14.05.1990

ErnährungLebendes Labor

6500 Chinesen gaben Auskunft über ihr Eßverhalten. Fazit des Vergleichs mit westlichen Ländern: Asien ißt gesünder.
Nur in China, dem Riesenreich mit über einer Milliarde Menschen, habe sich eine so umfassende Studie zum Thema "Eßverhalten und Gesundheit" machen lassen, sagen Fachleute: Nirgendwo sonst gibt es so viele Leute auf einem Haufen, die sich, bei gleicher genetischer Grundausstattung, ihr Leben lang nicht vom Fleck bewegen und dabei im wesentlichen ihren Speisenplan beibehalten (wenn auch mit riesigen Unterschieden zwischen Nord und Süd, Küstenregionen und Landesinneren) - und all das in einem Land, in dem die Todesfälle und deren Ursachen sorgfältig gezählt werden. So etwas gefällt Statistikern.
Nirgendwo sonst auch hätten sich zu vertretbaren Kosten so viele ausgebildete Helfer anwerben lassen, die in die Haushalte ausschwärmen und Fragebögen ausfüllen sowie Blut- und Urinproben einsammeln. Bei nicht weniger als 6500 Chinesen wurden auf diese Weise Ernährungspläne und Lebensverläufe, Wohlbefinden und Krankheiten abgefragt. Herausgekommen ist die umfassendste je unternommene Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Essen und Gesundheit; allein der (computerisierte) Datenteil der Studie, die bei der Cornell University Press in Ithaca (US-Staat New York) im nächsten Monat erscheinen wird, füllt 920 Druckseiten.
Wie ein Schock wird den diätgläubigen und statistikhörigen Amerikanern in die Glieder fahren, was die Ernährungsforscher der Cornell University als "vorläufige Ergebnisse" der Studie letzte Woche unters Volk brachten: *___Die Chinesen gönnen sich, körpergrößenbereinigt, 20 ____Prozent mehr Kalorien als die Amerikaner, aber die Amis ____sind im Schnitt rund 25 Prozent dicker als die Asiaten. ____Ursache ist, daß die Chinesen nur ein Drittel soviel ____Fett zu sich nehmen wie die Amerikaner, dafür aber ____doppelt so viele Kohlehydrate (meist in Form von ____Stärke). Während der Körper das Fett bereitwillig ____speichert, erhöhen Kohlehydrate offenbar die ____Verbrennung. *___Der amerikanische Speisenplan enthält im Durchschnitt ____ein Drittel mehr Eiweiß als der chinesische; 70 Prozent ____davon stammen bei den Amerikanern aus tierischem ____Eiweiß, bei den Chinesen sind es nur sieben Prozent. ____Die schlechte Nachricht: Bei den Chinesen erkrankten ____diejenigen, bei denen sich der höchste Eiweißanteil im ____Essen fand, am ehesten an Herz- und Kreislaufleiden, ____Krebs und Diabetes, den sogenannten Krankheiten des ____Überflusses. *___Überernährung in früher Kindheit fördert, der ____China-Studie zufolge, bei Frauen möglicherweise das ____Risiko von Brust- und Unterleibskrebs. Hochkalorische ____Kinderernährung, reich an Eiweiß, Kalzium und Fett, ____begünstigt Wachstum und sexuelle Reifung; die ____Chinesinnen, die im Durchschnitt drei bis sechs Jahre ____später zum erstenmal menstruieren als Amerikanerinnen, ____leiden nur selten unter den frauentypischen ____Krebserkrankungen.
Entsprechend einer derzeit vorherrschenden Modeströmung in der Medizin wurden auch die Cholesterinspiegel in amerikanischem und chinesischem Blut verglichen: Die Chinesen liegen da (mit einem Durchschnittswert von 127) weit vor den westlichen Icecream- und Fast-Food-Völkerstämmen (US-Durchschnitt: 212).
Die Anti-Cholesterin-Kampagne in den USA wird durch die China-Studie weiteren Auftrieb erhalten: Die gegenwärtig von amerikanischen Ärzten ausgesprochene Empfehlung, den Fettanteil am täglichen Essen auf weniger als 30 Prozent zu reduzieren und so womöglich Herzattacken und Krebs zurückzudrängen, könnte danach nochmals verschärft werden. Die chinesischen Daten legen den Schluß nahe, der Fettanteil an den Gesamtkalorien dürfe maximal bei 20 Prozent, nach Möglichkeit sogar nur bei 10 bis 15 Prozent liegen.
Die chinesisch-amerikanische Studie, 1983 begonnen und von der New York Times als "Grand-Prix-Rennen der Medizinstatistik" gewürdigt, soll auch in den nächsten Jahrzehnten fortgeführt werden. Als eine Art "lebendes Labor" bezeichnete der New Yorker Ernährungswissenschaftler T. Colin Campbell, der auf der amerikanischen Seite die Untersuchung leitet, den wegen seiner schieren Größe beeindruckenden Versuch, Ernährungsdaten zu erheben und mit der Häufigkeit bestimmter Krankheiten zu korrelieren.
Dabei schlägt sich dann auch gelegentlich Statistik mit Statistik. Bisher hatten unwiderlegliche epidemiologische Daten den Verdacht nahegelegt, ein besonders niedriger Cholesterinspiegel erhöhe das Risiko von Dickdarmkrebs. China beweist das Gegenteil: Niedrig-Cholesterin schützt nicht nur vor Herzinfarkt, sondern auch vor Krebs des Dickdarms.
Einstweilen ziehen die beteiligten Ernährungsforscher aus den 6500 Eß-Fragebögen das Fazit, die Chinesen hätten wohl, mit ihrem traditionellen Mangel an Fleisch und Milchprodukten, ernährungsphysiologisch das bessere Teil erwählt. "Von Natur aus", resümierte Campbell bei der Vorstellung der Studie, "zählt die Gattung Mensch zu den Vegetariern", daran gelte es sich zu erinnern und pflanzenreicher Kost - nach chinesischem Vorbild - den Vorzug vor allem Tierischen zu geben.
Gemüse- und Körnerfans in aller Welt werden das chinesische Zahlenwerk begrüßen. Daß die durchschnittliche Lebenserwartung in China (70 Jahre) um ein halbes Jahrzehnt unter der in Amerika liegt, beweist nur, daß der beim Cholesterin und Körpergewicht so vorbildliche Chinese dann eben an was anderem stirbt.
Auch Asien kann am Essen nicht genesen.

DER SPIEGEL 20/1990
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