14.05.1990

TrainerKraß und knüppelhart

Fußball-Trainer Karlheinz Feldkamp, als Nothelfer verpflichtet, führte den 1. FC Kaiserslautern ins Pokalfinale.
Wenn Karlheinz Feldkamp in öffentlicher Runde die Stimme hebt, kommt unvermittelt Andacht auf. Angestrengt folgt das Auditorium dann den Ausführungen des Fußballehrers, zuweilen widerfährt ihm die schiere Bewunderung. Denn Feldkamp, 55, spricht nicht bloß dürftige Statements ins Mikrofon - er inszeniert seinen Auftritt.
Versonnen fährt er sich über den grauen Lockenkopf, führt die Hände über der Nase zusammen, mustert aus den in tiefen Falten liegenden Augen das Publikum und bringt endlich den ersten Satz in die Tiefe des Raumes: "Wir wollten hier punkten, und das haben wir getan." Mag der Inhalt auch noch so banal sein, der Trainer des 1. FC Kaiserslautern legt gewichtig Kunstpausen ein, in denen er sich die Lippen befeuchtet.
Ob in Pressekonferenzen, Fernsehstudios oder nur beim Small talk im kleinen Kreis - Feldkamp wirkt hier zunehmend wie der einzig legitime Nachfolger des kleinen Dettmar Cramer, den die Fußball-Branche einst ehrfürchtig den "Professor" nannte.
Gern nennt Feldkamp sich "einen Gestandenen", der für die jungen Kollegen stets generös die große Geste bereithält. So klopft er Helmut Schulte, 32, als dessen FC St. Pauli gegen den Klub aus der Pfalz 0:2 verliert, derart wohlmeinend auf die Schulter, daß jeder im Raum die Botschaft versteht. "Du lernst das auch noch mit der Zeit."
Schließlich weiß der Mann, den alle kurz "Kalli" rufen, selbst am besten, was die Zeit so bringen kann. In den Jahren, da die Trainerzunft der Bundesliga noch von Strategen wie Ernst Happel, Branko Zebec oder Udo Lattek geprägt war, galt Feldkamp lediglich als ein Rumpelstilzchen, das wie von Sinnen an der Auslinie tobte und so die trägen Kicker auf Trab zu bringen versuchte.
Mittlerweile sind weitaus jüngere und stillere Kräfte an die Stelle der einstigen Erfolgstrainer getreten, und prompt kommt Kalli mit neuem Image daher. Er gilt nun neben dem Bremer Coach Otto Rehhagel, 51, seinem Gegner beim Pokalendspiel kommenden Samstag in Berlin, als der letzte aus der Garde großer bundesdeutscher Fußballehrer.
Sogar ein Abstieg ins fußballerische Niemandsland wird plötzlich als dienlich empfunden. Noch vor wenigen Wochen durfte Feldkamp nur im fernen Ägypten wirken, den Kickern von Ismailija die Grundbegriffe des deutschen Kurzpaß-Spiels vermitteln. Erst als der 1. FC Kaiserslautern in Abstiegsgefahr geriet, erinnerte sich das Präsidium des einstigen Einpeitschers - jetzt feiert die Pfalz ihren Retter als den weisen Mann vom Nil.
Kein Zweifel - Karlheinz Feldkamp genießt die ihm uneingeschränkt entgegengebrachte Bewunderung. Wenn er bedächtigen Schritts ins örtliche Fritz-Walter-Stadion einzieht, intoniert die Fangemeinde inbrünstig: "Kalli, wir danken dir" - und Kalli hebt kühl den Arm zum Gruße. Die Gewißheit, "eine Ausstrahlung auf die Leute hier" auszuüben, tut ihm sichtlich gut.
Noch immer kann es sich der Trainer allerdings nicht erklären, was ihn dazu bewogen hat, den gemächlichen Job unter den Pyramiden "derart unvorbereitet" aufzugeben. So einen kurzfristigen Ortswechsel "macht man vielleicht in der Jugend", deshalb sieht er darin auch kokett geistige Frische bestätigt: "Spontaneität habe ich immer geliebt." In jedem Fall aber hat ihn die Absicht umgetrieben, "wieder ins Geschäft zu kommen".
Nicht ohne Grund war der gelernte Maler und Anstreicher zuletzt in die Fußball-Niederungen abgerutscht. Seine Engagements in der Bundesliga endeten oft in hoffnungslosen Zerwürfnissen, Feldkamps Ruf hatte im Lauf der Jahre zunehmend Schaden genommen.
Ob in Dortmund, Bielefeld oder Frankfurt - ständig gab es Krach um Kalli. Mal wurde ihm angekreidet, das Training kurzerhand geschwänzt zu haben, mal mußte er sich des Vorwurfs erwehren, grundlegende Finessen des modernen Fußballs - etwa die Raumdeckung - schlichtweg nicht begriffen zu haben.
Allein in Kaiserslautern wurde der launige Trainer ungebrochen als Architekt einer großen Fußballmannschaft verehrt. In vier Jahren, von 1978 bis 1982, hatte er die einstmals müde Provinztruppe europapokalreif getrimmt und sich so, wie ein Klubkenner weiß, "ein Denkmal zur Rechten von Fritz Walter" gesetzt.
Wenn er irgendwo die verspielte Reputation wiedergewinnen konnte, dann auf dem "Betzenberg", den Kaiserslauterns Gegner zu Feldkamps Zeiten besonders fürchteten. Wenn die Fans damals forderten: "Kalli laß die Teufel los", dann wollten selbst robuste Naturen wie Bayern Münchens Paul Breitner "freiwillig die Punkte abgeben". Nie und nimmer wäre Feldkamp deshalb bei einem anderen Klub eingesprungen, um den fixen Nothelfer zu mimen - "dazu bin ich doch viel zu sehr Profi".
Bei seinem Comeback gab sich der von Kaiserslauterns Präsident als "harter Hund" apostrophierte Trainer zur Überraschung aller zunächst ganz zahm. Den Kapitän und Mittelstürmer Stefan Kuntz, seiner Treffsicherheit wegen ebenfalls eine Größe im Pfälzer Land, bat er gleich am ersten Tag zum Meinungsaustausch. Mit Kuntz hatte sich Feldkamp in Uerdingen überworfen; nach zweistündiger Aussprache im "Gästehaus Schulte" waren jedoch "alle Differenzen ausgeräumt".
Auch die lokalen Zeitungsvertreter, die Feldkamp früher gerne kühl abfahren ließ, hatte der flinke Taktierer schon nach der ersten Ansprache auf seiner Seite. "Ich brauche euch jetzt", schwor er sie im VIP-Raum des Stadions auf die gemeinsame Sache ein, es gehe schließlich "um die Zukunft des FCK" - das sah jeder ein.
Unverträglich im Umgang mit seinen Kritikern wird der Coach allenfalls noch dann, wenn er mal wieder mit einem alten Vorwurf konfrontiert wird, der auch heute noch hart an ihm nagt. Karlheinz Feldkamp galt in der Branche als Heißsporn, der seine Mannschaft kurzfristig auf Hochtouren treiben kann und sie dann wie ein Auto mit leergefahrenem Tank dem Nachfolger überläßt.
Da weigert er sich, "zu so einem Unsinn Stellung zu nehmen". Für Sekunden blickt er ins Leere und hebt zu einer Charakterisierung in eigener Sache an. Er sei "ein Mann, der rücksichtslos Dinge fordert" - so gefällt es ihm, "damit lasse ich mich konfrontieren".
"Rücksichtslos" ist ohnehin die Vokabel, die er am liebsten bemüht. Der gebürtige Oberhausener ("Ich bin ein Junge aus dem Pütt"), früher einmal selber Abwehrspieler von mittelmäßiger Begabung, fühlt sich den rauhen Prinzipien dieser Region erkennbar verbunden - "das Wort Arbeit", sagt er, "steht bei mir im Mittelpunkt". Mit seinen ängstlichen Kickern etwa habe er "ganz brutal den Weg zum Arbeitsamt" besprochen. "Kraß und knüppelhart" habe er das "nach oben gekitzelt", bis sie endlich kapiert hätten: "Was der Kalli Feldkamp uns sagt, das stimmt."
Da kehrt dann etwas von der urwüchsigen Kraft in den Mann zurück, der so gern mit seiner Vergangenheit brechen möchte, aber selbst nur zu genau weiß, was ihm den Erfolg verschafft. Deshalb verkauft er sich so, wie er glaubt, es stünde einem Fußballehrer seiner Qualität gut zu Gesicht.
Immer mal wieder erzählt Feldkamp über sich selbst in der dritten Person. Treuherzig behauptet er, "der Kalli Feldkamp" sei doch "viel gelockerter geworden", und vermutet, den Reportern mache es "wieder Spaß, mit dem Kalli Feldkamp umzugehen". So hofft er zu signalisieren, daß Karlheinz Feldkamp nunmehr weit über den profanen Dingen des Fußballgeschäfts steht.
Denn so gut er sich in seinem Metier aufgehoben fühlt ("Ich habe doch einen wunderschönen Beruf"), so sehr ist er öffentlich darum bemüht, sich davon zu distanzieren. Ähnlich wie der Kollege Rehhagel, der im fortgeschrittenen Trainer-Alter plötzlich im Prado zu Madrid zur Muße fand, so plaudert Feldkamp nun über die Lektüre von Gorbatschows "Perestroika" oder auch von regelmäßigen Theaterbesuchen, die er dank Gattin Helma, einer ehemaligen Lehrerin für lernbehinderte Kinder, schätzen gelernt habe. Das bringe ihm halt mehr, "als zu jedem Länderspiel zu rennen". Und niemand könne deshalb behaupten, "daß ich mich nicht weiterbilde".
Sosehr sich Feldkamp in dieser neuen Rolle auch gefallen mag, in Wahrheit begehrt er eine ganz andere: "Wenn es heißt, der Feldkamp spielt eine Rolle im deutschen Fußball, das ist genau das, was ich will."

DER SPIEGEL 20/1990
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