16.05.2015

China„Der Staat hat Angst“

Der Künstler Ai Weiwei, 57, über seinen in Berlin lebenden Sohn und die Repression des Staates gegen Bürgerrechtler
SPIEGEL: Ai Weiwei, Amnesty International zeichnet Sie jetzt in Berlin als "Botschafter des Gewissens" aus - doch Ihre Regierung lässt Sie nicht ausreisen. Was würden Sie eigentlich tun, wenn Sie Ihren Pass zurückbekämen?
Ai: Ich würde nachsehen, ob die Angaben im Pass überhaupt richtig sind (lacht). Nein, ich würde meinen Sohn anrufen, der mit seiner Mutter in Berlin lebt und mich vermisst. Es ist für einen Vater schmerzhaft, seinem Sohn gegenüber so eingesperrt zu sein. Zu seiner Mutter sagte er einmal: "Ich bin sicher, dass sie ihm den Pass nie zurückgeben werden. Ich habe es geträumt!"
SPIEGEL: Ihr Sohn Ai Lao ist sechs Jahre alt.
Ai: Er ist ein sehr emotionales und einfallsreiches Kind. "In Wahrheit geht es deinen Verfolgern auch nicht besser als dir", sagte er neulich zu mir, "du musst ihnen zwar davonlaufen - aber sie müssen auch immer hinter dir herlaufen." Das hat meine Laune wirklich verbessert. Meine Angst, meine Unsicherheit spiegeln also nur die Angst und die Unsicherheit des Staates wider.
SPIEGEL: Wenn Sie einen der vielen Menschenrechtsfälle in China hervorheben wollten, welcher wäre das?
Ai: Der Fall von Pu Zhiqiang - einem Mann, der wie wenige das neue China repräsentiert: ein Anwalt, hoch gebildet, besonnen. Er weigert sich aber zu vergessen, was 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens passiert ist. Dafür sitzt er seit einem Jahr im Gefängnis und wird unerhörter Verbrechen beschuldigt, für die es keine Beweise gibt. An seinem Fall wird sich zeigen, wie China eines Tages aussehen wird: Wird es je ein Rechtsstaat sein?
SPIEGEL: Wie sollen westliche Regierungen mit einem Fall wie dem von Pu Zhiqiang umgehen? Diplomaten sagen, man helfe Dissidenten mehr, wenn man hinter verschlossenen Türen über sie spreche.
Ai: Das ist falsch. Wenn Menschenrechte eine Bedeutung haben sollen, dann muss man sie öffentlich benennen. Es ist respektlos, etwas anderes zu tun - sowohl Chinas Regierung gegenüber wie auch den Menschen, um die es geht.
SPIEGEL: Die chinesische Regierung war früher defensiv, wenn es um Menschenrechte ging, nun argumentiert sie: Was ist mit den rassistischen Vorfällen in den USA?
Ai: Diese Fälle sind schändlich, aber in Amerika wird darüber offen gesprochen. China steht auf einer ganz anderen Stufe der Entwicklung, die Menschenrechte werden hier viel öfter verletzt. Und doch sehen wir auch Verbesserungen. Gerade wurde der Fall eines Polizisten bekannt, der auf einem Bahnhof in Qing'an einen Mann erschoss - vor den Augen seiner Kinder. Gegen diesen Polizisten wird nun öffentlich ermittelt. So etwas wäre früher nie passiert - niemals! Das Internet hat einen Druck erzeugt, den die Regierung nicht mehr ignorieren kann.
SPIEGEL: Chinas Regierung sperrt mehr Bürgerrechtler ein als noch vor Jahren - doch das Internet läuft über mit sarkastischen Kommentaren, die Zensoren kommen kaum hinterher.
Ai: Wir haben gerade ein paar kalte Tage, aber das hält den Sommer nicht auf. Genau so verhält es sich mit China. Derzeit kommen jährlich über 350 000 chinesische Studenten aus dem Ausland zurück - 350 000 junge, gebildete Menschen. Diese Menschen sind kreativ und ironisch, und was in ihren Köpfen vorgeht, kann die Regierung nicht mehr kontrollieren. Auch wenn die letzten zweieinhalb Jahre viele Rückschritte gebracht haben - China verändert sich, die Gesellschaft öffnet sich.
Interview: Bernhard Zand
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 21/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

China:
„Der Staat hat Angst“

  • Originelle Geschwindigkeitskontrolle: Der singende Asphalt
  • Elektrische Pick-Ups und SUVs: US-Start-Up will den Markt revolutionieren
  • Faszinierende Aufnahmen: Ameisen laben sich an einem Wassertropfen
  • Trockenheit in Deutschland: Hohe Waldbrandgefahr - diesmal schon im Frühjahr