30.10.1989

AffärenHanseatisch seriös

In die Bestechungsaffäre um den Medien-Mogul Kirch sind Spitzenleute des rivalisierenden Springer-Verlages intensiver verwickelt, als sie zugeben mögen.
Sorgfältig inspizierte der Münchner Staatsanwalt Fritz Billner eine schwarze Naturledertasche mit Reißverschluß und ohne Tragegriff. Ein Experte aus dem Labor des Landeskriminalamts konnte auf dem strukturierten Leder keine Fingerabdrücke feststellen. Vorsorglich wurde die Mappe fotografiert. Sie war vor allem an den Kanten stark abgewetzt.
Das lederne Behältnis sei, so behaupten Zeugen, schon durch viele Hände gegangen. Der Münchner Medienhändler Leo Kirch, 63, soll es vor fünf Jahren mit 2,7 Millionen Mark gefüllt und im Züricher Grand Hotel Dolder einer ihm unbekannten Frau übergeben haben: Lydia Schmidmeier.
Frau Schmidmeier wiederum soll die Tasche unverzüglich ihrem Mann Hans Schmidmeier, damals 64, ins Auto gelegt haben. Der hat sie, angeblich, einem nahebei parkenden Bekannten gezeigt und sie später - nach Entnahme eines "Darlehens" von 500 000 Mark - seinem Sohn Alexander übergeben.
Am Ende der Stafette soll schließlich der ehemalige Münchner Fernsehdirektor Helmut Oeller, 67, gestanden haben. Der freilich habe nur das in eine Plastiktüte verstaute Restgeld bekommen - nicht aber die Geldtasche.
Die schwarze Mappe ist, neben zahlreichen eidesstattlichen Erklärungen, das einzige reale Corpus delicti in dem spektakulären Ermittlungsverfahren, das die Münchner Staatsanwaltschaft gegen Oeller und Kirch wegen des Verdachts der Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung eingeleitet hat (SPIEGEL 43/1989).
Nach Hausdurchsuchungen bei Oeller und Kirch wucherten letzte Woche Spekulationen: Hatte der umstrittene Film-Mogul, dem manche in der Branche alles und alle mancherlei zutrauen, tatsächlich höchstpersönlich Millionen-Summen auf riskanten Umwegen an einen bestechlichen TV-Direktor übermitteln lassen? Oder war die Strafanzeige, die das Ermittlungsverfahren auslöste, womöglich nur ein schmutziger Trick im Machtkampf zweier Medienkonzerne?
Aufhorchen ließ die Behauptung der Kirch-Gruppe, ausgerechnet die Axel Springer AG sei "intensiv beteiligt" gewesen an der Vorbereitung der Strafanzeigen gegen Oeller und Kirch. Denn die Medienriesen Springer und Kirch sind sich, obwohl eng miteinander verflochten, seit langem spinnefeind.
Am Tag nach den Hausdurchsuchungen wies der Springer-Verlag entrüstet den Verdacht von sich, er habe das Ermittlungsverfahren "ausgelöst". Der Pressekonzern habe "auch keine Anzeige erstattet oder erstatten lassen".
Am Montag voriger Woche legten die Bild-Chefredakteure Hans-Hermann Tiedje, 40, und Peter Bartels, 45, noch einmal nach: Die Behauptung der Kirch-Gruppe, Springer habe "die Justiz auf den Weg gebracht", sei "ungeheuerlich" und "entlarvend".
Mit verbalen Knüppeln droschen die Springer-Chefredakteure auf den mißliebigen Springer-Großaktionär Kirch ein. Die "Bösartigkeiten aus dem Hause Kirch" machten deutlich, daß "Leute wie Kirch bei Springer nichts verloren" hätten. Das Bild-Duo: "Kirch & Co. passen nicht zur hanseatisch-seriösen Unternehmenskultur des Hauses Springer."
Gleichzeitig rieten Tiedje und Bartels Bonner Politikern, auf Distanz zu Kirch zu gehen - namentlich Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der Sozius in der Bremer Anwaltskanzlei des Kirch-Vertrauten Joachim Theye ist. Auch andere Bonner Größen sollten bedenken, daß sie sich nicht "als Freund des Springer Verlags ausgeben und gleichzeitig Interessen Kirchs vertreten" könnten. Tiedje/Bartels drohend: "Das geht schief - wie sich zeigen wird."
Zunächst zeigte sich nur, daß im Hause Springer einiges schiefgelaufen war: Springer-Sprecher Heiner Bremer mußte einräumen, daß der Verlag an dem Justizschlag gegen Kirch und Oeller keineswegs so unbeteiligt gewesen war, wie es die Verlagsverlautbarung zunächst dargestellt hatte.
Bremer bestätigte, daß der Immobilienmakler und Kunsthändler Schmidmeier, ein Mann von dubiosem Ruf, "Informationen" zunächst dem Springer-Verlag angeboten hatte. Der mochte die Papiere zwar nicht selbst kaufen, reichte sie aber an Interessenten weiter, die Springer eng verbunden sind.
Empfänger der belastenden Papiere war der Stuttgarter Unternehmer Rolf Deyhle, der zusammen mit dem früheren Kirch-Manager Bodo Scriba an der "Mizar"-Filmgesellschaft beteiligt ist. Die wiederum hält 40 Prozent an der Filmverwertungsfirma "Capitol Film + TV GmbH & Co. KG" - Mehrheitsgesellschafter: der Springer-Verlag.
Springers Anwalt Peter Hertel wiederum begleitete die weiteren Verhandlungen um die Schmidmeier-Papiere bis zur Unterschrift. Und Hertel war es auch, der am Dienstag vorletzter Woche die ominöse Ledermappe in das Münchner Justizgebäude brachte.
Einiges deutet darauf hin, daß die Anschuldigungen gegen Kirch eine neue Etappe im Dauerstreit zwischen den beiden Medienkonzernen markieren. Eskaliert ist diese "Schlammschlacht" (Frankfurter Allgemeine Zeitung) seit der Springer-Hauptversammlung Ende Juli, als Alfred Stiefenhofer, ein Abgesandter des Großaktionärs Kirch, peinliche Fragen an die Springer-Spitzen stellte.
Kirchs Sendbote äußerte den Verdacht, die Springer AG habe im Juni einen fünffach überhöhten Kaufpreis (umgerechnet 72 Millionen Mark) für eine Zehn-Prozent-Beteiligung an der italienischen Monti-Gruppe bezahlt, die ihrerseits für 220 Millionen Mark ein Aktienpaket von der Verleger-Familie um Witwe Friede Springer erwarb. Kirch argwöhnte, daß bei dem Einstieg bei Monti die Gesamtheit der Springer-Aktionäre kräftig draufgezahlt habe, während der üppige Verkaufserlös in die Familienkasse floß.
Springer-Sprecher Bremer stellte vergangene Woche selbst einen Zusammenhang zwischen den von Kirch erhobenen Vorwürfen und der jüngsten Staatsanwaltsaktion her. Bremer zum SPIEGEL: "Seit Kirch den Fehdehandschuh hingeworfen hat, das Haus Springer habe die Aktionäre hinters Licht geführt, darf man sich nicht wundern, wenn der Verlag Informationen nachgeht, die Kirchs Leumund und seine weiße Weste in Frage stellen."
Das sei "ein beispielloser Vorgang", entrüstete sich hingegen Kirch-Sprecherin Armgard von Burgsdorff. Springer suche sich eines Großaktionärs zu entledigen, "der Indizien für eine verdeckte Gewinnausschüttung zugunsten der Springer-Erben aufzeigte".
Fest steht: Der Springer-Verlag, vertreten durch Anwalt Hertel, war wochenlang hart am Fall - von jenem Tag an, als Schmidmeier unter dem Falschnamen "Berger" sein Wissen dem Springer-Spitzen-Manager Peter Tamm, 61, telefonisch offerierte.
Schmidmeiers Erzählungen, auf denen die Strafanzeige gegen Oeller und Kirch basiert, schienen wie nichts anderes zuvor geeignet, endlich die Geschäftspraktiken des ungeliebten Springer-Partners aus München zu entlarven. Denn die im Lesesaal des Hotels Dolder angeblich überreichten Millionen seien, so Schmidmeier, das Entgelt für ein gelungenes 54-Millionen-Mark-Geschäft gewesen, das der Bayerische Rundfunk 1984 im Alleingang mit Kirch abschloß.
Die Springer-Spitze empfindet Kirch seit langem als Störfaktor. Doch Kirch ist nicht ohne weiteres auszuschalten - beide Seiten halten einander in Schach.
Zentraler Streitpunkt ist der Privatsender Sat 1. Kirch hält, zusammen mit der DG Bank und seinem Hausanwalt Theye, einen 40-Prozent-Anteil; im Abstimmungspool mit der AV Euromedia, die dem Holtzbrinck-Konzern und dem früheren Regierungssprecher Diether Stolze gehört, bringt die Kirch-Interessengemeinschaft 55 Prozent auf die Waage.
Das Haus Springer wiederum besitzt zwar nur 15 Prozent der Sat-1-Anteile, ebensoviel wie die Verlegergemeinschaft Aktuell Presse Fernsehen. Beide zusammen stellen jedoch vier der acht Sat-1-Aufsichtsräte - eine "unverhältnismäßige Blockadeposition", wie Kirch findet.
Trotz des Patts ist es dem Filmhändler gelungen, die Nachrichten- und Informationssendungen in Sat 1 zugunsten der Unterhaltung zurückzustutzen - und diesen Programmteil gestaltet der Grossist mit seinem riesigen Fundus von 15 000 Spielfilmen und 50 000 Stunden Fernsehprogramm praktisch allein. Kirch, klagt der ebenfalls im Filmgeschäft engagierte Springer-Konzern, behandle den Sender "als eine Kirch allein vorbehaltene Abspielstation für Lizenzrechte".
Keiner der verfeindeten Partner will sich freiwillig aus dem Privatsender zurückziehen. "Sollen wir Harakiri begehen?" fragt Springers Bremer, der einen Verzicht strikt ablehnt: "Wir würden uns doch unternehmenspolitisch ein Bein amputieren, und das auch noch ohne Narkose."
Der Versuch, Kirch aus Sat 1 hinauszukaufen, scheiterte. 250 Millionen Mark forderte der Filmhändler für seine Anteile, maximal 68 Millionen war Springer bereit zu zahlen. Schon gar nicht akzeptabel erschien dem Hamburger Verlag ein weiteres Ansinnen des Münchner Moguls: zwei Aufsichtsräte bei Springer und die Zustimmung, Kirchs Aktienanteil von 26 Prozent anzuerkennen:
So bleibt Kirch im Springer-Verlag auf seinem formell bestehenden Zehn-Prozent-Besitzstand eingemauert. Da nutzt es ihm auch nichts, daß er über Vertrauensleute weitere 16 Prozent hinzugekauft hat - die sogenannten vinkulierten Namensaktien dürfen nur mit Genehmigung von Vorstand und Aufsichtsrat übertragen werden.
Deshalb würde Kirch auf seine Teilhabe am Springer-Verlag verzichten, wenn er dafür klare Mehrheitsverhältnisse bei Sat 1 schaffen könnte. Seine Forderungen: Den Aufsichtsratsvorsitzenden des Senders soll stets die Kirch-Gruppe stellen, und Springer müsse sich aus der Kirch-Konkurrenz Capitol zurückziehen.
Bedingungen will sich Springer jedoch nicht diktieren lassen. Der Presseverlag pocht darauf, daß ein alternierender Wechsel im Sat-1-Aufsichtsratsvorsitz zwischen den beiden Lagern verabredet sei - und zum Jahresende ist der fällig: Dann endet die Amtszeit des Kirch-Vertrauten Theye.
Auch wenn es bei der Aufsichtsratssitzung im Dezember zu keiner Einigung kommt, muß Theye den Stuhl räumen - der Vorsitz verlängert sich nicht automatisch. Kommissarisch geführt würde das Gremium dann vom bisherigen Vize. Und der heißt Peter Tamm.
Offenbar um Kirch kleinzukriegen, läßt der Springer-Verlag seit Monaten sein Revolverblatt Bild auf den Münchner schießen. Vor allem versucht Bild, einen geplanten Filmdeal Kirchs mit dem ZDF madig zu machen. Angeblich geht es bei dem Geschäft um eine Kaufsumme in der "Größenordnung von 250 bis 400 Millionen Mark" (Bild) - Geld, das der hochverschuldete Kirch dringend braucht.
Das Springer-Blatt empört sich daher über die "Machenschaften" Kirchs, für die "der deutsche Fernsehzuschauer zahlt". Insbesondere ZDF-Intendant Dieter Stolte wird verdächtigt, Kirch auch privat eng verbunden zu sein. Wiederholt druckte Bild Berichte aus der Spitzel-Perspektive: Stolte sei "schon Gast auf der Yacht Kirchs" in der Adria gewesen (was Stolte bestreitet), dabei seien auch "Bilder gemacht" worden (die Bild bislang nicht gedruckt hat).
Die Hausdurchsuchungen bei Kirch und Oeller kamen dem Springer-Verlag gerade recht, um die ZDF-Gewaltigen vor dem Filmhändler zu warnen. "Die Fernsehverantwortlichen", schrieb das Bild-Gespann Tiedje/Bartels, hätten "jetzt noch mehr Anlaß, über ihre Geschäfte mit Kirch nachzudenken".
Wochen zuvor schon, bald nachdem sich Informant Schmidmeier bei Tamm gemeldet hatte, war in den Hamburger Vorstandsetagen von einem bevorstehenden "Fangschuß" gegen Kirch jubiliert worden. Die Züricher Details schienen zu schön, um nicht wahr zu sein.
Um nicht direkt als Kirch-Verfolger in Erscheinung zu treten, zog Springer "als Sachverständigen" (Sprecher Bremer) den Stuttgarter Deyhle ins Vertrauen. Dieser Springer-Partner zahlte nach einigem Feilschen das vom Schmidmeier-Clan geforderte 600 000-Mark-Informationshonorar. Den Vertragsentwurf brachte laut Schmidmeier-Anwalt Walter Neumann der Springer-Anwalt Hertel. Und auch bei der Übergabe der 600 000 Mark in bar im Neumann-Büro war Hertel mit von der Partie.
Den Springer-Advokaten schreckte es offenbar nicht, daß Kollege Neumann seinen Mandanten Schmidmeier als "bayerisches Original mit durchaus auch schlitzohrigen Zügen" präsentierte, der in zahlreiche Prozesse verstrickt sei, den Offenbarungseid geleistet habe und wegen eines Steuerstrafverfahrens jahrelang im Schweizer Exil leben mußte. Hertel blieb am Mann.
Nachdem Schmidmeier, durch Operationen an Herz und Hüftgelenk geschwächt, einen Tag vor Unterzeichnung seiner Züricher Erzählungen "unter ungeklärten Umständen" (Hertel) gestorben war, betreute der Springer-Jurist die Witwe Lydia und Sohn Alexander, der in Luzern die Zahnprothetikfirma Prodenta betreibt und eine von Arabern beherrschte Treuhand- und Beteiligungsgesellschaft namens Samcon verwaltet.
Hertel war es auch, der die Münchner Staatsanwaltschaft zur Hausdurchsuchung bei Kirch und Oeller scheuchte. Denn angesichts der bevorstehenden Verjährung - die Geldübergabe fand angeblich vor fast genau fünf Jahren, am 3. September 1984, statt - hätte, so Hertel, "ein weiteres Zuwarten mit dem Vollzug der Durchsuchungsbeschlüsse den Durchsuchungserfolg gefährdet".
Die Staatsanwälte hatten zunächst gezögert, weil sie "Bedenken wegen der Glaubwürdigkeit des Zeugen Schmidmeier" hatten. Die Bedenken scheinen noch keinesweg ausgeräumt.
Insider schließen nicht aus, daß der jüngste Springer-Schuß gegen Kirch nach hinten losgeht - wenn sich nicht beweisen läßt, daß in der schwarzen Ledertasche tatsächlich Schmiergeld-Millionen befördert worden sind.
Sollte das Ermittlungsverfahren gegen Kirch und Oeller eingestellt werden, bestätigt Oberstaatsanwalt Karl-Heinz Stocker, müsse gegen die Anzeigeerstatter und die Zeugen ermittelt werden - wegen "falscher Anschuldigung und Verleumdung". Stocker: "So steht es im Gesetz." f

DER SPIEGEL 44/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Affären:
Hanseatisch seriös

  • Spektakuläre Verfolgungsjagd: Flucht mit gestohlenem Wohnmobil
  • Werbung für Europawahl: Geburtsvideo wird viraler Hit
  • Space X: 60 Satelliten wurden in die Umlaufbahn gebracht
  • Nach dem Strache-Skandal: Filmriss bei der AfD