30.04.1990

„Wir sind Zeugen eines Krieges“

SPIEGEL: Herr Coe, wollen Sie Premierminister werden?
COE: Politik darf man nicht als Sprint mißverstehen - es ist eher ein Marathonlauf. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir.
SPIEGEL: Sie bauen Ihre politische Karriere auf Ihrer großen Popularität als Sportler auf . . .
COE: Ich bin nicht naiv. Mir ist klar, daß es nicht ausreicht, ein bekanntes Gesicht zu haben. Popularität nutzt sich unglaublich schnell ab.
SPIEGEL: Margaret Thatcher, so heißt es, bewundert in Ihnen den idealen Sportler: sauber, korrekt, ehrlich, clever, ein bißchen Yuppie.
COE: Ich weiß nicht, wer mir dieses Etikett angehängt hat, schön ist das nicht. Ich bin kein Yuppie. Bei uns beinhaltet dieser Begriff Selbstsucht und Egoismus. Das ist jemand, der nicht kreieren, sondern absahnen will. So wird häufig auch konservative Politik dargestellt - natürlich völlig zu Unrecht.
SPIEGEL: Ihr Jobwechsel kommt zur rechten Zeit. Das Image der Leichtathletik ist durch die Vielzahl von Dopingaffären irreparabel lädiert.
COE: Einige Vorfälle, die Schlagzeilen gemacht haben, bedeuten noch lange nicht, daß unser Sport zu einem schmutzigen Geschäft geworden ist. In Großbritannien allein treiben 21 Millionen Menschen in irgendeiner Form regelmäßig Sport. 20 999 000 denken nicht einmal daran, Präparate zu schlucken, um ihre Wadenkrämpfe zu lindern. In welchem Beruf findet man keinen Menschen, der glaubt, er käme unentdeckt mit Betrug davon?
SPIEGEL: Es geht um Hochleistungsathleten wie den kanadischen Sprinter Ben Johnson, der 1988 in Seoul seine Goldmedaille verlor.
COE: Natürlich ist das ein Problem. Aber es ist zu meistern, wenn wir in den internationalen und nationalen Verbänden endlich starke Führungspersönlichkeiten bekommen.
SPIEGEL: Sie haben bereits 1981 auf dem Olympischen Kongreß in Baden-Baden den lebenslangen Ausschluß gedopter Athleten gefordert.
COE: Ganz offensichtlich haben die Verbände das nicht gewollt. Manchem Funktionär scheint das Geld wichtiger als Anstand und Moral. Sie wollen ihre Topstars durch mögliche Sperren nicht verlieren und die Sponsoren nicht verschrecken. Folglich bleibt das Problem unterm Deckel.
SPIEGEL: Warum haben Sie das nicht auch so klar ausgesprochen, als Sie einer der Athletensprecher im Internationalen Olympischen Komitee, dem IOC, waren?
COE: Ich habe es getan und tue es weiter. Es ist in der Leichtathletik nicht alles so trübe, wie es scheint. Das IOC gibt inzwischen ebensoviel Geld für die Anti-Doping-Kampagne aus wie für die Hilfe der Sportbewegung in der Dritten Welt. Das ist doch einfach abenteuerlich. Aus meinen privaten Gesprächen mit IOC-Führern weiß ich: Sie neigen zu lebenslangen Sperren für Dopingsünder. Nur der Internationale Leichtathletikverband erweist sich häufig als Stolperstein, und natürlich sperren sich auch nationale Verbände. Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Das Verhalten meines eigenen Verbandes ist äußerst dubios.
SPIEGEL: Warum wird denn bei Dopingkontrollen so selten jemand überführt?
COE: Die Wissenschaft steht im Zentrum der Manipulation. Sie wird sowohl legal wie illegal genutzt. Ich vergleiche das mit dem Wettrüsten. In gewissem Sinne sind wir Zeugen eines Krieges. Der eine konzipiert ein System, mit dem er betrügen, der andere eines, mit dem er den Betrug aufdecken kann. Bis dahin aber ist das Medikament von den Sportlern schon fürchterlich mißbraucht worden.
SPIEGEL: Würden Sie eine Garantie unterschreiben wollen, daß jeder neue Rekord in der Leichtathletik garantiert ohne Dopinghilfe erreicht wird?
COE: In einigen Disziplinen muß man weiter zweifeln. Alles andere wäre naiv.
SPIEGEL: Vor zwei Jahren bereits haben Sie im Fernsehen behauptet, daß außer Ben Johnson weitere Olympiasieger gedopt waren. Warum haben Sie deren Namen nie verraten?
COE: Das war eine generelle Aussage. Allein die Tests, nicht Unterstellungen bringen uns legal weiter. Wir könnten zehn Spitzenathleten, die seit Jahren das Renngeschäft kennen, auffordern, eine Liste über jene zu erstellen, die gedopt antreten. Dann würden sechs von zehn Namen aller Listen identisch sein. Nur - was nützt das Wissen, wenn die Beweise fehlen? Ein Verdacht, selbst ein sehr starker, reicht nicht aus.
SPIEGEL: Dann ist Ben Johnson nur der symbolische Sündenbock?
COE: Seine Disqualifikation bedeutete für mich mit der Sekunde seines Rausschmisses aus dem olympischen Dorf eine neue Ära in der Leichtathletik. Es war ein ziemlich unangenehmer Tag für all jene, die die Leichtathletik lieben. Zu sehen, wie ein Sportler seiner Dimension mit Schimpf und Schande verjagt wird, war schlimm. Nur, für Johnson kann ich keine Mitleidstränen vergießen, denn er hat der olympischen Bewegung und der Leichtathletik unendlich geschadet.
SPIEGEL: Würden Sie einen Läufer, der bei Sportfesten in Zürich oder Köln gedopt als Sechster durchs Ziel kommt, ebenfalls lebenslänglich disqualifizieren?
COE: Selbstverständlich. Betrüger haben in unserem Sport nichts zu suchen. Wie Unkraut muß man sie herausjäten. Ich ziehe deshalb meinen Hut vor den Kanadiern. Sie haben sich dem Problem gestellt und den Schmutz auf den Tisch gepackt. Sie haben Trainer entlassen und Sperren gegen ein halbes Dutzend Sportler ausgesprochen. Sie hätten es sich auch einfach machen und argumentieren können, Johnson sei ein Einzelfall. Und es dann wie fast alle Länder, die dieses Problem haben, bei zwei Jahren Sperre bewenden lassen.
SPIEGEL: Würde Sie die Nachricht einer Begnadigung Johnsons überraschen?
COE: Nein, leider nicht.
SPIEGEL: Demnach wird der Traum geldgieriger Promoter, die auf ein Duell zwischen Carl Lewis und Ben Johnson, also "Mr. Sauber" gegen "Mr. Doping", spekulieren, womöglich bald Realität?
COE: Ja, denn wir haben bei den internationalen Verbänden keine starken Führungspersönlichkeiten, die ihre kommerziellen Interessen vergessen, mit der Faust auf den Tisch schlagen und sich weigern, das hinzunehmen.
SPIEGEL: Auch den Sportlern geht es schließlich nur noch um Dollar.
COE: Natürlich bedeutet Geld einen zusätzlichen Anreiz. Wer wollte das bestreiten. Aber es ist sicher nicht das Geld, was die Sportler in die Stadien treibt und motiviert. In zehn Jahren mag es anders sein. Doch wenn Sie heute die Topstars vor die Alternative stellen würden, entweder ohne Geld oder überhaupt nicht mehr zu laufen, würden die meisten weiterhin starten.
SPIEGEL: Vor allem diejenigen, die sich wie Sie inzwischen ein Millionenvermögen erlaufen haben.
COE: Das ist mir zu zynisch formuliert. Natürlich werden wir nie mehr jene idyllischen Zeiten erleben, von denen die Puritaner träumen. Wir werden nicht plötzlich sagen können, daß der Sport seinen eigenen Weg zu gehen habe - ohne Medien, ohne Sponsoren, ohne das Fernsehen. Das ist unrealistisch.
SPIEGEL: Hat Sie nie gestört, daß Veranstalter von Sportfesten die Spitzenstars mit Sonderprämien zu Hochleistungen motivieren müssen?
COE: Das betrachte ich nicht als moralisch verwerflich. Das ist ja beinah so, als würde man argumentieren, daß in einer Kirche niemand predigen darf, der dafür ein Gehalt bezieht. Philosophisch habe ich zu meinem Sport keine andere Beziehung, nur weil Geld involviert ist. Ich liebe die Leichtathletik, den Kampf, das Training. Ich räume allerdings ein, daß womöglich eine neue Generation heranwächst, für die nicht die Olympischen Spiele der Höhepunkt der Karriere sind, sondern die Sportfeste in Zürich, Köln oder sonstwo. Sie müssen einfach antreten, möglichst jede Woche, damit sie ihren Lebensstandard halten können. Das läßt nichts Gutes ahnen.
SPIEGEL: Der Sport insgesamt entwickelt sich immer mehr zu einer Branche der Unterhaltungsindustrie. Die Fernsehproduzenten bestimmen inzwischen, wann Wettbewerbe gestartet werden.
COE: Der Sport, der schon immer Unterhaltung sein sollte und gewesen ist, wird unter Wert verkauft. Eben weil im großen und ganzen nicht gerade die klügsten Köpfe unsere Verbände führen. Aber wir leben nun mal im Zeitalter des Fernsehens. Der Sport benötigt die Werbung und die Sponsoren. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß wir unsere ureigenen Rechte verscherbeln sollten. Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir erklären müssen: Bis hierher und nicht weiter.
SPIEGEL: Bei Olympia findet der Ausverkauf des Sports doch längst statt.
COE: Bis zu einem gewissen Grad stimmt das wohl. Aber es zeichnet sich allmählich ein Wandel ab. Der olympischen Bewegung ist nicht durch irgendein göttliches Recht zugesichert, unwiderruflich und auf ewig die Sportler der Welt alle vier Jahre zu einem phantastischen Sportereignis zu vereinen. Den IOC-Führern ist das bewußt. Sie wissen: Noch glauben Sportler und Trainer an das olympische Ethos. Aber das Internationale Olympische Kommitee muß auf die Interessen der Sportler Rücksicht * Im 100-Meter-Finale bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. nehmen, sonst werden diese nach Alternativen suchen - die gibt es nämlich.
SPIEGEL: Was sollen die Olympia-Funktionäre denn tun?
COE: Das IOC muß etwa den Fernsehgesellschaften deutlich erklären: Nur weil sich übergewichtige Amerikaner nachmittags um halb sechs mit einem Päckchen Dosenbier vor den Fernseher hocken wollen, werden wir den Marathonlauf nicht mittags bei 55 Grad Hitze starten und das Leben der Sportler aufs Spiel setzen. Aber genau auf diesem gefährlichen Weg befinden wir uns.
SPIEGEL: Die Athleten leben vom Sport, da sind sie auf jede Mark angewiesen - und deshalb auch leichter erpreßbar.
COE: Harte körperliche Arbeit in einem Stahlwerk, das Schleppen von Mauersteinen, die Leiter rauf und runter, sind sicher nicht die besten Voraussetzungen für eine angemessene Wettkampfvorbereitung. Bei aller Konzentration auf den Sport sollte ein Athlet jedoch nie vergessen, so wie es jüngere Konkurrenten leider zunehmend tun, daß man stets nur eine Verletzung entfernt ist vom Ende der Karriere, vom Vergessenwerden.
SPIEGEL: Sie hatten stets ein großes Beraterteam um sich versammelt. Wie viele Ihrer zwölf Weltrekorde haben denn Sie, der Physiologe, der Arzt, der Manager detailliert geplant?
COE: Sehr wenige. Letztlich siegt nicht die Wissenschaft, sondern immer der Mensch. Wir haben zwar versucht, die wissenschaftlichen Erkenntnisse - legal - zu nutzen. Ich habe jedoch nie vergessen, daß Sport mehr ist als eine Wissenschaft. Sport ist auch Kunst. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Sebastian Coe *
zählte über ein Jahrzehnt lang zu den weltbesten Mittelstreckenläufern, wurde 1980 und 1984 Olympiasieger. Der Engländer stellte zwölf Weltrekorde auf, von denen zwei (über 800 und 1000 Meter) noch heute gültig sind. Als er 1988 für Olympia in Seoul vom britischen Verband nicht nominiert wurde, bot ihm der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Juan Antonio Samaranch, an, unter der olympischen Flagge zu starten. Aus "einem vergifteten Kelch" wollte Coe aber nicht trinken - der schmächtige Rekordmann, der 1982 den Orden "Member of the British Empire" verliehen bekam, verzichtete. Aufgewachsen in der von Sozialisten regierten Industriestadt Sheffield, entwickelte der eloquente Brite, der ein Studium der Wirtschaftswissenschaften und Sozialgeschichte abschloß, schon als Mitglied der IOC-Athletenkommission politisches Engagement. Coe, 33, wird bei den nächsten Parlamentswahlen für die Regierungspartei Margaret Thatchers in einem als sicher geltenden Wahlkreis in der Grafschaft Cornwall kandidieren. In einigen Jahren, mutmaßt die Times, könne er Sportminister sein.

DER SPIEGEL 18/1990
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DER SPIEGEL 18/1990
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