30.04.1990

„So einer ist unverzichtbar“

Nach dem Anschlag einer geistig Verwirrten auf den SPD-Kanzlerkandidaten Lafontaine müssen die Sozialdemokraten ihre Strategie im Wahljahr ändern. Das Attentat wäre womöglich zu verhindern gewesen: Seit Januar sind die Behörden darauf hingewiesen worden, von der Täterin gehe eine „Fremdgefährdung“ aus.
Gelassen und locker, als gehöre sie nicht zu dieser Welt, antwortet die Arzthelferin Adelheid Streidel, 42, im Kölner Polizeipräsidium auf die Fragen der Vernehmer.
Die Frau, die am Mittwoch abend voriger Woche in der Stadthalle von Köln-Mülheim den SPD-Kanzlerkandidaten und saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine, 46, mit einem Fleischmesser zu Tode bringen wollte, machte "einen fast zufriedenen Eindruck", sagt ein Beamter der Mordkommission: "Die Atmosphäre war seltsam irreal."
Auf einen Anwalt hat die Attentäterin von vornherein verzichtet. "Ich wollte einen Politiker töten", gibt sie zu Protokoll. Denn die Politiker seien für geheimnisvolle Machenschaften im Verborgenen verantwortlich: "Es gibt in Europa Menschenfabriken und unterirdische Operationssäle, wo Leute aus der Bevölkerung körperlich und geistig umfunktioniert werden."
Einer der Vernehmer fragt: "Können Sie das erläutern?" Adelheid Streidel schweigt.
Am Donnerstag nachmittag, 20 Stunden nach dem Anschlag, ist für den Kölner Staatsanwalt Peter Graeve der Fall klar: Er beantragt nicht, wie bei einem solchen Kapitalverbrechen üblich, Haftbefehl wegen versuchten Mordes, sondern die Unterbringung der Täterin in einer geschlossenen Heilanstalt. Für die Entscheidung, im Sinne des Staatsanwaltes zu verfahren, braucht Haftrichter Hans-Werner Riehe nur wenige Minuten - Adelheid Streidel wird in die psychiatrische Klinik Düren gebracht.
Einen Tag zuvor hatte die geistesgestörte Frau der Nation einen Schock versetzt. Fernsehen und Rundfunk unterbrachen ihre Sendungen, niemals zuvor in der deutschen Nachkriegsgeschichte war auf einen Spitzenpolitiker ein solcher Anschlag verübt worden.
Mit aschfahlen Gesichtern eilten SPD-Chef Hans-Jochen Vogel, 64, und der Ehrenvorsitzende der Partei, Willy Brandt, 76, noch in der Tatnacht zur Kölner Uni-Klinik. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau, 59, stand leichenblaß und wortlos vor den Kameras - auch er nur knapp dem Tod entronnen.
"Rau oder Lafontaine", so die Aussage der Attentäterin, hätten dran glauben sollen. Daß es Lafontaine traf, war eine "private politische Entscheidung" (Streidel), erst in letzter Sekunde gefällt: Lafontaine, der rechts neben Rau stand, sollte das Opfer sein, "damit ich vor Gericht gestellt werde und damit das in die Presse kommt". Rau später: "Wenn sie von der anderen Seite gekommen wäre, hätte sie wohl mich getroffen."
Noch wußten, in der Nacht zum Donnerstag, die SPD-Spitzen nicht, ob wegen der Wahnsinnstat einer geistig Verwirrten die Parteistrategie für das Wahljahr 1990 zusammenbrechen würde.
Der Streich, den die Streidel gegen den Kennedy der Sozialdemokraten führte, hatte die Hauptschlagader an der rechten Halsseite gerade um einen Millimeter verfehlt (siehe Kasten Seite 27). Wäre der Hauptversorger des Gehirns getroffen worden, hätte Lafontaine im Überlebensfall höchstwahrscheinlich bleibende Schäden davongetragen - eine menschliche Tragödie, eine politische Katastrophe für die SPD.
Wie das Opfer den Verlust von drei Litern Blut und die zweistündige Operation in der Kölner Uni-Klinik überstehen würde, mochte der behandelnde Arzt, der Gefäßchirurg Professor Heinz Pichlmaier, nach getaner Arbeit noch nicht prognostizieren. Die Situation sei "primär lebensbedrohlich", teilte er SPD-Chef Vogel mit; ob Lafontaine bleibende Schäden davontrage, werde erst die Zeit erweisen.
Noch ehe der Zweikampf um die Macht am Rhein richtig begonnen hatte, der zur Vorentscheidung für die ersten gesamtdeutschen Wahlen wird, schien einer der Kandidaten durch einen absurden Schicksalsschlag ausgeschaltet - eine Horrorvision für alle, die Politik planen und machen.
Entsprechend fielen die Reaktionen aus, von Verdrängung und Ignoranz bis zu Angst und Trauer. Bundeskanzler Kohl empfing die Nachricht vom Attentat während eines Essens mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand im Elysée-Palast. Er ließ, eine Pflichtübung, in Bonn eine erste Stellungnahme verbreiten - und brach zu einem zweiten Abendmahl im Feinschmeckerlokal "Fouquet's" auf.
Knapp acht Stunden nach dem Attentat, am Donnerstag morgen um 4.15 Uhr, erwachte das Opfer aus der Narkose. Lafontaine klagte über Schmerzen im Hals und verlangte zu trinken.
Während die Attentäterin im Kölner Polizeipräsidium vernommen wurde, präsentierten die Ärzte dem Patienten erste Besucher: zwei Lafontaine-Leibwächter, Beamte des saarländischen Kriminalpolizeiamtes, und Parteichef Vogel. Lafontaine erkannte sie alle und war bereits zu Scherzen aufgelegt: Bei Vogel entschuldigte er sich, er könne, entgegen seiner Absicht, am Freitag leider nicht im Bundestag reden.
Befürchtungen, Lafontaine werde jäh aus dem Duell gegen Kohl herausgerissen, waren fürs erste ausgeräumt. "Ich habe nicht den geringsten Eindruck, daß er schwankt", meldete Lafontaines Wahlkampf-Manager, der saarländische SPD-Fraktionsvorsitzende Reinhart Klimmt. Er war, mit Lafontaines Lebensgefährtin Christa Müller, 33, in der Nacht nach Köln gefahren und morgens bei dem Patienten vorgelassen worden.
Klimmt, der im Fall eines Lafontaine-Sieges nach der Bundestagswahl Ministerpräsident an der Saar werden soll, berichtete über einen Dialog am Krankenbett. Lafontaine zu Klimmt: "Siehst du, wenn die besser getroffen hätte, wärst du jetzt Ministerpräsident."
Klimmt: "Das regeln wir anders."
Lafontaine: "Na klar doch."
"Oskar ist über den Berg", erklärte Vogel in Bonn vor der Bundestagsfraktion, die durch Klopfen applaudierte - und allen Grund zur Erleichterung hatte: Keine Genossin, kein Genosse wäre in Sicht gewesen, der wie Lafontaine in der Auseinandersetzung mit Helmut Kohl die Partei hinter sich bringen und zugleich Wechselwähler für die SPD mobilisieren kann.
Keinem gelingt, was Lafontaine immer wieder schafft: Er zieht mit aggressiver Rhetorik, wie bisher wohl nur Franz Josef Strauß oder Herbert Wehner, Anhänger und Gegner zugleich in seinen Bann, und "traumwandlerisch sicher trifft er immer wieder auf den Nerv", wie ihm die Zeit attestierte. Ein Sozialdemokrat: "So einer ist unverzichtbar."
Seit langem ist Lafontaine beliebter als Kohl, wie SPIEGEL-Umfragen des Emnid-Instituts Monat für Monat zeigen. Bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers hätte Kohl keine Chance. Die April-Zahlen: 50 Prozent wünschen den Sozialdemokraten, 46 Prozent den Christdemokraten als Kanzler.
Schon am Tag nach dem Anschlag verkündete Vogel deshalb, Lafontaine bleibe der Kanzlerkandidat der SPD und werde alle Termine im Bundestagswahlkampf wahrnehmen.
Auch Brandt hatte 45 Minuten am Krankenbett gesessen. Was er erlebte, überraschte den älteren Herrn, der sofort zwei Wahlkampftermine Lafontaines übernommen hatte: "Der hatte die Tagespresse genauer gelesen als ich und wußte besser Bescheid." Er sei "absolut sicher", daß Lafontaine Kandidat bleibe, "das bedürfte keiner Erklärung".
Mancher Sozialdemokrat hoffte sogar, dem Spitzenmann werde nach dem Attentat ein zusätzlicher Sympathiebonus bei den Wählern zufallen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung prophezeite dem "lebensdurstigen Herausforderer" Kohls: "Lafontaines Popularität wird noch wachsen."
Kaum verhießen die ärztlichen Bulletins gute Aussichten auf die Genesung des Kandidaten, da begannen sozialdemokratische Polit-Profis wie Horst Ehmke, den düsteren Schadensrechnungen eine Nutzenskala für die Partei entgegenzustellen.
Im "worst case", dem schlimmsten Fall, "wären wir hilflos gewesen"; im "best case", der günstigsten Situation, aber könne der Kandidat, "der dem Tod ins Auge geschaut hat", einen neuen "Nimbus" gewinnen, der ihn möglicherweise für ältere Wechselwähler attraktiv mache. Johannes Rau warnte sogleich vor solchen Spekulationen: "Ich rate jedem, das nicht zu vermarkten."
Aus dem Tritt geraten waren Ende letzter Woche vor allem die Wahlkämpfer in Niedersachsen, wo, wie in Nordrhein-Westfalen, am 13. Mai über den neuen Landtag abgestimmt wird. Ein neuer Ton klang plötzlich in den Reden, versöhnlicher soll es nun zugehen.
"Menschen mit anderen Überzeugungen sind keine Feinde", erklärte der niedersächsische SPD-Oppositionsführer Gerhard Schröder; das müsse die "Konsequenz aus dem schrecklichen Geschehen" sein. Vor allem für Schröder, der auf die Zugnummer Lafontaine gesetzt hatte, bedeutet der Ausfall des Saarländers einen herben Verlust. Brandt: "Für Schröder ist das in der Tat eine schwere Enttäuschung."
Lafontaine war fast jeden Tag bis zum 13. Mai als Wahlkämpfer in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen eingeplant gewesen. Nach dem Attentat setzt die Partei nun auf die Hilfe von Walter Momper, Björn Engholm und Vogel. Sie werden noch einige Zeit einspringen müssen. Denn der Kanzlerkandidat wird kaum vor dem Frühsommer wieder so weit genesen sein, daß er den Wahlkampf-Strapazen gewachsen ist - er brauche "Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe", so die SPD-Strategen in der Bonner Parteizentrale.
Aus den eingefahrenen Gleisen geworfen wurden die westdeutsche Politik und ihre Repräsentanten von einer Geistesgestörten ohne jeden politischen Appeal: Der Attentäterin ging es nicht darum, politischen Schaden anzurichten - die Motive der Tat sind einzig in der verwirrten Persönlichkeit von Adelheid Streidel zu suchen.
Die Panik, die sich nach dem Messerstich in der Mülheimer Stadthalle verbreitete, schien die Frau nicht zu berühren. Mit großen Augen, wie triumphierend, blickte sie ins Licht der Fernseh-Scheinwerfer, erhobenen Hauptes ließ sie sich vor den Kameras abführen.
Die Tat, so deutet der Polizeipsychologe Knud Eike Buchmann das Verhalten der Frau, habe einen "kathartischen Prozeß" ausgelöst, eine "innere Reinigung": "Die Frau kann sich loslassen, die enorme Spannung fällt mit einem Schlag von ihr ab." Denn sie habe ja "nun erreicht, was sie sich vorgenommen hat". Und sie habe es, so der Psychologe, "darauf angelegt" gehabt, "erwischt zu werden".
Daß die Täterin geistesgestört ist, war den Behörden seit elf Jahren bekannt. So hatte Adelheid Streidel beispielsweise schon Mitte der achtziger Jahre mit ihrer nach rechts gestreckten Handschrift Zettel beschriftet ("Gegen Menschentötung - Fabriken, Menschenlager mit Todesfolge der Bonner Regierung und auf der ganzen Erde"), die sie an Laternenpfählen und Bäumen im Ortsteil Heppingen befestigte. "Wir zogen dann abends los", sagt ihr Schwager, "um die Sachen wieder zu beseitigen."
Im Januar 1986 hatte Adelheid Streidel in der Garage einer Heppinger Druckerei Feuer gelegt. Sie ging jedoch so dilettantisch vor, daß kein großer Schaden entstehen konnte - es brannte lediglich etwas Papier, und auch der Löschwasserschaden blieb gering.
Wegen Schuldunfähigkeit stellte die Koblenzer Staatsanwaltschaft im Juli 1986 das Verfahren ein. Diagnose eines Gutachters: "Paranoide Schizophrenie."
Daß Adelheid Streidel "nicht richtig tickt", wie ein Bad Neuenahrer Lokalredakteur sagt, wußten viele Einheimische schon seit längerem. "Adelheid ist ein bißchen gaga", erzählten Nachbarn jetzt; einsam, verschlossen und wunderlich sei sie gewesen. In der Stadt war sie als "die Bekloppte" bekannt, die sommers im Pelzmantel radelte, im Winter dagegen im leichten Kleid.
Schon vor rund zehn Jahren, berichtet ein Arzt der Dr. von Ehrenwallschen Klinik in Ahrweiler, tauchte Frau Streidel mit einem Verwandten bei ihm auf und bat um ein therapeutisches Gespräch. Dann meldete sie sich jedoch dort nicht mehr.
Allerdings wurde sie allein in der Landesnervenklinik Andernach zweimal über längere Zeiträume behandelt, das letzte Mal zur Zeit der Zündelaktion. Bereits damals bestand für anderthalb Jahre eine Gebrechlichkeitspflegschaft - eine Fürsorge-Maßnahme, die auf Betreiben der Schwester von Adelheid Streidel, Irene Niehues, vor drei Monaten hätte erneuert werden sollen.
Frau Niehues beantragte am 17. Januar dieses Jahres beim Bad Neuenahrer Amtsgericht, als Pflegerin für ihre Schwester eingesetzt zu werden, die "am besten stationär" behandelt werden solle. Auszüge aus dem Niehues-Antrag, Aktenzeichen 5 VIII St 207:
Nach dem Absetzen der Medikamente seit April/Mai 1989 zeigt sich wieder das bekannte Krankheitsbild. Sie hat wieder Wahnvorstellungen und verhält sich aggressiv insbesondere gegenüber meinem Vater. Sie hat am 9. Dezember 1989 einen Selbstmordversuch unternommen und befand sich anschließend im Krankenhaus Maria Hilf in Bad Neuenahr. Sie wurde dort mit der Auflage entlassen, sich einer Therapie zu unterziehen, doch sie hat bis jetzt den betreffenden Arzt noch nicht aufgesucht. Nach ihrer Meinung ist sie gesund.
Meiner Meinung nach eilt die Angelegenheit sehr, da sie stark selbstmordgefährdet ist und durch die wieder auftretende Aggressivität auch eine Gefahr für andere besteht. Sie muß dringend in nervenärztliche Behandlung, am besten stationär, denn ohne Medikamente wird sich alles wiederholen . . . Ich bitte in Sorge um meine Schwester um eine schnellstmögliche Entscheidung, vor allen Dingen auch, da erhebliche Fremdgefährdung besteht.
Zu dem Attentat wäre es womöglich nicht gekommen, wenn die Behörden den Antrag nicht so zögerlich behandelt hätten. "Hätte ich die Pflegschaft rechtzeitig bekommen", sagt Irene Niehues, "wäre das Attentat nicht passiert."
Eine Gebrechlichkeitspflegschaft hätte unter anderem bedeutet, daß Adelheid Streidel nicht selbst über ihr Vermögen verfügen und nicht frei ihren behandelnden Arzt hätte wählen dürfen. Vor allem aber: Ohne Zustimmung der Schwester hätte sie nicht verreisen dürfen - auch nicht nach Köln.
Zwar wies die Justiz schon zwei Tage später mit dem Hinweis auf Eilbedürftigkeit das örtliche Gesundheitsamt an, die Frau zu untersuchen. Am 23. Januar wurde Adelheid Streidel "exploriert".
Doch mit der Rückäußerung ans Gericht ließ sich die Gesundheitsbehörde Zeit, obwohl sie nur den lapidaren Vorschlag machte, ein zusätzliches psychiatrisches Gutachten anfertigen zu lassen. Erst am 24. April schickte das Gesundheitsamt die Akten ans Amtsgericht zurück. Die lange Verweildauer der Akten in der Gesundheitsbehörde wertet das Mainzer Justizministerium als "sonderbar", die "lange Pause ist erstaunlich".
Das Amtsgericht, das trotz mehrerer Nachfragen von Frau Niehues das Verfahren von sich aus nicht beschleunigte, leitete die Akten immerhin prompt an die Nervenklinik Andernach weiter - einen Tag später, am Tag des Attentats.
"Verwundert" über die dreimonatige Amtspause ist auch der stellvertretende ärztliche Direktor der Landesnervenklinik Andernach, Ralf Schulte. Innerhalb von ein bis vier Wochen, so Schulte, sei ein Gutachten "selbst bei einem Patienten möglich, den wir vorher noch nicht gekannt haben".
Während die Akten Staub ansetzten, traktierte Adelheid Streidel etliche Mitbürger mit ihrem Verfolgungswahn. In Gaststätten sprach sie in den letzten Wochen wiederholt Leute an, die ihr eine Pistole beschaffen sollten; bei der Kreisverwaltung Ahrweiler beantragte sie einen Waffenschein, der ihr natürlich verweigert wurde.
Adelheid Streidel zeigte alle Anzeichen einer paranoiden Psychose. Störungen der Wahrnehmung, des Denkens und des Gefühls gelten als die drei klassischen Zeichen der wahnhaften Krankheit, die am Ende zu einem "gespaltenen Ich", zur Schizophrenie, führt. Die Kranken werden von Stimmen gequält, die Tag und Nacht von schrecklichen Dingen erzählen. Wahn und Wirklichkeit können die Kranken erst schwer, dann gar nicht mehr auseinanderhalten. Auf der Suche nach Verantwortlichen für ihre Misere kommen sie auf abstruse Ideen: Mal sind die Ehepartner schuld, mal die Russen oder die Radfahrer.
Psychosen sind zumeist chronisch verlaufende Krankheiten, die sich zwischendurch immer mal wieder akut verschlimmern. Während dieser "Schübe" gelten die Kranken oft als "selbst-" oder "allgemeingefährlich" - Gründe, sie auch gegen ihren Willen in geschlossenen Nervenkliniken unterzubringen.
Doch die Grenzen der Gefahr sind fließend. Wer an Verfolgungswahn leidet, ist meist noch in der Lage, ein bestimmtes Ziel situationsgerecht ins Auge zu fassen und eine Tat ohne Mitwisser zu planen und auszuführen. Der "Befreiungsschlag" ändert die Situation dann abrupt - die vom Wahn gequälten Menschen fühlen sich, auch noch im harten Polizeigriff, erleichtert, sie werden in Obhut genommen, die dunkle Bedrohung schwindet. Nach den Erfahrungen von Nervenärzten bessert sich die Symptomatik durch die langfristige Gabe von Psychopharmaka.
Doch daß Adelheid Streidel jemals das "Unrecht der Tat" einsehen wird, so wie es Strafrecht und Sittengesetz verlangen, ist eher unwahrscheinlich. Sie kann deshalb wohl nicht belangt werden - auch wenn, wie der zuständige Kölner Oberstaatsanwalt Hans Bernhard Jansen vergangenen Freitag ankündigte, in frühestens drei Monaten ein Strafverfahren vor einer Schwurgerichtskammer eröffnet wird.
Mordanschläge auf Politiker in der Bundesrepublik gingen in den letzten 20 Jahren fast immer aufs Konto fanatischer Terroristen wie die von der RAF. Nur einmal, 1973, attackierte ein Einzelgänger den damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann bei einer Veranstaltung in Augsburg: Der Attentäter schlug Heinemann zu Boden, doch bevor er sein Messer ziehen konnte, wurde er von Sicherheitsbeamten überwältigt.
Parallelen zur Tat der Adelheid Streidel finden sich in den USA: Die Attentäter der amerikanischen Geschichte gelten durchweg als geistesgestörte Schützen.
Sie zielten auf elf Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten und töteten fünf - Abraham Lincoln, James Garfield, William McKinley, John und Robert Kennedy. Doch fast ausnahmslos wollten die Täter nicht als unpolitisch gelten, weder Sirhan B. Sirhan, der den Mord an Robert Kennedy 1968 als die Rache eines Palästinensers ausgab, noch Arthur Bremer, der Richard Nixon zu ermorden plante und, gewissermaßen als Ersatz, den Gouverneur George Wallace zum Krüppel schoß. Die offenkundig psychisch kranken Attentäter wurden gleichwohl zu lebenslanger Haft verurteilt.
Nicht so John W. Hinckley, der im März 1981 auf Ronald Reagan schoß, weil er damit seinem Idol, der Schauspielerin Jody Foster, zu imponieren hoffte. Der Attentäter wurde wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen. Zeitungen kommentierten das Urteil als "Triumph des Wahnsinns", das Magazin Newsweek warf in einer Titelgeschichte die Frage auf, ob "The Insanity Defense", die Verteidigung auf Geisteskrankheit, nicht abgeschafft gehöre.
Allein die "phantastische Symbolik" im Auftreten der Attentäterin Adelheid Streidel, analysiert der Hagener Soziologe Hans-Georg Soeffner, 50, sei geradezu lehrbuchhaft für eine diffuse Mischung von Haß und Verehrung: Im weißen Kleid, mit Blumen und persönlichem Schreibblock, also mit Zeichen von Unschuld, Verehrung und Intimität ausgestattet, trete sie ihrem Opfer offen gegenüber, verletze es aus nächster Nähe am Hals - und nicht etwa aus Distanz oder im Verborgenen.
Für diese Sorte von Attentätern ist Adelheid Streidel geradezu idealtypisch. Die kleine Frau fiel ihren Nachbarn auf, weil sie oft wie eine seltsame Lichtgestalt durchs Ahrtal zog - helles Kleid, die Gesichtshaut weiß abgepudert, grellrot geschminkte Lippen, kräftig nachgezogene Augenbrauen.
Verborgen blieben den allermeisten ihr Interesse an Prominenten und ihre krude Sympathie für Extremisten. "Sie tun mir leid", tröstete sie den RAF-Terroristen Christian Klar vor vier Jahren und schickte ihm, über Fleurop, einen Strauß in den Stammheimer Knast; die Blumen verwelkten in der Wache.
Rechtsextremisten beehrte sie, in schwarzweißrotem Outfit, mit ihrem Besuch; ein Augenzeuge will sie bei einer Demonstration der Republikaner in Bad Neuenahr erkannt haben.
Niemand jedoch wußte von ihrem mörderischen Plan, den sie nach eigener Aussage an Heiligabend des vergangenen Jahres gefaßt hatte - einen Politiker zu töten.
Die Vorbereitungen liefen unerkannt, aber zielgerichtet. Zunächst versuchte Adelheid Streidel, sich bei den nordrhein-westfälischen Geschäftsstellen von SPD, CDU und FDP Termine von Veranstaltungen im Landtagswahlkampf zu besorgen - mal telefonisch, mal schriftlich.
Ihre Attentatsüberlegungen galten womöglich unterschiedslos führenden Politikern - von Norbert Blüm bis Hans-Dietrich Genscher und Helmut Kohl, deren Namen sie nach Zeitungslektüre in einer kleinen Kladde notierte. Auch den Bundestag spähte sie aus. So erzählt der Bad Neuenahrer Taxifahrer Hans Hilberath, 38, er habe die Frau vor rund vier Wochen bereits einmal nach Bonn kutschiert. Damals habe Adelheid Streidel angegeben, sie wolle am nächsten Tag im Bundestag eine Plenardebatte anschauen.
Dann, Mitte April, kaufte sie sich in Bad Neuenahr zwei Messer, das eine 30 Zentimeter lang, Typ "Laser 7", das andere zehn Zentimeter kürzer. Vermutlich wollte sie bereits am Dienstag letzter Woche zuschlagen. Zeugen wollen sie bei Veranstaltungen mit Kohl in Köln und mit Lafontaine in Bochum gesehen haben. Ein Ordner ist sicher: "Das war sie. Weiß gekleidet, dunkelrot geschminkte Lippen, fahles Gesicht."
Am Mittwoch vergangener Woche gegen 14.45 Uhr fuhr Adelheid Streidel mit dem Neuenahrer Taxifahrer Franz Josef Lay nach Köln-Mülheim. Sie legte eine Tasche in den Fond, setzte sich auf den Beifahrersitz und bat den Fahrer, eine Kassette mit klassischer Musik einzulegen. Dann schwieg sie, bis zum Ziel.
Die Fahrt kostete 116,80 Mark, Adelheid Streidel gab 1,20 Trinkgeld. Lay: "Was ist denn hier eigentlich los?" Adelheid Streidel: "Hier spricht heute der Rau, den will ich mir anhören."
Sie kam viel zu früh. Erst am Abend sollte die erste große gemeinsame Veranstaltung von Rau und Lafontaine für die Landtagswahl beginnen. Ziellos irrte die Frau durch die Halle. Der Garderobiere im Keller fiel sie gleich auf: "Die kam ein paarmal runter und hat sich immer wieder nachgeschminkt."
Gegen 15.30 Uhr machten sich fünf Polizisten mit einem Sprengstoffspürhund (Kürzel: "Uni 35/41") an die Durchsuchung von Restaurant, Foyer und Saal. Die Beamten wiesen einige frühe Besucher aus dem Saal, darunter auch Adelheid Streidel, die als "SPD-Sympathisantin" eingestuft wurde. "Für eine Personalienfeststellung oder Durchsuchung", so ein internes Protokoll, habe es "keine verdachtserregenden Umstände" gegeben.
Als gegen 19.30 Uhr die SPD-Prominenz unter Ovationen einzog, saß die gedrungene Frau in der zweiten Reihe gleich am Mittelgang. Aus einer Tasche ragten rote Rosen, auf dem Schoß lag ein Margeritenstrauß. 1020 Sitzplätze der Halle waren besetzt, 700 Zuhörer mußten stehen.
Viele waren wegen des Saarländers gekommen. "Willst du wieder so lange reden?" flachste Rau vor Beginn seinen Parteifreund an. Vor fünf Jahren hatte Lafontaine an gleicher Stelle fast anderthalb Stunden gesprochen.
Bereits vor den ersten Reden marschierte Adelheid Streidel nach vorn. "Da kommt jetzt schon jemand mit Blumen", wunderte sich die SPD-Angestellte Monika Cichowski, die in der ersten Reihe saß.
Doch die Frau aus Heppingen drang nicht durch. Kriminalhauptmeister Siegfried van Almsick vom 14. Kölner Kommissariat, der am Aufgang zur Tribüne stand, wies sie zurück. Die Besucherin mit den Blumen versuchte es mehrmals - ohne Erfolg. Ein knappes Dutzend Ordner war um das Podium gruppiert, Polizeibeamte in Zivil überwachten die Szene. Drei Leibwächter der Ministerpräsidenten hielten sich dicht bei Rau und Lafontaine, drei weitere sicherten ihre Chefs weiträumig ab.
Gegen 20.45 Uhr sprach die Kölner SPD-Landtagskandidatin und nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Anke Brunn das Schlußwort. Die Zuhörer strömten aus dem Saal, ein paar Schaulustige, darunter die Frau in Weiß, drängten nach vorn.
Ein Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks, das einen Beitrag über Rau im Wahlkampf drehte, wurde auf Intervention der SPD-Ordner, aber gegen den Willen von Kriminalhauptmeister van Almsick auf die Bühne gelassen, wo schon wieder die Frau mit den Blumen stand. Der Polizeibeamte blieb hart, doch diesmal hatte Adelheid Streidel Erfolg: Die SPD-Ordner waren angetan von der Idee, dem Kanzlerkandidaten vor laufender Kamera Blumen überreichen zu lassen.
Zielstrebig steuerte die Arzthelferin auf die beiden Ministerpräsidenten zu, die noch miteinander klönten: "Fährst du auch nach Bonn?" fragte Rau. "Nein, ich will nach Hause", antwortete Lafontaine. "Ohne irgendein Wort zu sagen, stand die Frau plötzlich dabei", erinnert sich Rau.
Adelheid Streidel bietet die beiden Sträuße an. "Willst du einen?" fragt Lafontaine. Rau: "Nein." Dann reicht sie dem SPD-Kanzlerkandidaten einen Block - "immer noch wortlos", so Rau.
Als der Saarländer sich zur Seite neigt und in die rechte Innentasche seiner Jacke nach einem Stift greift, sticht Adelheid Streidel zu. Lafontaine sackt langsam zu Boden. Sicherheitsbeamte werfen sich auf die Frau und schleudern sie zur Seite. Sie fällt in die Arme von Reinhard Pauk, der in der SPD-Zentrale für Sicherheitsfragen zuständig ist.
Tische fallen um, Schreie gellen, Panik kommt auf. Rau: "Überall Blut." Anke Brunn, die vor dem verletzten Genossen kauert, fühlt "nur Hilflosigkeit". "Ein schreckliches Gefühl, ich habe gedacht, der Oskar verblutet."
Daß Lafontaine, trotz der Bewachung, Opfer eines Anschlags werden konnte, war für Sicherheitsexperten keine Überraschung. Wer, wie der SPD-Kanzlerkandidat oder auch dessen Konkurrent Kohl, öffentliche Auftritte schätzt und das Bad in der Menge sucht, ist wirksam nicht zu schützen.
Diese Erkenntnis hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten, in denen Terroristen Politiker, Beamte und Wirtschaftsführer mit Sprengstoff und Schüssen hinmordeten, nur mählich durchgesetzt.
Zunächst hatten Politiker und Polizei auf verschärfte Gesetze und stramme Aufrüstung gegen den inneren Feind gesetzt. Doch weder Schießeisen für Leibwächter noch Stacheldraht und Panzerwagenpatrouillen, die das Bonner Regierungsviertel zeitweilig in eine Festung verwandelten, hielten RAF-Kommandos davon ab, ihre Zielpersonen mit ausgeklügelter Tücke und moderner Technik zu erledigen.
Als RAF-Täter am 30. November letzten Jahres den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, den laut Bundeskriminalamt damals "am besten geschützten Mann der Bundesrepublik", mitsamt gepanzertem Mercedes in die Luft sprengten, räumte Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ein: "Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht."
Herrhausen war nahezu rund um die Uhr von gut geschulten und bewaffneten Bodyguards bewacht worden, ähnlich wie Lafontaine, den westdeutsche Sicherheitsexperten in die (höchste) "Gefährdungsstufe 1" eingeordnet hatten. Das heißt im Polizeideutsch, daß eine Person "erheblich gefährdet" und mit einem Anschlag jederzeit zu rechnen ist.
So hatte Lafontaine seit dem Herrhausen-Mord bei öffentlichen Veranstaltungen mindestens drei Personenschützer der saarländischen Polizei um sich; bei besonderen Anlässen erhöhte sich die Zahl der persönlichen Sicherheitsbeamten mitunter auf ein Dutzend. Eine solche Bewachung, dazu eine intensive Voraufklärung im Lokal wie im Gelände durch Verfassungsschutz und Polizei, sagt Hamburgs Innensenator Werner Hackmann (SPD), "verlängert zumindest die Vorbereitungszeit der Terroristen für ein Attentat".
Mag die Hochrüstung der Polizei gegen High-Tech-Terroristen vielleicht eine Chance bieten - gegen unberechenbare Geistesgestörte, die sich als scheinbar harmlose Personen an Prominente heranmachen, hilft die Armierung nichts. So waren Aufmachung und Blumen der Streidel geeignet, den Schutz-Männern eher Gutwilligkeit denn Gefährlichkeit zu signalisieren.
Nun denken die Parteien erneut über bessere Sicherungsvorkehrungen nach. Bislang war ein Psycho-Fall vom Kölner Kaliber nicht einkalkuliert. Es sei schließlich "nicht typisch", erklärte ein Kölner Polizeisprecher nach der Tat, "daß psychisch Kranke in politischen Veranstaltungen auftreten".
"Was ist für die Schutzperson überhaupt zumutbar?" fragt Hans-Ludwig Zachert, der neue Präsident des Bundeskriminalamts (BKA): "Der Politiker will ja zu seinen Fans, und wenn dann einer kommt mit Blumen und Poesiealbum, dann lass' ich den doch an mich ran, zumal wenn die Kameras surren."
Mitunter schlenderte Lafontaine ohne Personenschutz durch die Fußgängerzone seiner Landeshauptstadt Saarbrücken. Ein Journalist notierte vor wenigen Wochen überrascht, daß der Ministerpräsident mit Freundin Christa Müller vor ihm in der Schlange an der Kasse eines Saarbrücker Supermarktes stand.
Niedersachsens SPD-Schröder lehnt auch nach dem Kölner Attentat verstärkten Personenschutz ab. Der Anschlag habe ja gezeigt, meint der Sozialdemokrat, "daß solche Situationen auch durch noch so gut ausgebildete Beamte nicht zu vermeiden sind".
"Solch irrwitzige Taten können auch zu anderen Zeiten und in anderer Atmosphäre geschehen", resigniert Johannes Rau. Er kann sich nicht vorstellen, "daß mir ein Bürger keinen Brief mehr übergeben darf. In dem Brief kann dann natürlich Sprengstoff sein".
BKA-Chef Zachert zumindest hofft, "daß man jetzt aus dieser Sache gelernt hat und hermetisch die Bühnen abriegelt". Doch auch der Beamte weiß, wie wenig das bringt. Zachert: "Damit ist der Gang durch die Masse noch nicht ausgeklammert." Und: "Wenn dann statt gestochen geschossen wird - das ist nicht zu unterbinden."
Einige Politiker, die das schon vor Jahren erkannten, haben daraus für sich radikale Konsequenzen gezogen. "Für mich ist dauernde Bewachung eine extreme Belastung", sagt der Bremer Bürgermeister und Bildungssenator Henning Scherf (SPD), "ich fühle mich am sichersten, wenn ich allein bin."
Ähnlich hielt es der einstige Bonner SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner. Der pflegte Freunden auf die Frage nach Leibwächtern zu antworten: "Sicherheit? Ich habe die!" Dabei zeigte er auf seine Stieftochter, Sekretärin und Ehefrau Greta Burmester.
Willy Brandt, der 1973 bei einem Hubschrauberunglück auf dem israelischen Masada-Felsen und später bei einem Zusammenbruch im kanadischen Vancouver nur knapp dem Tode entronnen war, hatte am Freitag Trost für Lafontaine parat. Der Kandidat werde sicher "etwas gefestigter in den Bundestagswahlkampf gehen", sagte Brandt voraus. "Das ist ein bißchen so, als ob du ein zweites Leben geschenkt bekommen hättest."
Lafontaine erwiderte: "Das sehe ich auch so."

DER SPIEGEL 18/1990
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