10.09.1990

KrawalleIns Bein

In der DDR eskalieren Gewalt und Randale. In Leipzig schoß ein Polizist einen Jugendlichen nieder.
Als Wolfgang Hildmann, Jungunternehmer aus Ost-Berlin, nach dem ersten Tag auf der Leipziger Herbstmesse im Stadtzentrum ein Bierchen zischen wollte, fand er sich in einer Szene, wie er sie nur aus dem West-Fernsehen kannte: Ein "Ausbruch von Haß und Gewalt", sagt Hildmann, versperrte ihm vorletzten Sonntag den Weg zur Tivoli-Bar in der Katharinenstraße - "das war wie Kreuzberg, Hafenstraße, das absolute Chaos".
Um 18.35 Uhr fielen Schüsse. Polizisten, eingekreist und hart bedrängt von "ganz jungschen Peoples" (Hildmann) in grünen Bomberjacken, teils kahlgeschoren, teils langhaarig, hielten sich die Meute mit gezogener Pistole vom Leib. Nach einem gezielten Schuß brach ein Jugendlicher zusammen, die übrigen fielen über die Ordnungskräfte her.
Die Volkspolizei, sagt Einsatzleiter Peter Fischer, sei von der brutalen Gewalt nach dem Fußballspiel Lok Leipzig gegen Bayern München "total überrascht" worden. Über Funk habe er nur noch gehört: "Hilfe, hier wird einer gelyncht!" Da war es schon fast zu spät: Blut floß auf beiden Seiten, zwei Polizisten und drei Jugendliche mußten ins Krankenhaus.
Die Leipziger Randale ist der jüngste Höhepunkt einer Serie von Ausschreitungen, die Fußballspiele in der Noch-DDR allerorten nach sich ziehen. Kurz zuvor waren rund um das Stadion in Erfurt Steine und Leuchtraketen geflogen, zurück blieben zwölf Verletzte. Mittwoch vergangener Woche griffen Fußball-Rowdys in Magdeburg Sowjetsoldaten an, ein Offizier wußte sich nur mit einem Warnschuß zu helfen.
Die Hooligans zeigen neben der Lust auf Gewalttätigkeiten wachsende Begeisterung für faschistische Parolen. Nach einer Schätzung des Ost-Berliner Zentralen Kriminalamts (ZKA) umfaßt das rechtsextreme Potential im Lande mehrere zehntausend Menschen, vor allem Jugendliche.
Republikweit berüchtigt sind die Fans des früheren Stasi-Klubs FC Berlin, vormals BFC Dynamo. Wie gut die jugendlichen Schläger organisiert sind, stellten sie bereits Ende der vergangenen Oberliga-Saison zur Schau: Nach einem Heimspiel im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, Stadtbezirk Prenzlauer Berg, fanden sich rund 200 glatzköpfige Skinheads und straffgescheitelte Faschos auf dem Marx-Engels-Forum im Stadtzentrum ein. Flugs bildete die Truppe dort, vis-a-vis der Volkskammer, eine Hakenkreuzformation - im Mittelpunkt wie zum Hohn die Skulptur der beiden kommunistischen Ahnherren.
In nahezu jeder DDR-Stadt haben sich Skin- und Fascho-Banden gebildet, die Randale wie einen Sport betreiben und sich dabei mit Nazi-Sprüchen - "SA marschiert", "Juda verrecke", "Schlagt die Linken, Sieg, Sieg, Sieg!" - in Stimmung bringen. Bei Angriffen auf Ausländerwohnheime und Kommunikationszentren linker Gruppen bewaffnen sie sich gern mit Gummigeschossen und Molotow-Cocktails.
Es wird weiter aufgerüstet. "Die Militanz von extremistischen Gruppierungen ist angewachsen", warnt DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel in seinem jüngsten Sicherheitsbericht. Eine "sprunghafte Zunahme" registriert der Christdemokrat bei der ungesetzlichen "Einfuhr von Waffen, Munition, Schußgeräten und anderen gefährlichen Gegenständen".
Ende August stürzte sich eine Skinhead-Bande in der Ost-Berliner S-Bahn auf vier Vietnamesen. Mit Schlagstöcken und einem Beil brachten die Skins ihren Opfern erhebliche Verletzungen bei, gleichzeitig hielten sie ihre Taten per Videokamera fest. Kommentar eines Skins: "Es war eine gute Aktion, der Parteiführer wird zufrieden sein."
Die Polizei reagierte lasch. Nachforschungen der Ost-Berliner Ausländerbeauftragten Anetta Kahane ergaben, daß die Vopos weder Spuren gesichert noch die zahlreichen Zeugen befragt haben. Sie verzichteten auch darauf, den Vietnamesen Lichtbilder von einschlägig Vorbestraften zu zeigen. Anetta Kahane: "Außer der Anzeigenaufnahme erfolgte offensichtlich gar nichts."
Passiv verhält sich die durch die Wende total verunsicherte Volkspolizei gegenüber rechtsextremen Gewalttätern landauf, landab. Die Uniformierten, die als Büttel des SED-Regimes oft brutal zur Sache gingen, halten sich zurück - aus Angst, ihr altes Image könnte sie einholen. Bernd Wagner, Leiter der Abteilung Extremismus beim Ost-Berliner ZKA, räumt ein, daß die Polizei zuletzt "nicht immer handlungsfähig war".
Beispielhaft zeigt gerade der jüngste Krawall in Leipzig, wie sehr die Vopos bei Ausschreitungen überfordert sind.
Die Stadt war an diesem 2. September von Gästen überlaufen. Morgens wurde die Messe mit viel Prominenz eröffnet, Sicherheitsstufe 1 für die Polizei. Nachmittags trat die Meistermannschaft aus München gegen den Lokalmatador an (1:1), abends zog Tina Turner vorm Zentralstadion ihre Show ab.
Als Skinheads zwischen Fußball und Rock-Spektakel einen ausländischen Messegast durchs Stadtzentrum hetzten, sah sich die Besatzung einer Funkstreife zum Eingreifen genötigt. Unterstützung kam von drei Kollegen, die für diesen Tag von der Polizei-Offiziersschule abkommandiert worden waren. Ihre Unerfahrenheit beschleunigte die Eskalation der Gewalt.
Denn die Offiziersschüler wußten sich gegen die Randalierer, die Steine und Flaschen warfen, nicht mehr zu helfen und zogen blank. Mit ihren Makarow-Dienstpistolen, Kaliber .9, versuchten sie die Jugendlichen auf wenige Meter Abstand in Schach zu halten.
Offiziersanwärter Dan Fechner, 26, gab später zu Protokoll, er habe sich bedroht gefühlt und zur Warnung in die Luft geschossen. Weil er weiterhin "massiv angegriffen" worden sei und um sein "Leben bangte", sagte Fechner aus, "schoß ich einem bewaffneten Angreifer gezielt ins Bein".
Die Kugel durchschlug den Oberschenkel des Schienenfahrzeugmonteurs Volker Mehnert, 24. Mehnert will von einem Warnschuß nichts gehört haben. Waffen habe er auch nicht bei sich geführt, sagt er, "kein Messer, keine Pistole, auch keine Flasche, gar nix". Er habe lediglich gestikuliert und den Vopo "angeblökt".
In dem Moment traf ihn der Schuß, Mehnert brach zusammen. Seine Mitstreiter fielen über den Schützen Fechner her und schlugen ihn krankenhausreif.
Der Waffengebrauch des jungen Kollegen, wehrt Einsatzleiter Fischer Vorwürfe ab, sei "in dieser Notlage doch wohl gerechtfertigt gewesen".
Oder auch nicht. Die Ost-Polizisten können da von ihren Kollegen im Westen noch eine Menge lernen. Zwei Polizeibeamte aus Stuttgart, die bei der Randale dabei waren, beeindruckten die Vopos durch ihre Gelassenheit.
"An so was wie heute abend", so der Rat der Stuttgarter, "müßt ihr euch eben gewöhnen." o

DER SPIEGEL 37/1990
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