01.10.1990

SchriftstellerEin Leben als Deserteur

Eine umfangreiche Biographie über den Publizisten, Kritiker und Erzähler Alfred Andersch schildert zugleich ein Stück deutscher Kulturgeschichte.
Er war ein Linker, der den Rechten Ernst Jünger rühmte und die Demokratie wütend gegen alle Machthaber verteidigte. In seinen autobiographisch inspirierten Geschichten und Romanen, Hörspielen und Features, Essays und Gedichten hat er die Erfahrungen seiner Generation verarbeitet; ein im Kern politischer Schriftsteller, der zugleich aber Literatur und Kunst gegen alle Versuche, sie politisch zu vereinnahmen, in Schutz nahm.
Alfred Anderschs entscheidendes Erlebnis war die Desertion aus der Hitler-Armee. In seinem autobiographischen Bericht "Die Kirschen der Freiheit" (1952) hat er sie eindrucksvoll beschrieben. Unter dem Titel "Trompetenstoß in schwüler Stille" begrüßte Heinrich Böll dieses schmale Buch, das 1952, mitten in der beginnenden Remilitarisierung der Adenauer-Ära, erschien.
Das Böll-Wort könnte auch als Motto für die erste umfassende Darstellung von Anderschs Leben dienen, die nun vorliegt*. Sie porträtiert einen Intellektuellen jenes unbotmäßigen Typs, der lange Jahre fast die einzige Opposition in der restaurativen Bundesrepublik des "Wirtschaftswunders" darstellte.
Die umfangreiche, minutiös belegte Andersch-Biographie von Stephan Reinhardt spiegelt zugleich die jüngere (west-)deutsche Geschichte wider: Vom Ende der Weimarer Republik über die Nazi-Herrschaft und den demokratischen Obrigkeitsstaat, dessen Kanzler Erhard noch 1965 andersdenkende Intellektuelle schlichtweg zu "Pinschern" ernannte, bis hin zur sozialliberalen Koalition, zum Terrorismus und zur neuen Intellektuellenhatz der späten siebziger Jahre.
Geboren in München 1914, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, notierte Andersch als früheste Kindheitserinnerung ein Massaker, dessen Zeuge er als Fünfjähriger wurde. Wenige Meter von der elterlichen Wohnung entfernt wurden im Jahre 1919 Gefangene systematisch und auf offener Straße erschossen: Opfer des weißen Terrors gegen die geschlagene Räterepublik. _(* Stephan Reinhardt: "Alfred Andersch. ) _(Eine Biographie". Diogenes Verlag, ) _(Zürich; 768 Seiten; 69 Mark. ) Anderschs Vater freilich, ein nationalistischer Ludendorff-Anhänger, weinte dem "Gesindel" keine Träne nach. Der unglückliche Mann, der durch die Inflation ruiniert wurde und an den Folgen einer Kriegsverletzung dahinsiechte, erzog seine Kinder im Sinn klassischer Bildung, liebte Shakespeares Königsdramen - und war auf den Völkischen Beobachter abonniert. Als Teilnehmer des Hitler-Putsches wurde er 1923 vorübergehend verhaftet.
Das Gymnasium konnte Alfred Andersch nur besuchen, weil der Direktor, ein gewisser Gebhard Himmler, dem Sohn des schwerkriegsbeschädigten und hochdekorierten Weltkriegsoffiziers Andersch das Schulgeld erließ. In seiner letzten, postum veröffentlichten (und vielleicht besten) Erzählung hat Alfred Andersch sein Alter ego Franz Kien mit dem einstigen Direktor bei einer Griechisch-Prüfung zusammenstoßen lassen. Der Herr Direktor war, so die Pointe und der Titel der fesselnden Schulgeschichte, der Vater eines Mörders: Sein Sohn hieß Heinrich.
In dessen Geschäftsbereich geriet Andersch, der sich mit 16 Jahren für die kommunistischen Ideale begeisterte, schon wenige Jahre nachdem er vorzeitig die humanistische Anstalt verlassen und eine Buchhändlerlehre angetreten hatte. Himmler junior, seit 1929 "Reichsführer SS", war nach der "Machtergreifung" zum Polizeipräsidenten von München ernannt worden.
Seine Beamten holten den 19jährigen Andersch, mittlerweile Organisationsleiter des kommunistischen Jugendverbandes Südbayern, Anfang März 1933 ab. Zwei Wochen später gehörte Andersch zu den ersten Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau, mit dessen Eröffnung Heinrich Himmler seinen beruflichen Aufstieg an die Spitze der Massenmörder begann.
Dank der Intervention eines nationalsozialistischen Arztes, der mit Anderschs verstorbenem Vater befreundet gewesen war, kam Andersch nach einigen Wochen frei. Ein halbes Jahr später wurde der junge Kommunist erneut in "Schutzhaft" genommen. Diesmal stand er Todesangst aus, ein zweites Mal hätte er das KZ kaum lebend verlassen. Nochmals hatte er Glück, wieder freigelassen zu werden.
Nun kehrte er der KPD, die ihre Mitglieder so planlos ins Verderben schickte, den Rücken und zog sich in die innere Emigration zurück. Wie besessen sog er Kunst und Literatur in sich auf. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zunächst in der Buchhaltung eines völkischen Zeitschriftenverlags in München, später als Werbeleiter bei einem Hamburger Fotopapierhersteller und bei einer Frankfurter Seifenfirma.
In heftige innere Konflikte stürzte Andersch die Verbindung mit der Münchner Großbürgertochter Angelika Albert, die nach der nazistischen Rassenlehre "Halbjüdin" war. Er heiratete sie 1935, wenige Monate vor dem Inkrafttreten der "Nürnberger Gesetze", die Ehen zwischen "Juden" und "Ariern" verboten. Die Ehe geriet bald in eine Dauerkrise, Andersch drängte auf Scheidung, und in fataler zeitlicher Parallelität verschärfte sich der staatlich organisierte Haß gegen die Juden.
Im entscheidenden Moment war Andersch seine persönliche Entwicklung wichtiger als die Sorge um das weitere Schicksal seiner Frau und seiner Schwiegermutter, die als "Volljüdin" bereits den gelben Stern tragen mußte und später in Theresienstadt umkam. Er hatte die Malerin Gisela Groneuer kennengelernt, die nach dem Krieg seine zweite Frau werden sollte. Zudem war sein größter Wunsch, als Schriftsteller endlich etwas zu veröffentlichen, ohne Scheidung nicht zu erfüllen: Es bedurfte eines Antrags bei der "Reichsschrifttumskammer, Gruppe Schriftsteller", der bei Verheirateten wiederum den Nachweis der "arischen" Abstammung des Ehepartners voraussetzte.
Schon einige Wochen vor der offiziellen Scheidung im März 1943 reichte Andersch diesen Antrag ein, wobei er sich unter der Rubrik "Familienstand" als bereits "geschieden" ausgab. Durch einen Zufall entging Angelika Andersch der SS und überlebte den Holocaust ohne den Schutz, den die Ehe mit einem Nichtjuden ihr hätte bieten können. In der Vita des Antifaschisten und Deserteurs Alfred Andersch bezeichnet dieser Hintergrund einen wunden Punkt.
Abgesehen vom Abdruck einer Erzählung in der Kölnischen Zeitung, gelang es Andersch nicht, während der NS-Zeit etwas zu publizieren. Erst in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft, in die er 1944 nach seiner Desertion in Italien ("Mein ganz kleiner privater 20. Juli") geriet, konnte er sich endlich als Schriftsteller betätigen. Als Mitarbeiter der Gefangenenzeitschrift Der Ruf in Fort Kearney/Rhode Island publizierte er Artikel und Kurzgeschichten und lernte das Handwerk des Redakteurs.
Als Der Ruf 1946 in München neu gegründet wurde, war Andersch an führender Stelle dabei, gemeinsam mit Hans Werner Richter, der bald darauf die Literaten-"Gruppe 47" ins Leben rief. Mit seiner demokratischen, sozialistischen, europäischen Ausrichtung wurde Der Ruf bald zum wichtigsten publizistischen Organ der Intellektuellen im Vier-Zonen-Deutschland.
Die amerikanische Besatzungsmacht kippte die für ihren Geschmack allzu _(* Eltern Himmler mit den Söhnen ) _(Heinrich, Ernst und Gebhard. ) kritischen Herausgeber schnell aus dem Amt. Während des folgenden Jahrzehnts verdiente Andersch seinen Lebensunterhalt überwiegend als Funkredakteur.
Als Gründer und Leiter des "Abendstudios" im Radio Frankfurt setzte er von 1948 an Maßstäbe für ein experimentierfreudiges, anspruchsvolles Kulturprogramm. Das Abendstudio präsentierte die literarische, philosophische und musikalische Avantgarde, zog wissenschaftliche Kapazitäten wie Theodor W. Adorno oder Eugen Kogon heran und analysierte die obrigkeitsstaatlichen und rassistischen Traditionen, die den Nationalsozialismus ermöglicht hatten. Im Sinn einer demokratisch-intellektuellen Streitkultur leitete Andersch auch den "radio-essay" des Senders Stuttgart. Dort assistierte ihm eine Zeitlang der brillante junge Lyriker und Essayist Hans Magnus Enzensberger, den er nach Kräften förderte und der literarischen Öffentlichkeit als "neuen Heine" empfahl.
Gleichzeitig gab Andersch von 1955 bis 1957 die Zeitschrift Texte und Zeichen heraus: in ihrer Intelligenz, in ihrem Sprachvermögen und ihrem internationalen Horizont zweifellos die bedeutendste literarische Zeitschrift, die nach dem Krieg in der Bundesrepublik erschienen ist.
Als Funkredakteur, mit seiner Zeitschrift, mit den autobiographischen "Kirschen der Freiheit" und dem 1957 erschienenen Roman "Sansibar oder Der letzte Grund" (eine Hauptfigur ist der Jungkommunist Gregor, der sich zugunsten einer ästhetischen Existenz von den Parteidogmen abwendet) war Andersch bei einer Minderheit der geistig Interessierten einflußreich. Aber mit wachsender Verbitterung reagierte er auf die politische Entwicklung der Bundesrepublik. Wiederaufrüstung, Nato-Integration, ehemalige Nazis in wichtigen Positionen - das war genau das Gegenteil von dem, was er sich erhofft hatte: ein vereinigtes, neutrales, antifaschistisches Deutschland.
Daß für den Bau der Berliner Mauer 1961 nicht nur der "unsägliche" Ulbricht, "Schulrat und Schurke", verantwortlich war, sondern ebenso sehr Adenauers "Politik der Stärke", stand für ihn fest. Nach der SPIEGEL-Affäre im Oktober 1962 setzte Andersch eine scharfe Resolution von 49 Autoren vor allem der "Gruppe 47" durch. Sie erklärten "die Unterrichtung der Öffentlichkeit über sogenannte militärische Geheimnisse für eine sittliche Pflicht, die sie jederzeit erfüllen würden".
Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen "Andersch und andere" wegen des Verdachts der Aufforderung zum Ungehorsam und zu strafbaren Handlungen wurden einige Monate später wieder eingestellt.
Tief enttäuscht über die politische Entwicklung und entschlossen, sich nur mehr auf die eigene schriftstellerische Arbeit zu konzentrieren, hatte sich der als Soldat fahnenflüchtige Andersch schon 1957 zu einer neuen "Desertion" entschlossen: Er war mit seiner Familie ins schweizerische Berzona umgesiedelt.
Die Romane "Die Rote" (1960), "Efraim" (1967) und "Winterspelt" (1974) brachten Andersch nicht den erhofften Ruhm. Er litt darunter, daß ihm von der Kritik nie der gleiche Rang zugebilligt wurde wie seinen Freunden Heinrich Böll oder Wolfgang Koeppen, wie dem Bargfelder Einsiedler Arno Schmidt, für den er sich unermüdlich einsetzte, oder seinem Berzona-Nachbarn Max Frisch, ganz zu schweigen von dem "politischen Flachkopf" Günter Graß, der ihm öffentlich vorwarf, SPD-Wählerinitiativen zu boykottieren.
Er blieb ein Einzelgänger, ließ sich nicht vereinnahmen. Als die "Neue Linke" in den späten sechziger Jahren mit der Idee eines "antiautoritären Sozialismus" die Universitäten eroberte, hielt Andersch Distanz. Die im Kursbuch, dem intellektuellen Flaggschiff der Bewegung, ausgegebene Parole vom Tod der Literatur wies der literarische Autodidakt strikt zurück.
Noch einmal stürzte Andersch sich ins Getümmel, als ausgerechnet die sozialliberale Regierung Brandt mit dem "Radikalenerlaß" Hunderttausende von Bewerbern für den Öffentlichen Dienst mit systematischen Gesinnungsprüfungen überzog.
Sein Gedicht "Artikel 3 (3)", in dem er, bewußt provozierend, zu bürgerlichem Ungehorsam aufforderte und vor der Gefahr eines Rückfalls in faschistische Staatspraxis warnte, entfesselte einen Proteststurm und wurde zum meistdiskutierten Gedicht der Bundesrepublik. Trotz massiver Kritik rückte Andersch nicht von seinem Frontalangriff auf den Radikalenerlaß ab ("ein volk von/ ex-nazis/ und ihren/ mitläufern/ betreibt schon wieder/ seinen lieblingssport/ die hetzjagd auf/ kommunisten/ sozialisten/ humanisten/ dissidenten/ linke"), denn, so schrieb er an Böll: "Diese Sache ist die Affäre Dreyfus der zweiten deutschen Republik. Leider bin ich kein Zola."
In den letzten Lebensjahren kämpfte Andersch vergeblich gegen eine schwere Nierenkrankheit an, der er 1980 erlag. "Was an Alfred Andersch unzeitgemäß ist", hatte Enzensberger schon 1963 über seinen Förderer geschrieben, "wenigstens heute und hier, und was sein Werk bewegt: eine Utopie, die der Resignation begegnet ist, ohne ihr je anheimzufallen."
* Stephan Reinhardt: "Alfred Andersch. Eine Biographie". Diogenes Verlag, Zürich; 768 Seiten; 69 Mark. * Eltern Himmler mit den Söhnen Heinrich, Ernst und Gebhard.

DER SPIEGEL 40/1990
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