01.10.1990

„Der Markt bricht zusammen“

Die Zeiten weltweit ungetrübten Wachstums sind vorbei; allenthalben häufen sich, angeheizt von der Kriegsgefahr am Golf, die Krisensymptome. Das feinnervige internationale Finanzsystem ist angespannt wie lange nicht mehr, nachdem sich der Ölpreis verdoppelt hat und die Aktienkurse in den freien Fall übergingen.
Rolf Breuer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, weiß, was sich gemeinhin für einen Mann seines Standes ziemt. Auch in schweren Zeiten, so lautet ein Gebot des Gewerbes, soll der Banker Zuversicht unter die Kundschaft bringen.
Doch Breuer, 52, hat derzeit Mühe, den branchenüblichen Optimismus auszustrahlen. Voller Sorge verfolgt er die vielen Unheilsbotschaften, die derzeit die Finanzwelt heimsuchen: ein sich quasi täglich verschlimmernder Kursverfall an den Börsen, überall steigende Zinsen, eine Verdoppelung des Ölpreises. Selbst wenn die Golf-Krise einigermaßen überstanden sei, so Breuer, werde die Welt "nicht mehr die sein, die sie vorher war".
Von den "goldenen Neunzigern" hatten vor wenigen Monaten noch viele Wirtschaftspropheten vorab geschwärmt: Ende des Kalten Krieges, deutsche Einheit, eroberungsbereite Märkte im Osten, ein intaktes Weltfinanzsystem. Eine wunderschöne Wirtschaftswelt tat sich da auf. Konjunkturtiefen und Weltwirtschaftskrisen schienen der Vergangenheit anzugehören, die Industriewelt blickte zurück auf den längsten Aufschwung der Nachkriegsgeschichte.
Aus, vorbei. Nun, da das erste Jahr der Neunziger zu Ende geht, breitet sich unversehens Krisenfurcht aus. In den USA und in großen europäischen Industriestaaten wie England zeigen die wichtigsten Wirtschaftsdaten nach unten. Die großen Weltbörsen, die seit Ende 1987 fast nur noch Pluszeichen vor den Kursnotierungen vorwiesen, werden seit Wochen von einem Crash auf Raten durchgeschüttelt.
In New York fiel der Dow-Jones-Index seit Ende Juli um 15 Prozent, in Frankfurt der Dax um 30 Prozent. Auch Tokio erlebte mit ebenfalls 30 Prozent minus ein regelrechtes Börsendesaster.
Mehr noch als rückläufige Wachstumsraten in wichtigen Industriestaaten, mehr auch als der Kurssturz an den Börsen irritiert viele Wirtschaftsexperten, was sich auf den globalen Finanzmärkten tut: Es mangelt weltweit bedenklich an Kapital.
Die großen Geldströme fließen nicht mehr in den gewohnten Bahnen. Lange Zeit hatten Japan und die Bundesrepublik regelmäßig schöne Überschüsse in ihren Außenbilanzen erwirtschaftet und die übrige Welt locker mit dreistelligen Milliardenbeträgen bedient. Vor allem die USA nahmen das Geld gierig auf, im Staatshaushalt und in der Außenhandelsbilanz klafften riesige Löcher.
Amerika braucht die Milliarden noch immer. Doch die Ströme aus Japan und Deutschland sind dünner geworden, und sie werden in den nächsten Monaten noch viel schwächer.
Die Deutschen benötigen gewaltige Milliardenbeträge für den Osten, die Japaner sind nach dem Börseneinbruch und angesichts einer heraufziehenden Immobilienkrise längst nicht mehr so ausleihefreudig wie früher.
Dieses Unheil-Szenario bestand schon, bevor Saddam Hussein über Kuweit herfiel. Die Golf-Krise sorgt dafür, so der Münchner Unternehmensberater Roland Berger, daß die "Anzeichen für Wachstumsabschwächung dramatisch verstärkt werden": Das Öl, der nach wie vor wichtigste Treibstoff der Industriemaschine, ist drastisch teurer geworden. Nach Expertenschätzungen bedeutet dies ein Wachstumsminus von 1 bis 1,5 Prozentpunkten; die höhere Ölrechnung verschlimmert zusätzlich die labile Lage auf den Finanzmärkten.
Warnsignale allerorten, doch die meisten deutschen Geldmanager tun so, als sei die Welt noch heil. Vergangene Woche beim Jahrestreffen des Weltwährungsfonds in Washington wollte Commerzbank-Chef Walter Seipp "eine Wette wagen", daß Rohöl bis zum Jahresende wieder für einen Barrel-Preis von 25 Dollar "oder sogar einen Schnaps darunter" zu haben sei. Dresdner-Bank-Chef Wolfgang Röller empfand die Lage als "nicht so labil, daß es schlimm" werden könnte.
Unternehmensberater Berger findet es "erstaunlich, wie wenig die Golf-Krise bei uns beachtet wird". Und er beobachtet eine für die deutsche Wirtschaftselite ungewöhnliche Gemütsverfassung: "Bei uns ist die Stimmung besser als die Lage."
Beruhigend scheint auf die amtlichen und halbamtlichen Meinungsmacher vor allem der Umstand zu wirken, daß die Einschläge bislang noch fernab vom deutschen Gelände erfolgen. In den USA und in Japan liegen die Zentren des Bebens, in beiden großen Volkswirtschaften ist das Finanzsystem einem ernsten Belastungstest ausgesetzt.
Ganz schlimm hat es Amerikas Bankengewerbe erwischt. Die landesweite Pleite der Sparbanken mit Verlusten von mindestens 500 Milliarden Dollar ist ohne Beispiel in der Wirtschaftsgeschichte. Der Schaden weitet sich inzwischen auf die größeren und auf die ganz großen Institute aus.
Die Chase Manhattan, zweitgrößte US-Bank, muß einige hundert Millionen Dollar als Risikovorsorge, vor allem bei Immobilienfinanzierungen, abbuchen und einen Quartalsverlust von 625 Millionen Dollar ausweisen. Das Management kürzte die Dividende um die Hälfte und entläßt 5000 Mitarbeiter.
Das gesamte Bankenwesen der nach wie vor größten Industrienation ist morsch. Mitte September gab die staatliche Einlagenversicherung schockierende Daten an die Öffentlichkeit: Insgesamt 35 mittelgroße Geldhäuser seien vom Zusammenbruch bedroht.
Amerika hat in den rosigen Reagan-Jahren weit über seine Verhältnisse gelebt. Die Banken, in falsch verstandenem Liberalismus ohne wirkungsvolle Staatsaufsicht, haben das Pump-Geld für das Lotterleben unters Volk gebracht. Jetzt, da die Wirtschaft nicht mehr wie gewohnt wächst, werden viele dieser Kredite faul.
Das ist um so fataler, als der Geldnachschub aus Japan nicht mehr reibungslos klappt. Lange Zeit halfen die Japaner, mit ihren dicken Überschüssen die amerikanischen Defizite auszugleichen. Doch nun sind auch in Fernost Rechnungen für die rauschenden Finanzfeste früherer Jahre zu begleichen.
Wie von Sinnen spekulierten die Japaner in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre an den Aktienbörsen. Die Kurse vervielfachten sich in der Zeit von 1986 bis 1989 dank der wilden Spekulation.
Zum Jahreswechsel schlug die Stimmung um. Immer stärker setzte sich in Japan die richtige Erkenntnis durch, die Kurse seien, gemessen an der Ertragskraft der einzelnen Aktiengesellschaften, heillos überhöht.
Die Börse brach ein. Innerhalb weniger Monate wurden Aktienvermögen in Höhe von 1,4 Billionen Dollar vernichtet. Für die japanischen Bankkonzerne hat das schlimme Folgen. Einst konnten sie ihr Kreditgeschäft ausweiten, weil es ihnen erlaubt war, sich einen Teil der Kursgewinne, die in den Büchern standen, als Polster anrechnen zu lassen.
Einer Geldmaschine gleich wurden immer mehr Kredite gegeben, Ende 1989 schließlich hatte das Ausland bei den Japanern 1,8 Billionen Dollar Schulden. Nach den enormen Kursverlusten löste sich das Polster auf, das Kreditgeschäft muß jetzt drastisch zurückgedreht werden.
Ähnlich wie an der Börse trieben die Japaner auf dem Immobilienmarkt die Preise in die Höhe, bis der Markt plötzlich kippte. "Jetzt", so Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper, "sind die beiden japanischen Blasen geplatzt."
Banken- und Immobilienkrise in Amerika und Japan, ein gewaltiger Geldbedarf in Osteuropa, dazu eine nach wie vor total überschuldete Dritte Welt: Kapital, das in der zweiten Hälfte der Achtziger ausreichend vorhanden und billig war, wird nun zu Höchstpreisen gehandelt. Die realen Zinsen, also die gezahlten Zinssätze abzüglich der Preissteigerungsraten, sind auf eine beängstigende Höhe geklettert.
Die Deutschen tun das ihre, um sie noch höher zu treiben. Bonn finanziert die Einheit auf Pump, zunächst jedenfalls; Steuererhöhungen sind bislang nicht eingeplant. Einen zweistelligen Milliardenbetrag muß Finanzminister Theo Waigel sich allein in diesem Jahr zusammenleihen.
Besonnene Banker sehen es mit Grausen. Sparkassenpräsident Helmut Geiger warnt, der Kapitalmarkt verkrafte "nicht mehr viel zusätzlich, wir kommen in den nächsten Wochen zum kritischen Punkt". Heiko Thieme, Anlagestratege der Deutschen Bank in New York, meint: Wenn die Kapitalmarktzinsen, die gegenwärtig bei gut neun Prozent liegen, die Marke von zehn Prozent überschritten, "bricht der Finanzmarkt zusammen".
Horrormeldungen also aus allen Erdteilen - doch einen krisenerprobten Geldmanager wie den deutschen Bundesbank-Chef Karl Otto Pöhl lassen die unschönen Nachrichten ziemlich kalt. Börsen-Crash, Schulden- und Ölkrisen vergangener Jahre haben den Profi gelehrt, daß die globale Geldordnung "mit den Problemen fertig wird, weil sie flexibel ist".
Das mag, das wird wohl so sein. Das Finanzsystem hat in den Achtzigern tatsächlich demonstriert, wie elastisch es selbst auf härtesten Druck reagieren kann.
Doch richtig ist auch, daß die Unsicherheit lange nicht mehr so groß war, wie sie gegenwärtig ist; daß die hektischen Ausschläge von Zinssätzen, Aktien- und Devisenkursen die Weltwirtschaft in einen höchst wackligen Zustand versetzt haben und daß die Golf-Krise den Geldmanagern das Geschäft gänzlich unberechenbar gemacht hat.
Es bestehe, sagt Sir John Quinton, Chef der Londoner Barclays Bank, weltweit "ein Problem des Kapitalmangels". Doch das werde sich "in zwei Jahren bessern".
Zwei Jahre können eine ziemlich lange Zeit sein.

DER SPIEGEL 40/1990
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