14.05.1990

SexualverhaltenAufgeblasener Frosch

Generationen von Forschern irrten: Nicht das Männchen ist bestimmend bei der Paarung - in der Natur herrscht Damenwahl.
So ein Frosch, der hat's nicht leicht, vor allem dann, wenn er männlichen Geschlechts und geil auf eine Fröschin ist. Die nämlich läßt ihn gnadenlos quaken, tagelang und in äußerster Lautstärke, bis er am Rand des kardiovaskulären Kollapses steht. Dann erst darf der Frosch, vielleicht - falls nicht ein anderer imstande ist, die Vox copuli noch lauter ertönen zu lassen als er.
Noch schlimmer dran ist der Rothirsch, der seine Hirschkühe mit regelmäßigem Brunftgeschrei und fortwährendem Imponiergehabe in Stimmung bringen muß, eine Anstrengung, wegen derer das Tier im Laufe der Brunftzeit etwa ein Fünftel seines Körpergewichtes und etliches an Manneskraft einbüßt.
Nicht zu reden vom Hasen, der von der Häsin zum Lohn für seine minniglichen Avancen nur zu oft gehörig eins auf die Löffel bekommt, oder vom Meerschwein gar, dem das Weibchen im Augenblick geschwelltesten Lebensgefühls einen scharfen Urinstrahl ins Gesicht setzt - nur weil das Männchen beim präkoitalen Getändel die Erwartungen nicht zu erfüllen vermochte.
Daß sich die Partnersuche für das Männchen im Tierreich derart aufreibend und häufig noch demütigend gestaltet, erklärten sich die Biologen und Verhaltensforscher bis vor kurzem mit dem Konkurrenzkampf, den die Natur dem Manne vor die Eroberung des Weibchens gesetzt habe. Indem es den Gewinner bereitwillig akzeptiere, falle dem Weibchen dabei die passive Rolle zu, dem Mann hingegen die aktive; entsprechend eindeutig waren nur zu oft die Rückschlüsse auf die Dominanz des Menschenmännchens bei seiner Balz um die Frauen.
Jetzt allerdings wird dem Manne meuchlings die Neuigkeit versetzt, daß alles anders ist, zumindest in der Natur: Die Weibchen wählen aus, so das Fazit der jüngsten, in der Zeitschrift Nature publizierten Forschungsergebnisse, die Männchen präsentieren nur ihre Vorzüge. Diese als möglichst einziger Bewerber dem Weibchen darbieten zu können, darum allein gehe es beim Konkurrenzkampf zwischen den Männchen (empirisches Beobachten in Bars und anderen Stätten zwischengeschlechtlicher Zusammenkunft nährt die Vermutung, daß es in der Menschenwelt nicht wesentlich anders zugeht).
So balgen sich beispielsweise die Männchen unter den Pyrochroidae, den Feuerkäfern, um die Gelegenheit, die potentielle Partnerin an ihrer Hirnspalte saugen zu lassen. Aus dieser tritt Cantharidin hervor, landläufig als Spanische Fliege bekannt, die beim weiblichen Käfer eine weitaus anregendere Wirkung zeitigt als beim Menschen.
"Die männlichen Pyrochroidae präsentieren ihre Hirnspalten ungefähr so wie ein Mann, der einer Frau seine pralle Brieftasche vorzeigt und sagt, daß er auf der Bank noch mehr davon liegen habe", so der Evolutionsbiologe Thomas Eisner von der Cornell University. Bei der Feuerkäferin jedenfalls funktioniert das Verfahren - der ergiebigste Cantharidin-Spender darf sie schließlich besteigen, nach Käferart a tergo, während sich das Weibchen im Verlauf der Paarung größere Mengen des Aphrodisiakums zuführt. Nur unter dessen Einfluß hält der weibliche Feuerkäfer beim Akt stille.
Der tiefere Sinn dieses weiblichen Ausleseverfahrens liegt in der Wirkung, die das Cantharidin auf die Eier der Pyrochroidae hat: Es schützt das Gelege, auf welche Weise, ist noch unbekannt, vor Ameisen und anderen Leckermäulern, die sich gern an Käfereiern gütlich tun - je mehr Cantharidin, desto größer der Schutz.
Inzwischen haben die Forscher zumindest für einige Tierarten herausgefunden, nach welchen Kriterien und aus welchen zuchtspezifischen Gründen sich Weibchen ihre Partner wählen. Meist haben dabei Gesundheit und Ausdauer Vorrang vor schierer Größe und Stärke: *___Stichlingsweibchen bevorzugen Männchen mit tiefroten ____Bäuchen, obwohl diese den Werbetanz keineswegs ____aufregender zu vollführen wissen als ihre Rivalen mit ____blaßrosa gefärbter Unterseite - schwachgefärbte Bäuche ____signalisieren gegenwärtigen oder früheren ____Parasitenbefall. *___Bankivahühner, die Vorfahren des Haushuhns, wählen ihre ____Männchen ausschließlich aufgrund von Größe und Farbe ____des Kamms; nur wenn der Hahn topfit und munter ist, ____schwillt der Kamm fleischig und in schmetterndem Rot ____(Geflügelzüchter entscheiden nach denselben ____Gesichtspunkten). *___Rauchschwalbenweibchen ziehen Paarungsgenossen mit ____langen Schwanzfe* Linke Reihe: von Männchen mit ____monogamen Partnerinnen; rechte Reihe: von Männchen mit ____polygamen Partnerinnen. Linke Reihe von oben nach ____unten: Riesengalago, Dickschwanzgalago, Bärenmaki, ____Kielnagelgalago, Plumplori; rechts: Stummelaffe, ____Weißbüscheläffchen, Mandrill, Husarenaffe, Tamarin. ____dern vor; denn diese sind ein Indikator dafür, so das ____Ergebnis zahlreicher Reihenuntersuchungen, daß das ____Männchen resistent gegen Parasiten ist, eine ____Eigenschaft, die sich auf die Nachkommen vererbt.
Als "female choice" beschrieb Charles Darwin schon 1872 dieses von ihm häufig beobachtete Prinzip der Damenwahl bei niederem und höherem Getier. "Aber aus kulturellen, religiösen und anderen willkürlichen Gründen wurde diese Einsicht nicht anerkannt", so der Zoologe Mark Kirkpatrick von der University of Texas. Seine britische Kollegin Lynda Birke formulierte es deutlicher: "Männlicher Chauvinismus auf seiten der Wissenschaftler."
Dabei war Darwins inzwischen bestätigte Theorie von der sexuellen Hoheit des Weibes durchaus einleuchtend. Denn um Eier reifen zu lassen, benötigt ein Organismus wesentlich mehr Nährstoffe, Fette und Eiweiße als zur Produktion von Samen. "Sperma ist billig, Eier sind teuer", so Experte Eisner. "Das ist der grundlegende Unterschied zwischen Mann und Frau."
Da das Weibchen erheblich mehr in die Fortpflanzung investiere, so die Theorie weiter, müsse auch sein Interesse entsprechend größer sein, nur den gesündesten und stärksten aller verfügbaren Paarungspartner an sich heranzulassen; sogenannte charity fucks, Kopulation aus Gründen der Karitas, kennt die Natur nicht.
Mit diesem Streben des Weibchens nach dem bestmöglichen Genträger erklären sich die Experten auch die Entwicklung der Geschlechtsorgane, die auf den ersten Blick anmutet wie eine Kaprice der Evolutionsgeschichte - denn warum sollte plötzlich auf so komplizierte Weise vollzogen werden, was vorher so einfach vonstatten ging?
Die Antwort: Geschlechtsorgane erleichtern es den Weibchen, unerwünschten Partnern die Kopulation zu verwehren; und sie vermögen Männchen daran zu hindern, sich sans adieu davonzuschleichen - vor Hinterlegung des Samens gibt das weibliche Geschlechtswerkzeug dann so leicht keinen frei. Wie dieser Mechanismus etwa bei Insekten funktioniert, fanden die Wissenschaftler mittels eines einfachen, aber genialischen Kunstgriffs heraus: durch Schockgefrieren mitten im Akt.
Bei den Primaten unterscheiden die Experten zwischen zwei grundlegend unterschiedlichen Penisarten: denen mit nahezu humanoider Formgebung und jenen, die in ihrer Vielfalt noch bizarrer anmuten als selbst die einfallsreichsten Kondom-Kreationen aus dem Katalog des Hauses Uhse.
Letztere Version ist nur den Männchen jener Affenarten zu eigen, deren Weibchen sich von mehreren Partnern begatten lassen. Vater aber wird allein der Affenmann, der die Äffin als erster zufriedenstellt - nur wenn sich das Weibchen ausreichend stimuliert fühlt, geben seine reproduktiven Organe die Eier zur Befruchtung frei.
Das also ist der Grund, dessentwegen die Evolution diesen Affenarten Mannesteile angedeihen ließ, die sich zum kopulativen Karessieren besonders eignen. Jenen Affenmännchen hingegen, deren Partner monogam sind, ist solch ausgefallenes Instrumentarium nicht vonnöten - wie einfallslos auch immer der Vollzug, ihre Weibchen kommen auch so in die Hoffnung.
Ob das Prinzip der Damenwahl auch beim menschlichen Säuger Gültigkeit hat, das versuchen die Experten derzeit auszuklügeln. Erste Indizien liefert eine Versuchsreihe des Max-Planck-Instituts für Humanethologie, bei der jeweils eine Frau und ein Mann in ein Zimmer gebeten und (nach einem fingierten Telefonanruf) miteinander alleingelassen wurden.
Das Ergebnis, festgehalten per Video: Mit Blickkontakt und Körperhaltung, ermunterndem Lächeln oder abweisendem Mienenspiel bestimmten die Frauen Art und Geschwindigkeit der Annäherung. "Der Verlauf des Werbeverhaltens", so das Ergebnis der Studie, "wird eindeutig durch die Frau kontrolliert - wie es die biologischen Hintergründe verlangen."
Die an dem Experiment beteiligten Männer allerdings waren häufig der Ansicht, sie seien es gewesen, die den Fortgang des Gesprächs bestimmt hätten; was einmal mehr den Verdacht nahelegt, daß der Mann dem Frosch nicht unähnlich ist - ziemlich aufgeblasen und ziemlich ahnungslos. f

DER SPIEGEL 20/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Sexualverhalten:
Aufgeblasener Frosch

  • Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei
  • Rennen in Australien: Solarfahrzeug brennt lichterloh
  • Walforschung per Drohne: "Wir sehen, wie diese Tiere ihre Beute manipulieren"
  • Urteil gegen Katalanen-Anführer: Krawalle in Barcelona mit Verletzten und Festnahmen