05.11.1990

„Eine schöne Schrecklichkeit“

Als Geste an das arme Brudervolk war die Aufnahme von vietnamesischen Gastarbeitern in die alte DDR gedacht, aber jetzt werden sie kurzerhand wieder rausgeworfen - wohl zur Freude vieler Bürger im Osten. Beispiel: Vietnamesen im mecklenburgischen Malchow, wo sich Fremdenfeindlichkeit nun frei entfalten kann.
Wenn diese Fidschis wirklich ihren Arbeitsplatz behalten hätten und nur den Deutschen wäre gekündigt worden - der Geschäftsführer Bernd Zahrt möchte "gar nicht daran denken, was dann passiert wäre". Die Werktätigen, so stellt sich eine Mitarbeiterin diesen Ernstfall vor, "wären in den Betrieb gegangen und hätten die rausgeholt".
Es kann nichts mehr passieren, denn das Herausholen hat schon der Staat erledigt, als er noch DDR hieß. Die 88 Vietnamesen im Kleiderwerk zu Malchow in Mecklenburg sind entlassen - wie die meisten ihrer rund 60 000 Landsleute, die nach einem Abkommen zwischen ihrer Regierung und der SED-Republik im deutschen Osten arbeiten durften. Die demokratische DDR verhandelte neu, und jetzt sollen sie alle wieder weg.
"Fidschis" haben die Ossis sie in aller Völkerfreundschaft genannt, und wie man nun mit ihnen umgeht, muß mit dieser Wertschätzung etwas zu tun haben. Kaum war es gewendet, hat sich das neue Deutschland der asiatischen Altlast entledigt, so hastig, als drohe dem sozialen Klima eine akute Vergiftung.
Tran Van Trinh wäre "gern noch ein paar Jahre geblieben", auch wenn er sich in seinem Malchower Betrieb immer "ganz, ganz einsam" gefühlt hat. Jetzt sitzt er in dem winzigen Zimmer, das er sich mit seiner Freundin Bui Ngoc Tram teilt, auf dem gemeinsamen Einzelbett, lächelt dauernd und weiß nichts mehr: "Tränen sind auch keine Hilfe."
Die beiden sind erst 19, und sie hätten sich, sagt Bui Ngoc Tram, Deutschland "auch als unsere zweite Heimat vorstellen können". Um überhaupt hier bleiben zu dürfen, hat sie in Malchow ein Kind abtreiben lassen, das sie lieber geboren hätte. Denn Schwangere, so besagte das Vertragswerk zwischen der DDR und dem vietnamesischen Brudervolk, mußten sofort wieder zurück nach Hause.
Aufrechnen läßt sich das nun nicht mehr, schon gar nicht mit der Abfindung, die die Regierung de Maiziere mit den Machthabern in Hanoi und im Einvernehmen mit dem Bonner Finanzministerium ausgehandelt hat: 3000 Mark Prämie für jeden, der heimfliegt, und für wenigstens drei Monate 70 Prozent des Nettolohns. Und diese hier in Malchow haben auch nicht groß was beiseite legen können.
Fünf Jahre lang hätten sie eigentlich bleiben sollen, mit vollem Kündigungsschutz, und für ein besseres Weiterleben in ihrem maroden Heimatland Vietnam hätte diese Zeit schon gereicht. Aber nun sind es nur elf Monate geworden.
Im November letzten Jahres, als das Regime ihrer Gastgeber schon in den letzten Zügen lag, war das Gros der 88 in Mecklenburg angekommen - überwiegend Frauen zwischen 20 und 30 und gut ein Drittel Waisen, die ihre Eltern im Vietnamkrieg verloren haben. "Die meisten hatten sich riesig gefreut, in die DDR zu kommen", sagt Le Thanh Long, Dolmetscher der Gruppe, der in den achtziger Jahren Maschinenbau in Dresden studierte und jetzt die oft noch bescheidenen Deutschkenntnisse seiner Leute zu ergänzen hat. Doch diese Freude war ganz auf einer Seite.
"O Gott, was sollen bloß diese vielen Leute hier?" erinnert sich eine Meisterin im Malchower Kleiderwerk an ihren ersten Gedanken, und manch einer sagte so etwas auch laut. In dem Betrieb - rund 400 Mitarbeiter und eine von drei Jeans-Nähereien in der DDR - stapelten sich schon damals die blauen Tücher. Von den volkseigenen Hosen war kein Stück mehr zu verkaufen, Wrangler und Levi's saßen jetzt auf dem Hintern. Nur die Geschäftspartner im Westen, der Otto-Versand, Woolworth und Neckermann, nahmen noch etwas ab - wie zuvor schon zu Preisen, die nicht annähernd die Kosten deckten.
Ungebeten waren die farbigen Gäste ohnehin, und "ein bißchen primitiv" waren sie zu Anfang auch noch, erinnert sich die Meisterin, "die kamen wohl aus 'ner Gegend, die so'n bißchen hinterm Mond war". Im übrigen aber waren sie recht anstellig, und sie ließen sogar die Waffen ruhen. Denn "vorher", sagt eine deutsche Arbeiterin, "hieß es: Die sind ganz schlimm, die gehen gleich mit dem Messer auf dich los".
Fern-Ossis in das industrieschwache Mecklenburg zu verschicken - das war sicher so erdenfern wie alle Planung der ostdeutschen Staatsökonomie. Die Wirtschaft des Städtchens Malchow mit seinen 9000 Einwohnern ruhte auf zwei mickrigen Säulen: der Jeans-Fabrik und einem Teppichwerk mit etwa 800 Mitarbeitern, dessen orientalisch gewirkte Kunststoffläufer den Sowjets angedreht wurden.
"Wir haben es nicht verstanden, daß wir weg müssen", sagt jetzt Tran Van Trinh, aber zu verstehen ist das schon. Entbehrlich sind die Vietnamesen im deutschen Osten nun überall, auch in den Chemie- und Braunkohlebereichen des Südens, wo sie zeitweise wirklich gebraucht wurden. Doch zu den brennenden Problemen der neuen Provinzen zählen sie ganz gewiß nicht.
Die Mitverantwortlichen in Bonn, die bei 1,5 Millionen türkischen Mitbürgern, 900 000 Aussiedlern und 368 220 Asylanten allein in den letzten drei Jahren an ganz andere Posten gewöhnt sind, kann dieses Kontingent aus Asien nicht so richtig erschreckt haben. Und die Ostdeutschen vergaßen in diesem Fall etwas von jenem Tugendgut, das sie nach vielstimmiger Bekundung in die gesamtdeutschen Beziehungen und den kalten Kapitalismus einzubringen haben - diese Grundsolidarität zum Beispiel, die in entbehrungsreichen Jahrzehnten gewachsen sei, und den behutsamen Umgang mit dem Schwächeren, den sie dauernd reklamieren.
Ein sanfter Schubs für diese Vietnamesen wäre wohl möglich gewesen. Aber kräftig angeschoben, so läßt sich denken, wurde der Rausschmiß dann von einem Phänomen, das auch den Westdeutschen geläufig ist: einer ausgeprägten Fremdenfeindlichkeit, die jetzt von Staats wegen nicht mehr zugedeckt wird und sich im Kampf um die Arbeitsplätze vehement entladen könnte.
Daß sie herzlich unwillkommen waren, blieb den Vietnamesen auch im gemächlichen Mecklenburg nicht lange verborgen. Manche überwanden sich: "Wir haben gedacht", sagt die Meisterin aus dem Kleiderwerk und verrät sich dabei gleich ein bißchen, "wenn das unsere Kinder wären und die wären da unten und würden so gehässig behandelt." Doch es strichen auch jüngere Arbeiter an den Neulingen vorbei und blafften: "Was wollt ihr hier, ihr Blödköppe?" Was die Fidschis wohl nicht verstanden, aber bestimmt begriffen haben.
Kollegialität wurde nicht gerade verschwendet, und Bui Ngoc Tram, die 19jährige, hat sich an ihrem Arbeitsplatz, "entschuldigen Sie, wie ein Sklave" gefühlt. Natürlich gab es auch die anderen, die netten Deutschen, mit denen man sich sogar anfreunden konnte. Aber die waren so rar wie Ersatzteile für den Trabi.
Umarmungen von ihren Gastgebern hatten die Vietnamesen nicht erwartet. Aber diese offen getragene Abweisung, bestenfalls Gleichgültigkeit, hat sie dann doch überrascht. "Man braucht das Geld hier zum Leben", sagt Le Thanh Long, der Übersetzer, "man braucht aber auch ein bißchen Menschlichkeit."
An der alten Goethe-Schule in Malchow steht auch so etwas: "Hilfreich sei der Mensch, edel und gut", nur ist die Schulzeit so lange her.
Als wenn das noch nötig gewesen wäre, hatten bereits die zuständigen Amtsstellen dafür gesorgt, daß engere Berührungen mit dem Volk nicht stattfanden. Die Vietnamesen wurden in einen separaten Wohnblock gesteckt, neu errichtet in der "Straße der Jugend". Als erster Salut krachte ein Stein in das Fenster einer Gastarbeiterwohnung. Das Glas setzten die Betroffenen mit Klebestreifen sorgsam wieder zusammen, und es ist immer noch zu besichtigen.
Rundherum wimmelt es von deutschen Nachbarn, aber das Haus Nummer 84 ist eine abgeschlossene Sache. Der äußere Eingang kann zwar noch überwunden werden, aber danach kommt eine Gittertür, und davor ist die Wache, rund um die Uhr von deutschen Posten besetzt. In letzter Zeit ist die Kontrolle tagsüber etwas lasch, doch zuvor ging es zu wie im Strafvollzug: Ankömmlinge hatten sich zu melden, wurden registriert und in einen Besucherraum geführt, wo dann die völkerverbindenden Gespräche stattfinden durften.
Dem Wächter Mike Janke, 23, war gesagt worden, diese Abschottung sei zur Sicherheit der Vietnamesen da, aber er dachte sich schon, "daß die wohl alle auf einem Haufen haben wollten", zwecks Übersicht über die Fremdkörper. Es war ihm "schon komisch", wenn er bei den paar Deutschen, die vorsprachen, immer erst den Namen und die Nummer des Personalausweises aufzuschreiben hatte, "aber das war eben die Anweisung". Manchmal mußte er auch ältere Leute aus der Fabrik stoppen, die da mit Geschenken und Blumen standen und auf dem Zimmer eines vietnamesischen Kollegen dessen Geburtstag feiern wollten. Sie haben ihm leid getan, die Deutschen.
Hin und wieder kamen Besucher doch bis in die Wohnungen, aber das soll hier im Interesse der Wachhabenden nicht weiter ausgeführt werden. "Wenn man gewollt hätte", sagt eine Mitarbeiterin aus der Jeans-Fabrik, "man hätte viel Kontakt mit denen haben können." Doch da sei eben der eigene Alltag gewesen, schwer genug - und dann "also, mein Mann, der ist nämlich gegen das alles".
Außerhalb des Hauses ist es in Malchow nicht leicht, sich die Zeit zu vertreiben, nicht einmal als gerngesehener Gast. Der Ort, eingebettet in die Mecklenburgische Seenplatte, hat eine liebliche Lage, aber viel mehr hat er nicht. In der bescheidenen Gastronomie ist der Ruhetag noch immer kein besonderes Ereignis; die Sehenswürdigkeit ist ein altes Zisterzienser-Kloster, und selbst das hält auf Abstand und liegt am anderen Ufer.
In eins der spärlichen Jugendlokale wären die Vietnamesen schon gern gegangen. Aber jetzt haben sie dafür kein Geld mehr, und vorher hatten die meisten, sagt Tran Van Trinh, "Angst, daß sie uns schlagen". Aus der Luft gegriffen war diese Befürchtung wohl nicht. "Wenn die hier reinkommen", zitiert eine junge Malchowerin das Getöne der männlichen Kneipenkundschaft, "kriegen sie eins aufs Maul."
So gingen denn die 88 zur Arbeit, saßen im Haus, kochten sich was und suchten Ventile für den Kasernenkoller. Sie kamen auf das übliche: öfter mal ein Gläschen und dröhnende Stereoboxen, oft auch nach 22 Uhr, der Zeit, zu der die Hausordnung den jungen Leuten absolute Ruhe verschrieb. Selbstverständlich kam es zu Überschreitungen, und eine Spezialität der Bewohner war manchmal im ganzen Hause zu hören: mit Löffeln und Gabeln auf den Heizkörpern den Rhythmus zur Musik zu trommeln.
Doch sehr bald erfuhren die Gäste, wie eine Heimleitung mit so etwas fertig wird - wenn schon schärfere Maßnahmen aus politischen Gründen nicht möglich sind. Der Hausmeister drehte nämlich einfach in der betreffenden Wohnung den Strom ab, mal für eine Stunde und, wenn es beliebte, auch einen ganzen Tag lang.
Dolmetscher Long, der auf Disziplin hält, findet das "auch nicht so schlecht", jedenfalls zur Nachtzeit. Aber schließlich griff der Hausmeister auch tagsüber zur Stromsperre, und das, sagt Long, "ist wirklich nicht schön".
Natürlich fanden sich Paare in der Straße der Jugend 84, und es hatte die gewöhnlichen Folgen. Sie sollten Verhütungsmittel nehmen, "das wurde ihnen gesagt", sagt die Meisterin aus der Jeans-Fabrik, "und daran sollten sie sich auch halten", denn "das Jahr Ausfall bei einer Schwangerschaft, das geht ja von unserem Geld ab".
Aber nicht alle hielten sich daran, und es gab eine ganze Reihe von Abtreibungen, sozial indiziert, sozusagen. Aber ein Kind kam durch.
In Malchow wächst seit sechs Monaten ein Vietnamesen-Baby heran, Tochter von Nguyen Thi Theinh Son, 20, die beide Eltern im Vietnamkrieg verlor, und Pham Van Binh, 24, bei dem nur der Vater fiel. Und als dieses Kind unterwegs war, hatten die deutschen Frauen in Nguyens Abteilung ein Einsehen und sahen nichts mehr.
"Sie haben mir sehr geholfen, das zu verbergen", sagt die Mutter, will aber mehr nicht verraten. Wieso sie dann nicht abreisen mußte? Geschäftsführer Bernd Zahrt vom Kleiderwerk hat dafür eine überraschende Erklärung: "Das war die Marktwirtschaft." Und er meint die neue Zeit in der DDR, als vielen die alten Kommandos im Halse steckenblieben.
Im Haus 84 hat sich nun ein weiteres Baby angekündigt, und ob die Marktwirtschaft hier auch wieder einspringen muß, hängt davon ab, ob die Eltern so lange noch bleiben können. Wann "die Fidschis nun endlich abhauen", wird Mike Janke, der junge Wachmann, von seinen Altersgenossen gefragt, und einige Malchower möchten wohl mit dazu beitragen.
Als Le Thanh Long neulich mit Freund und Freundin spazierenging, schoß ein Auto mit Jugendlichen auf sie zu. Sie konnten, sagt er, gerade noch beiseite springen, und die flotten Jungs hatten was zu lachen. Das mag ein grober Scherz gewesen sein, aber gar nicht spaßig war die Heimsuchung, die Pham Van Binh erlitt, der Kindsvater.
Nachts um elf donnerte es an seiner Tür, und draußen standen sieben oder acht junge Männer. Sie waren offenbar durch das Nebengebäude ins Haus gekommen und stellten nun "blöde Fragen". Pham Van Binh verwies auf das Baby, das doch schlafen müsse, aber da zückte einer ein Messer und hielt es ihm an die Kehle. Die anderen zertrümmerten Flaschen in der Wohnung und was ihnen sonst in die Hand kam, aber dann zogen sie doch ab.
"Das war eine schöne Schrecklichkeit", sagt Pham Van Binh. Zur Wache wollte er nicht mehr gehen, "es war ja schon so spät". Aber Aufseher Janke weiß Bescheid: "O ja, die steckten in mehreren Stockwerken, und ich hatte alle Hände voll zu tun."
In der ersten Zeit, sagt Tran Van Trinh, hätten sie die Überwachung in ihrem Wohnblock schon als Freiheitsentzug empfunden, "aber jetzt ist das ganz gut so", und darüber muß er lachen. Sprachhelfer Long sieht das ernster: "Sie haben uns damals gesagt, wir müssen gemeinsam den Faschismus verhindern. Aber jetzt ist es bald so, daß dies hier ein feindliches Land ist."
Seit der Wende, da sind sie sich einig, ist die Ablehnung durch die Deutschen noch um einiges sichtbarer geworden. Die deutsche Einigung, sagt Heimbewohner Le Dinh Long, der Frau und Kind in Vietnam zurückließ und sie mit dem Job in der DDR durchbringen wollte, sei sicher "notwendig gewesen", aber daß damit "auch diese Menschenfeindlichkeit gekommen ist", verbittert ihn. Angemuffelt und verschrien werden sie vor allem von Jüngeren, die sich von den Fremdlingen speziell geschädigt wähnen: Schon als im letzten Jahr eigens für die Vietnamesen diese Hauseinheit hochgezogen wurde, gab es unter den vielen Wohnungssuchenden jüngeren Jahrgangs böses Blut; nun kann es mit der Räumung nicht schnell genug gehen.
Älteren Malchowern fehlen, sobald das Gespräch auf die Vietnamesen kommt, häufig die passenden Worte. Dieses Thema, so ist ihrer Druckserei zu entnehmen, möchten sie lieber hintanstellen, und man könnte meinen, daß da irgendwas verbuddelt werden soll.
Da ist zum Beispiel Herr Feudel, der Hausmeister für die Nummer 84, der seinen Namen gar nicht sagen will und am liebsten noch weniger. Ah, diese Vietnamesen, meint er, als seien ihm die schon einmal begegnet. Da weiß er nun wirklich nichts.
Ja doch, den Strom hat er abgedreht, wenn es ihm zu laut war. Und sonst "konnten die sich ja frei bewegen", was offenbar schon eine Menge ist. Die Besuchskontrolle? "Das war ja Befehl von oben." Und dann spricht er für viele in seinem vergangenen Lande: "Ich tue, was man mir sagt, und alles andere geht mich nichts an."
Herr Feudel hat Angst um seinen Arbeitsplatz, wie jetzt so mancher. Und das verschließt schon wieder die Münder, kaum, daß sie die endlich aufmachen durften. Die Stasi hört nicht mehr überall mit, aber nun sind es die Chefs, die das Wohlergehen in der Hand haben, und darunter sind viele von gestern.
Die meisten Mitarbeiter der Jeans-Fabrik sind inzwischen auf "Kurzarbeit mit null Stunden", wie es so heißt. Und die Vietnamesen waren natürlich unter den ersten, die weggeschickt wurden. Wohl zu ihrem Glück, denn so ist die Schreckensvision des Geschäftsführers Zahrt doch nicht wahr geworden.
Zum Leben bleibt ihnen nun nicht mehr viel, erst recht nicht zum Sparen. Weil diese Asiaten, wie man weiß, mit einem Schälchen Reis am Tage ihr Auskommen haben und im übrigen froh sein konnten, lagen ihre Löhne ohnehin am unteren Rande. Um 450 Mark waren es im Durchschnitt, 30 Mark mußten für die Miete im Wohnheim abgezweigt werden, und manche Mark ging in die Heimat.
Denn von dem Einkommen der Gastarbeiter in Malchow und in der übrigen DDR zehrten noch die Familien in Vietnam und ganze Sippen. "Wir haben immer Kisten geschickt", erklärt Le Thanh Long, und darin waren Radios und Fahrräder, Kleider und Medikamente, und mitunter wurde auch ein Moped verfrachtet. Für solch ein Fahrzeug ist drüben in Vietnam ein beträchtlicher Preis zu erzielen - drei durchschnittliche Jahresverdienste eines qualifizierten Werktätigen.
Mit dem Lohn aus dem Kleiderwerk war das alles nicht gut zu machen, und so haben viele noch ein wenig nebenbei verdient. Die Frauen kauften Stoffe und nähten Hosen daraus, die von der DDR-Kundschaft gern genommen wurden. Und als die Ossis dann in den Westen und sich mit allem selbst versorgen konnten, stiegen die Vietnamesen auf den Straßenhandel um. Sie reisten quer durch die Republik und nach West-Berlin, kauften hier und da und vor allem bei den Polen günstig ein und breiteten ihre Ware auf Malchows Straßen aus - bis es der Stadtverwaltung zu bunt wurde und sie auf den Markt verwies.
Sehr viel besser als den Vietnamesen geht es den deutschen Kollegen jetzt allerdings auch nicht mehr. Und ob die noch mal von ihrer Kurzarbeit herunterkommen, hängt wiederum von der Lösung der Vietnamesen-Frage ab.
Der Jeans-Absatz des Kleiderwerks ist nicht mehr der Rede wert. Die West-Kunden von ehedem nehmen noch ab - bestehen aber, wie es sich für ordentliche Kapitalisten gehört, auf den alten Vertragsbedingungen und mithin auf Preisen, die nichts als Verluste bringen.
Die Malchower GmbH "i. A.", was "im Aufbau" heißt, untersteht nun der Berliner Treuhandanstalt, und es gibt Lichtblicke: Ein westdeutscher Maschinenausrüster hat sich im Kleiderwerk engagiert und auch gleich neue Aufträge besorgt - Arbeitskleidung für französische Firmen. Mehr als hundert Leute arbeiten schon wieder in der vollen Schicht, und Firmenchef Zahrt ist zuversichtlich, "daß es allmählich immer mehr werden".
Nur: Der Betrieb soll jetzt, wie es die zwischenstaatliche Abmachung vorsieht, den Vietnamesen nicht nur die 3000-Mark-Prämie und drei Monate lang den Teillohn zahlen, sondern auch die Kosten für den Rückflug tragen: alles in allem 620 000 Mark. Zwar wird, wenn die Notlage es erfordert, das Finanzministerium in Bonn einspringen, aber Bernd Zahrt soll erst einmal, wie ihm schriftlich bedeutet wurde, den Betrag vorfinanzieren - "und dabei leben wir im Augenblick doch nur von Liquiditätskrediten".
Zahrt verhandelt nun mit den ehemaligen DDR-Finanzbehörden in Ost-Berlin, und für ihn ist klar: "Wenn ich das bezahlen muß, überleben wir nicht."
Die gefeuerten Mitarbeiter aus dem Fernen Osten wird das nicht kümmern. Sie sind nur mehr die Luftfracht in einem Handel, der weder der alten noch der gewendeten DDR oder dem großen Deutschland zur Zierde geworden ist. Und mit dem großmütigen Angebot im Abschiebungsreglement, bei Nachweis von Wohnung und Arbeit hierbleiben zu dürfen, müssen sie sich veralbert vorkommen.
Vier Frauen aus der Malchower Kolonie haben sich entschlossen, in der Bundesrepublik zu bleiben - wenn sie denn die Bedingungen erfüllen können. Für den Rest ist das ein unkalkulierbares Risiko. "Jeder möchte eigentlich hierbleiben", sagt Nguyen, die Kindsmutter, "wir wissen nicht, was wir machen sollen - hier dürfen wir nicht sein, zu Hause haben wir keine Arbeit." Sie und ihr Mann haben sich die Schlagzeile eines Boulevardblatts an die Zimmerwand gepappt: "Liebe ist die beste Medizin", aber davon können die wenigsten leben.
Ihr Mann wird sie und das Kind mitnehmen in sein vietnamesisches Dorf, aus dem er stammt, und seine Zukunft sind die 6000 Mark Prämie, die sie zusammen bekommen sollen und die er "als Stammkapital für irgendein Geschäft" verwenden will.
"Besonders leiden", sagt Le Thanh Long, "werden die Waisen. Die haben, wenn sie zurückkommen, meist nicht mal ein Dach über dem Kopf." Aber "es ist ja nicht nur der Job, der ihnen hier fehlt", setzt er dazu, sondern es ist "auch die Angst vor den Leuten, sie wollen nicht gehauen werden".
"Ich werde das nie vergessen", sagt der studierte Maschinenbauer, dessen Examen "in Vietnam zu nichts nutze" sein wird, "was ich in der letzten Zeit der DDR erlebt und gesehen habe", und er meint damit nicht die Attraktionen.
Das Elternpaar Pham und Nguyen nimmt auch eine kleine Erinnerung mit. Es hatte, bevor es aus der Fabrik geworfen wurde, seiner Tochter den Namen Pham Thi Duc Viet gegeben, und das "Duc" steht für "Deutschland". o

DER SPIEGEL 45/1990
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