03.12.1990

SchweizVöchelig schad

Im konservativen Appenzell Innerrhoden fiel die letzte Bastion der Männerherrschaft.
Daß es in Appenzell, einem der malerischsten Orte der Ostschweiz, nun Schlägereien und Chaos gibt, möchte Landammann Beat Graf, Regierungschef des kleinen erzkatholischen Halbkantons Appenzell Innerrhoden, nicht annehmen.
Daß die meisten seiner männlichen Landsleute aber bestimmt nicht in Freude ausbrechen, weiß er. Denn im Käse-Kanton hat nun das letzte reine Männer-Regime abzudanken. Einstimmig entschied das Bundesgericht in Lausanne am letzten Dienstag: Ab sofort haben die Frauen in Appenzell Innerrhoden, einem Halbkanton mit 13 500 Seelen, in kantonalen Angelegenheiten das Stimm- und Wahlrecht.
Der klare Spruch bereitete einem politischen Trauerspiel ein Ende, das sich seit 1981, als der Schweizer Souverän die Gleichberechtigung von Mann und Frau zum Verfassungsgrundsatz erhob, mühsam dahinschleppte. Starrsinnig und trotzig, wie sie sich gern selbst sehen, stimmten die Innerrhödler seit 1973 auf ihrer Landsgemeinde, der Vollversammlung aller Männer, dreimal gegen die Mitwirkung der Frauen an der kantonalen Politik. Gegen die Teilnahme _(* Auf dem Weg zur Landsgemeinde. ) an eidgenössischen Wahlen und Abstimmungen konnten sie nichts unternehmen: die gilt seit 1971 landesweit.
Um unter sich zu bleiben, war den Appenzeller Männern kein Argument zu simpel. Mal hieß es, auch am Landsgemeinde-Tag müßten zu Hause Vieh und Kinder versorgt werden - von der Frau. Mal wandten sie ein, der "Ring", der Marktplatz in Appenzell, sei zu klein, um auch noch Frauen aufzunehmen. Und was sollte wohl mit dem Degen geschehen, mit dem sich die Herren bei der Landsgemeinde gürten, wenn die Weiber mittun dürften? Sollte man ihnen Damenmodelle machen lassen?
Hinweise auf die Erfolge der emanzipierten Frauen in den anderen Landsgemeinde-Kantonen - Ob- und Nidwalden, Glarus und neuerdings auch im protestantischen Appenzell Außerrhoden - beeindruckten die Mehrheit der Innerrhoder nicht.
Das sture Festhalten an ihrem Männer-Ritual bestärkte die übrigen Schweizer in der Ansicht, daß die Appenzeller aus Innerrhoden tatsächlich jene Hinterwäldler und Witzfiguren seien, die man immer schon in ihnen sah.
Meist klein und hager von Gestalt, mit großem Kopf und verschmitzten Augen, sind sie seit jeher dankbare Opfer eidgenössischen Spotts. Seinen Ursprung, geht eine Legende, habe dieser Menchenschlag in der Völkerwanderung, als sich ein Hunnen-Trupp ins Ostschweizer Alpenvorland verirrte. Andere vermuten in den Appenzellern die direkten Nachfahren von Höhlenbewohnern aus der Steinzeit, deren Spuren am Nordhang des Säntis-Massivs zu den ältesten Zeugnissen menschlicher Siedlung in der Schweiz gehören.
Daß sie konservativ bis in die Knochen, "für alles Alte steif", seien, steht schon in Reiseberichten des 18. Jahrhunderts. Damals kritisierten auch die wenigen Gebildeten unter ihnen, daß "Neuerungen ins gemein bey ihnen verhaßt" seien.
Diesmal mußte sogar das oberste Gericht des Landes nachhelfen und die störrischen Landleute ins 20. Jahrhundert stoßen. Dreieinhalb Stunden lang diskutierten die Juristen des Bundesgerichts in Lausanne den Kasus, der ihnen durch die Beschwerden von 102 Bürgerinnen und Bürgern vorgelegt worden war.
Um einem richterlichen Diktat zuvorzukommen, hatte das Kantonsparlament tags zuvor noch einstimmig beschlossen, der Landsgemeinde am nächsten 28. April wiederum die Einführung des Frauenstimmrechts vorzuschlagen. Doch die obersten Richter mochten nicht länger warten. Sie stellten fest, daß die Appenzeller fast zehn Jahre Zeit gehabt hätten, ihre Ordnung dem Gleichheitsgebot der Bundesverfassung anzupassen. Nun sei die Gnadenfrist vorbei.
"Vöchelig schad" (fürchterlich schade) sei das Lausanner Diktat, erregte sich eine emanzipationsunwillige Appenzellerin nach dem Urteilsspruch. Und Hans Speck, 76, aus Meistersrüte, einer der eifrigsten Frauenstimmrechts-Gegner, mochte das Verdikt überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen: "Das dürfen die doch gar nicht", polterte er.
Landamman Beat Graf befürchtet, daß sich Gegner des Frauenstimmrechts nun mit jenen Gruppen zu einer unheiligen Allianz verbünden könnten, die das geheime und deshalb demokratische Abstimmungsverfahren an der Urne der oft leicht beeinflußbaren Landsgemeinde vorziehen würden.
Tatsächlich wollen nicht wenige der nun unterlegenen trotzigen Appenzeller "den Bettel hinschmeißen". Landwirt Hans Koller, 35, etwa schimpfte: "So nützt die Landsgemeinde nichts mehr. Das ist nur noch Theater."
Wenn viele Männer so denken, müßten die freudig überraschten Bürgerinnen die Landsgemeinde nun retten, und das sollte ihnen, mit oder ohne Säbel, nicht schwerfallen.
Denn nun könnten sie die Männer locker überstimmen: Zur Zeit sind in Innerrhoden 4560 Männer und 4625 Frauen wahlberechtigt. o
* Auf dem Weg zur Landsgemeinde.

DER SPIEGEL 49/1990
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