23.10.1989

Mit Anima in der Anbauküche

In Stunden der Orientierungslosigkeit, wer hat die nicht, ist jeder Überbringer einer guten Botschaft willkommen; leider heißt einer immer öfter Franz Alt, der Bergprediger.
"Frieden ist möglich", hat er verkündet (Auflage: 850 000), danach "Liebe ist möglich" (250 000). Und nun gehen täglich 800 Exemplare eines neuen Alt-Buches über die Händlertresen, dessen Titel auch nichts Böses verheißt: "Jesus - der erste neue Mann".
Es muß jener sein, von dem schon Margot Werner sang ("So ein Mann, so ein Mann, zieht mich unwahrscheinlich an") und den Alice Schwarzer ersehnt. Denn er hat "das Weibliche in sich nicht verdrängt", "von Frauen gelernt", in ihnen "Partnerinnen" und nicht "Lustobjekte" gesehen und wider die "Brutalität des Patriarchats" gefochten.
"Von diesem Mann", berichtet Alt, "träumen Frauen bis heute"; die ihm aber "vor 2000 Jahren begegnet" seien, waren "verrückt" nach ihm. Dr. Alt, wie so viele von uns damals nicht dabei, weiß es positiv, denn er hat im Drüben gefischt, in einigen Emanationen und Exegesen der "feministischen Theologie".
In denen weht stark der Geist jenes Seelenkundlers, als dessen Stellvertreter auf Erden Franz Alt seit längerem betriebsam ist: C. G. Jung, der Freud-Konkurrent, Erfinder der "Anima", des weiblichen Teils im Manne, die "genialste Einsicht der Neuzeit". Diese "Anima" unterdrückten heute "die meisten Männer, damals alle", Ursache jedweden Übels: "Jesus ist die erste große Ausnahme."
Auf diesen Felsen baut Alt nun seine neue Kirche, verflucht die alte, patriarchalische, erhebt sich, Pater Leppich redivivus, zum Erweckungs-Prediger mit Endzeit-Tremolo und weist das Rettende auch; in Jesus nämlich "haben wir die geistige Atombombe, mit deren Hilfe wir die materiellen Atombomben überwinden können".
Mag ja sein, daß die Erde eine Scheibe und der Mensch gut ist und Franz Alt recht hat. Mag auch sein, daß er vor ein paar Jahren sein "Damaskus-Erlebnis" hatte und vom Franz zum Franziskus wurde. Muß er deswegen Bücher schreiben, die der Intelligenz ein Ärgernis sind und der Vernunft ein Greuel?
Er ist mittlerweile 51, hat Autorität und Ansehen als integrer TV-Journalist ("Report") und Öko-Friedens-Fürst. Muß er nach Dienstschluß die christliche Pfadfinderhose anziehen und die Propheten-Sandale, beim CVJM die Sprache leasen und erbauliche Traktätchen schreiben? Braucht der Guru seine Gemeinde?
Denn unter den verschiedenen Titeln quillt immer die gleiche Suada, aus Bekennerwut und Bekehrungsfieber, Hochmut des Gerechten und Zerknirschung des Sünders, Ratio-Feindlichkeit, New-Age-Besserwisserei samt Katalog der Katastrophen; eine spirituelle Anbauküche, in der es nach Sektierertum und Gestern riecht.
Nicht mehr naiv ist, was er für sein Jesus-Buch "von Frauen gelernt" hat, von feministischen Theologinnen. In ihrem Ringen, einen "weiblichen Gott" zu gebären, deklarieren sie Jesus zum "ersten Feministen", den ein gewalttätiges Patriarchat, die jüdische Religion, hingeschlachtet habe. Arglos quatscht Alt die horrende Folgerung nach:
"Wohin eine Politik der Gewalt und Gegengewalt führt, hat Jesus zu seiner Zeit vorausgesehen: zur Zerstörung von Jerusalem und zur Ausrottung eines großen Teils der jüdischen Bevölkerung." Sein Blut komme über uns, bis Auschwitz.
Männlichem Obskurantismus unterliegt Alt genauso kindlich, so einem Bibel-Forscher namens Karl Herbst. Der stellte fest, Jesus sei nur bewußtlos vom Kreuze genommen worden, es habe folglich keine Auferstehung bedurft. Das Vorwort, das Alt für das "wissenschaftliche" Herbst-Buch geschrieben hatte, wurstete er in sein eigenes hinein.
Sonst freilich schreibt er ungeniert bei anderen ab, prunkt mit Zitaten, die andere ausgruben, oder zermanscht sie zu eigenen Erkenntnissen. Original: "Ihre große frauenhafte Bekräftigung ,Er ist auferstanden' ist die Grundlage des Glaubens der Menschheit." Alt: " . . . und sagte den für die Menschheitsgeschichte entscheidenden Satz: ,Er lebt'."
Kann ja sein, daß für Franz Alt Arbeit "Gottesdienst" ist und nur "dienend Geldverdienen gesund macht". Zuviel der guten "Anima" in einem Mann verführt aber offenbar zu schludriger Arbeit, und daß Alt, wie sein Jesus, auch so ein "erster neuer Mann" ist, darüber läßt er keinen Leser im Zweifel.
So gerät man schließlich zu der eines Konzils würdigen Menschheitsfrage: Ist Alt wie Jesus, oder war Jesus wie Alt? Klärendes können wir bei C. G. Jung, Alts Psycho-Paten, erfahren: "Transzendentale Anschauungen", also Gott-Bilder, müsse man als "Projektionen auffassen", als "psychische Inhalte, die in einem metaphysischen Raum hinausgesetzt und hypostasiert wurden".
Alt, mithin, schuf sich einen Jesus nach seinem Bild und Gleichnis, was, beruhigend, auch erklärt, warum er soviel Unbekanntes von ihm weiß - etwa wie "verrückt" die Frauen nach ihm waren. Ganz aus dem Häuschen werden die Leserinnen geraten, wenn Alt eigenfüßig übers Wasser wandelt. f
*GESCHICHTE-1 *
*VERLAGSHINWEIS:
Franz Alt: "Jesus - der erste neue Mann" Piper Verlag; 184 Seiten; 19,80 Mark
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 43/1989
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