde Mariam, Koordinator der eritreischen Hilfsorganisation ERA: "Die Geber müssen Druck auf die Machthaber in Addis ausüben, ihre verbrecherischen Luftangriffe einzustellen."
Die Regierung will am liebsten eine Luftbrücke in den Norden aufbauen. "Dafür brauchen wir 14 Hercules-Maschinen", sagt Äthiopiens oberster Nothelfer, Yilmar Kassaye. Ziel der kostspieligen Aktion: die eritreische Hauptstadt Asmara, in der neben 400 000 Zivilisten auch 120 000 Regierungssoldaten von den Rebellen eingeschlossen sind.
"Im Grunde schert es niemanden, wenn ein paar hunderttausend Menschen verhungern", so das bittere Resümee eines Krisenhelfers der Uno. "Nur wenn beide Seiten ihre Katastrophenhilfe absprechen, kann das Schlimmste verhindert werden."
Die bisherigen Gespräche, die Äthiopiens Regierung mit der EPLF (unter Vermittlung des früheren US-Präsidenten Carter) und mit der TPLF (unter Vermittlung der italienischen Regierung) führt, sind allerdings über die Frage, wer am Tisch sitzen und was eigentlich Thema der Verhandlungen sein soll, noch nicht hinausgekommen.
Die EPLF kämpft seit 28 Jahren für die Unabhängigkeit Eritreas. Die Rebellen der TPLF wollen die "faschistische Junta in Addis Abeba" stürzen und als wahre Marxisten-Leninisten "echte Demokratie" einführen.
Mengistu kämpft ums Überleben, selbst auf seine Armee kann er sich nicht mehr verlassen. Als er im vergangenen Mai seinen persönlichen Freund Erich Honecker besuchte, putschten Offiziere in Addis Abeba und Asmara. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen.
Auch von dem Honecker-Geschenk von damals - 200 von der Nationalen Volksarmee ausgemusterte Panzer vom Typ T-55 - sah das äthiopische Regime nur noch 152 Stück. Mit der Wende in der DDR wurden abrupt Panzer, Polizei-Berater und mittlerweile auch Projekte in der Landwirtschaft und im Bildungsbereich gestrichen.
Auch andere treue Bündnispartner zogen sich zurück. Die letzten kubanischen "Internationalisten" verließen im September 1989 das Land. Und nachdem die Supermächte übereingekommen waren, regionale Konflikte künftig nicht mehr militärisch anzuheizen, sollen auch die Waffenlieferungen der Sowjetunion - seit 1977 im Wert von etwa elf Milliarden Dollar - noch in diesem Jahr auslaufen.
Mit dem Ende des Kalten Krieges funktioniert der alte Ost-West-Mechanismus - wenn die Amerikaner gehen, holen wir die Russen oder umgekehrt - nicht mehr, den viele Drittwelt-Herrscher so lange gekonnt ausspielten.
Wenn die alten Feindbilder verblassen, gewinnen jahrhundertealte Gegensätze wieder an Konturen: Äthiopien als christliches Bollwerk gegen den islamischen Ansturm auf Afrika. Mengistu statt roter Diktator jetzt Kämpfer für das christliche Abendland?
"Der Westen hat nie verstanden, daß wir von arabischen Nachbarn umgeben sind, die uns seit Jahrhunderten schlucken wollen", doziert Teklu Tabor, "heute unterstützen sie unsere Feinde."
Tatsächlich finanzieren Libyen, Irak, Syrien und einige Golfstaaten die Rebellen im Norden, deren Hauptquartiere im fundamentalistisch regierten Sudan liegen. Seit Äthiopien Ende vergangenen Jahres Beziehungen zu Israel aufnahm, wurden die arabischen Waffenlieferungen für die Rebellen noch verstärkt.
Israel hat seinerseits Hunderte von Militärberatern nach Äthiopien geschickt und versorgt die Armee mit Maschinenpistolen und Streubomben, behaupten nicht nur EPLF und TPLF, sondern auch westliche Diplomaten in Addis Abeba. Im Januar besuchte eine israelische Militärdelegation unter Leitung von Generalstabschef Dan Schomron das Land. Ende März reiste Mengistus Berater Kesse Kebede nach Jerusalem. "Wir haben", so Kebede, "ein gemeinsames geostrategisches Interesse, das Rote Meer nicht zur arabischen See werden zu lassen."
"Mengistu liebt die Macht", so die Erklärung eines Regime-Kritikers zu den wechselnden Stützen des Diktators, "er wird alles tun, um sie zu behalten." Eines Tages jedoch werde ihn das Volk stürzen, so wie es einst den greisen Kaiser davonjagte.
In Addis Abeba macht ein Witz die Runde: Mengistu hält nächtliche Zwiesprache mit seinem Porträt. Was wird nur aus uns beiden, fragt der Machthaber. Ganz einfach, antwortet sein gemaltes Konterfei: Ich werde abgehängt, und du wirst aufgehängt. f

DER SPIEGEL 16/1990
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