05.11.1990

Sahel-ZoneFürsten der Erde

Den Tuareg droht die Ausrottung, nachdem sie sich gegen ihre Unterdrücker erhoben haben.
Als die Tuareg-Familien mit ihren Herden zu den Wasserstellen im Norden des Sahel-Staates Niger kamen, begann das Gemetzel: Soldaten hatten ihnen aufgelauert, schossen wahllos auf die Ankömmlinge, töteten Jugendliche vor den Augen ihrer Eltern, vergewaltigten Frauen, zogen Greise nackt aus - eine Schmach, die für Angehörige des Nomadenvolks schlimmer zu erleiden ist als der Tod.
Die "blauen Männer", so genannt wegen ihrer indigogefärbten Gewänder - sie selbst bezeichnen sich als "freie Männer" -, hatten mit ihren traditionellen Säbeln und Speeren keine Chance gegen die Gewehre der Regierungstruppen.
Die staatliche "Vergeltungsaktion" kostete im Mai nach offiziellen Angaben 70 Tuareg das Leben. Augenzeugen berichteten dagegen von mehr als 200 Toten, nicht mitgerechnet jene Stammesmitglieder, die verdursteten, weil sie sich nicht mehr an die Brunnen wagten. Um gegen ihr Elend zu protestieren, hatten wenige Tage zuvor junge Tuareg die Unterpräfektur des Ortes Tschin-Tabaradene besetzt und dabei zwei Polizisten getötet.
Der folgende Rachefeldzug des nigrischen Militärs hat eine Revolte unter den Tuareg ausgelöst, die bis heute andauert und auf das Nachbarland Mali übergegriffen hat. Dort wurden bereits Hunderte von Tuareg verhaftet; allein im August sind nach Angaben von Amnesty International 55 Männer, Frauen und Kinder öffentlich hingerichtet worden - unter ihnen ein 80jähriger Mann und ein 10jähriger Junge.
Im September und im Oktober häuften sich die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Armee Malis und den Tuareg-Rebellen. Kämpfe um Militärposten nördlich von Kidal und in Bughessa forderten Hunderte von Toten. Schon warnen Oppositionsgruppen in Mali und Niger, Ethnologen und Amnesty International vor einem drohenden Genozid an einem der letzten Nomadenvölker.
"Sie schweifen umher, flink und leicht wie die Fürsten der Erde, fürchten niemanden, kriechen vor keinem - festen Glaubens, anderen Völkern überlegen zu sein." So beschrieb der englische Anthropologe Francis R. Rodd in den zwanziger Jahren die Stämme der Tuareg, von denen heute etwa 500 000 in Niger, 300 000 in Mali, 50 000 in Libyen, 20 000 in Algerien und 30 000 in Burkina Faso leben. Als "Herren der Wüste", mutige Krieger und "edle Wilde" haben sie jahrhundertelang die Phantasie von Schriftstellern, Forschern und zivilisationsmüden Europäern beflügelt - ähnlich wie die Indianer Nordamerikas.
Die hellhäutigen, den Berbern verwandten Tuareg beherrschten die Sandfelder der Sahara und den Karawanenhandel. Weder den schwarzen Stämmen des Südsahel, von denen sie sich einst ihre Sklaven raubten, fühlen sie sich verbunden noch den Arabern im Norden.
Zwar bekennen sich die Tuareg, bei denen die Männer ihre Gesichter verhüllen, zum Islam, doch ihr religiöser Eifer ist begrenzt. Anders als viele Moslems leben sie monogam und unterdrücken ihre unverschleierten Frauen nicht, auch nicht sexuell. 1903 entdeckte der französische Missionar Charles de Foucauld, Autor des ersten Wörterbuchs der Tuareg-Sprache Tamaschek, daß sie kein Wort für Jungfräulichkeit kennen.
"Unsere Gesellschaft ist auf Freiheit aufgebaut, auf der Freiheit des Denkens und der Freiheit der Bewegung", behaupten die Tuareg in Malis Unruhegebiet Adrar des Iforas. Doch die Realität des stolzen Nomadenvolkes sieht ganz anders aus: Schon zu Beginn dieses Jahrhunderts verloren die Tuareg in blutigen Kämpfen mit der französischen Kolonialmacht ihre traditionelle Herrschaft über den Saharahandel.
Auch die Unabhängigkeitswelle, die um 1960 den Kontinent erfaßte, brachte den "freien Männern" keine Freiheit. Im Gegenteil: In ihren einst von Frankreich beherrschten Wandergebieten entstanden zahlreiche souveräne Staaten. Die neuen Grenzen schränkten ihre Bewegungsfreiheit ein, bürokratische Bestimmungen und Zollgesetze richteten ihren Handel zugrunde. Nun wurden sie als Schmuggler verfolgt, wenn sie Waren wie Tee, Zucker, Salz durch die Wüste transportierten.
Die Dürrekatastrophen der siebziger und achtziger Jahre schließlich trieben Zehntausende von Tuareg in die großen Städte. Dort lebten sie in Flüchtlingslagern, abhängig von den Spenden der internationalen Hilfsorganisationen - die "Herren der Wüste" wurden zu Almosenempfängern. Zehntausende suchten besonders in Algerien und Libyen nach Gastarbeiterjobs.
Eine neue Generation von Exilanten, Gelegenheitsarbeitern, Arbeitslosen, Bettlern und Streunern wuchs heran, eine Schicht, die es in der Geschichte des Nomadenvolkes zuvor nicht gegeben hatte. Die Tuareg nennen sie "Ischomar", abgeleitet vom französischen Wort für Arbeitslose, chomeurs. Die Ischomar bilden den harten Kern der Tuareg-Revolte.
Kein Land will die Ischomar haben, seit Jahren werden sie hin- und hergeschoben. Bereits 1986 versuchte Algerien, die ungeliebten Flüchtlinge loszuwerden: 10 000 Tuareg wurden mit Lastwagen an die südliche Grenze gekarrt und in der Wüste ausgesetzt. Internationale Proteste stoppten die unmenschliche Aktion.
Dieses Jahr sollte alles anders werden: Mit Hilfe der Uno und des Roten Kreuzes wollte die Regierung des Niger den Tuareg die Heimkehr erleichtern, allein im März kehrten 18 000 Tuareg zurück. Doch ihre Hoffnungen wurden enttäuscht: Hilfsgelder waren veruntreut, Spendengüter verschwunden, die für die Nomaden bereitgestellten Zelte wurden auf den Märkten der Hauptstadt Niamey zum Kauf angeboten. Nicht besser ging es den Tuareg, die nach Mali zurückkamen. Verzweiflung und Wut der Ischomar mündeten in die Rebellion.
"Wir folgen keiner bestimmten ideologischen Linie", versicherte Iyad ag Ghali, Chef der Tuareg-Rebellen, dem Pariser Monde, "seit der Entkolonialisierung sind wir mit keiner der betroffenen Regierungen zurechtgekommen. Unser augenblickliches Ziel ist es, die Soldaten, die auf alles schießen, was nicht schwarz ist, nach Süden abzudrängen."
Am 28. Juni hat Iyad ag Ghali mit 60 seiner Leute die Polizeistation von Menaka im Norden Malis überfallen und deren Waffenarsenal in seine Gewalt gebracht. "Es war", so ag Ghali, "der Beginn unseres Kampfes ums Überleben." Doch jedem Guerilla-Angriff folgte die Vergeltung der Regierung. "Für die Armee sind alle Tuareg Rebellen. Sie verfolgen uns mit blindem Haß. Die Soldaten töten Unschuldige und manchmal sogar unser Vieh", klagt ein alter Mann.
Auch ein "Sahara-Gipfel" Mitte September in der algerischen Oase Dschanet, auf dem die Staatschefs Algeriens, Libyens, Malis und Nigers über das Tuareg-Problem sprachen, brachte keine Lösung. Die Politiker beschlossen lediglich, die Wanderzüge der Nomaden künftig besser zu kontrollieren.
Den Regierungen Nordafrikas haben die "blauen Männer" noch nie getraut, auch nicht Muammar el-Gaddafi, der in Dschanet demonstrativ in der blauen Tracht der Tuareg erschienen war. Der Revolutionsführer hatte sich ihnen immer wieder als Fürsprecher und sein Land als Heimstatt angeboten.
"Oberst Gaddafi will, daß wir seine Wüste bevölkern. Er möchte uns im Tschad, im Libanon oder in Palästina als Soldaten einsetzen", fürchtet Tuareg-Führer Iyad ag Ghali, "wir schulden Gaddafi nichts, unseren Kampf müssen wir allein führen."

DER SPIEGEL 45/1990
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