28.05.1990

Kollabos, Helden und Verräter

Im Februar 1943 wurde für alle erwachsenen Franzosen der "Service du Travail Obligatoire" (STO) eingeführt, der Zwangsarbeitsdienst in Deutschland. Damit begann eine für die politische und psychologische Entwicklung Frankreichs folgenreiche Periode. Mehr als die Verfolgung von Juden und Kommunisten schürte diese Maßnahme, die Hunderttausende von französischen Familien bis ins letzte Dorf betraf, den Haß auf die Besatzer und führte dem Widerstand jene Massen zu, die ihn schließlich auch für die Deutschen gefährlich machte.
Auf den Druck von Fritz Sauckel, Hitlers Generalbevollmächtigtem für den Arbeitseinsatz, mußte die französische Regierung immer mehr Arbeiter zur Verfügung stellen, aus den Fabriken wie vom Lande, aber auch Studenten, Kaufleute und Beamte. Wer sich dem STO entzog, bekam keine Arbeitsbescheinigung. Ohne die aber gab es seit dem Frühjahr 1943 keine Lebensmittelkarten mehr, konnten sich die Franzosen nicht mehr frei bewegen, sich also auch nicht r Edition Robert Laffont, S. A., Paris. mehr auf dem Land mit Nahrungsmitteln eindecken und den Schwarzmarkt beliefern; sie konnten nicht einmal ihre Briefe von der Post abholen.
"Gegen die Komplizen der jungen Leute, die versuchen, sich dem Zwangsarbeitsdienst zu entziehen", so der Beschluß der Vichy-Regierung, wurde eine Strafe von 10 000 bis 100 000 Franc verhängt, ausdrücklich "auch gegen die Mitglieder der Familie des Betroffenen".
Die Deutschen griffen bald jedoch zu härteren Maßnahmen: Immer häufiger veranstalteten sie Razzien. Am 19. Februar 1943 nahmen deutsche Polizisten in Lyon etwa 20 Männer fest, die im "Carillon" etwas verzehrten. Am 1. März waren es dann schon 300 Männer, die um 19 Uhr im Lyoner Vorort Villeurbanne festgenommen und um 23 Uhr nach Deutschland deportiert wurden.
Nicht alle Zwangsrekrutierten kamen auch in Deutschland an. So wurde der nicht von Polizei bewachte Bahnhof von Montlucon von Tausenden gestürmt, als ein Zug mit den Arbeitern abfahren sollte. Frauen legten sich auf die Gleise. Nach wenigen Minuten waren nur noch 8 von 300 für deutsche Fabriken bestimmte Arbeiter im Zug. 50 von ihnen, berichtete das im Untergrund erscheinende kommunistische Parteiblatt L'Humanite, seien am nächsten Tag in ihrer Wohnung festgenommen worden.
Viele Verweigerer setzten auf die Hilfe der französischen Verwaltung. Und die spielte oft mit. Der Pariser Arbeitsinspektor Jean Ismeolari nutzte Gesetzeslücken und setzte Berufungsinstanzen ein, die eine Fülle von Ausnahmen zuließen. Nach Kriegsende konnte er 13 642 Dossiers vorzeigen, durch die junge Leute vor dem STO bewahrt worden waren. Insgesamt 100 000 junge Leute profitierten von diesen Ausnahmeregelungen. Die Deutschen ließen wegen dieses passiven Widerstands 21 Mitglieder des Arbeitsministeriums deportieren.
In der Provinz - vor allem in Grenoble - zerstörten Beamte zum Teil die Unterlagen für die Zwangserfassung. In Paris verbrannte ein Kommando der Resistance im Februar 1944 rund 200 000 Meldekarten. Zur administrativen Sabotage trugen auch Ärzte bei. Die von den Deutschen erlassenen Weisungen machten es couragierten Medizinern leicht, eine große Anzahl junger Franzosen von der Zwangsmaßnahme zu befreien.
Dabei nutzten die französischen Ärzte gern die Angst der Deutschen vor ansteckenden Krankheiten. Noch nach dem Krieg kam der Arzt Beurrier in die Bredouille, als eine wütende Ehefrau mit ihrem Mann - einem Polizisten in voller Uniform - in seine Praxis stürmte. Sie hatte das Attest entdeckt, wonach ihr Mann an Syphilis erkrankt war. Daraufhin hatte sie ihm das Leben zur Hölle gemacht und ihn von Labor zu Labor geschickt, bis beide schließlich die Anschrift Beurriers herausbekamen. "Als ich das Dokument sah", berichtete der Arzt, "erklärte ich ihnen lachend den Grund, aber sie fanden das keineswegs lustig und drohten mit einer Klage wegen Urkundenfälschung."
Aber es gab auch Departements, wo die Präfekten mehr Arbeiter für die Deutschen abstellten als verlangt. Vor allem hoben sie jene jungen Leute aus, die sich vom Dienst freigekauft hatten, zum Teil durch Bestechung von Deutschen. Wollten die Verweigerer Frankreich nicht verlassen, gab es für sie nur eine Überlebenschance: den Untergrund.
"Wenn Sauckel 500 000 Mann verlangt", hatte der Dichter der Kollaboration, Robert Brasillach, an einen Freund geschrieben, "dann macht das 499 000 Banditen im Maquis." Das war zwar stark übertrieben, aber die Zahl der Verweigerer stieg in der Tat ständig.
Hatten sich noch im April und Mai 1943 etwa 20 bis 25 Prozent der zur Zwangsarbeit verpflichteten Franzosen verweigert, so lag der Anteil bald bei 50 bis 70 Prozent, manchmal sogar noch höher. Im Departement Lot stellten sich nur 5 von 200 jungen Leuten, in Charleville kam von 65 einberufenen Arbeitern kein einziger.
Erst in den Tagen vor der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 sollte der nach dem dichten Buschwald des Südens "Maquis" genannte Widerstand den ganz großen Zulauf haben, gingen die jungen Leute zu Tausenden in die Wälder und ins Gebirge, wo bis dahin nur kleine Gruppen von Jugendlichen ein Jahr oder länger gelebt hatten.
Wie viele es waren? Zunächst sehr wenige. 5, Anfang 1943, im Maquis "La Fontaine-du-Bois" im Departement Nievre, 3 auf einer Insel im Fluß Doubs. Anfang 1944 zählten der "Maquis Vauban" im Morvan 12 Freiwillige, der "Maquis Camille" 22 und der Maquis von Montsanche 17.
Es gab viele Franzosen, die den Verweigerern aufopfernd halfen. So begnügte sich der Schuhmacher Vignal in der Nähe von Tremolat nicht damit, die in seinem Gehöft verborgenen Jungen mit Essen zu versorgen, er machte ihnen auch feste Schuhe. Der Müller Leo Royer ernährte täglich ein gutes Dutzend Verweigerer, und ein Bäcker sowie zwei Schlachter halfen ihm dabei, ohne jemals etwas dafür zu verlangen.
In der Gegend von Neuvic im Departement Correze war es die Familie Moneger, die den Maquis versorgte. Alle zwei Tage machte der Garagenbesitzer Leon Moneger seine Tour zum Maquis. Als die Gestapo ihn überwachte, übernahm seine Frau die Versorgung, dann seine Tochter Suzon und schließlich sein Sohn Pierrot, die einen Anhänger an ihre Fahrräder hängten oder die Nahrungsmittel in Rucksäcken heraufbrachten.
Eigentlich hätten die Bauern, die fast alle gegen die deutschen Besatzer und auch gegen die Herrschenden in Vichy (selbst wenn sie den Marschall Petain ausnahmen) eingestellt waren, dem Maquis freundlich gesinnt sein müssen. Doch je größer die Zahl der Maquisards, desto schwieriger die Versorgung, desto ruppiger die Methoden der Selbsthilfe der Maquisards.
In den letzten Tagen des September 1943 wurde der Bürgermeister von Onsenbray bei Beauvais von zwei Jungen * In Paris 1943. getötet, die sich Lebensmittelmarken beschaffen wollten. Am 23. Oktober wechselten in weniger als sieben Minuten 70 000 Karten des Rationierungszentrums Nogent-sur-Marne den Besitzer, ein "Erfolg" der Maquisards, der zwei Tote forderte: Mademoiselle Suzanne Raquidel, die ein Baby auf dem Arm hielt, und den Gemeindeangestellten Franchot. Drei junge Leute, einer davon in Polizeiuniform, hatten ihr Kommando "Hände hoch" mit einer tödlichen Salve aus einer Maschinenpistole begleitet.
Die Besitzerin eines bescheidenen Cafe-Tabacs in Maisons-les-Chaource wurde vor den Augen ihrer Schwester, die man eigens herbeigeholt hatte, von zehn jungen Leuten erschossen. In Orcier stellten sich zwei "Delegierte des Maquis" beim Wirt Pelissier vor und ließen sich ein üppiges Essen servieren, bevor sie ihren Gastgeber auf offener Straße erschossen.
"Feige Räuber, Brandstifter und Mörder", schrieb die Humanite, "die mit den Verrätern Laval und Petain unter einer Decke stecken, wollen die Kriegshandlungen der Freischärler und Partisanen durch verbrecherische Taten in Mißkredit bringen." Radio London kommentierte im Dezember 1943, daß es neben den wahren Patrioten auch "einige zweifelhafte Elemente" und "schwarze Schafe" gebe.
Zwar war ihnen Mao Tse-tung noch kein Begriff, aber einige Maquisards sahen sehr bald ein, daß sie sich in der Bevölkerung bewegen müßten wie die Fische im Wasser, und gingen deshalb gegen die "zweifelhaften Elemente" vor. Nachdem sich ein Händler aus Chasseneuil darüber beschwert hatte, daß bei einem Einsatz des Maquis seine Uhr gestohlen worden sei, stellte Andre Chabanne, Chef des Maquis "Bir Hakeim", begleitet von zwei Getreuen mit Maschinenpistolen, die jungen Leute zur Rede: "Bei uns ist niemals gestohlen worden. Wenn der Dieb sich nicht sofort zu erkennen gibt, werdet ihr alle erschossen, denn ihr wart Komplizen dieses Diebstahls." Der Dieb meldete sich sofort.
Von einem bewaffneten Kampf gegen die Deutschen war bis 1943 kaum die Rede, und das hatte seinen Grund: Der Maquis kämpfte in erster Linie um Nahrung und Unterschlupf. Waffen waren äußerst rar. Als Widerstandsführer bei Zusammenkünften im Oktober 1943 ihre Truppen in der ehe* Bei Gleisarbeiten in München, in einem Rüstungsbetrieb. mals nicht besetzten Zone zählten, kamen sie auf folgende Mannschaftsstärken und Waffen:
Region 2 (Marseille mit sechs Departements): 1898 Maquisards mit sieben leichten und zwei schweren MGs, 151 Karabinern und vier bis fünf Kisten Handgranaten.
Region 3 (Montpellier mit sechs Departements): 655 Maquisards mit einigen Maschinenpistolen, etwa 40 leichten MGs und einem schweren MG ohne Munition.
Region 4 (Toulouse mit sieben Departements): 1295 Maquisards mit 254 Karabinern, 13 Maschinenpistolen, 50 Revolvern und einem "Hotchkiss"-Maschinengewehr für einen halben Tag Kampf, "wenn sparsam damit umgegangen wird".
Dank einiger Fallschirmabwürfe durch die Alliierten war die Region 5 (vier Departements im Limousin) besser dran: 3310 Maquisards mit 200 Maschinenpistolen, 50 leichten MGs, 300 Handgranaten, 400 Karabinern, 100 Brandbomben, 300 Revolvern und erheblichen Mengen Sprengstoff.
Region 6 (Clermont-Ferrand mit vier Departements): 1301 Männer mit einigen Maschinenpistolen und viel Sprengstoff.
Die Region 1 um Lyon zählte 6180 Maquisards, deren Bewaffnung nicht festzustellen war, weil der Verantwortliche nicht zum Treffen nach Paris kommen konnte.
In der gesamten Südzone mit 37 Departements sollen im Oktober 1943 insgesamt 14 639 Maquisards gestanden haben - wenig Leute mit wenig Waffen. Selbst wenn noch die etwa 5000 Kämpfer der kommunistischen Widerstandsbewegung hinzugerechnet werden, bestand der französische Widerstand zu dieser Zeit nur aus etwa 20 000 Mann.
Sowohl die Vichy-Regierung und die Deutschen als auch die Vertreter des Maquis sprachen aus Unkenntnis oder Propagandagründen von zum Teil viel höheren Zahlen. Allein auf dem Plateau von Millevaches erhielten, wie die Vichy-Regierung meinte, die dort anwesenden 10 000 Mann "jede Nacht von englischen Flugzeugen per Fallschirm Waffen und Munition". Und der Chef des Reichssicherheitshauptamts, Ernst Kaltenbrunner, schätzte am 4. Juni 1943 in einem Bericht an Hitler die Gesamtstärke der französischen Resistance auf 80 000 Mann.
Noch weiter ging der Major Valette d'Osia, der de Gaulle mitteilte, daß in den an die Schweiz angrenzenden Departements 300 000 Mann bereit seien, sich unter dem Lothringer Kreuz zu schlagen, wenn sie die notwendigen Waffen erhielten. Doch daran fehlte es dem französischen Widerstand von Anfang an.
"Von den 2000 Mann, die der Maquis seit September (1943) verloren hat", schrieb der Maquis-Führer Michel Brault in einem Bericht vom 16. Februar 1944, "hätten 1500 gerettet werden können, wenn sie bewaffnet gewesen wären."
Die deutsche Besatzungsarmee war weniger durch die Zahl der Attentate beunruhigt, die in der Tat nicht sehr hoch war - 19 zwischen dem 1. August und 31. Oktober 1943 im Bereich des 74. Armeekorps, die den Tod eines Wehrmachtsangehörigen und eines französischen Milizionärs zur Folge hatten -, als vielmehr durch die Haltung der Franzosen, die jetzt deutlich mit der Resistance sympathisierten.
Ziel der Widerstands-Aktionen waren zu dieser Zeit weniger die deutschen Soldaten als ihr Gerät, vor allem aber auch Telefonleitungen und Eisenbahnlinien. Die Humanite meldete seinerzeit, daß am 10. Juli ein Urlauberzug zwischen Rennes und Noyal-Acigne entgleist und, wie vorgesehen, von einem entgegenkommenden Truppentransport-Zug gerammt worden sei. Ergebnis: zwei zerstörte Züge, 200 Tote und 300 Verletzte. In der entsprechenden Meldung der deutschen 7. Armee vom 10. Juli liest sich das freilich anders: einige Leichtverwundete im Urlauberzug, 8 Tote, 30 Schwer- und 50 Leichtverletzte im Truppentransporter.
Die Humanite hatte also die Zahl der Toten mit 25 multipliziert - es war nicht das einzige Mal, daß die Resistance die Zahl der von ihr ausgeschalteten Deutschen maßlos übertrieb.
Im Juli 1943 ließen sich nur noch 36 000 junge Franzosen zur Zwangsarbeit ins Reich schicken statt der von Sauckel geplanten 160 000 bis 180 000. Damit war der Zwangsarbeitsdienst praktisch gescheitert. Deutsche und Franzosen einigten sich daraufhin auf eine neue Formel: Statt Zwangsarbeit in Deutschland vereinbarten sie Zwangsarbeit für Deutschland, aber in Frankreich.
Der in Hitlerdeutschland für die Rüstung verantwortliche Albert Speer schloß mit dem französischen Industrieminister Jean Bichelonne ein Abkommen, nach dem französische Arbeiter von etwa 15 000 Unternehmen in Frankreich Artikel des täglichen Bedarfs für Deutschland herzustellen hatten, wodurch die deutschen Unternehmen dieser Branche frei wurden für die Rüstungsproduktion. Franzosen dieser Betriebe wurden von der Zwangsarbeit freigestellt. Es war aber die Arbeit in Deutschland und nicht die für Deutschland, die in den meisten Fällen die jungen Leute in den Untergrund getrieben hatte. Die neue Politik entzog dem Maquis nicht wenige seiner Leute.
Eine Chance für die Deutschen? Dazu war es zu spät. Denn was 1940 noch nur Träume gewesen waren, zeichnete sich nun am Horizont ab: Siege der Alliierten und Niederlagen der einst scheinbar unbezwingbaren Deutschen.
In den ersten Wochen des Jahres 1944 gingen die deutschen Besatzer dazu über, bei Repressalien ihre Geiseln willkürlich unter Dorfbewohnern und Städtern zu nehmen, die sie irgendwo zusammentrieben. Weil sie des Maquis nicht habhaft werden konnten, wandten sie im März 1944 in NImes erstmals eine Methode an, die sie seit langem in Rußland praktiziert hatten: das Erhängen unbeteiligter Zivilisten.
Als er mit dem Fahrrad durch NImes fuhr, entdeckte Henri Nogueres sechs Leichen, die von der Brüstung einer Eisenbahnbrücke herunterhingen: "Jedesmal, wenn ein Auto durchfuhr, stieß es die Beine an und brachte die Leichen zum Baumeln. Die wenigen Passanten huschten schnell vorbei und trauten sich nicht hochzusehen."
Ein anderer Zwischenfall versetzte eine ganze Region in Aufruhr. In der Nacht vom 1. zum 2. April 1944 wurde ein Zug mit 400 Waffen-SS-Männern, die aus der UdSSR kamen, sowie 60 Panzern und anderen Fahrzeugen vor dem Bahnhof von Ascq durch eine Explosion aufgehalten. Der Schaden war lächerlich: Sechs Waggons waren beschädigt, konnten aber in wenigen Stunden repariert werden. Zwei Autoreifen und ein Getriebe waren zerstört, kein Soldat war verletzt worden.
Die örtlichen Widerstandskämpfer waren äußerst unvorsichtig vorgegangen, und das mußten sie mit ihrem Leben bezahlen. Die Deutschen reagierten mit der Brutalität von Männern, die an Repressalien gegen sowjetische Partisanen gewöhnt waren.
Kleine Gruppen von SS-Männern zogen durch den Ort, schlugen Türen und Fenster ein, plünderten 25 Häuser, im Pastorat töteten sie den Pfarrer und zwei Flüchtlinge, anschließend brachten sie den Kaplan und fünf seiner Begleiter um. Dann trieben sie etwa 80 noch verschlafene Einwohner zusammen und erschossen sie aus nächster Entfernung. Als die Rettungswagen schließlich kamen, zählten die Santitäter 86 Tote und 8 Verletzte.
Verschafften sich die Deutschen mit ihren Repressalien Ruhe? In bestimmten Fällen ja, zumindest für eine gewisse Zeit. Ob sie die Resistance schwächen * In London bei einer Rundfunk-Ansprache an die Franzosen. konnten, steht auf einem anderen Blatt. Die hatte sich besonders im Zentrum und im Südwesten Frankreichs solide installiert.
Der Tierarzt M., der am 31. Mai 1944 ins Correze geschickt wurde, um die Herstellung von Fleischkonserven der Fabrik Mazeyrat in Egletons zu überwachen, berichtete: _____" Um 18 Uhr war ich in der Fabrik, und der Direktor " _____" berichtete mir, daß er einen ordentlichen Ablauf nicht " _____" mehr garantieren könne, weil der Maquis die Region " _____" beherrsche. Sein Haus und sein Lager waren das Ziel eines " _____" bewaffneten Überfalls, bei dem alle Nahrungsmittel, auch " _____" die zum persönlichen Gebrauch, einkassiert wurden. " _____" Um 23 Uhr besetzte die (kommunistische " _____" Resistance-Organisation) FTP die Stadt und begann wie " _____" üblich mit Hinrichtungen und "Beschlagnahmen", Maßnahmen, " _____" über die ich mich nicht auslassen möchte. Kurze Zeit " _____" darauf pochten die Maquisards heftig ans Fabriktor und " _____" verlangten die Herausgabe der Lieferwagen und der " _____" fertiggestellten Produkte. " _____" Am nächsten Vormittag wollte ich mit einem Auto nach " _____" Uzerche fahren, aber nach zehn Kilometern hielt die FTP " _____" alle Wagen an und nahm die Fahrer fest. Am Nachmittag " _____" wurde ich zum Bau von Barrikaden abgestellt, denn sie " _____" erwarteten einen Angriff, der aber nicht stattfand. "
Im Jahr der entscheidenden Schlachten war die Resistance zu einem politischen Faktor geworden, zumal sich die Kommunisten scheinbar Charles de Gaulle in London unterstellt hatten. Ihre Widerstandsgruppen hatten lange Zeit in erster Linie direkte militärische Aktionen gegen die Deutschen propagiert, während de Gaulle und vor allem die Briten hauptsächlich daran interessiert waren, daß die Resistance am Tag X, dem Tag der alliierten Landung in Frankreich, die deutschen Truppen in den rückwärtigen Gebieten lähmen und die Verkehrswege für ihre Truppentransporte blockieren sollte.
Die Mannschaftsstärke der Resistance stieg nun gewaltig an. In den 13 Departements der Militärregion von Toulouse etwa gehörten dem Maquis am 1. Juli 1942 nur 4519 Männer an, ein Jahr später waren es 16 962, und am 6. Juni 1944, dem Tag X, wurden 75 452 in dieser Militärregion gezählt. Und diese Zahl verdoppelte sich noch einmal im Laufe des Sommers.
Zu diesem Anschwellen hatte Charles de Gaulle aus London direkt beigetragen. "Franzosen!", so ließ er sich am 6. Juni vernehmen, "die Stunde der Erhebung ist gekommen. Innerhalb der nächsten 24 Stunden haben sich alle wehrtauglichen Männer zwischen 20 und 46 Jahren im Bürgermeisteramt einzufinden, um sich für die Beteiligung an der Befreiung des Landes registrieren zu lassen. Alle Franzosen, die sich dieser Aufforderung entziehen, werden als Deserteure behandelt."
Am 10. Juni empfingen die Franzosen eine irritierende Nachricht aus London: "Bremst sofort die Guerilla-Aktivitäten stop derzeit unmöglich euch mit Waffen und Munition in ausreichendem Maße zu versorgen stop überall Kontakt abbrechen und Phase der Reorganisation beginnen stop vermeidet große Zusammenballungen und organisiert euch in kleinen isolierten Gruppen."
Der Grund: Weil die Alliierten weit weniger schnell vorankamen als vorgesehen, brauchten sie alle verfügbaren Flugzeuge für die Unterstützung der eigenen Bodentruppen und hatten keine mehr zur Versorgung des französischen Maquis zur Verfügung.
Am meisten half den Alliierten die Sabotage der Eisenbahnlinien, so daß die deutschen Verstärkungen nur langsam zur Normandiefront gelangten. Im August 1944 gab es in ganz Frankreich kaum noch größere Verbindungen. Keine Eisenbahnlinien mehr um Städte wie Marseille, Toulon oder Nizza. Zwischen Brive und Toulouse (200 Kilometer) fuhr in zwei Wochen nur ein einziger Zug. Die 257. Infanterie-Division der Deutschen befand sich am 6. Juni im Gebiet Redon, 200 Kilometer von der Front entfernt. Erst am 11. Juni trafen die ersten Einheiten dort ein - zu Fuß. Die 276. Division brauchte insgesamt 22 Tage, um die 650 Kilometer zur Front zurückzulegen.
Bei einem einzigen Einsatz zerstörten Resistancekämpfer den Deutschen 52 Lokomotiven. Das Depot des Eisenbahnknotenpunkts am Amberieu wurde von 50 deutschen Soldaten bewacht, während sich weitere 200 bis 300 Soldaten in der Nähe aufhielten. Die Widerstandskämpfer hatten festgestellt, daß die Deutschen bei Fliegeralarm die Unterstände aufsuchten. So lösten sie am 7. Juni nachts um ein Uhr Alarm aus und machten sich über die Lokomotiven her. 30 Minuten später erfolgten die Explosionen, die neben den Zugmaschinen auch noch die Drehscheibe unbrauchbar machten.
Zum Vergleich: Zwischen dem 19. Mai und dem 1. Juni 1944 zerstörten alliierte Flugzeuge insgesamt 257 Lokomotiven und beschädigten 183 bei insgesamt 3400 Einsätzen. Das heißt, daß sie 13 Einsätze brauchten, um eine Lokomotive zu zerstören.
Francois Depoorter, der Bahnhofsvorsteher von Montcornet, ließ Anfang Juli 14 Wagen eines Munitionszuges entgleisen, der 1500 deutsche Infanteristen auf dem Weg in die Normandie blockierte. Von den Deutschen nach einer Ausweichstrecke befragt, schlug Depoorter die über den Ort Hirson vor und benachrichtigte den dortigen Resistancechef, der dafür sorgte, daß der Zug auch dort nicht weiterkam.
Am 13. Juli kam der Zug bis Bucy, wo der Maquis die Strecke gesperrt hatte. Schließlich erreichte er doch noch seinen Bestimmungsort. Für die letzten 32 Kilometer hatte er 15 Tage gebraucht.
Die angelsächsische Luftwaffe schoß auf alles, was sich bewegte, hauptsächlich deshalb waren die Verluste der französischen Eisenbahner hoch - insgesamt 8938 Tote. Doch fast 2000 von ihnen gingen auf das Konto der deutschen Repression: 1157 Eisenbahner starben in deutschen Konzentrationslagern, 809 wurden erschossen.
Und wie erlebten die französischen Soldaten, die der alliierten Invasionsarmee angehörten, nach der Landung ihre befreiten Landsleute? Jedenfalls ganz anders, als der Hollywood-Film "Der längste Tag" es schildert, in dem der Schauspieler Bourvil, auf dem Kopf einen Feuerwehrhelm, Champagner trinkt und sich auch durch Explosionen und MG-Garben nicht aus der Ruhe bringen läßt, während Kollege Fernand Ledoux mitten im Bombardement ein Fähnchen schwenkt.
Der echte Normandie-Eroberer Jacques Senee sah als de Gaulles Soldat "seine" ersten Franzosen so: _____" Sie kamen aus einem Keller, zermürbt nach 48 Stunden " _____" Granathagel. Wir standen um sie herum und waren furchtbar " _____" aufgeregt; das also waren nun die ersten Franzosen, die " _____" wir befreiten! Wir glaubten, daß sie vor Freude " _____" explodieren würden, doch sie waren sehr mürrisch und " _____" fragten ungeduldig, wann dieses ganze Spektakel endlich " _____" vorbei sei. Wir waren schrecklich enttäuscht. In diesem " _____" Augenblick stieß ein lachender Gendarm zu unserer Gruppe. " _____" "Mensch, hab' ich ein Glück", sagte er, "heute hätte ich " _____" als Zwangsarbeiter nach Deutschland fahren müssen. Jetzt " _____" ist das vorbei, und ich kann hier bleiben, denn ihr seid " _____" rechtzeitig gekommen." Etwas grob machten wir ihm klar, " _____" daß der Krieg noch nicht zu Ende " _____" sei und er vielleicht doch noch gebraucht würde. Verdutzt " _____" zog er ab. "
Gott sei Dank waren nicht alle Franzosen so. Als die französischen Soldaten des 4. Kommandos durch die Ruinen von Saint-Aubin-d'Arquenay zogen, trafen sie auf einen Einwohner, der sie für Engländer oder Amerikaner hielt. Als er sie Französisch sprechen hörte, kam er näher: "Sie sprechen Französisch?" - "Ja, natürlich, wir sind Franzosen!" - "Das kann doch nicht wahr sein. Franzosen! Franko-Kanadier, nicht wahr?" - "Nein, Mensch, französische Franzosen! Freie Franzosen!" - "Mein Gott! Freie Franzosen!" Er lief ins Haus, und als er nach ein paar Minuten wiederkam, hatte er den Arm voller Calvados-Flaschen. "Die habe ich für euch aufbewahrt", sagte er mit Freudentränen in den Augen.
In Paris trat am Tag der alliierten Landung in der Normandie die Resistance überhaupt nicht in Erscheinung. Die Deutschen fühlten sich nach kurzem Schreck schnell wieder sicher. Frankreich war an diesem Tag ein Land des Kontrastes: Die Normandie brannte, Paris war friedlich, mehrere Departements erhoben sich.
Die begeisternden Appelle der BBC, die im jakobinischen Ton gehaltenen Flugblätter der Kommunisten, die Meldungen über die ungeheuren Schlachten im Osten, die Überlegenheit der angelsächsischen Luftwaffe, die in vielen Departements sehr sichtbare Schwächung der deutschen Wehrmacht, dazu auf der anderen Seite die Verbrechen der Gestapo, die Verschärfung der Repressalien, die schwindende Macht Vichys und selbst der Person Petains und schließlich die Zuversicht, daß eine neue Zeit anbrechen werde - das alles riß eine große Zahl von Franzosen zu wahren Stürmen des Patriotismus hin.
Nach einem Bericht der Resistance hatte die Landung eine solche Begeisterung in Clermont-Ferrand ausgelöst, daß in den beiden folgenden Tagen 10 000 Leute die Stadt verlassen haben sollen, um sich dem Maquis anzuschließen. In aller Öffentlichkeit seien Arbeiter der Reifenfabrik Michelin, Angestellte der Banque de France, Beamte und Söhne von Händlern losgezogen und hätten mit Sack und Pack den Zug nach Loubaresse bestiegen, von wo aus Lastwagen sie zum Maquis fuhren.
Anfangs hatten sich die Besatzer gehütet, auf diese Generalmobilmachung zu reagieren. "Da ich jederzeit auf dem laufenden war", erklärte der deutsche General dem Regionalpräfekten Brun, "hätte ich gleich am ersten Tag eingreifen können. Aber ich ließ sie lieber Gruppen bilden, so können wir sie leichter niederwerfen. In acht Tagen, das kann ich Ihnen versichern, wird es keine Geheimarmee mehr im Departement geben." Es gab sie auch nach acht Tagen noch, aber sie hatte gelitten, schrecklich gelitten.
Das Fehlen schwerer Waffen, die Tatsache, daß die Neuankömmlinge für eine moderne Kriegführung völlig unvorbereitet waren, dazu ein oft unbeherrschter Enthusiasmus führten in den Tagen nach der Landung zu vielen Dramen.
So kam es am 8. Juni bei Grolejac in der Dordogne zu einem Gefecht zwischen 28 Widerstandskämpfern und einer Marschkolonne der SS-Division "Das Reich". Der Kampf war kurz, denn die Resistance verfügte nur über ein Maschinengewehr, einige Waffen aus dem Ersten Weltkrieg und zwei Handgranaten pro Mann. Es gab zehn Tote: fünf Maquisards und fünf Zivilisten.
Das alles kostete die Deutschen eine Marschunterbrechung von 20 Minuten, auch wenn heute ein Schild an der Brücke behauptet: "Dank des Opfers von Patrioten erlitt hier ein deutscher Konvoi einen beachtlichen Zeitverlust."
In Rouffiac hatten Widerstandskämpfer eine Barrikade errichtet, vor der ein deutscher Kradfahrer und ein Maquisard ums Leben kamen. Die SS-Männer der Division "Das Reich" stürzten in ein Cafe und töteten dort 13 Franzosen, darunter 8 Frauen und 2 Mädchen. Auf ihrem weiteren Marsch töteten sie noch zwei Frauen in Carlux und einen Widerstandskämpfer in Peyrillac. So säten sie den Terror, der den Namen ihrer Division für immer beschmutzen sollte.
In den Wochen nach der Landung, als die Macht in einer Nacht von der Hand der Besatzer in die der Resistance und am nächsten Tag wieder zurück zu den Besatzern wechseln konnte, fiel oft den Bürgermeistern eine tragische Rolle zu. Sie versuchten, das Schlimmste zu verhüten, und boten sich nicht selten selbst als Geisel an.
Oft wurden sie für Dinge verantwortlich gemacht, die sie nicht zu vertreten hatten. Was hatten die Deutschen dem Doktor Temporal, Bürgermeister von Saint-Rambert, vorzuwerfen, der am 7. Juli mit elf anderen Geiseln erschossen wurde? Nur dies: nicht verhindert zu haben, daß Einwohner seiner Stadt dem Maquis bei den Straßenkämpfen vom 12. Juni geholfen hatten.
Oder dem Bürgermeister von Saint-Pol-de-Leon, Alain de Guebriant? Nur dies: am 4. August einen Trupp von Stadtfremden nicht davon abgehalten zu haben, daß der in der Euphorie einer verfrühten Befreiung einige deutsche Soldaten gefangennahm und eine größere Menge Waffen erbeutete.
Um die deutschen Gefangenen zu schützen, hatte der Bürgermeister sie in der Waschküche der alten Gendarmerie eingesperrt. Als tags darauf eine Kolonne Deutscher mit russischen Hilfstruppen in die Stadt zog, schlugen die Gefangenen die Fenster ein und spornten ihre Kameraden an. Sogleich begann die Menschenjagd. Sieben junge Leute mußten sich mit ausgebreiteten Armen und dem Gesicht nach unten auf die Straße legen. Ein russischer Soldat trieb zwei Einwohner vor sich her und befahl ihnen zu fliehen, dann schoß er sie zusammen.
Am Abend nahmen die Deutschen den Bürgermeister und seine Mitarbeiter fest und führten sie auf einen Platz, wo sie schon andere Einwohner zusammengetrieben hatten. Ein Offizier fragte, wo die "gestohlenen" Waffen seien, und weil niemand es wußte, begannen die Hinrichtungen. 14 Franzosen, unter ihnen der Bürgermeister, wurden an Ort und Stelle niedergestreckt, 13 weitere, darunter eine Frau, nach Morlaix gebracht und dort erschossen.
Vor allem zwei Orte sollten zum Symbol für die Brutalität der Deutschen werden: Tulle und Oradour. Besonders Tulle, die Hauptstadt des Departements Correze, steht aber auch für den Leichtsinn des fast ausschließlich kommunistischen Maquis, der ohne schwere Waffen und ohne die notwendige Vorbereitung die 20 000 Einwohner zählende Stadt einnehmen und gegen die deutschen Truppen verteidigen wollte.
Im Mai 1944 war das gesamte Departement Correze weitgehend frei von Besatzern. Die wenigen, zumeist älteren deutschen Soldaten waren in einigen Städten zusammengezogen, so in Tulle, wo sich zwei Kompanien des 95. Sicherungsregiments in der Mädchenschule verschanzt hatten. Am 7. Juni besetzten etwa 1350 Maquisards die Stadt, bis auf die Mädchenschule. Am nächsten Morgen begann der Angriff auf die Schule, deren Dachgebälk Feuer fing.
"Die Deutschen", notierte Jeanne Roubeyrie, "versuchten, sich in die Nebenstraßen zu retten. Aber die Maquisards empfingen sie hinter aus Weinfässern des Weinhändlers Castagne errichteten Barrikaden. Als die Deutschen herausliefen, wurden sie ein leichtes Ziel."
Beim Kampf um Tulle kamen 69 Deutsche um, die meisten beim Verlassen der Schule. Der Gendarmeriechef Pourchet fand dort "viele deutsche Soldaten, von denen mehrere durch MG-Salven aus kürzester Entfernung getötet und dadurch verstümmelt worden waren".
Mit 17 im Kampf Gefallenen hielten sich die Verluste des Maquis in Grenzen. Abends um acht Uhr meldete sich der Maquisard "Kleber" beim Präfekten Pierre Trouille als neuer Kommandant von Tulle. Als sich der Präfekt besorgt zeigte wegen eines Gegenschlages der Deutschen, lachte Kleber ihn aus: "Wenn es den Fritzen einfallen sollte, uns zu besuchen, werden wir ihnen einen schönen Empfang bereiten."
Eine Stunde später waren die ersten deutschen Vorausabteilungen da, und die Maquisards verließen fluchtartig die Stadt, wenn man einigen Zeugen glauben darf, die sahen, wie die Resistancekämpfer ihre Armbinden und ihre Waffen in die Gärten warfen.
Im Morgengrauen des 9. Juni trieben die SS-Leute wahllos aus den Betten geholte Bürger zusammen. Weil sie keine Maquisards gefangengenommen hatten, wählten sie willkürlich unter den Zusammengetriebenen jene aus, die einen ausländischen Namen hatten oder gefälschte Papiere bei sich trugen, was zu jener Zeit häufiger vorkam.
Vor den Augen von Dutzenden junger Einwohner, die der Hinrichtung zusehen mußten, wurden 99 Bürger an Straßenlaternen und Balkons erhängt. Ihre Leichen durften nicht auf dem Friedhof begraben werden, sondern mußten auf einer Müllhalde verscharrt werden. Zwar wurden bis zum Abzug der Deutschen viele der Festgenommenen entlassen, doch 149 wurden ins Konzentrationslager Dachau deportiert. 43 von ihnen starben auf dem Transport, und nur 48 überlebten.
Mehr noch als Tulle steht Oradour für die Schrecken der deutschen Vergeltung.
Am 9. Juni 1944 wurde der SS-Sturmbannführer Helmut Kämpfe vom Maquis gefangengenommen. Der Chef des Regiments "Der Führer" der SS-Division "Das Reich", dem Kämpfe angehörte, versuchte, mit dem Maquis zu verhandeln, und bot für den SS-Führer die Freilassung von 30 Freischärlern sowie Lösegeld an - vergebens. SS-Sturmbannführer Diekmann bekam daraufhin den Befehl, in Oradour-sur-Glane, das mehrere Dutzend Kilometer entfernt lag, 50 Einwohner zu erschießen.
Warum gerade Oradour-sur-Glane für die Vergeltungsaktion ausgesucht wurde, bei der schließlich 642 Franzosen ihr Leben ließen, ist schleierhaft. Angeblich sollte dort die Resistance Schlupfwinkel haben, doch das ist höchst zweifelhaft; unzweifelhaft ist, daß am 10. Juni 1944 um 14 Uhr die SS-Männer, darunter mehrere Elsässer, alle Einwohner Oradours zusammentrieben. Frauen und Kinder wurden dann in der Kirche eingeschlossen, die Männer in Garagen und Scheunen geführt.
Allein in der Scheune Laudry befanden sich bald etwa 60 Einwohner. Dann kam, offenbar an allen Stellen zur gleichen Zeit, ein Befehl, und die Maschinengewehre ratterten los. "Wir zielten auf die Brust", sagte später im Prozeß ein SS-Mann, und sein Kamerad ergänzte: "Sie standen hinten an der Mauer. Es war dunkel, und wir sahen nicht viel. Wir schossen."
Aus der Kirche von Oradour, in der 202 Kinder und 240 Frauen umkamen, gibt es nur eine Zeugin: Madame Rouffanche, die selbst ihre zwei Kinder bei dem Massaker verlor. Im Prozeß 1953 berichtete sie, wie die Deutschen einen Behälter in die Kirche geschleppt und auf zwei Stühle vor dem Altar gestellt hätten. Plötzlich sei der Behälter mit einem dumpfen Knall geplatzt, und dicker Rauch habe den Kirchenraum erfüllt.
Das ganze Ausmaß des Grauens entdeckte man erst am nächsten Tag. "Die menschliche Asche", berichtete ein Polizeikommissar, "reichte mir bis zum Knie. Ich ging bis zum Chor, der durch ein Gitter vom Kirchenraum getrennt war. Um dem Feuer zu entgehen, hatten die Kinder versucht, diese Barriere zu erklimmen. Wie ein Kranz waren oben auf dem Gitter die kleinen, brandschwarzen Hände aufgespießt. Die abgerissenen Arme und verkohlten Körper der Kinder lagen am Fuße dieses Gitters."
Warum hat sich die Resistance nicht wirksamer gewehrt? Sie hatte es zumindest versucht. Schon vor dem Aufruf zur allgemeinen Erhebung, der viele Franzosen das Leben kosten sollte, hatte es Pläne für einen militärischen Aufstand des Maquis gegen die deutsche Besatzungsmacht gegeben.
Die erste offene Schlacht des Maquis war der Kampf um die Alpenfestung Glieres Ende März 1944.
Zwar hatten die Briten vor einem verfrühten allgemeinen Aufstand gewarnt, weil sie die Resistance weder mit Waffen noch mit Truppen unterstützen konnten. Auch waren sich die meisten Verantwortlichen des Maquis einig, daß ein offener Kampf mit einer Katastrophe enden würde. Aber einige hatten das anders gesehen.
Der von Londons Gaullisten ausgegebene Slogan "Drei Länder in Europa leisten Widerstand: Griechenland, Jugoslawien und die Haute-Savoie" hatte sich im Kopf des Maquisführers Theodose Morel festgesetzt. Ende Januar 1944 hielten sich etwa 450 Widerstandskämpfer in der Hochregion auf - zu viele, um nicht aufzufallen, zu wenige, um das umfangreiche Gelände wirksam zu verteidigen. Morel hätte nach eigener Schätzung mindestens 1200 Maquisards zur Verteidigung benötigt. Außerdem fehlten Waffen und Skier, und als die Alliierten schließlich ausreichendes Material in Containern abwarfen, waren auch die Deutschen alarmiert.
Am 26. März 1944 griff die 157. deutsche Gebirgsdivision die Festung Glieres an. Weil der Maquis den Deutschen weit unterlegen war, ordnete sein Chef den Rückzug an. "In der Hochebene von Glieres", ließ de Gaulle am 8. April 1944 über BBC verkünden, "haben 12 000 (Sie hören richtig: 12 000) Deutsche nach 14 Tagen (Sie hören recht: nach 14 Tagen) über 500 Franzosen gesiegt, die sich, da sie sich nicht absetzen konnten, festgebissen haben, anstatt sich zu ergeben." Auf deutscher Seite seien 400, auf seiten der Maquisards 100 Tote gezählt worden.
Nach dem Krieg erhöhten sich die Zahlen auf mirakulöse Weise. Als de Gaulles Kulturminister Andre Malraux Anfang der siebziger Jahre das Glieres-Denkmal einweihte, erhöhte er die Zahl der Angreifer von 12 000 auf 20 000, und General de Gaulle behauptete in seinen Memoiren, 600 deutsche Soldaten seien "gefallen". Die Wahrheit sah freilich anders aus: Die 157. Gebirgsdivision hatte in Glieres 6714 Mann unter Waffen, von denen aber nur 3086 im Kampf eingesetzt wurden.
Auf dem deutschen Soldatenfriedhof von Dagneux liegen nur 289 im Departement Haute-Savoie Gefallene. Nach den Forschungen des französischen Generals de La Barre de Nanteuil ist bei 13 von ihnen als Todesdatum der 26. März, der Kampftag in Glieres, angegeben. Dank der deutschen Kriegsgräberfürsorge konnte ich nicht nur die Namen, Vornamen und Todestage feststellen, sondern auch den Ort der Erstbestattung. Danach wurde nur der Soldat Kurt Piler in Annecy beerdigt, die anderen zwölf hingegen in Orten weitab von Glieres wie Toulouse oder Montpellier.
Von den elf Toten des 27. März wurde nur ein einziger, ein Karl Fischer, in Notre-Dame-des-Neiges getötet, also in der Nähe der Vorposten des Maquis von Glieres. Vielleicht sind noch Tote nach Deutschland gebracht worden, aber die quasi offiziellen französischen Zahlen scheinen grotesk übertrieben.
Auch für die Schlacht am Mont Mouchet wurden weit überhöhte Zahlen genannt. Eine verstärkte deutsche Division, behauptete Emile Coulaudon, Chef des Maquis in der Auvergne, habe am 10. Juni 1944 insgesamt 3700 Maquisards angegriffen, von denen 2700 den Mont Mouchet verteidigt hätten. 1964 bei einer Gedenkfeier am Mont Mouchet war dann die Rede von "fast zwei Divisionen" mit 15 000 Mann, die den Angriff geführt hätten. Nach den deutschen Wehrmachtsarchiven waren es aber nur 2000 Soldaten.
Noch größer ist die Differenz bei der Zahl der deutschen Verluste. Am 20. Juni 1944 schrieb Coulaudon in der Zeitung Le Mur d'Auvergne: "Wir hatten nur 150 Tote und etwa 100 Verletzte, der Feind dagegen mehr als 1400 Tote und über 1700 Verletzte." Nach dem deutschen Kriegstagebuch der beteiligten Truppen waren es 40.
Aber was für den Fortgang der Ereignisse schließlich zählte, war nicht die Zahl der vom Maquis getöteten Feinde. Der General de La Barre de Nanteuil schätzt, daß die Deutschen zwischen dem 1. Januar 1944 und der Befreiung 4000 bis 5000 Mann im Kampf mit dem Widerstand verloren haben. Das sind zwei Prozent der deutschen Gesamtverluste in Frankreich, an der Ostfront entfielen dagegen fünf bis sechs Prozent der Gesamtverluste auf den Partisanenkampf. Entscheidend ist, daß die Deutschen, wann immer sich die Resistance bemerkbar machte, in ihren Plänen gestört wurden, Männer weitab von der Front abstellen mußten und daß, immer wichtiger, Bewaffnung gebunden wurde.
Mußte sich der Maquis in der Anfangszeit selbst finanzieren - und das ging nicht immer ohne Operationen am Rand der Erpressung und des Banditentums -, so galt von Mitte 1944 an die Regel, sich die notwendigen Finanzmittel * Einweihung durch Andre Malraux am 2. September 1973. in erster Linie aus den Kassen des Vichy-Regimes zu beschaffen. Der größte Coup gelang der Resistance, unter aktiver Mithilfe des Vichy-Präfekten Callard, in Perigueux. Am 26. Juli 1944 erbeutete der Maquis aus dem Zug, der die ausgelagerten Banknoten der Banque de France von Perigueux nach Bordeaux transportierte, 150 Säcke (sechs Tonnen) Geldscheine im Gesamtwert von 2,28 Milliarden Franc.
Die Verwendung der Gelder ist allerdings nie ganz aufgeklärt worden. 797,9 Millionen Franc wurden nach der Befreiung zurücküberwiesen. Acht Jahre nach dem Krieg behauptete der rechte Abgeordnete Leotard, 450 Millionen Franc - immerhin ein Fünftel der erbeuteten Gesamtsumme - seien am 28. September 1944 an eine nicht identifizierte Person "überwiesen" worden und niemand habe die Aufklärung gewagt zu einer Zeit, da die Waffen noch locker saßen.
Es war zweifellos schwer für eine keineswegs homogene Resistance, die Ereignisse im Griff zu behalten. "Eine absolut unkontrollierbare Lawine" nannte der Widerstandskämpfer Georges die dritte Rekrutierungswelle der Resistance. "Es waren nicht nur Kollaborateure, die sich einschleichen konnten, sondern auch Verbrecher, Strafgefangene und Zuhälter, die sich prima Posten verschafften."
Und wie konnte man sich besser von Schuld reinwaschen als dadurch, daß man diejenigen verhaften ließ, die man selbst einmal überredet hatte, dem Marschall Petain zu folgen? In puncto Doppelspiel boten Franzosen den Franzosen ein schlechthin unmoralisches Schauspiel. Viele Kollaborateure, die eine Verurteilung verdient gehabt hätten, besonders weil sie ohne Skrupel finanziell von der Besatzung profitierten, verschafften sich eine weiße Weste, während so mancher arme Kerl mit seinem Leben bezahlen mußte. *HINWEIS: Im nächsten Heft Der Kampf der Miliz gegen die Resistance - Blutrausch der "Volksjustiz" - Das Martyrium der Frauen, die sich mit Deutschen eingelassen hatten
Von Henri Amouroux

DER SPIEGEL 22/1990
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