14.05.1990

AtomunfälleVerdammt viel ernster

Elf Jahre nach dem Unfall im Atomreaktor von Harrisburg sind die Aufräumungsarbeiten abgeschlossen. Sie kosteten mehr als der Bau des Kraftwerks.
Kurz bevor der Reaktor durchging, blies er einen fauchenden Dampfstrahl in die Nachtluft. Sekunden später schrillte im Kontrollraum des Kraftwerks ein Alarmsignal. Dann, innerhalb der nächsten Minuten, leuchteten auf den Schalttafeln mehr als 100 farbige Warnlämpchen auf. Die überrumpelte Mannschaft, der Panik nahe, verlor gleich zu Anfang des Störfalls die Übersicht.
So begann, am frühen Morgen des 28. März 1979, was der CBS-Fernsehkommentator Walter Cronkite tags darauf einen "nuklearen Alptraum" nannte - eine dramatische Übertreibung, wie ihm Kritiker damals vorwarfen: Der schwer ramponierte Block 2 des Kernkraftwerks "Three Mile Island" (TMI) bei Harrisburg, so hieß es Ende Oktober 1979 im Bericht einer von US-Präsident Jimmy Carter eingesetzten Untersuchungskommission, werde bis spätestens 1984 saniert sein und wieder ans Netz gehen.
Das war, im Rückblick, eine fast wahnhaft wirkende Fehleinschätzung: Fünfeinhalb Jahre stand der Reaktor, gefüllt mit einer unkalkulierbaren Giftladung, wie eine uneinnehmbare Festung auf der Kraftwerksinsel im Susquehanna-Fluß. Erst im August 1984 gelang es den Technikern, das Reaktor-Druckgefäß zu öffnen und mit der Bergung des hochradioaktiven Inhalts zu beginnen.
Jetzt, elf Jahre nach dem Unfall, konnten die Aufräumungsarbeiten auf der TMI-Insel endlich abgeschlossen werden. Im April legte dort das letzte Frachtschiff mit Reaktormüll ab; rund 150 Tonnen Staub und Schrott sind seit 1984 aus dem stählernen Druckgefäß entfernt, in Container verpackt und per Schiff und Bahn nach Idaho geschafft worden, ins staatliche National Engineering Laboratory, wo das Teufelszeug unter wissenschaftlicher Aufsicht für unbestimmte Zeit verstaut wurde.
Im Verlauf der langwierigen Bergungsaktion - die mit rund einer Milliarde Dollar teurer war als der Bau des ganzen Kraftwerks (700 Millionen Dollar) - wurde immer deutlicher sichtbar, wie knapp die Harrisburger an einer Katastrophe wie in Tschernobyl vorbeigeschrammt sind: *___Nicht nur (wie anfänglich gemutmaßt) ein Drittel, ____sondern mehr als die Hälfte der Uranbrennstäbe des ____Reaktors waren während des Unfalls geschmolzen; ____insgesamt 20 Tonnen Uran hatten sich innerhalb von ____Minuten in eine brodelnde Masse verwandelt, die wie ____Kerzenwachs auf den Grund des Druckbehälters tropfte. *___Auf dem Höhepunkt des Störfalls lag die Temperatur über ____dem Kesselboden mit rund 1400 Grad Celsius nur um etwa ____100 Grad unter dem Schmelzpunkt der Stahlwände des ____Druckbehälters; im Zentrum des Feuerkessels stieg die ____Hitze zeitweilig sogar auf 2760 Grad. *___Nur weil sich im verbliebenen Kühlwasser am Kesselgrund ____eine isolierende Keramikschicht gebildet hatte, war es ____nicht zum sogenannten China-Syndrom gekommen, bei dem ____sich die Uran-Lava unter dem Kraftwerk ins Erdreich ____frißt; trifft sie dabei auf Grundwasser, so ist, der ____Theorie zufolge, mit verheerenden ____Wasserstoffexplosionen zu rechnen.
"Es war", erkannte nachträglich der Reaktor-Experte Troy Wade, "verdammt viel ernster, als irgendwer in den ersten Tagen nach dem Unfall vermutet hatte." Doch auch mit einer guten Nachricht glauben die Bergungsfachleute aufwarten zu können; der ausgeräumte Druckbehälter, so ließen sie nach der Inspektion wissen, weise keinerlei Brüche oder Risse auf: "Wir hätten nicht gedacht, daß der Kessel das aushält."
Auch sonst blicken sie mit verhaltenem Stolz auf die nun vollbrachte Bergungsaktion zurück - die vermutlich aufwendigste ihrer Art, die je ins Werk gesetzt wurde. Insgesamt 3000 hochbezahlte Fachkräfte waren im Lauf der Jahre daran beteiligt. Drei Spezialfirmen entwarfen und bauten für das Vorhaben Arbeitsgeräte, die vor dem Einsatz an einem im Originalmaßstab nachgebauten Reaktormodell getestet wurden.
Dennoch hatten die Abriß-Spezialisten, die bei ihrer Arbeit auf einer Stahl- und Bleibrücke über dem geöffneten Druckbehälter hantierten, mit immer neuen Widrigkeiten zu kämpfen. Weil der erloschene Kesselschlund zum Schutz gegen die nach wie vor mörderische Strahlung mit Wasser gefüllt war, mußten sie mit ferngesteuerten Robot-Werkzeugen in den Trümmern wühlen, die im Druckbehälter ein chaotisches Gemenge bildeten.
Algen und Pilze, die im Scheinwerferlicht dort unten unerwartet zum Leben erwachten, trübten anfangs den Blick der TV-Kameras, mit deren Hilfe das Bild der Verwüstung auf Monitore übertragen wurde. Nur auf den Bildschirmen konnten die Techniker sehen, was sie mit ihren High-Tech-Prothesen aus dem verseuchten Wasser fischten - jedes Wrackteil mußte zuvor in möglichst kleine Brocken zerlegt werden.
Das gesamte Inventar des Druckbehälters wurde säuberlich in Miniatur-Container mit den Abmessungen eines doppelten Schuhkartons abgefüllt (Kantenlänge: 36 Zentimeter). In größeren Behältern, so fürchten die Fachleute, hätte sich der uranhaltige Müll womöglich zu einer kritischen Masse verdichten und eine Kettenreaktion auslösen können.
Mit Spezialbohrern und einem Plasma-Schneidbrenner, dessen Flamme mehr als 2700 Grad Celsius erreichte, zerkleinerten die Uran-Müllwerker im "Schweizer-Käse-Verfahren" auch die härtesten Brocken zu handlichen Briketts, darunter einen mächtigen, stahlharten Klumpen zusammengeschmolzener Materie in der Mitte des Druckbehälters - eine Sisyphusarbeit, die sich schier endlos hinzog.
Wenn die extrem hoch mit radioaktivem Material verschmutzten Gerätschaften aus dem Wasser gezogen wurden, mußten die in doppelte Strahlenanzüge vermummten Techniker sicherheitshalber das Reaktorgebäude verlassen. Trotzdem waren - meist leichtere - Strahlenunfälle bei den Bergungsarbeiten nicht selten.
Die meisten ereigneten sich beim Ausziehen der stets stark verseuchten Strahlenschutz-Kluft. Vorfälle dieser Art, bei denen Haut oder Haare mit radioaktiven Partikeln kontaminiert wurden, passierten in den letzten Jahren fast täglich. Die Betroffenen wurden schmerzhaft gründlich abgebürstet, zur Schwitzkur abkommandiert oder, falls erforderlich, sofort am ganzen Körper kahlgeschoren. Schwerer wiegt der einzige offiziell als ernst eingestufte Fall eines Arbeiters, der mit bloßer Hand einen Schraubenbolzen vom Boden aufgeklaubt hatte; in Wahrheit war es ein Brocken Uranbrennstoff.
Tote hat es bislang bei den Bergungsarbeiten nicht gegeben. Doch das strapaziöse, soeben abgeschlossene Milliarden-Unternehmen markiert noch längst nicht das Ende des im Vergleich zu Tschernobyl glimpflich verlaufenen Störfalls von Harrisburg.
Ungeklärt ist bislang die Frage, ob die nach Idaho verfrachteten Atommüllkästen dort auf Dauer verwahrt werden können. Und ungewiß bleibt auch, was mit der schwer verstrahlten Reaktorruine auf der Susquehanna-Insel geschehen soll; ein Abriß, der abermals dreistellige Millionenbeträge kosten dürfte, wäre nach Ansicht von Experten erst möglich, wenn der benachbarte TMI-Reaktorblock 1 für immer stillgelegt würde - das wäre in etwa 20 Jahren.
Einstweilen schlägt sich die TMI-Betreiberfirma General Public Utilities mit rund 2000 Klägern herum, die von dem Stromerzeuger Schadenersatz verlangen, etwa für den Marktwertverlust von Grundstücken in der Nähe des Kraftwerks. Ein Drittel der Kosten für die Störfallbewältigung haben Amerikas Steuerzahler und die Versicherungen aufgebracht.
Immerhin 18 Millionen Dollar haben Japans Stromkonzerne beglichen - als Entgelt für lehrreiche Erfahrungen, die sie am Unfallort Harrisburg sammeln durften. f

DER SPIEGEL 20/1990
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