02.07.1990

„Wir sind die Erben der Samurai“

Historiker datieren die Anfänge der Yakuza auf das beginnende 17. Jahrhundert, als der Shogun, der Herrscher des Landes, Arbeitskräfte zum Aufbau seiner Hauptstadt und zum Anlegen neuer Straßen im Lande brauchte. Eine Gruppe in Ungnade gefallener Samurai wurde mit der Aufgabe betraut, diese Arbeitskräfte zu besorgen.
Über 350 Jahre später ist die Beschaffung von Arbeitskräften immer noch eine der Yakuza-Aktivitäten. Nach einem der vielen Japan-Mythen gibt es in diesem Land eine wundersame Vollbeschäftigung, die Menschen haben garantierte Arbeitsplätze auf Lebenszeit. Doch für die große Mehrheit der japanischen Arbeitnehmer trifft das nicht zu - sie halten durchaus nach einer Beschäftigung auf Zeit Ausschau.
Im Stadtteil Kamagasaki von Osaka liegt einer der Märkte, auf dem sich Arbeiter als Tagelöhner verdingen: 7000 Yen (75 Mark) kostet ein Wachmann, 10 000 ein ungelernter Arbeiter, 18 000 ein Tobi, einer jener Zimmerleute, die auf hohen Baugerüsten arbeiten können.
Die Preise stehen auf Anschlagtafeln an den Seitenfenstern kleiner Busse, die unter einer Eisenbahnbrücke parken, die Angebote werden von Dutzenden junger Männer mit gekräuseltem Haar ausgerufen, viele von ihnen tragen militärähnliche Uniformen: Yakuza.
Der Markt öffnet um 5.30 Uhr. Angesichts der vielen Bauprojekte in Osaka, einschließlich eines neuen Flughafens auf einer künstlichen Insel, gibt es Jobs für jedermann. Um 7.00 Uhr, wenn der Markt schließt, haben alle Busse mit der täglichen Ladung Arbeitskräfte den Platz verlassen, nur die Betrunkenen sind zurückgeblieben. Einige schlafen auf dem Pflaster, andere lagern um ein Feuer aus Fahrradreifen.
"In der gesamten japanischen Gesellschaft funktioniert ein Gewaltmechanismus, der von oben nach unten wirkt. Die unten sind am schwächsten und werden überrollt", sagt Bodo Walther, ein deutscher Missionar, der in Kamagasaki gegen den Alkoholismus kämpft, "Kamagasaki ist die Sammelstelle gebrochener Menschen."
Hier findet man Leute, die ihren Arbeitsplatz in der Industrie verloren haben oder deren Geschäft bankrott gegangen ist; junge Aussteiger oder Menschen, die zu alt sind, um sich noch selbst ernähren zu können, und viele, die einfach untergetaucht sind: jene ständig wachsende Zahl von Angestellten, die eines Tages nicht mehr zur Arbeit erscheinen, nicht nach Hause gehen, die an Orten wie Kamagasaki in Osaka oder Sanya in Tokio oder in den entsprechenden Stadtteilen von Kawasaki und Yokohama auf Gelegenheitsarbeit warten.
Ein Viertel wie Kamagasaki ist unter die verschiedenen Yakuza-Gangs aufgeteilt. Ein weit einträglicheres Geschäft jedoch ist der Handel mit illegalen Einwanderern aus allen Teilen Asiens, die von der Hochkonjunktur und dem Reichtum Japans profitieren wollen. Tausende Filipinos, Pakistaner, Sri-Lankaner treffen jeden Monat, schon in der Heimat unter Vertrag genommen, illegal als "Touristen" auf dem Flughafen von Tokio ein und gehen direkt zu ihrer Arbeit auf den Baustellen der Industrievororte.
Die fremden Arbeiter erhalten für gewöhnlich ein Drittel weniger, manchmal nur die Hälfte dessen, was ein Japaner bekommt. Die Behörden wissen das, wollen aber nichts dagegen tun.
Denn in Wahrheit leidet die japanische Industrie unter erheblichem Arbeitskräftemangel, und obwohl es viel Widerstand gegen eine massive Zuwanderung ausländischer Arbeiter gibt, hat die Regierung entschieden, nichts gegen sie zu unternehmen. Weil sie aber offiziell nicht erlaubt ist, überläßt man ihre Organisation den Yakuza.
Die Yakuza übernehmen die "Touristen" am Flughafen und bringen sie sofort zu ihren Unterkünften. Sie stellen auch sicher, daß niemand das gut laufende Geschäft stört.
Wenn etwa ein engagierter Japaner in einer Menschenrechtsgruppe die Ausbeutung der illegalen Einwanderer anprangert, sieht er sein Haus unverzüglich von Lieferwagen umstellt, die wie Militärfahrzeuge aussehen, mit japanischen Flaggen bestückt sind und deren Lautsprecher dröhnen: "Verlaß das Vaterland! Verräter, warum hast du keine Achtung vor deinem Land?"
Die Yakuza hatten frühzeitig erkannt, daß stramm rechte Ideologie ihren Geschäften förderlich sein würde, vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als Patriotismus gegenüber den Siegern wieder gefragt war.
Schon 1948 meinte Amerikas oberster Besatzer, General MacArthur, es sei an der Zeit, alle wichtigen Akteure der japanischen Rechten aus den Gefängnissen zu entlassen, in die sie zuvor als Kriegsverbrecher eingesperrt worden waren. Nun sollten sie Amerika helfen, den Kommunismus zu bekämpfen.
Unter den Freigelassenen war auch Yoshio Kodama, in den dreißiger Jahren ein berühmter Rechtsterrorist, der später nach Schanghai ging, um dort für den japanischen militärischen Geheimdienst zu arbeiten. Anfang der fünfziger Jahre trat er militant gegen die wachsende Gewerkschaftsbewegung und den Sozialismus auf. Sein Fußvolk waren die Yakuza.
Yakuza-Gangs wurden zum Kampf gegen linke Demonstranten und als Streikbrecher in der Industrie mobilisiert. Yakuza-Gelder machten jene konservative Macht stark, die seither Japan regiert: die Liberal-Demokratische Partei (LDP). Sie entstand 1955 durch Zusammenschluß zweier kleiner Gruppierungen - die Gelder für diese Operation kamen von Kodama. Bis zu seinem Tod 1984 war er hinter den Kulissen einer der mächtigsten Männer Japans.
Heute sind die Yakuza und die japanische Rechte praktisch nicht mehr auseinanderzuhalten. Nach Angaben der Polizei agieren in Japan derzeit 850 Rechtsgruppen mit 120 000 Mitgliedern - im wesentlichen dieselben Leute, die auf den Listen der Yakuza-Gangs stehen.
Kriminelle Erpressung und politischer Terrorismus gehen Hand in Hand. Statt sich als Gangster zu präsentieren und Schutzgelder zu verlangen, suchen die Yakuza in den Uniformen rechter Gruppierungen Firmenvorstände auf und fordern von ihnen, Beiträge für den Fonds zur Rückgabe der "nördlichen Gebiete" (der vier von der Sowjetunion besetzten Kurilen-Inseln) zu leisten.
Wenn ein Unternehmen der Aufforderung nicht nachkommt, fahren Lautsprecherwagen der Organisation vor der Firmenzentrale auf, Sprecher prangern das "unpatriotische" Verhalten der Geschäftsführung an. Sobald die Firma zahlt, verschwinden die Wagen.
Firmen, die Handelspartner in sozialistischen Ländern haben, werden beschuldigt, "mit dem Feind Geschäfte" zu machen. Man schickt ihnen Giftbeutel, ihre Manager erhalten Drohanrufe und -briefe. Sobald gezahlt wird, hören die Drohungen auf.
1988, während der Krankheit des Kaisers Hirohito, sorgten die Yakuza dafür, daß das Volk dem Kranken die nötige Achtung zollte, und nach seinem Tode, daß es gebührend trauerte.
Als die Regierung vor der Frage stand, ob Hirohitos Begräbnis, wie im Westen üblich, als Staatsereignis oder gut japanisch als religiöse Shinto-Feier begangen werden sollte und ob der Staat die religiösen Riten zur Thronbesteigung des neuen Kaisers finanzieren werde, machten die Rechten Druck, daß der Tradition Genüge getan wurde.
Der Chef einer rechten Splittergruppe schickte dem damaligen Premierminister Takeshita einen Brief mit einem Stückchen seines kleinen Fingers - die rituelle Verstümmelung eines Fingers gilt als Symbol der Yakuza. Wahrscheinlich als Mahnung steuerten wenig später zwei junge Rechtsextremisten einen Lkw mit Benzinkanistern gegen den offiziellen Sitz des Premierministers.
Seit Kriegsende waren 27 Politiker und Regierungschefs Ziel der Rechtsextremisten. 1960 erstach einer von ihnen den Generalsekretär der Sozialistischen Partei, Inejiro Asanuma. Ihr letztes Opfer, der Bürgermeister von Nagasaki, Hitoshi Motoshima, hatte es gewagt zu behaupten, Hirohito sei zum Teil für die Führung des Zweiten Weltkriegs verantwortlich gewesen.
Kazumi Tajiri, 41, ein in Konkurs gegangener Kaufmann aus einer Kleinstadt, Mitglied der Organisation Seikijuku (Die Schule des reinen Gedankens), einer weithin unbekannten rechten Splittergruppe, schoß dem Bürgermeister am 18. Januar dieses Jahres vor dem Rathaus in den Rücken.
Warum? "Er mußte bestraft werden", so Tajiri vor Gericht. Nach Aussagen eines Journalisten aus Nagasaki brauchten sowohl Tajiri als auch die Seikijuku-Gruppe Geld - die durch den Mordanschlag erreichte Publicity war dabei hilfreich: "Beide sind berühmt geworden. Wenn Tajiri aus dem Gefängnis kommt, ist ihm lebenslänglich ein Platz als Held sicher. Wenn die Seikijuku-Mitglieder jetzt Schutzgelder einsammeln, können sie mit Leichtigkeit ihre Preise anheben."
Nagasakis Motoshima überlebte den Anschlag und blieb bei seiner Meinung über den Kaiser. Der Kollege Bürgermeister von Hiroschima war da anfälliger. Hatte er zuvor gefordert, beim Umbau des Atombomben-Museums seiner Stadt eine Ecke zum Andenken an die Opfer der "aggressiven Rolle Japans im Zweiten Weltkrieg" einzurichten, so erklärte er jetzt, das Museum werde lediglich restauriert und nicht erweitert.
Eine scharfe Kampagne seitens der rechten Splittergruppen Hiroschimas hatte ihn dazu gebracht, seinen ursprünglichen Plan fallenzulassen. Die Besucher des Museums werden so weiterhin den Eindruck gewinnen, daß die Japaner im Zweiten Weltkrieg die Opfer waren und nicht die Angreifer.
Japan ist ein Land, in dem das geschriebene Gesetz im Verhältnis zur Tradition * Bei einer Demonstration von Rechtsextremisten für die Rückgabe der Kurilen-Inseln. nur wenig bedeutet, wo es die Menschen immer noch für eine Schande halten, vor Gericht zu gehen, und wo die Bürger lieber den Kopf einziehen, statt ihre Rechte geltend zu machen - für die Yakuza eine stets sprudelnde Geschäftsquelle.
Beispiel: Ein junger Gangster läßt in einem Kaufhaus eine Tasche stehen, kommt kurz darauf zurück und behauptet, etwas Wichtiges sei entwendet worden. Eilfertig zahlt das Kaufhaus eine "Entschädigung", weil es Unannehmlichkeiten vermeiden möchte.
In Abaschiri, einer kleinen Stadt auf der nördlichen Insel Hokkaido, entdeckt eine Yakuza-Gang, daß sich die dortige Bank beim Abschluß eines Kundenkontos um 20 Yen (21 Pfennig) verrechnet hat. Monatelang schikanieren die Yakuza die Bank, bis es ihnen gelingt, dem Geldinstitut 140 Millionen Yen (150 000 Mark) abzupressen.
Nicht mal eine so große Firma wie die Fuji Bank wagt es, sich gegen die Erpressung durch die Gangster zu wehren. Die Bank gehört zu einem der sechs riesigen Mischkonzerne, die heute die japanische Wirtschaft beherrschen. Unter den 150 Firmen der Fuyo-Gruppe sind Nissan, Hitachi, Canon und Marubeni - allesamt deshalb verwundbar, weil sie als renommierte Firmen negative Schlagzeilen vermeiden müssen, gleich, was es kostet.
Beispiel: Die New Yorker Filiale der Fuji Bank hat bei einer Reihe von Geschäften erhebliche Verluste gemacht. Ein Yakuza-Boß erfährt das und erpreßt von der Bank gegen sein Stillschweigen einen Kredit von 200 Millionen Yen. Der Gangster zahlt seine Schulden nie zurück.
Das wiederum erfahren andere Gangster, sie drohen, die Geschäfte der Bank mit der Unterwelt zu enthüllen. So gibt die Bank weitere - meist ungesicherte - Kredite an Filialen von Yakuza-Firmen.
Im Dezember 1989, als der Skandal an die Öffentlichkeit kommt, haben die Yakuza bereits rund 950 Millionen Yen (gut eine Million Mark) kassiert. "Wegen ständiger Drohungen mußten wir zahlen", sagt ein Sprecher der Bank, weigert sich aber, nähere Angaben zu machen.
Auf diese Furcht vor negativen Presseberichten und dem Gesichtsverlust gründen die Yakuza eines ihrer raffiniertesten Geschäfte: das der Sokaya, "derjenigen, die an den Hauptversammlungen teilnehmen": Die Gangster kaufen ein paar Aktien einer Gesellschaft, oft nur eine einzige, und drohen dann der Firmenleitung, auf der jährlichen Hauptversammlung vor den Aktionären einige unangenehme Fragen zu stellen, es sei denn, die Geschäftsleitung zahlt.
Erhalten die Gangster das Geld, schweigen sie oder schreien ernsthafte Fragen legitimer Aktionäre sogar nieder. Erhalten die Gangster ihr Geld aber nicht, schlagen sie Krach.
Versammlungen der Aktionäre sind in Japan meist eine pure Formalität und schnell beendet. Letztes Jahr betrug die Durchschnittsdauer einer Hauptversammlung 16 Minuten. Sony erregte einmal Aufsehen: Wegen der Schikanen der Sokaya währte ihre Versammlung 13 Stunden. Die Firma hatte die Gangster nicht bezahlt.
Der Durchschnittsjapaner sieht die Yakuza nicht als Übel an, vor dem er sich schützen müßte, im Gegenteil. "Es ist wichtig, daß man einige von ihnen kennt", sagt ein Taxichauffeur in Kobe. "Es kann sein, daß man einmal ihre Hilfe braucht."
Wer meint, daß eine Versicherungsgesellschaft nach einem Autounfall nicht genug zahlen will, wendet sich an die Yakuza. Wer auf einen ungültigen Scheck hereinfiel, ebenfalls. Wer von einem Yakuza erpreßt wird, wendet sich an einen anderen Yakuza.
In einer Gesellschaft, in der jede Art von Auseinandersetzung Schande bedeutet und in der das oberste Gebot heißt, den Schein von Normalität zu wahren, fällt den Yakuza ein weites Betätigungsfeld zu. Die Gewalttätigkeit der Gangster, die so oft Unruhe stiftet, bringt auch Lösungen zustande.
Die Firma A hat der Firma B Waren verkauft, diese kann jedoch nicht zahlen. Eine Klage vor Gericht bringt nichts; die Firma A würde einige Jahre brauchen, bis sie auch nur einen kleinen Anteil des Geldes zurückerhält. "In diesen Fällen sage ich meinen Kunden, daß ich nichts für sie tun kann. Die Yakuza können das viel besser", sagt ein junger Anwalt in Osaka.
Seine Mandanten brauchen in einem solchen Fall nicht mal weit zu laufen. In dem modernen achtstöckigen Gebäude mit Blick über das alte Rathaus gibt es fünf Anwaltskanzleien, aber auch die Büros zweier Yakuza-Gangs.
Der Service, den die Gangster in solchem Fall anbieten, ist höchst einfach. Sie suchen die Firma B auf und teilen ihr mit, sie seien in dieser Angelegenheit tätig. Wenn das noch nicht reicht, besetzen die Gangster die Büroräume der Firma und bemächtigen sich schließlich noch des Eigentümers.
Sie halten ihn so lange als Geisel, bis er die notwendigen Dokumente unterschreibt, die den Yakuza das gesamte noch verbleibende Eigentum übertragen. Wenn alles vorbei ist, teilen die Gangster das, was sie zu Bargeld gemacht haben, mit der Firma A fifty-fifty.
Einer der neuen Jobs junger Yakuza ist die Sammlung von Informationen über Firmen, die kurz vor dem Konkurs stehen. Die Gangster treten dann als Liquidatoren auf, die den Großgläubigern ihre Dienste anbieten.
Die Durchschlagskraft der Yakuza ist für vielerlei Menschen von Nutzen. Ein Gouverneur in Zentraljapan hatte kürzlich vor Wahlen den Wunsch, sein Gegner solle nicht gegen ihn antreten. Also bat er die Yakuza, den Konkurrenten davon abzubringen. Ein Besuch reichte nicht aus. Der Rivale verlangte eine "Entschädigung", und die Yakuza handelten den Preis aus.
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Großfirmen, deren Ansehen Schaden nehmen würde, wenn bekannt würde, daß sie Yakuza-Leute direkt beschäftigen, pflegen den Kontakt zu den Gangstern über Mittelsmänner.
Als vor kurzem eine Gruppe von LDP-Abgeordneten im Unterhaus Drohanrufe einer rechten Organisation der Yakuza wegen ihrer Bemühungen um ein besseres Verhältnis zum kommunistischen Nordkorea erhielt, bat sie einen ihrer erfahrenen Berater um eine Unterredung mit einem Berater der Erpresser. Die Besprechung erwies sich als eine Art Familientreffen. Beide Berater waren pensionierte Polizeibeamte, eine Einigung kam schnell zustande.
Firmen jeder Größe und alle wichtigen Verbände haben einen sicheren Kanal, über den sie im Bedarfsfall Verbindung zu den Yakuza aufnehmen. Sogar der Keidanren, der Verband der japanischen Industrie, ist dafür bekannt, daß er die Dienste eines früheren Journalisten für Kontakte mit wichtigen Yakuza-Bossen in Anspruch nimmt, wann immer es nötig ist.
Wegen der wachsenden Grundstückspreise nutzten vor kurzem Immobilienhändler und Baufirmen als Kunden die Überzeugungskraft der Yakuza. Die Firma Haseko zum Beispiel zahlte den Gangstern 600 Millionen Yen, damit diese einige Eigentümer zum Verkauf und einige Mieter zur Räumung eines großen Grundstücks überredeten, das Haseko zur Neubebauung am alten Fischmarkt von Tokio brauchte. Abwarten wäre die Firma viel teurer gekommen.
Wenn sich Grundeigentümer weigern zu verkaufen, bringt man sie mit verschiedenen Mitteln dazu, es doch noch zu tun. So stellte der Besitzer einer Reinigungsfirma in Shinanomachi eines Tages fest, daß sein Holzhaus von einem Lkw gerammt worden war. Ein altes Paar in Suginami-ku fand sein Haus in Flammen vor, der Eigentümer eines Spielsalons in Meguro sein Etablissement unter Wasser gesetzt. Irgend jemand hatte an einem Regentag zwei Löcher in das Dach gebohrt.
Und die Polizei? "Wenn es keinen Beweis für Gewalt gibt, keine klare Bedrohung, dann haben wir keine Möglichkeit einzuschreiten", sagt Polizeichef Uchida von der Nationalen Polizei in Tokio.
Die Yakuza aber sind so gut organisiert, daß sie gar keine direkte Gewalt einzusetzen brauchen, wenn sie Leuten Angst einjagen wollen. Oft reicht schon ein Kaugummi, der im Schlüsselloch einer Tür steckt, oder eine tote Katze, die vor dem Haus liegt, um die Botschaft für jeden verständlich zu übermitteln.
"Es gibt viele Probleme, bei deren Lösung wir mithelfen. Wir sind das Schmieröl, ohne uns würde in Japan alles zum Stillstand kommen", sagt Akira Kurosawa, 55, der 13 Jahre im Gefängnis verbrachte und 51 Nahtstellen im Gesicht hat. Sie rühren von der Explosion einer Bombe her, die ihm eine rivalisierende Gang geschickt hatte, als er noch Chef einer der größten Banden von Osaka war, der Seikinshi-kai (Organisation der Aufrichtigkeit). * Mit dem Attentäter Yamaguchi, 1960 in Tokio.
Im Milieu hieß Kurosawa der "Kissinger der Yakuza", er war 1981 einer der Bewerber um die Nachfolge des sagenumwobenen Kazuo Taoka als Oberboß der Yamaguchi-gumi gewesen. "Jetzt bin ich im Ruhestand", sagt er, zurückgelehnt in einem grauen Plüschsessel in dem Büro einer Beratungsfirma in Osaka, deren Präsident er ist. "Ich vermisse die Organisation fürchterlich. Ich fühle mich innerlich leer."
Die Verabredung war durch einen Yakuza-Boß mit weißem Rolls-Royce zustande gekommen, der als "Mann über den Wolken" angesehen wurde, sich jetzt aber, in Gegenwart des älteren und offensichtlich noch mächtigeren Kurosawa, wie ein Adjutant der Majestät benimmt. Er tänzelt umher, holt jedesmal sein Feuerzeug heraus, wenn der pensionierte Boß die Zigarettenschachtel antippt, setzt sich erst, als ihm der Boß wie geistesabwesend einen Sessel zuweist.
"Ja, wir sind feudalistisch, aber was ist dagegen einzuwenden?" sagt Kurosawa. "Wir möchten bleiben, was wir sind. Besser feudalistisch als ohne Moral wie die anderen, wie der Rest der Gesellschaft."
Vor vier Jahren erfuhr Kurosawa, der auch ein Büro in Manila unterhält, daß ein junger freischaffender japanischer Fotograf von den Moslem-Rebellen in Mindanao entführt worden war - prompt bezahlte er das Lösegeld für seine Freigabe. "Es war eben ein Japaner, der sich in Gefahr befand. Diese unmoralische Gesellschaft würde keinen Finger für ihn rühren. Ich mußte ihm helfen", sagt er.
In der Tat helfen die Yakuza vielen. Junge Schulaussteiger etwa, die auf ein normales Leben als Angestellte nicht mehr hoffen können, erhalten von den Yakuza eine neue Berufschance, allerdings als Gangster. Koreaner, die schon seit Generationen in Japan leben, aber immer noch als Ausländer angesehen werden und keine Aussicht haben, von der japanischen Gesellschaft akzeptiert zu werden, finden in den Yakuza-Organisationen einen alternativen Weg, um zu Spitzenpositionen aufzusteigen. Der Boß eines der drei großen Yakuza-Syndikate ist heute ein Koreaner.
Angehörige der Burakumin, einer ethnischen Gruppe, die seit Jahrhunderten in Gettos lebt, diskriminiert und verachtet wird, weil die japanische Gesellschaft ihr das schmutzige Gewerbe zugewiesen hatte, Tiere zu schlachten und Menschen zu beerdigen, werden von den Yakuza als ihresgleichen angesehen. Ein Drittel stammt von den Burakumin ab, ein weiteres Drittel sind Koreaner.
Allen, die dem Konformitätsdruck der japanischen Gesellschaft nicht standhalten und deshalb wie Parias leben, bieten die Yakuza die letzte Chance zur Reintegration. So ist es kein Zufall, daß die Gangs sich als "Familien" bezeichnen und ihre Beziehungen nach diesem Muster gestalten: Der Boß heißt Oyabun, Vater, die Untergebenen sind Kobun, Kinder, ein höhergestelltes oder wichtigeres Bandenmitglied ist ein "älterer Bruder" im Verhältnis zu dem neu aufgenommenen "jungen Bruder".
"Wie würden Sie es erklären, daß ein Mann, der den Auftrag erhalten hat, jemanden zu töten, das auch tut, obwohl er weiß, daß er dafür 15 oder 20 Jahre seines Lebens ins Gefängnis muß?" fragt Yamanuchi, der Anwalt der Yakuza-Bande Yamaguchi-gumi. "Der Grund liegt darin, daß die Gang für jemanden, der ihr beigetreten ist, alles bedeutet."
Die Yakuza werben neue Mitglieder an, wenn diese noch unter 20 Jahre alt sind. Die Zeremonie bei der Aufnahme in eine Gang ist nur das erste von vielen Ritualen, die das Leben eines japanischen Gangsters bestimmen. Alle Zeremonien finden in traditionellen japanischen Hotels statt, auf sehr traditionelle Weise.
Die alten Mitglieder der Gang tragen Kimonos. Das neue Mitglied ist normal gekleidet. Tassen mit Sake werden ausgetauscht und gemeinsam leergetrunken. Am Ende erhält der Neue seinen eigenen Kimono und das Abzeichen der Gruppe. Oft wünschen die Gangster, daß die Neuaufgenommenen sich reinigen - so nehmen sie nachts ein Bad in dem Strom vor dem Shinto-Schrein der heiligen Stadt Ise.
Wichtigste Yakuza-Zeremonie ist die Inthronisierung eines neuen Bosses - sie läuft nach dem gleichen Muster ab wie die Thronbesteigung des Kaisers von Japan.
Als Yoshinori Watanabe im Juli letzten Jahres nach langem Bandenkrieg als oberster Chef der Yamaguchi-gumi eingesetzt wurde, nahm man die gesamte Zeremonie auf Videoband auf. 650 Filmkopien in edler Verpackung aus weißem und goldenem Stoff wurden als Andenken an den "glücklichen Anlaß" unter den Gästen verteilt.
TBS, eine der wichtigsten japanischen Fernsehgesellschaften, gehörte nicht zu den Empfängern, aber es gelang dem Sender, eine Kopie an sich zu bringen. Vier Minuten strahlte er davon aus. Die Yakuza verlangten zehn Millionen Yen wegen Verletzung der Übertragungsrechte.
Ein Syndikat ist streng hierarchisch aufgebaut. Das Fußvolk ist in kleine Gangs aufgeteilt, jede in der Regel 20 oder 30 Mann stark. Die Anführer dieser Banden wiederum sind die Basis größerer Gangs, deren Bosse noch größere Banden bilden - bis zum großen Boß an der Spitze des Syndikats.
Die Mitglieder werden nicht von der Organisation bezahlt, im Gegenteil. Das Fußvolk auf der untersten Ebene muß seinem Boß durchschnittlich pro Kopf und Monat 50 000 Yen (535 Mark) zahlen. "Wie sie das Geld verdienen, kümmert mich überhaupt nicht, solange sie zahlen", sagt in Tokio ein Yakuza der mittleren Ebene.
Dieser Boß führt an seinen Boß 300 000 Yen ab. Der wiederum bezahlt seinen Boß - bis zur Spitze, wo dann Millionen Yen zusammenlaufen. Die Organisation verschafft ihren Mitgliedern ein Territorium und bietet ihnen Schutz, die Möglichkeiten also, das Geld zu verdienen: durch Drogenhandel oder Prostitution, Glücksspiel oder Erpressung oder auch alles zusammen.
Fragt man den Durchschnittsjapaner, ob er etwas mit den Yakuza zu tun habe, wird er mit Nein antworten. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ein Oshibori, der nasse heiße Waschlappen, den man in jeder japanischen Bar, jedem Cafe und Restaurant erhält, wird unweigerlich von einer Gesellschaft gewaschen, verpackt und angeliefert, die mit einer Yakuza-Gang verbunden ist.
"Das ist eine einfache Methode, um zu kontrollieren, wieviel Kunden ein Lokal hat, so daß der Eigentümer bei den Schutzgeldern nicht mogeln kann", weiß ein japanischer Journalist.
Die traditionellen Geschäfte wickelt heutzutage in immer größerem Umfang das Fußvolk ab, während die Bosse nach und nach zu Firmenmanagern aufsteigen. "30 Jahre lang kassierten die Yakuza Schutzgelder, jetzt kassieren sie Mieten", sagt ein Kenner in Tokio.
Sie managen Künstleragenturen, handeln mit Eintrittskarten und kontrollieren die Unterhaltungsindustrie - das letzte Konzert von Paul McCartney organisierte ein Führungsmitglied des Sumiyoshi-Rengo-Syndikats. Ihm gehören Krankenhäuser, Schulen, Speditionen, Fabriken und Baufirmen. "Die Tätigkeiten der organisierten Gangster durchdringen heutzutage alle Aspekte des täglichen Lebens unserer Nation", schrieb vor kurzem die Tageszeitung Japan Times.
Der jüngste Kurseinbruch an der Börse von Tokio zeigte, wie stark die Yakuza am Kreditgeschäft mit Spekulanten beteiligt sind, die das geliehene Geld dann nicht mehr zurückzahlen können. Einige von ihnen sind verschwunden. Nach Angaben des Präsidenten einer Privatdetektei halten die Yakuza-Gruppen zur Zeit mindestens sechs Spekulanten als Geiseln fest, um sicherzustellen, daß sie ihr Geld zurückbekommen.
Dem Durchschnittsjapaner fällt es nicht schwer zu akzeptieren, daß die Yakuza, wie sie behaupten, ganz normale Mitglieder der Gesellschaft sind, die wie jeder andere Japaner auch den Bürgersteig vor ihren Häusern kehren und an der Börse spekulieren. Deshalb können sie auch guten Gewissens im Alltag Geschäfte mit den Gangstern machen. Politiker erscheinen auf Yakuza-Partys - vor zwei Jahren zeigten Videoaufzeichnungen ein Unterhausmitglied der LDP, das gemeinsam mit Gangstern Lieder sang.
Prominente Japaner in der staatlichen Verwaltung verbünden sich mit den Yakuza. Als Beweis für den guten Ruf seines Mandanten legte kürzlich ein Verteidiger bei einem Yakuza-Prozeß ein Bild des Gangsters vor, der mit Polizeibeamten in einem Restaurant speiste.
Die Tageszeitung Yomiuri veröffentlichte das Bild des Yakuza-Bosses der Insel Kyushu, der den Generalstabschef der japanischen Streitkräfte in seinem Amt aufsuchte.
Großkonzerne haben keine Skrupel, öffentlich mit den Gangstern Geschäfte abzuschließen. NTT, Japans Telefon- und Telekommunikationsriese, ließ Hunderte von Telefonkarten mit dem Yamaguchi-gumi-Symbol drucken - eine der Gangs in Osaka benutzte die Karten als Geschenk für ihre Kunden.
Dennoch sind die Yakuza wie so manche Mitglieder der japanischen Gesellschaft - der Kaiser, die Burakumin oder die Koreaner - ein Tabu-Thema, wenn es um die Frage geht, welche Macht sie haben. Vieles, was in Japan über die Yakuza geschrieben wird, ist deshalb nur Folklore oder Propaganda.
Das einzige seriöse Buch über die Gangster und ihre Rolle in der Geschichte Nachkriegsjapans stammt von zwei Amerikanern und ist fünf Jahre alt. 20 japanische Verlage haben seit seinem Erscheinen überlegt, eine Übersetzung des Buches herauszubringen, keiner hat es bislang gewagt.
Eines der größten Tabus betrifft die Verbindung zwischen Yakuza und Politikern. Mindestens drei Yakuza sitzen heute im Parlament von Tokio. In den Provinzen gelang es vielen Bossen, sich in kommunale Verwaltungen wählen zu lassen.
Die engen Beziehungen werden an einem unauffälligen Bürogebäude offensichtlich, das in Nagatacho, dem Regierungsviertel von Tokio, Palais Royal heißt, nur einige Meter vom Unterhaus entfernt. Dort liegen die Büros einiger Spitzenpolitiker der LDP, etwa des früheren stellvertretenden Premierministers Shin Kanemaru, und einer Filiale des Sumiyoshi-gumi-Syndikats. "Die Politiker versuchen, zu uns Distanz zu halten", sagt Kurosawa, der pensionierte Yakuza. "Doch wenn Wahlen sind, betteln sie uns alle um Geld an."
Geld scheint sogar die Yakuza zu verwandeln. Neue Mitglieder sind weniger diszipliniert als die früheren. "Wenn früher jemand einen getötet hatte, pflegte er mit seiner Gang eine Woche in einem Kurort Ferien zu machen, dann stellte er sich der Polizei, lieferte seine Waffe ab und ging ins Gefängnis. Heute weigern sich die Männer einfach, und das ist schlimm", sagt Kurosawa.
Einige Neue scheuen auch die Schmerzen der Tätowierung, die eigentlich zur "Uniform" jedes Yakuza gehört. Die alten Bosse machen sich auch über die zunehmende Gewalttätigkeit bei Auseinandersetzungen in den Gangs Sorgen.
Können die harten Drogen mit Hilfe der Yakuza weiterhin von Japan ferngehalten werden, oder wird eine neue Gangster-Generation versuchen, daraus einen Hit zu machen, ungeachtet der Konsequenzen? Steht das stillschweigende Übereinkommen, das bislang zwischen den Yakuza und der Polizei "kooperative Beziehungen" ermöglichte, kurz vor seinem Ende? "In ein paar Jahren könnten wir gezwungen sein, in den Untergrund zu gehen", sagt der Boß von Osaka mit dem weißen Rolls-Royce. Gründe für eine weniger gefällige Politik den Yakuza gegenüber gäbe es sehr wohl. Ihre Machenschaften beschränken sich nicht mehr auf Japan allein. Im Kielwasser von Tokios Wirtschaftsexpansion haben auch die japanischen Gangster sich in die Welt gewagt. Sie sind heute bereits in Australien wie in Europa, in den USA wie in jedem südostasiatischen Land tätig. Die Tatsache, daß die Yakuza jetzt zu den japanischen Exporten gehören, über die das Ausland sich beklagt, könnte Tokios Behörden vielleicht dazu bewegen, ihre Tätigkeiten besser zu überwachen.
"Wenn die Japaner auf ihr internationales Image Wert legen, müssen sie sich von den Yakuza lossagen", glaubt der FBI-Vertreter in Tokio. Aber werden sie das tun? Die japanischen Behörden selbst scheinen da nicht sehr zuversichtlich.
Auf der letzten Seite des "Berichtes über organisiertes Verbrechen", der kürzlich von der Nationalen Polizei herausgegeben wurde, steht: "Unter den gegenwärtigen Umständen ist es für die Polizei sehr schwierig, Gangsterorganisationen völlig zu beseitigen."
Da ist zu spüren, daß "gegenwärtige Umstände" eigentlich "die japanische Gesellschaft" heißen sollte. Ein alter Yakuza in Tokio formuliert das unverblümter: "Solange Japan einen Kaiser hat, wird es auch die Yakuza geben." *HINWEIS: Ende
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 27/1990
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