05.11.1990

GroßbritannienTotes Schaf

Der Rücktritt ihres Vizepremiers enthüllt die Schwäche der Regierungschefin: Margaret Thatchers Europapolitik entzweit die Konservativen.
Margaret Thatcher, freute sich der Labour-Führer und Schattenpremier Neil Kinnock, sei von einem Mann "gebissen worden", den sie stets "als Fußabtreter" behandelt habe.
Zugebissen hatte Maggies Vize-Premier, Ex-Schatzkanzler und Ex-Außenminister Sir Geoffrey Howe. Seine ungewöhnliche Tat - darüber waren sich Londons Politiker am Wochenende einig - könnte den Abstieg der Großbritannien seit elf Jahren regierenden Eisernen Lady einleiten. "Es gibt immer einen Anfang vom Ende", kommentierte schadenfroh der frühere Premierminister und Thatcher-Intimfeind Edward Heath.
Howe, 63, seit 15 Jahren ein so hingebungsvoller Diener seiner Herrin, daß ihn der einstige Labour-Verteidigungsminister Denis Healey einmal mit dem zäh haftenden Beinamen "totes Schaf" versehen hatte, trat am vergangenen Donnerstag abend völlig überraschend von seinem Regierungsposten zurück. Er sehe sich "nicht mehr in der Lage", schrieb er an die Chefin, "Ihre Vorstellung von der richtigen Annäherung an Europa" zu teilen. Und: Es wäre "eine Tragödie", frühere Fehler in der Europapolitik zu wiederholen.
Howes Kündigung traf die Premierministerin völlig unvorbereitet. Noch am Vormittag hatte der Vize, ein rundlicher Mann mit Hornbrille und zu engen Jacketts, an einer Kabinettssitzung in Downing Street teilgenommen. Keinem der Teilnehmer hatte er den geringsten Hinweis auf seinen Rücktrittsplan gegeben.
Grund zur Brüskierung der Premierministerin hatte Sir Geoffrey hinreichend: Im Juli 1989 hatte sie den treuen Vasallen wegen seines Europa-Engagements vom Amt des Außenministers auf den bedeutungslosen Job des Vize-Premiers strafversetzt.
Nun stürzte der Gedemütigte das Thatcher-Regime "in die schwerste Krise seit seinem Bestehen", so ein BBC-Kommentator. Regierung und konservative Partei spalteten sich in ein pro- und ein antieuropäisches Lager. Nie hatten die Briten ihre herrschsüchtige Premierministerin, die in elf Regierungsjahren 34 Kabinettsmitglieder verschliß, so isoliert gesehen. Der Independent wähnte die Thatcher-Regierung schon "im Todeskampf".
Die Götterdämmerung in der Downing Street nutzte als erster der Thatcher-Rivale Michael Heseltine, 1986 nach Meinungsverschiedenheiten mit der Chefin zurückgetretener Verteidigungsminister und nun aussichtsreichster Anwärter auf ihre Nachfolge. Kaum hatte die Überraschungsmeldung vom Howe-Rücktritt die Nation aufgeschreckt, eilte der telegene Recke mit der blonden Mähne von Interview zu Interview.
Heseltine, 57, erwartungsfroh im Fernsehen: "Dies ist der Augenblick, Fragen zu stellen" - zur Politik der Margaret Thatcher und nach der Zukunft Europas.
Die Konservativen sind verunsichert wie nie. Zwar hat eine Tory-Regierung Großbritannien in die Gemeinschaft geführt, aber unter Margaret Thatcher haben die Gegner der politischen Einigung Europas die Oberhand gewonnen.
Auf dem Tory-Kongreß Mitte Oktober im südenglischen Seebad Bournemouth hatte Geoffrey Howe den Delegierten die Frage gestellt, welche die Partei immer dringlicher an Margaret Thatcher richtet: "Soll Großbritannien (in Europa) auf dem Führerstand sitzen oder im letzten Waggon?"
Im Thatcher-Kabinett sitzen zwei weitere prominente Tories, die ihr Land stärker am europäischen Einigungsprozeß beteiligen wollen: Außenminister Douglas Hurd und Schatzkanzler John Major, der in Bournemouth schon als neuer Star gefeiert wurde.
Die beiden Minister müssen nun - das erwarten vor allem die jüngeren Konservativen - ihre Überzeugung deutlich machen: Entweder sie zwingen Maggie ihr eigenes Europa-Konzept auf - dann verliert sie ihr Gesicht. Oder Hurd und Major unterwerfen sich dem Thatcher-Diktat gegen eine europäische Währungsunion und gegen die politische Integration des alten Kontinents. Das könnte für beide das Ende ihrer Zukunftsträume bedeuten.
Die von Sir Geoffrey entfachte Krise zeigte den Briten, daß es mit der "Philosophie vom modernen Konservatismus" (Thatcher vorige Woche über den Thatcherismus) steil bergab geht.
Nach unbestreitbaren Anfangserfolgen der Premierministerin in den frühen achtziger Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage Großbritanniens. Die Inflationsrate von 10,9 Prozent übertreffen in der EG nur noch Griechenland und Portugal; der Industrieverband CBI sagte vorige Woche eine "schwere Rezession" voraus. Der staatliche Gesundheitsdienst steht vor dem Zusammenbruch - fast 913 000 Menschen müssen ein ganzes Jahr lang auf Operationen warten. Firmenbankrotte, verursacht durch einen Zinssatz von 14 Prozent, häufen sich.
Der angesehene Independent on Sunday empfahl der Premierministerin, "mit Anstand" zurückzutreten, denn: "Sie wird alt und macht Fehler."
Auch im Unterhaus schwindet Frau Thatchers Autorität: Als die Regierungschefin vorigen Dienstag im Parlament mit einem pathetischen "No, no, no" den Wunsch nach europäischer Integration ablehnte, weil die Britanniens Souveränität gefährde, lachten selbst Tory-Abgeordnete sie aus.
Vergangene Woche fand sich nur noch ein Thatcher-Fan von Rang in Downing Street ein. Bei einem Fototermin legte Fußballnationalheld Paul ("Gazza") Gascoigne feixend seinen Arm um die sanft Errötende. "Nett und knuddelig" fand er sie. o

DER SPIEGEL 45/1990
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